Christopher Nolan ist wieder am Start – und wie es aussieht, verkennt unsere Generation dieses Genie.
“Spoiler: Der ist scheiße.”
“Naja, ich fand ihn nicht so.”

und ähnliches kam mir zu Ohren, bevor ich ihn überhaupt selbst gesehen habe. Nun, was erwartet euch wirklich? Oder besser gesagt: Was habe ich für Erwartungen an den Film gehabt?
Nolan braucht keine Actionballaden, immerhin ist er Nolan und nicht Bay. Aus welchen Gründen auch immer, erwartet jeder aber genau das von ihm. Wieso? Weil der .trailer das bereits signalisierte?
Für mich eher nicht. Sieht man genau hin, hört auf die Musik, sieht die Bilder und erinnert sich an das, was er bei Interstellar abgeliefert hat, war mehr als deutlich, wohin die Reise führen würde.
Und sie tut es. Nolan begreift sich selbst als Unikat, als unverwechselbarer Geschichtenerzähler, der seinen ganz eigenen Stil, seine eigenen Farben, seine eigenen Kamerafahrten und ganz persönliche Note in seine Filme integriert. Wem das bisher nicht aufgefallen ist: Schaut euch doch mal ein paar seiner Filme im Split-Screen an und achtet auf ein paar dieser Faktoren.
Und Dunkirk passt genau in dieses Schema rein: Er ist ein Genie und Genies muss man selbst nicht verstehen. Das ändert nichts daran, dass dieser Mann großartig ist und hervorragende Kinofilme herstellt, auch wenn die breite Masse sie vielleicht nicht begreift oder mit seinen Aussagen nicht klar kommt.
Allein schon die alleinstellungsmerkmalbehaftete Stimmung, die man gleich zu Beginn an konsequent durch den ganzen Film zieht, bietet dem Zuschauer so viel mehr Raum für das, was er zu sagen hat. Hier wird einem nicht mehr Wort für Wort vorgekaut, was die Aussage des Films ist, sondern man bekommt zu jeder Szene genügend Luft, Ruhe, Eindrücke, um sich selbst auszumalen, was er damit sagen will. Und die Tiefe, mit der er dabei in ein Thema vorrückt, dass wir in der westlichen Welt heute alle nicht mehr live kennen, ist beeindruckend.
Gestern haben ich einen Film gesehen, in dem gesagt wurde, dass die Fantasien durch Worte beschränkt werden und man seine Möglichkeiten beschneidet, indem man Dinge in Worte fasst. Nolan tut dies in seinem aktuellen Werk erstaunlicherweise nicht, sondern erzählt durch Bilder, durch Momente, durch Eindrücke und nimmt einen mit auf eine mehrdimensionale Reise in einen Raum, der vor Bedrückung und niedergeschlagener Stimmung nur so strotzt.
Menschliches Ehrgefühl? Ein Epos sondergleichen? Eine von Moral durchklüftete Eindruck schindende Heldenstory mit phänomenalem Ausgang? Fehlanzeige. Ich glaube kaum, dass das eine seiner Absichten gewesen ist – im Gegenteil: Er wollte genau das aussagen, was er mit diesem Film in Bild, Farbgebung und Sound auch tut: Etwas Unbegreifbares greifbar machen und den Menschen in Portionen in den Kopf schütten, die sie verdauen können – Stück für Stück.
Und dafür muss man sich als ungebildeter Zuschauer ein Stück weit auf ihn einlassen und akzeptieren, dass er einfach kann, was er macht. Geht auf diese Reise. Freundet euch mit seinen Bildern an. Die Welt ist noch nicht so weit, dass sie von allein begreift, welche Aussagekraft in diesen Momenten steckt. In spätestens 10 Jahren werden die Menschen dann sagen: “Verdammt, wäre ich damals mal nur ins Kino gegangen und hätte ihn mir da angesehen. Die Chance ist jetzt vorbei.”
Lasst es nicht dazu kommen. Geht rein. Lasst es auf euch wirken. Ich war gestern schwer beeindruckt. Und ich bezweifle stark, dass die große Masse dieses Gefühl zu Hause auf den Minifernsehern nachstellen kann, die derzeit noch überall rumstehen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht noch ein Soldatenfilm, nicht noch etwas, was es schon tausendmal gibt.
Nolan schickt euch auf eine Reise, die weitaus vielschichtiger und großräumiger ist, als bisher angenommen. Seine Genialität versteckt sich zeitweise hinter dem Minimalismus, der seinen Filmen angediehen ist und dem Zuschauer Luft gibt, selbst darüber nachzudenken und die Botschaft im eigenen Kopf zu entwickeln.
Er gibt die Verantwortung an den Zuschauer weiter und betet ihm nichts mehr vor. Zeit genug bleibt einem dafür, weil man mit Impressionen nicht überladen, sondern gemächlich zugeflutet wird, während sich die Kernaussage immer weiter manifestiert und in einem historischen Ereignis gipfelt.

 
Nachspann
Der bislang unerwähnte Soundtrack von Hans Zimmer ist es wert, beim Abspann sitzen zu bleiben. Überhaupt hat der Film einen akustischen Mantel, der zu unangefochtener Größe aufsteigt und aus diesem Werk zusätzlich etwas ganz besonderes macht.
Kinostart: 27. Juli 2017

0 votes