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Fatih Akin hat zuletzt mit Aus dem Nichts für Aufsehen gesorgt und gilt seither als Stern am Himmel deutscher Regisseure, über den sich auch international begeistert geäußert wird. Vielleicht ist es bei einem Thema wie diesem auch notwendig, die gute Reputation eines solch herausragenden Regisseurs als „Vorwand“ zu nehmen, um nicht gleich angewidert den Kopf zur Seite zu drehen und sich zu fragen: Was sollte das denn?

Fakt ist, dass Der Goldene Handschuh schon jetzt kontrovers diskutiert wird und Fakt ist, dass mit dem Material definitiv keine bundesweite Einstimmigkeit in Sachen „toller Film“ einhergehen wird, denn was uns hier vorgesetzt wird, kann und darf nichts anderes als eine saftige und hart kontrollierte „FSK-18“-Auszeichnung mit sich rumtragen.

Der Film ist eine Herausforderung. Ein starkes Stück Arbeit für den Zuschauer, sich wirklich im Saal im Kinosessel sitzen zu lassen und nicht aufzuspringen und rauszurennen. Dabei entsteht Kopfkino und teils werden Dinge gezeigt, die so weit wie nur irgend möglich von Menschenwürde entfernt sind, dass dafür schon kaum noch Ausdrücke existieren.

Mir hat der Film gefallen.

Und ich habe mit Interesse die Meinungen anderer zu diesem Film aufgesogen und werde mich auch gerne in Zukunft mit Kritikern, Verächtern oder gar Liebhabern auseinandersetzen und ihre Stimmen anhören und versuchen, zu verstehen.

Punkt 1: Der Film hat in meinen Augen keine Geschichte. Keine Story-Line, sondern er ist ein Bild. Ein Adjektiv. Man möchte jemanden zeigen und eröffnet so einen grandiosen Milieu-Einblick in abartige Dinge, die zum einen wahr sind (und Wahrheit tut dem Zuschauer oft am meisten weh) und zum anderen nicht vom Regisseur oder den Filmemachern ausgedacht sind, sondern nur wiedergegeben werden.

Und da man nichts „erzählen“, sondern eher „zeigen“ will, stößt man hier schon mal an eine Grenze, die der Entertainment-verwöhnte Zuschauer erstmal durchbrechen muss, um überhaupt damit klar zu kommen. Sich mit einer Thematik und dem „Sein“ überhaupt auseinanderzusetzen, ist für viele schonmal schwierig. Dazu kommt, dass sich viele – früher nicht und heute erst Recht nicht – gar nicht erst damit beschäftigen wollen, sich überhaupt in eine Person hineinversetzen zu können, sondern bei mörderischen Absichten gleich einen Stempel zur Hand nehmen und die Sache vorzeitig abhaken.

Und genau das macht der Film eben anders: Er widmet sich der Sachlage und nimmt sie auseinander. Zerpflückt sie in seine Einzelteile und rührt daraus ein unglaublich konfuses und unfassbar unerträgliches Bild eines Menschen zusammen, der eben nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht, sondern er gibt ein Bild wieder. Nimmt sich der Umstände an. Der Umstände – nicht der „Suche nach einer Ausflucht, um irgendwas zu entschuldigen.“ Im Gegenteil: Hier ist man so dermaßen hart und unnachgiebig, dass es keinerlei Diskussion darüber gibt, ob das falsch oder richtig ist, man aber gleichzeitig den Menschen nicht verdammt, sondern als Zuschauer fast schon Mitleid mit ihm hat.

Generell zeichnet Der Goldene Handschuh eine bittere, traurige und – ich wiederhole mich – wahre Szenerie von Menschen nach, die es so tatsächlich gegeben hat, das muss man sich dabei immer wieder ins Gewissen rufen. Und da schrillen bei mir Fragen über Fragen nach oben: Was treibt einen Menschen dahin, so zu werden? Was muss jemand durchstehen? In was für tiefe Löcher muss man sinken, um so zu werden? Was muss einem begegnen, dass man es fertig bringt, so zu handeln?

Und im Gegenteil: Was müsste eine Gesellschaft anders machen, damit so etwas nicht passiert? Welcher Gefühle und Handlungen müsste man sich bedienen, um so etwas zu verhindern? Wie einfach wäre es, solche Gräueltaten nicht geschehen zu lassen, wenn man nur hier und da an den richtigen Strippen zieht?

Das gibt Nachdenkstoff. Und ihr wisst: Ich liebe es. Ich liebe Nachdenken. Ich liebe analysieren. Sich damit auseinandersetzen. Und dazu hat man ob der Grausamkeiten im Film kaum Zeit – aber danach beschäftigt man sich noch sehr sehr lange mit der Thematik und das geht einem nicht so schnell aus dem Kopf.

Hier hat Fatih Akin in meinen Augen eben sehr großartige Arbeit geleistet, weil er es schafft, etwas so anzupacken, dass es den boshaften Händen der Medien und den Vorurteilskrallen der Gesellschaft widersteht und eben doch als Diskussionsobjekt im Raum stehen bleibt und man sich vernünftig damit auseinandersetzt und nicht vorschnell urteilt und fertig.

Dass er provozieren kann, weiß der gemeine Kinogänger spätestens nach Aus dem Nichts und dass ihn mächtige Stoffe reizen, genauso. Also darf man sich nicht wundern, wenn das „blaue Siegel“ auf einmal rot wird. Das muss man wissen und sich damit auseinandersetzen. Welche Filme haben es heute denn bitte schon ins Kino geschafft, die FSK-18 waren? Genau.

Ebenso kann man sich mit Grundsatzfragen auseinandersetzen: Darf eine Gesellschaft sich von so etwas im Kino „berieseln“ lassen? Muss man darüber jetzt auch noch Filme drehen? Wer braucht so etwas? Muss das echt wieder aufgewärmt und gezeigt werden? Was hat man davon, wenn man hierfür auch noch Geld ausgibt?

Und die Antworten von euch auf diese Fragen interessieren mich brennend. Dazu müsst ihr den Film halt „leider“ sehen. Aber bitte ohne Kinder. Und ohne Freundin, wenn die kein Horrorliebhaber ist und ohne Magen in den Saal geht.

Und euren lasst ihr besser auch lieber leer … und vor der Tür. Dann habt ihr Chancen.

.kinoticket-Empfehlung: Kontrovers, krass, provokativ, ehrlich, adjektivös: Der Goldene Handschuh provoziert mit der Wahrheit und setzt sich mit Fragen auseinander, die eine Gesellschaft sich nicht stellen will – und das ist gut so.

Fatih Akin stellt eine Milieu-Studie aufs Tableau und verlangt den Zuschauern extreme Härte ab, liefert dabei aber Einblicke und einen – in meinen Augen – super guten Film ab, den man sich aber mit leerem Magen und Kotztüte in der Hand ansehen sollte.

Nachspann
✅ Ich hab auch überlegt: Ja, es ist eine „wahre Geschichte“ und hier sind die Bilder davon…

Kinostart: 21. Februar 2019

Original Title: Der Goldene Handschuh
Length: 110 Min.
Rated: FSK 18

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