Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, in der alles noch ganz anders war als heute?
Ein zu Hause ohne Internet, ein Spielplatz ohne WLAN, Einkaufen ohne Apps, Bezahlen ohne NFC, Kinofilme ohne etablierte, große Mainstreamer, die den Beat vorgeben und allen anderen diktieren, was zu tun ist?
Mittlerweile orientiert man sich schon fast unbewusst beim Kauf am von Amazon vorgegebenen Preis, googelt nach etwas, statt Suchmaschinen zu benutzen, weiß vielleicht nicht mal mehr, was Lycos oder AltaVista überhaupt war.
Genau der gleiche Wandel hat sich auch im Kino abgespielt. Viele Bereiche wurden schlichtweg von Film(reih)en übernommen und platzierten sich somit tief verwurzelt in den Gehirnen mit den dazu gehörigen Genres.
Autorennen zum Beispiel. Na, wer von euch denkt jetzt sofort an Tage des Donners mit Tom Cruise in der Hauptrolle aus dem Jahre 1990? Oder war’s vielleicht doch eher die Fast & Furious-Reihe, die euch als erstes in den Kopf geschossen ist?
Merkt ihr? Gewisse Sparten haben sich ganz einfach diverse Platzhirsche gekrallt und die lassen sich auch nicht mehr einfach mit ein paar Pinselstrichen vertreiben. Oder neuen Filmen. Oder tollen Ideen. Es ist also wahnsinnig schwierig, nun einen Online-Store zu eröffnen und eben mal mir nichts dir nichts mit Amazon zu konkurrieren und erfolgreich dabei zu sein.
Overdrive tut genau das: Neben einer immensen, unglaublich prestigeträchtigen und alles verschlingenden Autorenn-Reihe etabliert man eben einfach mal so einen Autorennfilm – und davor ziehe ich meinen Hut!
Ich selbst hätte das Genre längst auf- und an Fast & Furious abgegeben, aber Antonio Negret dachte da anders.
Gottseidank. Nicht, weil der Film so unglaublich gut geworden ist, sondern einfach nur für den Mumm, hier in die Presche zu springen und den Menschen etwas Neues vor Augen zu führen, dass in ein paar Jahren eventuell wirklich ernsthafte Konkurrenz darstellt, denn erst dann wird’s auf dem Autorennmarkt wieder richtig spannend.
Solange gibt es noch einige Mankos, an denen dieser Streifen meiner Meinung nach krankt – beginnend mit dem Ensemble der beiden Hauptdarsteller. Für mich viel zu wenig sprühende Leidenschaft zwischen ihnen, vielmehr ein kühles, abgekartetes Spiel, bei der man eher durch die eigene Rolle stolpert, als selbstbewusst und souverän durch die Welt zu tigern und dabei seine Coups durchzuziehen.
Ich hätte die beiden einfach anders besetzt und vielleicht sogar Newcomern die Chance gegeben, wenngleich das PR-technisch ein absolutes No-Go gewesen wäre, denn Scott Eastwood zieht als Frauenschwarm ja zumindest indirekt die Männer in die Kinos und sorgt mit ein wenig Star-Charme für Trubel auf dem Werbemarkt. Dennoch passt er nicht wirklich in die Rolle und sein Mitspieler noch viel weniger. Das nimmt viel Esprit aus der ganzen Sache raus und entzieht dem Film damit notwendige Power, die dringend benötigt wird, um sich hier richtig zu etablieren.
Auch an anderen Stellen hat man wenig Kreativität bei der Auswahl der Optionen bewiesen und orientiert sich eher an alten, funktionierenden Konzepten, statt hier wieder einmal dringend benötigte Neuschöpfungen in die marode Welt der alteingesessenen Drehbücher zu pumpen. Beides hätte die Wege geebnet, um jetzt schon ein ernsthafter Verfolger des Thronbesetzers zu werden.
 

.kinoticket-Empfehlung: Respekt und meine Hochachtung vor dem Plan, hier gegen einen ganz Großen anstinken zu wollen.
Dies gelingt mit etwas mehr Budget, Hingabe und Ausdauer sicherlich wirklich, denn Overdrive birgt unglaubliches Potenzial, um den Autofilm-Markt erneut richtig aufzumischen. Die richtigen Drehbuchschreiber (2 Fast 2 Furious) sind ja schon mal mit von der Partie.

 
Nachspann
kommt keiner, dafür aber hoffentlich weitere Filme, die dann aus alten Fehlern lernen und ein neues Imperium erschaffen. Ich sehne mich danach.
Kinostart: 29. Juni 2017

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