Der Fall Collini

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Es soll der Film sein, der Elyas M’Barek aus seiner schauspielerischen Nische reißt und für ihn die große Kehrtwende bedeutet, doch der Film macht in meinen Augen einige Dinge grundlegend falsch.

Punkt 1: Heiner Lauterbach. Versteht mich nicht falsch: Dieser Kerl ist DER Hauptgrund überhaupt, um in den Film zu gehen. Angesichts der “Ich befreie mich von meinem Image”-Aktion, die M’Barek aber starten möchte, ist es ziemlich … naja … ungelegen, dass ein so großartiger und grandios exzellent spielender Heiner Lauterbach an seiner Seite spielt – und einfach alles und jeden im Film an die Wand zimmert!

Leute: Egal, was ich über diesen Streifen sage: Geht in den Film – nur Heiner Lauterbachs wegen! Im Ernst: Solch eine hohe Kunst der Darstellung habt ihr von noch keinem deutschen Schauspieler je gesehen!

Punkt 2: Der Film kommt vieeeeel zu spät auf den Punkt, was überhaupt Sache ist und worum es eigentlich geht – und zieht sich damit zu Beginn einfach unglaublich in die Länge. Man wird hingehalten, die Dialoge sind fad, es ist alles viel zu langsam und zähfließend und kommt nicht voran. Die Spannung wird erst in den letzten 20 Minuten aufgebaut, in denen der Film dann tatsächlich komplett großartig wird – aber bis dahin vergeht viel zu viel Zeit und man verspielt viel zu viel Sympathie des Publikums.

Punkt 3: Das Setting, die Kamera, die “Boxed Pictures”, die uns hier präsentiert werden, lassen mich das Ding eher als ARD-Themenabend erleben als als wirklich Kinofilm wahrnehmen: Hier fehlen viel zu viele 16:9-Shots, die einen tatsächlich glauben lassen, man wäre im Kino und die Blickfläche oder Totale dementsprechend erweitern, als dass man aus dem TV-Kasten heraus- und wahrhaftig die Bühne der Big Screens betritt: All dies findet nicht statt und man bewegt sich damit zu wenig weg vom Fernsehgut und zu wenig in Richtung Kino. Auch hier: Potenzial unglaublich verschenkt.

Punkt 4: Sidecasts und Nebenrollen wurden meiner Meinung nach “schlecht vergeben”: Es hat den Anschein, als lebe man in seiner eigenen kleinen Blase von Welt, aus der man nicht heraus möchte und in der alles gefälligst so zu sein hat, wie wir es aus den öffentlich-rechtlichen Krimis kennen: Auch hier ist mir zu wenig Weitblick für ein breiteres Publikum im Kino und zu sehr fixierte TV-Affirmationen gemacht worden, als dass ich das Werk in seiner Gänze lobpreisen würde.

Aber es gibt auch Punkte, die den Film absolut sehenswert machen:

Heiner Lauterbach!

Serious, ich mein das todernst: Geht da rein und lasst euch das nicht entgehen! Der Hammer!

Das Thema an sich – sofern es denn endlich zum Tragen kommt, gehört angesprochen, gehört diskutiert und reißt eine Schneise von Diskussionsbedarf und Aufarbeitung in die Luft, wo hier tatsächlich Kino wieder als richtiger “Ansprechpartner” genutzt wurde. Die sich aus dem Kontext ergebende Moral des Films ist absolut zu würdigen und bedarf noch mehr solcher Kinofilme, um vielleicht sogar echte Fälle auszugraben und zu verfilmen, damit darüber endlich gesprochen wird.

Was hier aufgedeckt wird, ist tatsächlich skandalös und eben keine “reine Fiktion”, sondern basiert auf unzähligen Fällen, die vor Ungerechtigkeit seit Jahren zum Himmel schreien.

Und neben all dem geht M’Barek halt irgendwie sang- und klanglos unter, obwohl er eigentlich keinen schlechten Job abliefert und am Ende sogar gut in der Kamera aussieht und man vergisst, wer er jemals war: Das Ding hapert an zu großen Spannweiten zwischen der Exzellenz von Lauterbach und dem kompletten Rest und einem zu schlecht geschriebenen Dialoge-Drehbuch, dass sich der Story allgemein einfach zu stümperhaft und damit viel zu spät annimmt, um hier wirklich eine weitreichende Tragweite auszubauen, die dem Zuschauer auch danach noch jahrelang im Hirn haften bleibt.

.kinoticket-Empfehlung: Heiner Lauterbach ist großartig und liefert alle Gründe, in diesen Film zu gehen.

Der Rest scheitert ein wenig vor sich hin, man kommt zu spät auf den Punkt, M’Bareks große Wende geht vor vielen kleinen Misserfolgen des Films ein wenig unter und die magnetische Anziehungskraft des Fernsehens hat noch eine zu große Wirkung, als dass man hier wirklich von einem großartigen Kinofilm sprechen kann – auch wenn das Thema löblich gewählt und am Schluss auch hervorragend ausgearbeitet und umgesetzt wird.

Dies hätte man aber schon viel eher beginnen müssen, was trotzdem kein Grund ist, nicht in diesen Film zu gehen – denn (say it with me): Heiner Lauterbach!

Nachspann
❌ muss nicht abgewartet werden, nach den Abspann-Sätzen folgt nichts weiter.

Kinostart: 18. April 2019

Original Title: Der Fall Collini
Length: 118 Min.
Rated: FSK 12

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