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Mit brauchbarem Horror im Kino ist das so eine Sache: Als Grusel-Liebhaber hat man oft das Gefühl, dass dieser schlichtweg nicht existiert. Dabei eignen sich doch gerade die großen, teils unübersichtlichen und von vielen fremden Menschen bevölkerten Kinosäle als brauchbarer Nährboden für Angst und Schrecken, der dazu von der Leinwand herab gefördert und gefüttert wird und den Menschen mal wieder so richtig das Adrenalin in die Blutbahn und das Herz in die Hose schießen lässt.

Horror steht schon mal von Anfang an in der eigenen Verdammnis, im breiten Publikum nicht funktionieren zu können, da es ein Genre ist, dass sich schon seit jeher an einer Nieschen-Fangemeinde erfreut und solche Filme einfach nicht jedermanns Ding sind. Hier steht man als Zuschauer eben nicht vor der Entscheidung, ob die Komödie jetzt herausragend oder nur mittelmäßig war, sondern: Ob man in den kommenden Nächten noch schlafen kann oder sich aus Angst kaum noch vors Haus zur Mülltonne traut – schon gar nicht nachts. Da hört bei vielen der Spaß auf, weswegen sie sich grundsätzlich solcher Filme verweigern.

Die Toleranz-Hemmschwelle ist also sehr engmaschig gesetzt und ein „naja – ja, geht so – doch, geil“ weicht einem „Go – No Go“. Das viel brutalere Urteil über einen Film und die meist aberwitzigen Werbemaschen solcher Produktionen („Basiert auf einer wahren Begebenheit“) sorgen zusätzlich für abnormale Annahmen und garantieren förmlich fast, dass hier kein einziges wahres Wort mehr gesprochen wird. Aus einem vergleichsweise lahmarschigen Paranormal Activities wird ein medialer Hype, der unvoreingenommenen Menschen einen Heidenrespekt einflößt und sie einen weiten Bogen um diesen Titel machen lässt, der zuweilen bei Horrorfilmschauern nur ein müdes Gähnen verursacht – und manchmal noch nicht einmal mehr das.

So kommt es, dass medial gefeierte „Horror-Sensationserfolge“ wie The Fog von John Carpenter als Allzeitklassiker gelten, die es zwar teils schon intus haben, aber in meinen Augen noch lange nicht als Alleinstellungsmerkmal funktionierenden Horror-Genres stehen.

Oft werde ich als Kritiker gefragt, welche Horrorfilme denn wirklich gut sind … und oft beantworte ich diese Frage zu gerne mit einer Gegenfrage: „Welche kennst du denn?“

Tatsache ist, dass wahrlich gute, mit einheitlicher Bejahung abgesegnete Horrorfilme fast schon an einer Hand abgezählt werden können. Die Frau in Schwarz finde ich persönlich sehr berauschend und atmosphärisch, The Boy spielt auch definitiv in den höheren Rängen mit, der von vielen dank seiner unverantwortlichen FSK-12-Freigabe aber längst nicht als Horror gewertet wird, bei A Quiet Place kann man fast schon nicht mehr von Horror sprechen, wenn auch dieser Film unsägliche Spannungsmomente aufbaut und eine Atmosphäre des Schreckens kreiert. Und dann landet man direkt wieder in dem Metier verblichener 80er Jahre-VHS, in denen Effekte noch mit schleimiger Gallert-Masse und Farbstoff konstruiert wurden und der Zuschauer so mit explodierenden Mägen und allerlei Gekröse unterhalten wurde – und befindet sich direkt wieder im allerletzten Winkel einer totgeglaubten Nische.

Wenn also im kapitalgeführten 2019 nun ein Autor einen Horrorfilm erschaffen soll, möge er vom Verleih aus doch bitte möglichst viel Geld einspielen und darum möglichst viele Menschen ansprechen und darum möglichst Mainstream-geeignet sein, also möglichst viele Spitzen abgeschnitten wissen, um möglichst wenig Leute zu enttäuschen oder gar zu provozieren. Genau das macht Horror aber aus, der sich also schon in seinen Grundfesten dagegen wehrt, vom Massenpublikum akzeptiert zu werden und darum auch niemals als Massenprodukt vermarktet werden kann.

Tut man‘s doch, landet man schnell im 14-Jahre-Schulhof-Horror-Verriss-Eck, bei dem alles vorhersehbar ist, die Handlung selten-dämlich, die Darsteller mit geistiger Umnachtung gesegnet und der einigermaßen denkende Zuschauer konsequent mit einer Logikfehler-Keule geschlagen wird und während des Films aus dem Facepalmen nicht mehr raus kommt. Oder dazu übergeht, permanent alles und jeden zu kommentieren und am Ende lautstark darüber diskutiert, ob die kommende Vorstellung nun 23:00 Uhr oder bereits 22:55 Uhr anfängt und man sich nach viertelstündiger Diskussion schlussendlich darauf einigt, dass dies doch eigentlich völlig egal sei und man sowieso noch in die untere Etage muss, um Popcorn zu kaufen, wenn die Gastro noch offen hätte.

Was das mit dem Film zu tun hat? Nichts. Genauso wie Polaroid nichts mit echtem Horror zu tun hat, sondern eher eine herbe Enttäuschung für jeden ist, der mit Interesse einmal in solch eine Richtung geblickt hat. Hier ist wirklich ALLES vorhersehbar, unendlich langsam und quälend in die Länge gezogen mit Botox-Püppchen und dummen Schulkindern ausgestattet, denen man den Tod nahezu wünscht, einfach nur, damit deren Dummheit endlich ein Ende findet. Und wenn der Film dann endlich (1,5 Stunden nachdem du selbst auf die Lösung gekommen bist) auf die Lösung kommt, auf die du bereits seit 1.5 Stunden wartest, und diese in einigermaßen brauchbaren Effekten als „Big Invention“ zu verkaufen versucht, weißt du selbst nicht mehr, ob du mehr über das streitende Ehepaar, das inzwischen bei „Wo ist mein Handy jetzt?“ angekommen ist oder über den Tathergang auf der Leinwand lachen oder weinen sollst.

Wieder einmal hat man also eine glorreiche Idee an den Höchstbietenden verschachert und damit quasi manifestiert und in Ungnade gestürzt, statt sie in vollen Zügen auszukosten und daraus etwas unglaubliches zu gestalten. Das hätte wiederum dann so viel Aufmerksamkeit verdient, dass man sich ans Massenpublikum wenden könnte, ihnen gleichermaßen aber auch erklären müsste, dass hier immer noch Horror im Vordergrund steht und damit ein Genre bedient wird, dass ihnen normalerweise nicht zusagt.

Den Schritt geht Polaroid aber nicht und fällt so – wie fast alle materialisierten Horrorfilme – in die Grube des Vergessens und Ausgelacht-Werdens und sorgt einheitlich für bitterböse Enttäuschungen im ganzen Kinosaal. Selbst die Twists kann man nicht als solche bezeichnen, weil man sich währenddessen nur „Echt jetzt?“ fragt und auch hier von vornherein klar war, dass so etwas kommen musste.

Und würde jetzt noch irgendein Schauspieler oder -in durch extravagante Darstellungen glänzen oder in irgendeiner Form positiv herausstechen, hätten wir doch schon etwas, das ich an diesem Film loben könnte.

So bleibt leider nur das prähistorische Design der Polaroid-Kamera, das tatsächlich unsäglich gut ist und in jedem nostalgischen Fotografenherzen für mehr Blutfluss sorgt, cineastisch aber nichts an der Leichenstarre ändert, die vor der Leinwand bereits vor der 22:55-Uhr-Diskussion eingetreten ist.

.kinoticket-Empfehlung: Holt euch den Titel in eure Non-Mainstream-Home-Pyjama-Party-Sammlung und genießt ihn mit ein paar Molchaugen und unerlaubtem Alkohol auf eurer Teen-Home-Party, nachdem ihr in den Dorf-Club gar nicht erst reingelassen wurdet und gruselt euch – denn nur da könnte das Ding evtl. funktionieren.

Im Kino läuft da eher nix und von Horror-Fans braucht der Film gar nicht erst angeschaut zu werden. capelight ist auch bekannt dafür, nicht unbedingt von der breiten Masse akzeptierten Content zu verbreiten, sondern eher nieschiges Klientel zu bedienen – aber auch dafür war mir das einfach viel zu schlecht.

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 10. Januar 2019

Original Title: Polaroid
Length: 88 Min.
Rated: FSK 16

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