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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Abschied

Christopher Robin

Es ist schon irgendwie bezeichnend. 1924 wurde Puh der Bär von Alan Alexander Milne erfunden, entwickelte sich seitdem zu einem durchschlagenden Welterfolg. 1961 sicherte sich Disney sämtliche Rechte daran und schlachtete aus, was auszuschlachten geht.
Zur Zeit beflügelt die Story rund um das Kind Christopher Robin wieder die Filmheimat. Bereits kürzlich hatte Twentieth Century Fox seinen Goodbye Christopher Robin ins Rennen geschickt und sorgte dabei mit zeitgleichen Meldungen von Christopher Robin für wesentliche Verwirrungen innerhalb der Presse. Auch ich habe anfangs nicht wirklich den Durchblick gehabt, bis ich gecheckt habe, dass beide Labels, die sich gerade selbst aufkaufen, zeitgleich ein und den selben Film ins Rennen schicken wollen.
Twentieth Century Fox war früher. Und ist im Längen besser. Dass ich schon seit meiner Kindheit mit diesem Studio grün bin, dürfte bekannt sein. Irgendwie gehören die Fox Studios für mich zur Heimat guter Filme, denn genau das tun sie und können sie in Perfektion. Ich denke, der Aufkauf durch Disney rührt nicht daher, Konkurrenz aus der Welt zu schaffen, sondern das Interesse liegt viel mehr bei den Inhalten und dem Portfolio, das Fox mitbringt. Denn selber haben sie in letzter Zeit kaum etwas wirklich auf die Reihe gebracht.
Das gilt – leider – auch für Christopher Robin, dessen Geschichte durch den Vorlauf von Goodbye Christopher Robin dem Zuschauer ja nun höchst aktuell im Gedächtnis ist. Ich hab irgendwie auch das Gefühl, dass die Zeiten sich langsam permanent ändern und die “Normalität” unserer Kindertage längst passé ist. Ist euch schon mal aufgefallen, dass es z.B. nicht mehr einfach ausreicht, einen genialen Twist in einen Film zu bauen, sondern dass der Twist immer nochmal getwistet werden muss? Einmal reicht nicht mehr.
Und so geht es nun vielleicht auch mit den Kindergeschichten weiter. Einfach eine – damals – geniale Geschichte wieder zu erzählen reicht heutzutage einfach nicht mehr. Wir haben erlebt, dass viele Märchen neu aufgelegt und inhaltlich vollkommen überholt wurden, wir sind Zeuge geworden, wie viele Ideen völlig umgekrempelt und komplett neuerfunden auf den Tischen gelandet sind und nun kommt Disney und erzählt … die gleiche Geschichte einfach nochmal. Das ist langweilig. Und in der Machart auch in meinen Augen völlig daneben.
Dieser Film ist in sich völlig zerrissen. Einerseits spricht er Kinder auf die dümmste Weise an, die man sich vorstellen kann und erinnerte mich zeitweilig an das Rumgehopse von Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po (haha), dem sich Erwachsene kaum aussetzen können (warum läuft der Film dann in den Spätvorstellungen?) und trägt auch mit selten-dämlichen Synchronisationsversuchen auf, die eher an sprachliches Unvermögen grenzen und im Geiste leicht debil klingen. Soll man dabei dann Spaß haben?
Nur weil das Studio mittlerweile verstanden hat, wie man überzeugend animieren kann, bedeutet das noch lange nicht, dass eine Story deshalb gut ist. Der Plot bzw. die Art, wie man die Story angegangen ist, war in meinen Augen auch völlig verfehlt. Hier trifft man nämlich eher den Geist exzellenter BBC-Dokumentationen und hat – um dieses Gefühl beim Zuschauer noch zu unterstützen – auch gleich mal die gleiche Synchronstimme an Bord geholt, damit man wirklich meint, man schaue gerade Planet Erde. Die geistigen Ausflüge und unterschwellige Intelligenz dieser Geschichten reicht so weit in den bei Kindern nicht vorhandenen Intellekt-Bereich hinein, dass sie damit rein gar nichts anfangen können dürften.
Damit hat man nun einen Film, der permanent zwischen “dummes Kind” und “mega gescheiter Erwachsener” hin und her switcht und das ist absolut nervig! Warum man hier nicht auf einen kontinuierlichen Plot setzen oder sich wenigstens auf eine der beiden Erzählweisen fokussieren konnte, ist mir völlig schleierhaft.
Auch die Machart begeistert beim ersten Take, der im Wechsel zwischen Real-Life und Animation einen hervorragenden Übergang geschaffen hat, doch bereits ab Minute zwei bekommt man das Gefühl, die Macher hätten einen neuen Filter im Schnittprogramm gefunden und würden diesen jetzt über alle Maßen ausreizen und in jeder nur erdenklichen Situation und Lage anwenden, um zu zeigen, dass das wirklich mit jeder Bildeinstellung geht.
Und sowas ist für mich kein gelungenes Movie, sondern einfach nur schlechte Arbeit. Die Story ist langweilig und debil, das Einfangen des Herzens schlägt völlig fehl und die permanenten Wechsel erinnern eher an unfähige YouTuber als an ein Label, dass sich zum Weltmarktführer aufschwingen will, indem es einfach alles rund um sich aufkauft.
Und wer jetzt noch damit ankommt, dass Disney hier wenigstens frauenrechtlich alles richtig gemacht und in Sachen “gendern” ein Vorbild sein will, dem ist nicht mehr zu helfen. Denn selbst diese misslungenen Interpretationsversuche sind eher peinlich und lassen ganze Völkerscharen im Kino facepalmen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wenn’s Disney anfasst, geht’s kaputt?!?
Das könnte man zumindest meinen, wenn man sich die jüngsten Eigenversuche des Giganten anschaut. Der Film ist in meinen Augen ein völliger Griff ins Klo, weil er sich nicht bei der Zielgruppe entscheiden kann und viele wesentliche Aspekte des modernen Kinos nicht verstanden zu haben scheint. Einzig beim Nachspann kommen dann leichte Intelligenzerscheinungen zutage, die aber die Hälfte der Zuschauer kaum mitkriegen dürfte, weil die schon längst beim ersten Abspannwort aufgesprungen sind und den Saal verlassen haben.
Rausgeschmissenes Geld – auf beiden Seiten der Leinwand.

 
Nachspann
✅ darf bis zur Mitte abgewartet werden, danach folgt nichts mehr.
Kinostart: 16. August 2018

Ostwind – Aufbruch nach Ora

Nachdem ich hier bereits meine “große Freude” an dieser Filmreihe bekanntgegeben habe, hatte ich natürlich “wahnsinnige Lust”, mir dieses von frevelhaftem Deutsch durchzogene Nachfolgewerk im Kino anzuschauen.
Und sorry, ja, ich bin spät dran. Zu spät.
Und sorry für meine Vorurteile. Ich entschuldige mich zutiefst bei den Machern, denn mit dem dritten Teil der Ostwind-Verfilmungen hat man mich gelinde gesagt extrem vom Kinosessel gehauen!
Die Verniedlichungen sind weg. Alle. Das ist kein Kinderfilm mehr, sondern höchster Anspruch auf Erwachsenen-Niveau, der nicht nur metaphysische Gipfel erklimmt, sondern mit einer Tiefgründigkeit aufwartet, die mehr als erstaunlich ist!
Probe gefällig? Dann zappt allein mal in den Soundtrack des Films (Ostwind – Aufbruch nach Ora – “Opener” reicht da schon fast als Track) rein und macht eure Augen dabei zu. Was seht ihr?
Ich sehe keinen Kinderfilm mehr (auch wenn die Spielzeiten das vermuten lassen). Ich sehe großartiges Kino, wohl bedacht, mächtig, mit Tiefgang und Eleganz, ein Epos. Und genau das ist Ostwind – Aufbruch nach Ora auch: Ein mit Menschlichkeit durchzogener Strang einer Geschichte, die für Kinder erzählt anfing und eine tränenbringende Wendung angenommen hat, die mich zutiefst im Herzen erschüttert.
Ich schreie vor Verzweiflung und Ergriffenheit, wenn der Soundtrack in meinen Ohren dröhnt und die imposanten Bilder des Films in seiner glanzvollen Pracht in meinem Kopf nachhallen, während ich ungeduldig darauf warte, dass dieser Film wieder und wieder über die Leinwand flimmert und ich mich erneut in den Fluten dieser von Niedergeschlagenheit und Ernsthaftigkeit durchzogenen Welt verlieren kann und als stiller Begleiter der Hauptdarstellerin durch die Wesenszüge gleite, die dort sanft umspielt, ernsthaft untermauert und mächtig durch den Boden krachend in die Welt posaunt werden.
Das hier ist kein “Wir sind kleine Hippies, die Pferde anhimmeln” mehr. Es ist so viel größer. So viel ehrbarer. So viel imposanter und mächtiger, dass man längst das Genre verlassen muss, weil Kinder nur noch die nette Beigabe sind, die man außerhalb als Entschuldigung braucht, um sich als Erwachsener ein Bild davon machen zu dürfen.
Und sobald man im Saal sitzt und all die bunten, quietschenden Trailer vorbei sind, landet man in einem Emotionsstrudel, der vor Ernsthaftigkeit und Harmonie nur so sprudelt. Man fiebert. Man weint. Man leidet. Und da ist absolut nichts mehr von dem ursprünglichen Hass des Nichtskönnens oder irgendwelcher Sprache. Oder typisch-deutscher Blödheit. Nichts.
Herrschaft, ich seh kaum noch, während ich diese Zeilen schreibe, weil sich meine Augen bereits beim Klang wieder mit Wasser füllen…
Wie konnte man zwischen zwei Filmen so schnell “erwachsen” werden? Wie konnte man aus einer fast schon “Lachnummer” etwas so dermaßen großartiges werden lassen? Ich bin immer noch beeindruckt und wünsche jedem sehnlichst, dass er meine Worte versteht und sich tatsächlich auf den Weg macht und sich den Film im Kino anschaut.
Denn Kino ist der einzige Ort, wo diese präsente Wucht auch gebührend rübergebracht werden kann. Nicht umsonst landete die Ausstrahlung im größten Saal, der dem Film überraschend angemessen war.
 

.kinoticket-Empfehlung: Überwindet euren Stolz und traut euch in diesen Film.
Er ist für Erwachsene fast besser geeignet als für Kinder, denn nicht nur die Charaktere sind älter geworden, sondern die Story bezeugt eine derartige Reife, wie sie manch andere – an Erwachsene gerichtete – Filme vermissen lassen.
Mich hat’s zutiefst beeindruckt (und dabei meine ich nicht nur, dass man sich von der üblichen Schmalzigkeit deutscher Filme gelöst hat).
Absolut sehenswert – und dieses Prädikat auch mehr als verdient bekommen!
Reingehen!

 
Nachspann
Nicht gleich aufspringen. Es endet langsam.
Kinostart: 27. Juli 2017

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