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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Colette

Colette

© 2018 DCM Film Distribution GmbH

Kaum ein Film lässt so tief blicken, wenn es darum geht, etwas zu vollbringen und dafür die gebührende Ehre und den Lohn zu bekommen: Dort, wo heute alle nur noch wild durcheinander gackern und sich aufregen wie die Waldschnepfen, gab es früher echte Probleme, die sehr wohl aufzeigen, woraus so mancher inzwischen abwegiger Kulturzweig entstanden ist.

Was es wirklich bedeutet, unter dem Schemel gehalten zu werden, welche Auswirkungen es hat, wenn eine Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert, welches Leid und welche Qualen die stillen Helden unserer Welt im Kämmerlein ertragen müssen, darüber berichtet uns Colette – ein Film, der im Kern seiner Aussage vollkommen auf wahren Ereignissen und Menschen basiert und dessen Erstellung gar von den Erbinnen dieser Frau höchstpersönlich abgesegnet und unterstützt wurde.

Dabei ist es nicht nur Keira Knightleys höchst bewundernswerter Performance zu verdanken, dass dieser Titel als “oscarwürdig” ausgepriesen wird, sondern der Geschichte selbst, die danach schreit, an die Öffentlichkeit zu gelangen und von einer Frau vorgelebt wurde, die es zu Lebzeiten bereits zu Ansehen gebracht hat: Wer hier zuschaut, der weiß, was es bedeutet, Gleichberechtigung zu leben und welche Opfer manche dafür erbringen mussten und zum Teil bis heute müssen.

Und wer schon ein wenig länger mitliest, weiß, was ich von all den leidigen Diskussionen über teils völlig abstruse Forderungen halte und für wie entgleist ich diese Thematik im deutschen Fernsehen inzwischen finde … und wenn ich mich als “Online-Autor” mit solchen Dingen auseinandersetzen muss, dann kommt mir oftmals nur die Galle hoch: Worum geht es wirklich? Ist es tatsächlich ein “-in”, dass jemanden psychisch so dermaßen zermürbt, dass er und seine Familie den heiligen Weg ins Todesgrab antreten müssen oder stecken tatsächlich andere Dinge dahinter und das moderne Geheule ist tatsächlich nichts weiter als ein aufmüpfiges Schreien um des Schreiens willen?

Bevor ihr jetzt (lustig, wie auf einmal das Blut in Wallung kommt, wenn jemand ein wenig provokativ darüber textet, oder?) auf mich losgeht wie die Rohrspatzen, haltet inne und hört kurz zu: Geht auf die Straße, setzt euch in eurer Auto oder den Bus oder aufs Rad oder in die U-Bahn und tretet den kürzesten Weg zum nächsten Lichtspielhaus an und beseht euch Colette. Denn dieser Film drückt meine wahren Gefühle über Gleichberechtigung und die wahren Notstände und Misserfolge menschlichen Tuns aus und offenbart, worum es tatsächlich gehen sollte. Wenn Gleichberechtigung gelebt und aktiv praktiziert werden soll, dann mit Vorbildern wie dieser starken Persönlichkeit, die es im übrigen in Frankreich als erste Frau zu einem Staatsbegräbnis geschafft hat.

Ja, hier werden akute und krasse Dinge gezeigt, von Erfahrungen berichtet, die ich heute nirgends mehr sehen möchte und wo mir klar ist, dass das Thema noch längst nicht vom Tisch ist. Es wird jedoch ebenfalls offenbar, dass es mit einem “-in” nicht getan ist, sondern das respektvolle Behandeln unserer Mitmenschen nicht darin besteht, die Sprache derart zu zerstückeln, dass niemand mehr etwas sagen oder schreiben kann, sondern es manchmal einfach nur um Respekt, Ehre und aufrichtige Anerkennung geht und es das ist, was diesem Land zu großen Teilen fehlt und worunter ganz offensichtlich der “weibliche Flügel” zu leiden hat.

Und damit erhält man hier nicht nur ein wunderbar erzähltes Stück menschliche Historie, sondern ein grandioses Biopic einer Dame, die ich für alles bewundere, was sie in ihrem Leben geleistet hat und zudem ein fantastisches Werk, dass den Namen “Unterhaltung” mit dem hoch angesehenen Wort “Bildung” perfekt vermischt.

Sofern es möglich ist, mehr davon zu bekommen, dann lasst es mich wissen … und ich werde es hier für euch kund tun.

.kinoticket-Empfehlung: Ich weiß, ich benutze dieses Wort inzwischen inflationär oft: Großartig!

Viele andere mögen das Schauspiel Knightleys loben, ich bewundere den Stil und die Courage, eine so tolle Geschichte zu erzählen und damit vorzuleben, wie Gleichberechtigung tatsächlich funktioniert und was dieses Wort in seiner Tiefe bedeutet – ohne dabei auf irgendwelchen Öko-Pfaden zu wandeln und in absurde Diskussionen abzuschweifen.

Wer hier fern bleibt, der verpasst etwas … großartiges!

Nachspann
✅ nach den Schriftzügen ist dann endgültig Schluss, also rennt nicht sofort raus.

Kinostart: 03. Januar 2019

Original Title: Colette
Length: 111 Min.
Rate: FSK 6

Der kleine Drache Kokosnuss – Auf in den Dschungel

Der kleine Drache Kokosnuss

© 2018 Universum Film GmbH

Freude für die Allerkleinsten: Der kleine Drache Kokosnuss kommt zurück auf die Leinwand und bringt vollkommen neue Abenteuer im altbekannten Stil mit: Auch hier vollbringt man wieder wahre Wunder und lässt den Spannungsbogen der Geschichte kaum abreißen.

Und bevor mir jetzt jemand böse wird: Die Zielgruppe ist hier eindeutig unter 8 Jahre alt und das sollte man auch definitiv berücksichtigen: Es ist also kein wirklicher Familienfilm, weil über diesem Alter einfach der Anspruch und die Spannung fehlt, was ich aber absolut gelungen finde, denn man versucht nicht, einen Familienfilm aufzuziehen und jeden so ein bisschen zu befriedigen, sondern konzentriert sich vollständig auf die eine Sparte und reizt hier wirklich alles aus, ohne großartige Fehler zu machen.

Natürlich gibt es Filme, in denen die Optik weitaus besser ist, man geilere Animationsmethoden gefunden hat oder sonstwie besser auftrumpft, aber mal ehrlich? Genau das hat mich in diesem Fall enorm gefreut: Die “Reingewaschenheit” von jedwedem Schnickschnack, so dass den Zuschauern tatsächlich Zeit gegeben wird, alles zu verdauen und zu erfassen und dabei keine der sonst üblichen Nickelodeon-Reizüberflutungen überstanden werden müssen: Niemand braucht sich wundern, wenn die Kids überall so dermaßen aufgedreht sind – die Lösung läge einzig darin, dass sich die Erwachsenen mal 4 Minuten dieser Bewährungsprobe aussetzen und danach selbst überlegen, was sie ihren Schützlingen damit antun.

Und genau das war hier erfreulich ruhig und simpel gehalten: Selbst bei Dialogen blieb im Anschluss noch genügend Zeit, um wirklich die Eindrücke des gesamten Bildes zu erfassen und zu verdauen und während einer im Vordergrund sprach, wurde im Hintergrund eben keine Muster-Blitzattacken-Massen-Animation abgefahren, sondern auf eine simple Zeitschleife gestellt, die kaum davon ablenkt, aber das Bild auch genügend belebt, um keine Totentanz-Stimmung einziehen zu lassen.

Und damit – auch, wenn es im Sud des sonstigen Geschreis dieser Welt leicht unterzugehen droht – setzt man tatsächlich mal ein wunderbares Vorbild und zeigt, dass es eben auch anders geht. Spitze!

.kinoticket-Empfehlung: Erzählt eine für 8jährige super spannende Story ohne die üblichen Reizüberflutungen, die im Kinderprogramm sonst normal sind.

Die Zielgruppe wird vollkommen befriedigt und darüber hinaus keine weiteren Ansprüche erfüllt: Wer also mit der Familie ins Kino möchte, sollte sich evtl. auf mehrere Säle aufteilen und hier nur mit den Jüngsten rein. Für die gibt’s aber seit langem mal echt gutes Programm.

Nachspann
❌ muss man nicht warten, hier kommt nichts weiter.

Kinostart: 27. Dezember 2018

Original Title: Der kleine Drache Kokosnuss 2 – Auf in den Dschungel
Length: 80 Min.
Rate: FSK 0

Drei Gesichter

© 2018 Weltkino Filmverleih

Iran im Jahr 2018 – wir müssen, wenn wir wirklich ehrlich uns gegenüber sind, zugeben, dass wir eigentlich rein gar nichts über das Land wissen außer dem Schrott, der uns in den sensationsheischenden Medien über den Krieg zwischen den USA und dem Iran erzählt wurde (oder war‘s Irak – selbst das können die wenigsten auseinanderhalten).

Dieses Land hat auch Filme? Auch Kultur? Dort leben Menschen Tag für Tag, die an etwas anderem interessiert sind, als den Amis irgendwelche Waffen vorzuenthalten?

Ja! Über die Kultur und das „Innenleben“ dieses Staates wissen nur sehr wenige – und in meinem Umfeld und Einflusskreis rein gar niemand etwas drüber. Tatsächlich ist es aber so – manche mag das verwundern – dass dieses Land sehr viel mehr zu bieten hat, als das Paradebeispiel für die Achse des Bösen für den Rest der Welt darzustellen.

Im Iran gibt es auch viele Probleme und das alltägliche Leben ist für die meisten kein Zuckerschlecken. Und darüber erzählt Jafar Panahi etwas, der Buch geschrieben und Regie geführt … und als Besetzung auftritt, gemeinsam mit Behnaz Jafari, der gefeiertsten und berühmtesten Schauspielerin des Landes.

Ja, sie treten gemeinsam selbst auf und erzählen gewissermaßen „ihre eigene Geschichte“ anhand eines Portraits, das sehr tiefe, ehrlich-authentische und beeindruckende Einblicke in ein Land gewährt, das für viele immer noch ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Cannes hat das Werk bereits anerkannt und die Goldene Palme für die beste Regie überreicht, jedoch ist dieses Stück so viel mehr! Unsereiner sieht vielleicht einen Film, der „echt ganz gut ist“, aber wenn man überlegt, wieviel Arbeit da dazugehört, in einem Land wie diesem als Frau in der Öffentlichkeit auftreten zu dürfen und welche kulturelle und politische sowie geistig-gesellschaftliche Vorarbeit notwendig ist, um erstmal für uns völlig banale Alltäglichkeiten herzustellen, dann ist es in tiefstem Maße beeindruckend, so etwas hergestellt zu haben.

Panahi mögen einige kennen über seinen vorherigen Film Taxi Teheran und mit Drei Gesichter zeichnet er erneut das Bild eines Landes in völlig verständlichen Farben auf einem hoch ansehnlichen Niveau für den Kinogänger in einer Weise, die im Gedächtnis haften bleibt und die es deshalb für mich zu den Filmen geschafft hat, die man definitiv gesehen haben sollte, um seine kulturelle Allgemeinbildung dahingehend erweitert zu haben.

Und hier zählt wirklich viel mehr als das wirklich rühmliche Offensichtliche – nämlich, welche künstlerischen Möglichkeiten und „Ausflüchte“ jemand in einem Land nehmen muss, um einfach „frei sprechen“ zu können: Vor diesen Schachzug verneige ich mich in Ehrfurcht und lege allen ans Herz: Besorgt euch .kinotickets, auf denen Drei Gesichter aufgedruckt ist – egal, wo. Hauptsache, der Titel stimmt!

.kinoticket-Empfehlung: Ein intimer Einblick in eine völlig unbekannte Wahrheit und Kultur eines Landes, über das nur sehr wenige genaueres wissen.

Die Figuren spielen sich alle selbst und dringen dabei in Gefilde vor, die wohl kaum jemand aus unseren Kreisen je erreichen dürfte: So präzise, fein austariert und künstlerisch auf höchstem Niveau hat mir bisher noch nie jemand einen kompletten Staat beschrieben. Großartig und zu Recht in Cannes ausgezeichnet! Rein da!

Nachspann
❌ braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 26. Dezember 2018

Original Title: Se rokh
Length: 100 Min.
Rate: FSK 12

Trouble

Trouble

© 2018 Kinostar Filmverleih GmbH

Anjelica Huston – diese Frau ist mir persönlich zuletzt von Die Nebel von Avalon in Erinnerung, ein Werk, das kaum jemand kennt und das man definitiv gesehen haben darf. Und auch, wenn diese Dame einen beeindruckenden Lebenslauf vorzuweisen und für ihr Schaffen inzwischen erkenntlich viele Preise bekommen hat … so wirklich “präsent” auf der Leinwand hab ich sie nie empfunden.

Ein wenig anders ist es schon mit Bill Pullman, der in meinem Leben erstmalig in Spaceballs in Erscheinung trat und dessen wohl prominenteste und in meiner Kindheit auch prägendste Rolle als Präsident in Independence Day sowie dessen Nachfolger war und damit sein Konterfei in mein Gehirn einbrannte.

Beide gemeinsam treten nun in Trouble gegeneinander an und brüsten sich mit verbaler Schlagkräftigkeit und dramatischer Lethargie. Die Aufschlüsselung, die man dem Plot angedeihen ließ, reißt mich zwar nicht sonderlich vom Hocker, die Rollenverteilung – bei der Huston definitiv die besseren Karten zugeschanzt bekommen hat – ist aber amüsant und sorgt grade zu Beginn des Films für unglaublich viel Kurzweil.

Dennoch hat mir – um hier eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen zu können – einfach zu sehr das gewisse Extra gefehlt. Man stellt sich eher die rollkragenpullovertragende Oma-Armada vor, die glückselig die Kinosäle bereist und wahnsinnig empört wieder nach draußen kommt, was heutzutage alles fürn Mist gedreht wird – auch wenn das jetzt unfassbar klischeehaft und vorurteilsbehaftet klingt … aber genau so ging’s mir: Es ist eben fast alles Heiter-Sonnenschein und damit einer dieser “American Moms”-Filme, die zwar herzallerliebste Szenen beinhalten, jedoch die Masse nicht beeindrucken und für die coole Gefolgschaft an Peinlichkeit kaum zu überbieten sind.

Damit muss man klar kommen, dann hat man mit diesem Film auch seine helle Freude.

.kinoticket-Empfehlung: Nicht zwingend für jüngeres Publikum geeignet, dafür aber bissig, scharf und genau so, wie sich “Oma” den Verlauf einer Story wünscht.

Kann man sich sehr wohl anschauen, sollte aber bedenken, dass dies eher für die gesetzteren Altersklassen geschaffen ist und nicht zwingend Schulfhoflektüre.

Nachspann
❌ muss man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 20. Dezember 2018

Original Title: Trouble
Length: 100 Min.
Rate: FSK 12

Mary Poppin’s Rückkehr

© 2018 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Disney macht, was es am besten kann und kehrt zurück zu seinen Wurzeln: Man spannt sich aus dem eigenen Repertoire die guten Stücke wieder aus dem Regal aus und setzt sie modern und “schaulustig” für die heutige Generation neu um. Aber: All das im völlig klassischen Stil.

Damit kehrt man zum guten Boden traditionellen Filmemachens zurück und bewegt sich endlich wieder in dem Metier, in dem ich Disney schon seit Jahren gerne gesehen hätte: Moderne Technik, moderne Sound-Akquisition und Leinwandtechnik aus diesem Jahrhundert, aber mit Inhalten, die sich nicht von den Werten und der Familientauglichkeit der “guten alten Zeit” abwenden, ohne dabei altbacken zu klingen oder in sonst einer Form “rostig” rüberzukommen.

Dabei stößt man wieder auf das Problem, dass sich all jene, die mit Mary Poppins aufgewachsen sind, jetzt fragen, wozu man diesen Film einfach nochmal verfilmen muss (Antwort: Weil die jüngeren Leute nicht in die alten Filme reingehen) und dass die quasi gleiche Geschichte nun erneut auf die Leinwand kommt, ohne dabei mit inhaltlichen Neuperspektiven zu punkten.

Spannt man aber seine Öhrchen ein wenig auf und lauscht in den mittlerweile erhältlichen Soundtrack rein (z.B. “Overture”), dann erkennt man sehr schnell das hollywoodöse Potenzial, mit dem man hier in Richtung Academy Awards-Music auftrumpft und somit das gute alte Hollywood endlich wieder zum Leben erweckt.

Und eben dieses Gefühl spürt man deutlich, wenn man im Saal sitzt und sich die Story einfach nochmal anschaut. Danach fühlst du dich ebenfalls, als hättest du dir grade eine Nacht mit den Academy Awards um die Ohren geschlagen und entschläfst in die cineastische Glückseligkeit.

Und das war (und ist) immer noch in meinen Augen das Markenzeichen, wofür Disney stand und heute immer noch stehen sollte – und genau das erreichen sie mit diesem Film ein Stück weit wieder zurück.

Dass die Geschichte leicht suspekt und irgendwie komplett daneben ist, war damals ja auch schon der Fall – aber dazu sind Leinwände wieder da: Um Unregelmäßigkeiten Normalität werden zu lassen und den Menschen zwei Stunden ihres Lebens die Chance zu ermöglichen, aus eben jenem zu entfliehen.

Und das schafft man mit dieser Fortsetzung genauso stark wie schon mit dem Original.

.kinoticket-Empfehlung: Endlich kehrt man zum klassischen Geschichtenerzählen zurück und liefert dem Publikum einen Ohrenschmaus, der an längst vergangene Tage erinnert.

Dabei hat man den Sprung zur Moderne geschafft, gibt aber die positive Seite der Tradition nicht auf und entführt somit wieder in die verrückte Welt von Mary Poppins.

Was der .trailer an Befürchtungen aufkommen ließ, fegt der Feature Film mit Leichtigkeit beiseite. Also geht rein! 🙂

Nachspann
✅ Als Musical-Film macht man auch hier nicht stopp und darf daher den Abspann gerne noch aussitzen.

Kinostart: 20. Dezember 2018

Original Title: Mary Poppins Returns
Length: 131 Min.
Rate: FSK 0

Müslüm

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© 2018 Kinostar Filmverleih GmbH

Lang lang ist’s her, dass ich mal wieder einen türkischen Film auf dem Teller serviert bekommen habe und ehrlich gesagt war mir zwischendrin zwar sehr wohl die Chance gegeben, hier und da mal wieder in diesen Kulturkreis zu schauen, allerdings hat mich die überdrehte und oftmals doch sehr ungewöhnliche Art, “Humor” zu betreiben, abgeschreckt und lieber etwas anderes schauen lassen.

Müslüm war auf einmal dann doch interessant für mich, weil ich den .trailer gesehen und festgestellt habe, dass hier absolut rein gar nichts witzig ist, sondern man sich ernsthaft um ein Drama (wenn man so möchte) bemüht, das die reale Geschichte eines türkischen Stars aufzeichnet, der durch einige Höllen gegangen ist, die ich besser niemandem wünsche.

Zwar braucht man jetzt als Westeuropäer nicht zwingend von der Form Kunst sprechen, die hierzulande alltäglich ist und in irgendeinem Maße überjubelnd begeistern würde, jedoch zählt der Film, nachdem ich ihn gesehen habe, sehr wohl zu den Dingen, die man nicht ungesehen an sich vorbeistreifen lassen sollte, da nicht nur dramaturgisch, sondern auch inhaltlich harter Tobak auf den Tisch kommt, der einen eben doch ungeniert bei den Eiern packt.

Und dafür ist Kino ja da: Um Geschichten zu erzählen, die spannend, mitreißend, unterhaltsam und allgemein tauglich sind und nicht nur eine ganz spezielle Klientel ansprechen.

Was mich ebenso fasziniert hat, war, dass ich hier eine völlig neue Seite türkischen Kinos bewundern konnte, die wirklich absolut gar nichts mit allem, was mir je aus diesem Land schon unter die Füße gekommen ist, zu tun hat oder in irgendeiner Weise vergleichbar wäre. Diese schwermütige Ernsthaftigkeit und krasse Drama-Tiefe sitzt einem hinterher tatsächlich noch in den Knochen und wirft ein völlig neues Licht auf dieses Land.

.kinoticket-Empfehlung: Unvergleichlich, was sonstige türkische Filme angeht – man erzählt eben eine wahre Geschichte eines Menschen, der ziemlich viel krassen Mist hinter sich gebracht hat und damit einen völlig neuen Weg beschreitet, der es bisher noch nicht in unsere Kinos geschafft hat.

Die dramatische Schwere, die diesem Werk beihaftet, packt einen sehr und liefert eben nicht nur völlig andere Einblicke in diese Kultur, sondern berichtet auch über ein Phänomen, der ein ganzes Land begeistert hat. Auch, wenn der Kinostart schon etwas her ist: Wer noch die Chance hat, nehmt ihn ruhig mit, bevor er wieder verschwindet.

Nachspann
✅ zeigt Fotos von dem echten Müslüm, ist also gar nicht unspannend.

Kinostart: 15. November 2018

Original Title: Müslüm
Length: 132 Min.
Rate: FSK 12

Unknown User: Dark Web

Unknown User Dark Web

© 2018 Universal Pictures International

Am 16. Juli 2015 schickte man mit Unknown User ein völlig neues Filmkonzept in die Säle und eröffnete damit ein cineastisch neues Feld, dass es fortan zu erschließen galt. Die Idee glänzte mit einem vollkommen frisch erfundenen Siegel der Unberührtheit und entführte in eine Welt, die es vorher so auf der Leinwand noch nicht gegeben hatte.

Kurz darauf zerstörte man eben jene Idee sofort wieder mit einer grottenschlechten Umsetzung, die hierzulande Unfriend hieß und den gleichen Schmarren durchziehen wollte und dabei die wesentlichen Merkmale des Films vollkommen ignorierte. Das, was man an Unknown User so schätzte, diese technische Richtigkeit und das Nicht-Verarscht-Werden, wenn es um IT und Software geht, wurde hier völlig beiseite gestoßen zugunsten eines absolut lächerlichen Plots.

Nun muss man beide Filme aber auseinanderhalten können – und da geht der Wahnsinn gleich weiter:

Unknown User heißt im Original Unfriended während …
Unfriend im Original wiederum Friend Request heißt. Nun kommt
Unknown User 2: Dark Web – im Original wiederum Unfriended: Dark Web ins Spiel.

Also nicht durcheinander kommen, liebe Übersetzungsfanatiker 😀

Aber zurück zum Thema: Das, was man in Unfriend dann so richtig verhauen hat, wurde zwischenzeitlich mit Searching einer technischen Perfektion unterzogen, die sogar die Originalidee bei weitem in die Tasche steckte: Hier war wirklich absolut nichts mehr so, wie es nicht in der Realität auch wäre … nur der Plot ließ sinnstiftend teilweise etwas zu wünschen übrig.

Und jetzt? Meldet sich das “Original” zurück und möchte eine Stufe tiefer gehen, nämlich ins “Dark Web”, was in den Medien oft als ziemlich verwüsteter Horror-Areal-Boden dargestellt wird, von dem die meisten tatsächlich überhaupt keine Ahnung haben.

Dazu müsste man IT-Strukturen verstehen, sich völlig neutral und emotional unbefangen mal ein paar simple Beispiele erklären lassen und dann einen objektiven Entschluss fassen, dass alles gar nicht so ist, wie es eigentlich den Anschein hat – aber bitte, wir leben immerhin im Facebook-Zeitalter, bei dem die meisten gar keine Ahnung haben, was hier wirklich abgeht.

Siehe The Cleaners. Siehe das wunderbare Buch von Veit EtzoldDark Web, in dem meiner Meinung nach ziemlich realistisch dargestellt wird, was hier tatsächlich gemeint ist.

Und diese Ideen dreht man nun also durch den Blumhouse-Schredder und verwurstet sie auf schräg-geniale Art und Weise.

Genial?

Tatsächlich, denn die Struktur der Persönlichkeiten, die man hier nun an die Bildfläche setzt, zeugt viel mehr von Natürlichkeit und Menschlichkeit, als es in solchen Filmen sonst der Fall war. Selbst in Unknown User hat man nicht einen so realistischen, sympathischen und “best-buddy”-mäßigen Bezug zu den Darstellern herstellen können, wie es jetzt der Fall ist.

Und das geht so lange, bis man sich nun endlich in die Tiefen des “Dark Web” stürzen möchte und auf einmal alles nur noch lächerlich wirkt – garniert mit Twists, die das Attribut “genial” wiederum verdienen würden.

Müsste ich in einem Satz resümieren, wäre ich gefangen zwischen “Soooooo schlecht, wie man meint, war der gar nicht” und “Hol die Charaktere des Films raus und sobald es spannend wird, geh aus dem Saal, aber nimm die Twists noch mit” … Schwierig.

Man stirbt eben selbst wieder an den unrühmlichen Verquerungen, die man sonst eigentlich nur vom allwissenden ZDF-Redakteur im Sonntag-Abend-Tatort kennt, der sich inzwischen ja das “weltfremd”-Attribut selig verdient hat.

Und genau das ist das Problem: Ein Movie mit FSK-16-Freigabe zu gestalten, in dem es um Dinge gehen soll, die eindeutig weit über FSK-18-Niveau sind, ist per se zum Scheitern verurteilt … und dafür hat man einen exzellenten Cast und supergeile Rollen geschrieben und technisch zumindest anfangs noch alles richtig gemacht.

Erst, als man beschließt, jetzt eben doch wieder ein wenig Blumhouse-Spielwiese zu betreten, wird’s lächerlich, was auch die genialen Twists schlussendlich nicht mehr vollkommen rausreißen können.

Dabei hätte das echt DER große Wurf werden können, so bleibt gutes Mittelmaß mit Tendenz zum Besseren. Macht also einfach den dritten Teil und legt dann den absoluten Durchbrenner hin … vielleicht sogar mit roter Auszeichnung? Ich hätte Bock drauf.

.kinoticket-Empfehlung: Großartig gecastet, sympathisch gespielt und auch technisch sehr durchdacht – bis man ins “Dark Web” stürzen möchte und alles nur noch lachhaft wirkt.

Die Planlosigkeit, mit der man dann versucht, auf blumhouse‘sche Art zu schocken, ist total daneben und sorgt eher für Amüsement denn Grusel und verfehlt damit gänzlich seine Wirkung. Auch die Twists reißen es nicht komplett rum, das Allzeit-Mies-Gefühl bleibt dennoch aus: Man kann sich den Film durchaus im Kino besehen.

Nachspann
✅ fördert jetzt keine neuen Szenen parat, für Coder aber recht liebenswert gestaltet und eine wahnsinnig gute Idee – und da bleib ich gern noch eine Minute länger hocken … Ausgang ist eh verstopft 😉

Kinostart: 6. Dezember 2018

Original Title: Unfriended: Dark Web
Length: 88 Min.
Rate: FSK 16

Mortal Engines: Krieg der Städte (3D)

Mortal Engines Movie Poster

© 2018 Universal Pictures International

Peter Jackson… was kommt euch in den Sinn, wenn ihr diesen Namen lest? Richtig: Der Herr der Ringe gefolgt von Der Hobbit. Mittelerde – das ist sein Ding, war es und wird es immer bleiben.

Eigentlich ja nur HdR, weil schon die Hobbit-Trilogie bei vielen Fans für angehende Antipathie sorgte und sich der eingeschworene Fankreis langsam begann, aufzulösen und in alle Winde zu verstreuen. Selbst jetzt, wenn man sich geschlagene 17 Jahre (!!!) nach dem Kinostart von Der Herr der Ringe – Die Gefährten wieder dazu entschließt, eben jenen zurück auf die Leinwand zu bringen und man beim Buchen der Tickets auf einmal auf ausverkaufte Säle stößt, merkt man, dass Jackson damals alles richtig gemacht und sich einen unvergessenen Namen damit erschaffen hat.

Wenn ich also Mortal Engines – Krieg der Städte lese, dazu Peter Jackson präsentiert-.trailer vor die Nase gesetzt kriege und feststelle, dass es hierbei um SciFi geht, dann schlackern meine Ohren und ich bekomme Kopfweh.

Serious? Jackson im Zukunftsfilm-Fieber? Gut, er ist nicht der Regisseur und fungiert “nur” als Produzent, allerdings weiß doch eh kein Schwein, wer den Film nun letztendlich gemacht hat, weil man unterbewusst ihm das Werk zuschreibt. Und überhaupt, wer ist Christian Rivers eigentlich?

Unsereiner dürfte ihn hierzulande allerhöchstens von King Kong kennen, den allerdings Jackson mit dem Regisseurs-Part besetzt … ergo: Unbekannt. Und genau das wird diesem Film wohl zum Verhängnis.

Mortal Engines strotzt geradezu vor Jackson‘schen Merkmalen: Man spürt eben jene Elemente, die man aus den beiden alten Trilogien bereits tief verwurzelt hat und da passt das Zukunfts-Element überhaupt nicht dazu, sondern wirkt irgendwie albern.

Yes, das 3D des Films ist überragend und spielt auf Avatar-Liga und auch die Weta-Optik strotzt vor Professionalität und Würde, die ganzen Welten wirken, als ob jemand, der Ahnung hat, im Hintergrund sitzt und das produziert hat, jedoch stolpert der Erfolg über eine ganz miese Kiste: Das Dialogdrehbuch.

Ich sollte langsam mal eine Strichliste anfangen, damit in Zukunft nur noch “|” hingemalt werden muss und ich mir den ganzen Schabernack sparen kann, aber ja: Die Dialoge sind dermaßen mies, dass damit der komplette Filmspaß in die Tonne gekloppt wird.

Was hier als Pluspunkt an Optik, Räumlichkeit und dem verheerend geilen Soundtrack von Mad Max: Fury Road-Legende Tom Holkenborg auf den Screen befeuert wird, gepaart mit den Einfällen der Städte sowie deren technischer Umsetzung, wirkt im Gegenlicht dieses absolut dämlichen, unausgereiften und albernen Sprech-Plots nahezu wie ein gigantisch verschenktes Versagensbeispiel: Man kauft keiner der Figuren wirklich ab, was sie da darstellen wollen und auch bekannte Gesichter wie Hugo Weaving reißen hier den Riegel nicht rum: Früher gab es schon mal so seltsame Titel, die Mortal Kombat hießen und den unrühmlichen Schadensruf einer Computerspieleverfilmung in sich trugen – und in eben jenes Versagen reiht man auf pompöse Weise nun auch Mortal Engines ein.

Liest man dazu noch ein paar Hintergrundinfos des Films (gedreht in Neuseeland, mit einheimischen Personen, den gleichen Studios und Produktionswerkstätten im Hintergrund), könnte man meinen, Jackson hatte einfach nochmal Lust, etwas mörderisch großes zu generieren und Herr der Ringe zu wiederholen, nur dass diesmal eben nicht Fantasy und Mittelalteranschein den Reigen anführt, sondern man diese gewaltige Wucht mit Stargate: Atlantis gepaart hätte – und diese Kombination geht einfach nicht auf.

Die Frage, die euch nun alle quält (sofern ihr nicht sowieso schon drin gewesen seid – wenn ja, kommentiert mir doch mal eure Meinungen hier drunter): Sollte man nun jetzt in den Film gehen oder nicht?

Definitiv ja!

Denn jetzt ist die Chance, das ganze Schauspiel auf der großen Leinwand zu entdecken und dabei hoffentlich (!) weit vorne im Saal zu sitzen vor einer hoffentlich (!) großen Leinwand in einem Kino, auf dessen Außentüren hoffentlich (!) dick und fett Dolby Atmos steht, was man grade noch so erkennt, während man hoffentlich (!) seine 3D-Brille auspackt und vorsichtig versucht, auf dem Weg zum Sitzplatz nicht das Popcorn zu verschütten, weil man über jemandes Tasche gestolpert ist.

Alles andere würde dazu führen, dass man ne ziemlich langatmige To-Do-Liste hätte, weil man wieder 17 Jahre warten muss, bis jemand auf die Idee kommt, diesen Film zurück auf die Leinwand zu bringen.

Solltet ihr nämlich nicht zufälligerweise ein Kino euer eigenen nennen und in der Lage sein, die Verleih-Codes so zu knacken, dass ihr euch das Ding außer der Reihe anschauen könntet, dann hättet ihr keine Chance mehr, dem Film das abzugewinnen, was ihn großartig macht: Das wuchtige Brüllen gigantischer Optik und ein mega faszinierendes und sau-räumliches 3D!

Alle anderen Screens, die diese Welt ansonsten zu bieten hat, reißen es nicht raus und legen viel zu viel Wert auf das Geschehen im Film … und selbst mit nem guten 3D-Fernseher zu Hause wäre es enttäuschend.

Ihr spürt: Man kann heftig viele Fehler machen und ich verspreche euch: Jeder einzelne “hoffentlich”-Punkt ist enorm wichtig dabei! Dann wird’s ne gigantische Optik-Schlacht, die das alte Mittelerde-Gefühl ansatzweise nochmal hochreißt und ob der ganzen guten Restfaktoren ist der Plot leichter vernachlässigbar und reißt nicht solche Kerben in das Enttäuschungsholz im Kopf.

Und wenn ich euch jetzt verrate, dass in den Regalen jedes gut bestückten Zeitungsladens bereits die nächsten Romane von Mortal Engines stehen, dann wisst ihr, was in den nächsten Jahren auf euch zukommen wird:

Mortal Engines: Jagd durchs Eis
Mortal Engines: Der Grüne Sturm
Mortal Engines: Die verlorene Stadt

Und wer auf einem bekannten Buchverkaufsportal in den Rezensionen nachschlägt und gleich als erstes etwas von “Plattes Kinderbuch mit eindimensionalen Charakteren und einem Leichenberg” (Quelle: BücherKriegerin via Amazon.de) liest, der weiß, wo die Reise hingeht.

Und nun sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt …

.kinoticket-Empfehlung: Man entferne das Fantasy-Gen aus den alten Herr der Ringe-Erfolgen und werfe es einige tausend Jahre weiter in die Zukunft.

Was dabei rauskommt, wirkt grafisch, optisch, akustisch und technisch wie der alte Ruhm von Peter Jackson, birgt aber eine absolut dümmliche Story und zweibeinige Wesen, denen man keinen Deut abkauft, was sie einem vorsetzen wollen.

Wer das sehen will, sollte ins Kino und sich vollständig auf die Special Effects und das 3D fokussieren, das ist nämlich tatsächlich so gut wie lange kein Konkurrenzfilm mehr, die Story und “Buchvorlage” kann man aber vollständig vergessen.

Nachspann
❌ braucht man nicht zwingend mitnehmen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 13. Dezember 2018

Original Title: Mortal Engines
Length: 129 Min.
Rate: FSK 12

L’Apparition – Die Erscheinung

© 2018 Filmperlen

Die Erscheinung, nicht gleichbedeutend mit “Die Erleuchtung” oder “Das Maß aller Dinge”, das sich Gläubige im Zuge dessen gern mal selbst auf die Stirn tätowieren und per se den kompletten Rest der Welt kategorisch ausschließen, ohne deren Richtungen und Lebensweisen überhaupt wirklich zu kennen… Ein Phänomen, das mir die Religion zusätzlich ziemlich verdorben hat.

Dazu kommen all die verdammten Kriege, Hasspredigten, tief verwurzelte Geistesirrungen, wie man sie z.B. von einem Herr Sarrazin bundesweit in den Spiegel-Bestsellerlisten lesen kann, die ganze Völker systematisch mit unbegründetem Hass vergiften. Religion ist und war schon immer Streitpunkt, der Anlass dazu gab, dass man sich gegenseitig die Schädel einrannte und – wenn man nicht damit beschäftigt war, blutigen Horror auf der Leinwand und dem Papier zu verdammen – selbst die schlimmsten aller Horrorvorstellungen zu erschaffen und in weiter Welt auszuleben.

Ich gehöre zu den “Kindern”, die darunter heute immer noch leiden und darum eine sehr … sagen wir “eigenwillige” Einstellung zu diesem Thema mit sich rumtragen.

Blickt man ganz nüchtern in die Geschichte der Menschheit zurück, erkennt man klar und deutlich, dass sich Religion oft als ein Stellmaß für systemweite Kontrolle über ganze Bevölkerungsschichten dargestellt hat, ohne dass diese es auch je bemerkt hätten: Klar, der Gläubige definiert sich selbst gerne als “wissend” und “mündig” und merkt dabei gar nicht, dass seine Hirnwindungen vielleicht längst gewaschen wurden und er einer Lüge aufgesessen ist, die man ihm als Wahrheit verkauft hat. Natürlich möchte er ein guter Gläubiger sein, der frei von Zweifeln einen anständigen Glauben lebt und darum nichts in Frage stellt.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass dieses “Infragestellen” von den Anführern solcher Religionsgemeinschaften oft genauso beantwortet wird, als würde man ihnen eine Suppe mit toten Ratten vor die Nase setzen?

“Tz tz tz, bist du etwa vom rechten Weg abgekommen und vertraust nicht auf die Schrift, die Gott der Heilige selbst verfasst hat? Tz tz tz … Geh hin und tue Buße!”

Und dabei definieren sich die wahrhaftigen und beständigen und vor allem wahren Dinge doch gerade dadurch, dass man sie prüfen und untersuchen kann und sie jedweder Untersuchung standhalten. Jesus sprach auch im neuen Testament zu Johannes, dass dieser ihn berühren und es am eigenen Leib prüfen sollte, ob er wahrhaftig der Messias ist. Er sagte nicht “Du Idiot, glaub einfach und halt deine Fresse”, sondern er hielt ihm seine Hände hin und ließ sie auf Herz und Nieren testen. So zumindest steht es in der Bibel, die für die christliche Glaubensgemeinschaft ja irgendwie eine Art “Fundament” darstellt, auf der all das gegründet zu sein scheint und nach der man sein eigenes Leben ausrichten sollte und es gleichtun.

Warum also möchten die Führer solcher Legionen nicht, dass man selbstständig nachdenkt und einfache Überprüfungen anstellt, die es einem wieder und wieder beweisen, dass man noch auf der richtigen Fährte ist und nicht irgendwelchen Mumpitz auf einmal für wahr anerkennt?

Warum möchte der politische Staat nicht, dass der Soldat an der Front nachdenkt, bevor er seine Waffe zückt und fremdes Leben eigenmächtig beendet?

Warum möchten religiöse Führer nicht, dass man sich exakt an die Schrift hält, sondern dichten immer wieder neue Verhaltensweisen dazu und begründen sie damit, dass sie selbst sie gesagt haben und sie deshalb wahr sind?

Fragen über Fragen, deren Antworten wir wohl niemals erfahren werden … wenn wir nicht selbst unsere Rübe anstrengen und unseren mächtigen Geist benutzen und darüber ausfragen, was gut und richtig ist und was nicht.

Die Erscheinung verblüfft mit einer famosen Infragestellung des katholischen Glaubens und deren Macht-Ideologien und gründet sich dabei nicht auf die sonst übliche “Pro-Kontra”-Kultur, mit der man Glauben in der Regel außerhalb und innerhalb der Kirche begegnet, sondern setzt hier eine fast schon nahezu wissenschaftliche Betrachtungsweise in Gang, die gelinde gesagt faszinierend ist.

Das Bild, dass man sich hier zeichnen möchte, ist frei von jedweden geistigen Kontaminationen und rollt die Kunstprojektionsfläche vollständig von vorne auf. Keine Katapulte aus der Vergangenheit, keine Klischees, kein Voranstellen irgendwelcher geistigen Eigenschaften, sondern die Leinwand weiß machen, drauf träufeln, was einem von der Kirche geliefert wird und dann schön systematisch und analytisch durchexerzieren, bis am Ende nur noch die Wahrheit übrig bleibt.

Und das bedeutet: Arbeit! Einen riesigen, langwierigen, zähflüssigen, beschwerlichen und ärgerlichen Misthaufen an Arbeit, durch den man sich wühlen muss und Konventionen brechen, Menschen bis auf die seelische Haut ausziehen und mühselig herausfinden, was nun wahr ist und was nicht.

Klar: Darum heulen heut auch viel lieber die Sarrazin-Kinder auf Facebook rum, wie durchmuselmant unsere Gesellschaft ist, ohne Nachforschungen anzustellen und Strichlisten zu führen, wie viele christliche Geistige durch die Popup-Bekehrungs-Waffenüberfälle sonntags vor der Kirche gewaltbereit konvertiert wurden … logisch, da würde nämlich “0” rauskommen und das ist ja nunmal keine Zahl, um sich großflächig drüber aufzuregen und ein ganzes Land in Angst und Schrecken zu versetzen, dass “endlich etwas getan werden muss”.

Die mühsame Arbeit der Recherche und der faktischen Überprüfung von Behauptungen auf sich zu nehmen und durchzugehen ist eine Tätigkeit, die heute kaum noch jemand tut – man liest irgendwo etwas und kauft es für bare Münze ab. Selbst eine Quelle hat keine Bedeutung mehr, sondern es stand ja hier und da, also ist es auch wahr.

Dass gerade in so einem Zeitalter, in der Worte wie Dreck um einen herum fliegen und dermaßen inflationär überall gepostet werden kann, umso mehr Scheißdreck wiedergegeben wird, ist bislang noch niemandem aufgefallen? Nein?

Zurück zum Film: Der zähfließt am Anfang auch erstmal durch einen mühseligen Prozess, der einen tatsächlich auf den Boden der Tatsachen holt und der – in der OmU-Fassung erst recht – erstmal ziemlich anstrengt. Begrifflichkeiten, Formalitäten, Behauptungen, Zusammenkünfte. Aus diesem Grund arbeite ich nicht in irgendeiner Kirche.

Und doch steht dieser Streifen diese Woche auf Platz 1 meiner Wochen-Empfehlungen. Warum?

Was hier nämlich kommt, ist einfach sagenhaft. Ist man einmal drin, lässt einen der Film kaum mehr los. Die Nachforschungen werden immer spannender, die Behauptungen immer durchschaubarer und das Konzept, mit dem man all das hier aufgezogen hat, feiere ich beständig: Noch nie hat es eine so geniale Konstellation an Interessen gegeben, die hier aufeinander losgelassen werden und sich tatsächlich der Materie widmen und dabei alle niederen Instinkte vollkommen außen vor lassen und sich wahrhaftig auf hohes Niveau begeben.

Und das beim Thema Religion! Der Hammer!

Begleitet von einer absolut einfühlsamen Kamera, sporadisch eingesetzten Musik-Elementen, die einen tatsächlich innerhalb des kirchlichen Themas lassen und einer persönlichen Story, die mal nicht den üblichen “… und jetzt noch die Liebe dazu”-Beigeschmack hat, sondern sich am Schluss tatsächlich zu meinem persönlichen Höhepunkt entwickelt und mir Tränen in die Augen getrieben hat, entpuppt sich der Film als eine grandiose Entdeckung am Sternenhimmel aller bisherigen Filme rund um Religion und als einer der wahrhaftigsten.

Und glaubt mir: Allein die Thematik reicht oft schon aus, um mich mit Zornesröte im Gesicht zu erleben. Die Aufgabe, mich hier auf einen positiven Standpunkt stellen zu können, ist also ungleich schwieriger und der Weg dahin um einiges länger, als es anfangs den Anschein hat. Wie gesagt: Der Titel steht auf der Top 1 diese Woche … und dazu stehe ich.

Auch, wenn man hier anfangs viel Geduld und Zeit mitbringen muss und wirklich den Wunsch haben, diesen Film zu sehen: Die Anspannung löst sich hinterher nicht nur selbst in Wohlgefallen auf, sondern führt einen zu einem geistigen Punkt, der großartig ist und den ich in dieser Konstellation so noch nie erlebt habe – was mich wirklich vom Hocker geschmissen hat.

.kinoticket-Empfehlung: Religion ohne Vorurteile und inklusive eigenes Hirn einschalten – funktioniert das?

Ja, wenn man Die Erscheinung anschaut und feststellt, dass hier tatsächlich meisterhafte Fragen gestellt und mit dem Zuschauer gemeinsam erörtert werden. Xavier Giannoli wirft den Hunden also nicht nur einfach irgendwelchen Fraß vor, sondern eröffnet die Chance, selbst auf Spurensuche zu gehen und in ein tiefgreifendes Geflecht einer Welt vorzudringen, die vermint wie nochmal was ist und dabei die größte Entdeckung aller Zeit herauszufinden.

Das Niveau, mit dem man sich hier nähert und welches zum Ende beständig gesteigert wird, lässt diesen Film für mich zu einem wahren Leckerbissen werden, den man sich nicht nur beschauen sollte, sondern freiwillig verschlingt.

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, Saal freigeben und nach draußen.

Kinostart: 13. Dezember 2018

Original Title: L’Apparition
Length: 137 Min.
Rate: FSK 12

100 Dinge

© 2018 Warner Bros. Ent.

Florian David Fitz ist ja eher für nachdenklichen Stoff bekannt, während Matthias Schweighöfer der Garant für deutsches Fremdschämen mit Ausnahmefällen ist: Seine viel zu kurze Rolle in Vielmachglas werde ich ihm nie vergessen.

100 Dinge hat bei mir schon im Vorfeld große Brechreize ausgelöst, da ich zum ersten Mal das Original aus Finnland wirklich kannte und dessen Bedeutsamkeit durch die schonungslose Komödienvergewaltigung Schweighöfers zu Grabe getragen sah.

Der Mensch, der diese Sache nämlich wirklich vollzogen hat und ganz andere Absichten dabei im Kopf hatte, hat dazu auch eine Doku gedreht, die man sich unter dem Namen My Stuff raussuchen und anschauen kann. Hier hat bereits der .trailer zu 100 Dinge ordentlich draufgehauen und prophezeit, dass das nichts gutes werden kann.

Tatsächlich liefert Warner Bros. Ent. hier aber keinen vollständigen Rohrkrepierer ab, sondern mischt das Gute mit dem Nützlichen: Man holt über nackte Ärsche und Fitz‘ sowie Schweighöfers Schwanz die Klientel in die Säle und setzt ihnen dann unterschwellige Nachdenk-Botschaften ins Hirn, die bei mir tatsächlich krampfartige Zwiespältigkeit auslösen. Man könnte sagen: Die Idee (geklaut?) ist gut genug, um sie durch einen Film zu zelebrieren und darüber wieder in den Köpfen zu bewegen, die Umsetzung und komödiante Ablenkung davon ist zu schlecht, als dass man hier von einem gelungenen Werk sprechen könnte: Es ist einfach gleichermaßen beides.

Fitz streut auch hier wieder viel von seiner unstillbaren Intelligenz ins Feld, die ihm viele aberkennen, weil er in meinen Augen im Schatten Schweighöfers immer ein wenig untergeht und etwas zu defensiv wirkt. Dabei sind seine Absichten und Denkweisen nahezu vorbildlich und liefern viel Tiefgründigkeit und Wissen verpackt in Herzensgeschichten an den Zuschauer ab.

Schweighöfer macht stattdessen weiter sein Ding und basht unterschwellig weiter auf der Werbeschiene rum, die ihm Til Schweiger ins Ohr gepflanzt hat und ist einfach wie er ist: Die meisten werden sowieso wegen ihm in den Film gehen und nicht, weil sie mehr über die Sache wissen wollen.

Und damit geht die eigentlich wichtige Botschaft halt gutbürgerlich den Bach runter und wird zwischen dämlichen Einwürfen und dümmlichen Liebesgeschichten am Ende nahezu vergessen, was mich wieder zurück auf My Stuff bringt: Wenn euch das Thema interessiert, dann schaut euch lieber das Original an und vergesst, was euch hier vorgesetzt wurde.

.kinoticket-Empfehlung: Stand von Beginn an unter einem schlechten Omen: Das Original hat hier ganz klar die Nase vorn: My Stuff.

Fitz gibt sich Mühe, eine Botschaft zu vermitteln und es fallen genügend intelligente Sätze, die es wert sind, dass man sich diesen Film anschaut, Schweighöfer und Co. tragen aber dazu bei, dass die Brisanz dabei völlig gekillt und am Schluss einfach nur ein dumm-herrlicher Film auf der Bühne steht und von der eigentlichen Intention niemand mehr etwas wissen will.

Ob das nun ein Gewinn für die Menschheit ist, oder man den Grundgedanken damit brachial zu Grabe trägt, mag jeder für sich entscheiden.

Nachspann
❌ lohnt sich nicht, sitzen zu bleiben, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 6. Dezember 2018

Original Title: 100 Dinge
Length: 110 Min.
Rate: FSK 6

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