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wenn aus filmen leidenschaft wird

Alfons Zitterbacke – Das Chaos ist zurück

Alfons Zitterbacke

© 2019 X Verleih

Alfons Zitterbacke kennen wohl viele DDRler noch aus Kinderzeiten. Einst von Gerhard Holtz-Baumert erfunden, erfreute er seit 1956 die heranwachsenden Generationen mit seinen Lausbubenstreichen in Buch- und später auch Filmform und repräsentiert damit die Kultur der “Generation Ost”. Ein Thema, das durch sehr subjektive und lückenhafte Wahrnehmung heute vielerorts als “Kult” gefeiert wird, von dem viele Fans gar keine Ahnung haben, wie es wirklich war.

Natürlich wird erzählt, wie schön man damals gemeinsam zusammengesessen hat, wie Familie und Werte gelebt wurden, wie niedrig die Arbeitslosenquote war und dass die Kinder romantisch verträumt gemeinsam auf Bäume geklettert sind und gespielt haben, aber kurioserweise grenzt man all die tödlichen Fakten dabei immer aus, die ebenfalls zu diesem Regime und dieser Zeit gehörten und zu denen Florian Henckel von Donnersmarck sich hervorragend in Das Leben der Anderen geäußert hat.

Doch all dies soll die in der Ost-Kultur ertrunkenen Nostalgiker nicht weiter beschäftigen, denn hier wird diese Tradition hoch gehoben und erneut auf die Leinwand gebracht: Und der Osten feiert es.

Ich war als Gast zugegen, als der Film im CinemaxX Halle seine Premiere feierte und alles, was Rang und Namen hat, auflief – inkl. einem Ministerpräsident, dem auch im Saal das Wort gegeben wurde und der sich dabei höchst peinlich blamierte. Gerade von Regierungsbeamten erwartet man eigentlich, dass der Wille zur Vereinigung und der Schub in Richtung “Einheit” gesprochen wird und keine Aussagen à lá “Die da drüben denken nämlich immer, das waren sie, dabei waren wir das!” vor tausenden von Menschen ausgesprochen werden – der pure Hass, bei dem eigentlich nur noch die physische Mauer fehlt, um das geteilte Deutschland wieder in Vollendung vor sich zu haben. Sorry, aber sowas ist komplett daneben und einfach die vollkommen falsche Botschaft – und ein lebhaftes Zeugnis davon, dass die Mauer in den Köpfen vieler Menschen eben immer noch existiert und keinesfalls vollständig abgeschafft wurde.

Damit verratet ihr übrigens euer Land und großartige historische Errungenschaften – das aber nur am Rande. Sowas geht gar nicht! T’schuldigung.

Doch mal zurück zum Film: Zitterbacke wurde mit Tilman Döbler konsequenterweise neu besetzt, der erneut den kleinen Lebemann spielt, der sich durch nichts und niemand unterkriegen lässt. Dabei werden ihm prominente Menschen aus allen Erdteilen und sogar dem All an die Seite gestellt, was das Unterfangen grad für die jüngere Riege im Kino echt sehenswert macht: Die Inszenierung wirkt nämlich alles andere als billig und gedreht wurde tatsächlich mit dem echten, wahren und sich wirklich ohne Green-Screen im All befindlichen Alexander Gerst von der Raumstation ISS.

Eine logistische und terminliche Meisterleistung, die tatsächlich gewürdigt werden darf und der ich großen Respekt abzolle, denn die Jungs haben da oben sicherlich besseres zu tun als Spielfilme zu drehen. Umso cooler, dass man den Kids nun so etwas vorsetzt und hier eine eigentlich echt tolle Story erzählt, die sich tatsächlich mit familiären Werten schmückt und anständige Moral in sich trägt.

Mir persönlich gefällt nur der zu sehr auf Ost-Mentalität ausgerichtete Wertefokus nicht so sehr, der zwar sehr herkunftsgetreu ist, aber in einer global agieren-müssenden Welt eher fehl am Platze ist und für Disharmonie sorgt, statt für gutes Beisammensein. Und damit sind die Dinge allenfalls fragwürdig, die hier gepredigt werden … und wie das dann von Erwachsenen aufgenommen und weitergegeben wird, sieht man an dem unglaublich traurigen Bild dieses Ministers.

.kinoticket-Empfehlung: Alte Ost-Tradition und Kultfigur aus der Kindheit vieler DDRler zurück ins Leben gerufen um mit neuen Abenteuern die Leinwand zu beleben.

Die Frage ist, was genau das bringt, wenn man wieder beginnt, sich so hermetisch abzuschotten und gegen den Rest der Welt kämpft, während überall die Grenzen aufgehen und wir damit beginnen sollten, gemeinschaftliche Werte zu erarbeiten, in denen eine zukünftige Gesellschaft leben kann.

Für Nostalgiker perfekt, als Lehrbuch für die Zukunft eher weniger zu gebrauchen.

Nachspann
✅ Bitte nicht rausgehen, hier folgt noch ein ziemlich cooles Musikvideo und ein saftiger Abspann.

Kinostart: 11. April 2019

Original Title: Alfons Zitterbacke – Das Chaos ist zurück
Length: 90 Min.
Rated: FSK 0

Und abschließend noch ein paar Eindrücke von der Premiere des Films im CinemaxX Halle vom 6. April 2019.

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1 Comment

  1. Ich hatte nur den zweiten Teil der Buchreihe. Und ich hab es sooo geliebt. Was habe ich Tränen gelacht beim Lesen.
    Ich fürchte nun, mir das im Film anzuschauen. Vielleicht geht dadurch meine Nostalgie kaputt bei den unzählig lustig-komisch-dummen Erlebnissen, die ich mir damals beim Lesen bildlich vorgestellt habe.

    Ähnlich wie bei „Der Graf von Monte Christo“, vier Storys. Danach habe ich das Buch gelesen. Besonders das Ende war enttäuschend anders als im Film.

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