Es ist unbestritten eines der besten Bücher des Jahres. Und dazu umso verwunderlicher, dass sich ein Land wie unseres mit einer Geschichte wie unserer so unverblümt und -verschämt an das Thema traut und damit so viel Schabernack treibt, wie es Constantin Film mit Er ist wieder da auf der Leinwand tut.
Erntet man zu Beginn noch einen gelungen-makaberen Witz nach dem anderen, bildet sich – frei nach Christoph Maria Herbst – im späteren Verlauf ein Kloß im Hals, der immer dicker wird und an dem man am Ende zu ersticken droht.
Der Humor und die Perversion, mit der man hier geschichtliche Aufarbeitung versucht, sind derart gewagt und grenzüberschreitend, dass einem im Saal zeitweise Angst und Bange wird. Denn genau diese Beobachtungen kann man erschreckenderweise in unserer Gesellschaft haargenau gleich feststellen, so dass die Hüllen zwischen “Fiktion auf der Leinwand” und “harter Realität” auf einmal zerbersten und man vor dem unerschütterlichen Fakt steht, dass alles gar nicht so weit hergeholt ist – ohne dabei dokumentarisch zu wirken. Der Schrecken verlässt im Verlauf des Films die Leinwand und schwappt in die real-existierende Gesellschaft über. Der Zuschauer bekommt mit, dass die Distanz zwischen Leinwand und Wirklichkeit in diesem Fall nicht existiert, da es sich um reales Gedankengut handelt, das gefährlich in verschiedenen Tiefen der Köpfe lauert und hier und da auszubrechen versucht.
Und hier sehe ich auch eine der unbestreitbaren Stärken des Films: Beide Seiten so offen und unkommentiert und dennoch ethisch-richtungsweisend dastehen zu lassen, ohne sich als Moralapostel aufzuplustern und die eine oder andere Seite zu verdammen.
Meiner Meinung nach deckt der Film ein hässliches Gesicht unserer Gesellschaft auf, das hinter vielen Fassaden und neuartig formulierten Floskeln noch im Stillen lauert und am Ende mehr als offensichtlich angesprochen wird. Jedoch bezweifel ich stark, dass diese Message bei den Menschen oder gar den Jugendlichen ankommt, zumal in meinem Fall fast nur Leute im Kino saßen, die den “Hauptdarsteller” noch in natura hätten erleben können. Und genau das macht mir Angst.
Der Hype, den man “feiert”, ist nach dem Film in den Nachrichten genauso weiterzuverfolgen – aus der Geschichte gelernt hat keiner. So zumindest macht es den Anschein.
Als ich den Film vor knapp einem halben Jahr als Testscreening im Kino gesehen habe, musste ich schon ziemlich schwer schlucken und der Kloß im Hals ist beim erneuten Final-Cut-Sichten nicht unbedingt schlanker, sondern eher noch erstickender geworden.
“Damals haben sie anfangs auch alle gelacht.” – solche Aussagen wollen aufzeigen, wie gefährlich nahe wir uns an einer Wiederholung der Geschichte befinden, angesichts der aktuell-politischen Geschehnisse, die so manchem Bürger Deutschlands das Blut in Wallung bringen und niederträchtige Werte wieder aufleben lassen.
Wenn es je eine Kritik an diesem verwerflichen System & Denken gegeben hat, dann ist es dieser Film, der einen selbst durch die galant-geführte, systematische Verblendung lotst, die hinterher Dinge zur Bejahung bringt, die bei näherem Nachdenken feststellen lassen, dass sich das Horrormonster nicht auf der Bildfläche, sondern in so manchem Kopf befindet, den man auf der Leinwand interviewt. Und diese Leute sind nicht etwa Schauspieler oder Komparsen, sondern echte Politiker, die von uns in die Regierung gewählt werden wollen – und zum Teil sogar werden.
Wenn dieser Film nicht aufrüttelt, dann weiß ich auch nicht, was es sonst noch schaffen will. Gerade das Ende – die letzten Sätze – sollte man sich in jedem Unterricht, in jedem Haushalt wieder und wieder anschauen, analysieren und herausfinden, warum das so ist und was man tun kann, um die Wiederholung solch einer furchtbaren Zeit zu verhindern.
Blieb bei dem nicht untertitelten Testscreening bei einem geschichtsverdrossenen Zuschauer noch ein wenig die Hoffnung, es handle sich hier um Fiktion und angeheuerte Sprecher, die das Drehbuch aufsagen, räumt die jetzige Bezeichnung und der zusätzlich eingefügte Bezug zur aktuellen Missstimmung in Deutschland auch die letzten Zweifel aus, dass diese Menschen und dieses Denken tatsächlich existiert.
Noch nie war ein Film so aktuell wie jener, noch nie war ein Thema so anschaulich, verdaulich und erschreckend realistisch ausgearbeitet, wie dieses. Noch nie gab es so viel werterelevante Gründe, seinen Arsch ins Kino zu bewegen und sich von Er ist wieder da belehren zu lassen.
Möchte ich in einer Welt leben, die das wiederholt? Ganz klar: Nein!
 

.kinoticket-Empfehlung: Und aus genau diesem Grund sollte jeder mit offenen Augen in den Saal gehen und sich anschauen, was passiert, wenn die Meinungen und unreflektierten Ansichten weiter so unverschämt publiziert werden, ohne dabei auch nur ansatzweise sein Hirn zu benutzen und mal darüber nachzudenken, was man da eigentlich für eine Scheiße von sich gibt.
Das Gefährliche ist nicht die Propaganda selbst, die hässlichen Parteinamen oder die oberflächlichen Floskeln, die jeder sofort vehement ablehnt, sondern sehr viel mehr das stille, unbemerkte Einschleichen, das durch verschiedene neue Parteien und unreflektierte Bemerkungen in den Köpfen der Menschen fruchtet.
Erst geht es um den Euro, dann geht es hier und da mal um ‘Dinge, die sich keiner traut, auszusprechen und die deshalb gesagt werden müssen’ und zack – hat man genau das, was eigentlich keiner will.
Lernen wir dieses Mal aus der Geschichte oder beweisen wir einmal mehr, wie dumm unser Volk in Wahrheit ist?
Dieser Film ist erneut ein großer Anstoß an jeden von uns, sein Hirn einzuschalten und Nachrichten nicht mehr mit Sensationsgier zu konsumieren, sondern analysierend zu reflektieren, was in unserem Land derzeit abgeht – und dagegen vorzugehen.

 
Nachspann
Der Schock sitzt tief in den Gliedern, die Endbilder des Films verstören und lassen somit keinen Platz für noch mehr Grauen.

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