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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Anschlag

Stronger

Wir bleiben im echten Leben und befassen uns mit einer weiteren Persönlichkeit, die es international zu einiger Berühmtheit geschafft hat, auch wenn die Ereignisse dazu höchst tragisch sind.
Letztens gab es schon einmal so einen Film dazu (klickt nicht, wenn ihr euch nicht spoilern lassen wollt), den ich nicht wirklich gelungen fand und der auch hierzulande allgemein nicht sonderlich gut ankam.
Stronger schildert nun eben jene Ereignisse erneut, nur aus einer völlig anderen Sichtweise, der es meiner Meinung nach wesentlich besser gelingt, die menschliche Komponente zu behalten und tatsächlich direkt in das Leben der Betroffenen einzusteigen.
Natürlich wird man auch hier wieder erschlagen von amerikanischem Patriotismus und es braucht jede Menge Kulanz gegenüber dieser kulturellen Eigenart, die man sich in Deutschland oft weg wünscht. Ohne diese Dinge würde der Streifen aber – zumindest in Amerika – gar nicht funktionieren.
Das Pathos, das man bei solchen Filmen in der Moral erwartet, wirkt längst nicht so übertrieben und abgedreht, sondern erstaunlich bodenständig und unaufgeregt, was mir persönlich den Film sehr sympathisch machte.
 

.kinoticket-Empfehlung: So umwerfend, dass man ihn unbedingt gesehen haben muss, fand ich ihn jetzt nicht.
Wer sich allerdings mit den Ereignissen von 2013 erneut auseinandersetzen und diesmal nicht von der Leinwand herab enttäuscht werden will, dem sei dieser Streifen wärmstens empfohlen.
Gyllenhaal und Maslany liefern beide tolle Shows ab und mit dem überbordenden Patriotismus, der diesen Dingen folgt, muss man sich halt einfach abfinden.

 
Nachspann
braucht nicht ausgesessen zu werden, es folgt nichts mehr.
Kinostart: 19. April 2018

I, Tonya

Fangen wir mal mit dem Titel an: Der führt zurück auf das Werk “I, Caesar – The Rise & Fall of the Roman Empire“, was bereits viel über das hier vorliegende Werk aussagt – und zwar nicht nur in punkto zynischer Schärfe, die man grundsätzlich und allgegenwärtig im Film spürt.
Regisseur Craig Gillespie, der sich eigentlich schon aus dem Filmbusiness verabschieden wollte, gelangte an die wahre Story über die Eiskunstläuferin, die als erste amerikanische Athletin den Dreifach-Axel gesprungen ist und war fasziniert von ihrer Geschichte, die damals von den Medien bis zum Tode ausgeschlachtet wurde.
Er begab er sich nicht nur auf die Suche nach den wahren Persönlichkeiten, um sie allesamt vor der Kamera zu interviewen, sondern durchstöberte auch die zahlreichen Quellen auf YouTube und online, die ihm quasi als Quell freudiger Erinnerungen gefüllt mit jeder Menge authentischer Beweise zusprudelten.
Margot Robbie ihrerseits hatte – wie ich im Übrigen auch – von der Originalstory recht wenig mitbekommen und dachte beim Lesen des Drehbuchs an eine fiktive Geschichte und war fasziniert über die skurrilen Zusammenhänge und Kreativität, der sich die Drehbuchautoren scheinbar bemächtigten.
Tatsächlich ist bei ihnen aber rein gar nichts aus den Fingern gesaugt, sondern basiert alles auf den Erzählungen dieser Interviews und kommt damit quasi aus erster Hand. Gut so, denn hier sollte nicht einmal mehr der mediale Schlachtruf posaunt und daraus noch eine Melk-Kino-Kuh zum Tode geführt werden, sondern man wollte dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Sachlage nicht durch die Brille der Medien bewerten zu müssen, sondern sich ein eigenes Bild davon verschaffen zu können, was damals wirklich passiert ist.
Die echte Tonya Harding war in den Dreh bereits involviert und lobte u.a. Margot Robbie für ihre natürliche und realistische Darstellung ihrer Person – was ja auch schon viel heißt. Unsereiner kennt sie vielleicht eher als Harley Quinn aus Suicide Squad oder aus dem Film The Wolf of Wall Street, der sie zu internationaler Bekanntheit führte.
Man sagt – und das zu Recht – dass diese Rolle hier die ihres Lebens sei. Und man spürt es. Ich habe nach der Vorstellung mit einem Eiskunstschnellläufer gesprochen, der mir die Szene und den Sport an sich etwas beschrieb und er meinte, dass alles, was im Film gezeigt wird, tatsächlich sehr nah an der Realität ist und in diesem Sport genau so vorgegangen wird, wie im Film gezeigt.
Meine Frage, was er als “inszeniert” bezeichnen würde, beantwortet er damit, dass die echte Harding wohl eher weniger provokativ gewesen sei und nicht ganz so forsch in ihrem Auftreten, es Robbie aber sehr gut geschafft hätte, ihre Persönlichkeit zu imitieren.
An den Regeln und dem Drumrum würde er gar nichts ändern, denn das sei genau so, wie es damals gewesen ist. Und tatsächlich hat der Regisseur auch auf sehr viele Originale zurückgegriffen und konnte sich viele Dinge aus den Aufzeichnungen zusammenholen, um sie anschließend in diesen Film zu packen, der sich von menschlicher Seite aus an die Story annähert und damit ein wunderbares Bild – ja fast schon den Traum einer Berichterstattung – liefert, dass wir wohl in den Medien auch in 100 Jahren nicht zu sehen kriegen werden.
 

.kinoticket-Empfehlung: In meinen Augen ist der Coup definitiv gelungen und es ist keine breiige Aufwärm-Gülle, die uns hier vorgesetzt wird, sondern erstklassige Kunst, ein so ausgeschlachtetes Thema oscarwürdig zu präsentieren.
Auch wenn man dem Sport nichts abgewinnen kann, sollte man sich die Mühe machen und den Film sehen, denn schon der Sarkasmusanteil ist allein einen Besuch im Kino wert – und bislang hat noch niemand gesagt, dass ihn dieser Film enttäuscht hätte.

 
Nachspann
Zeigt die echten Szenen von damals und beweist, wie akkurat und präzise sich Robbie dieser Thematik gewidmet hat.
Kinostart: 22. März 2018

American Assassin

Normalerweise kennen wir Actionfilme dieser Art mit Jason Statham oder früher Bruce Willis, deren Alter aber schon weit über dem Zenit dessen ist, was die Filmemacher dem Hauptdarsteller hier zumuten möchten.
Michael Cuesta startet daher seinen neuesten Kinostreich mit einem entsprechend jungen Hauptdarsteller mit dem Plan, diesen mit seiner Rolle altern zu lassen. Was man da rein interpretieren möchte, sei nun jedem selbst überlassen: Ob wir demnächst einfach weitere Teile dieser gestarteten Noch-Nicht-Filmreihe sehen werden oder man sich daran versucht, eine neue Moviemarke auf der Welt zu etablieren, die ähnlich The Fast & The Furious in kommenden Jahren immer mehr abwirft, oder man sich einfach nur weitere Optionen für kommende Verfilmungen offen hält, sei dahingestellt.
Tatsache ist, dass wir mit American Assassin definitiv am Anfang von etwas stehen, dass ich mal als grundsolides Action-Unterhaltungskino bezeichnen würde. Dylan O’Brien, den viele vielleicht eher aus den Maze Runner-Filmen kennen werden, widmet sich in dieser Buchverfilmung auf ehrliche und lockere Weise einem immer ernster zu nehmenden Thema ohne dabei zu sehr auf moralische Konsequenzen hinzuweisen, sondern die drohende Gefahr eher durch subtilen Optimismus und offensichtliche Satire zu untergraben.
Und der Plan geht irgendwie auf: Man fühlt sich zeitgeschichtlich an die Aktualität angeknüpft, ohne dazu aufgefordert zu sein, sich mit Martyrien den Kopf zuzupflastern, was die Lösungen für etwaige Probleme angeht. Stattdessen verschwindet der Geist wieder in die Unterhaltungsbranche des Kinos und überlässt die Welt da draußen für knapp zwei Stunden sich selbst.
Und dieses “Loslassen” tut extrem gut. Den Film darum zum Beispiel im Rahmen eines Männerabend zu präsentieren, ist in meinen Augen die exakt richtige Entscheidung, denn da würde auch ich ihn verankern. Und an die Gleichheitsgeier da draußen: Auch Frauen sitzen in solchen Vorstellungen – nur eben mit den richtigen Erwartungen dazu ^^.
Hier zählt nämlich einfach nur: Bombastische Action, spannende Stunts, kein zu blöder Twist und einen Helden, den man sich durchaus zum Vorbild nehmen kann, auch wenn dazu das extrem junge Alter doch noch einige Hürden in den Weg wirft. Aber nach oben steht ja wie gesagt noch alles offen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Bierchen in die Hand, Feierabendstress im Foyer abgeben und einfach einen tollen Film genießen, der Unterhaltung, Spannung, klasse Wendungen und fundierten Witz enthält, ohne dabei über sich selbst hinauszuwachsen und das Hirn zu sehr zu fordern.
Das Potenzial, diese Story weiter auszubauen, ist definitiv gegeben und wer von Anfang an dabei sein will, sollte jetzt die Chance nutzen und den Start davon in einem Kino erleben, dass sich nicht davor scheut, hier und da auch mal die Wände erzittern zu lassen.
Jason, du kriegst Konkurrenz.

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet zu werden, der Vorgeschmack ist bereits im Filmende integriert.
Kinostart: 12. Oktober 2017

Detektiv Conan – Der purpurrote Liebesbrief

Mein Bezug zu Animes sieht folgendermaßen aus: Vor Jahren hat mich ein Kumpel nach einer 4tägigen Dauerwachphase mal gefragt, ob ich Neon Genesis Evangelion bereits kenne, was ich verneinte. “Dann musst du dir unbedingt noch eine Folge anschauen, bevor du ins Bett gehst.”
Ihn dazu zu überreden, mit mir zu schauen, war aufgrund seines Unvermögens, noch länger wach zu bleiben, schlicht unmöglich, ich hab mich jedoch breitschlagen lassen und bin nach allen 26 Folgen in japanischer Sprache mit englischen Untertiteln dann auch endlich ins Bett.
Danach habe ich immer wieder mal die Fühler nach Animes ausgestreckt und niemals mehr eine solche Verbundenheit und Nähe empfunden, wie es bei Neon Genesis Evangelion der Fall war.
Seitdem sind Jahre vergangen. Mittlerweile (oder früher auch schon? Und ich hab es nur nicht registriert?) zelebriert man seine Lieblingsserien ja inzwischen auch in Filmform im Kino und manche Ketten haben dazu extra wiederkehrende Events eingerichtet, die genau diese Klientel ansprechen.
Und wenn’s im Kino läuft, interessiert’s jemanden wie mich, also bin ich hin und habe hier und da wieder neue Erfahrungen mit den japanischen Animationen gemacht.
Manche haben mich erneut ergriffen (One Piece Gold zum Beispiel), andere haben mich eher weniger tangiert. Bei Detective Conan kenne ich weder das Serienvorbild noch habe ich je vorher etwas davon gehört oder konsumiert, es war also ein Sprung ins kalte Wasser.
Der mächtig erfrischt hat! Die Story, die Zeichnung, die Charaktere und das Thema haben mich dermaßen fasziniert und ich war so begeistert von dem Film, dass ich mich hinterher tatsächlich in die Stores aufgemacht und Ausschau nach mehr gehalten habe.
Und es gibt mehr. Viel mehr. Dies ist bereits der 21. Kinofilm, der eine luftig-lockere Erzählweise und einen dazu gegensätzlich straffen, unnachgiebigen Eifer hat, mit der die Protagonisten an ihre Sache rangehen. Und diese Mischung funktioniert exzellent. Es gibt kaum Szenen, in denen der Plot nicht vorangetrieben, die Darsteller nicht weiter preschen und somit Langeweile vorbeugend verhindert wird. Auch die “Größe”, die man hier auffährt, hat längst nichts mehr mit einer günstigen TV-Produktion zu tun, sondern bewegt sich vergleichsweise auf Blockbuster-Niveau.
Nach dieser Vorstellung hat sich nun eine weitere Marke in mein bisher noch recht leeres Anime-Verzeichnis geprägt, nach der ich auch in Zukunft weiterhin Ausschau halten werde, um einfach dann und wann mal wieder in diese Welten abzutauchen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Höchst professionelle Auseinandersetzung mit Teilen der japanischen Kultur, in die die westliche Welt kaum Einblicke hat, insofern man dem Land nicht selbst einen Besuch abstattet.
Das Rätselraten macht Laune und der pointierte Witz macht extrem Lust auf mehr.

 
Nachspann
Sitzenbleiben – hier läufts weiter bis zum Schluss und darüber hinaus.

Jackie

Jackie zählt sich zu den Filmen, die eine politische Persönlichkeit in den Vordergrund stellen und somit über Ereignisse berichten möchten, die von den Medien bereits zu den aktuellen Momenten bis aufs Äußerste von allen möglichen Seiten beleuchtet wurden. Hier Spannung aufbauen zu wollen oder eine reißende Geschichte zu inszenieren, wäre von vornherein die falsche Herangehensweise. Das macht es dem Regisseur und allen Beteiligten zusätzlich schwer, einen Film abzuliefern, der im Kino fruchtet und den Zuschauer überzeugt.
Dass Jackie beides auf seine Weise beherrscht, inkludiert bereits das Poster des Films, auch wenn ich mich persönlich sehr schwer damit getan habe. Über den Inhalt braucht man nicht viel verlieren, den kennt jeder Mensch in den hintersten Winkeln bereits in und auswendig. Demnach entscheidet viel mehr das sensitive Sein um die Fakten drumrum, die aus dem Film eine lebendige Seele kitzeln wollen und mit selbiger den Zuschauer erreichen.
Pablo Larrain hat sich hierbei für eine Methode entschieden, die oft zwischen den Zeiträumen hin und her wechselt und somit der Erzählung insgesamt einen eher dokumentarischen Touch verpasst, den man z.B. aus Gimme Danger oder Amy kennt. Ob dies nun der richtige Weg gewesen ist, vermag ich an dieser Stelle zu bezweifeln, denn nicht nur ich hätte mir viel mehr eine chronologischere Abfolge gewünscht, wie wir sie beispielsweise bereits bei Die Eiserne Lady bekommen haben.
Natalie Portman hat auf jeden Fall alle benötigten Fähigkeiten dazu, um diesen Film auch in dieser abgeschnittenen Weise durchweg zu tragen und durch ihre unglaubliche Performance das Leben dieser Frau in allen Facetten zu zeigen. Und ich bin mir sicher, dass dies auch in einer viel softeren, chronologischen und vor allem emotionaleren Version funktioniert hätte.
Man mag sich darüber streiten, ob die Stilmittel des Regisseurs nun gleichzeitig das Bild dieser Frau widerspiegeln und man mit dem Einsatz der Musik ihre Gefühlslage portraitiert, die den Zuschauer gleichermaßen immer dann wieder aus dem Konzept reißt, wenn dieser anfängt, sich langsam mit der Story anzufreunden und der ganzen Sache Sympathie abzugewinnen.
Nicht nur deshalb hab ich mich unglaublich schwer damit getan, in diese Story einzutauchen und empfand es eher als extrem trockene Kost, die schwer verdaulich ist – allerdings auch ein emotional schwer verkraftbares Ereignis ausleuchtet und die innere Zerrissenheit dieser Frau aufzeigen möchte.
Mit Sicherheit findet der Film seine dankbaren Abnehmer und landet in politisch interessierten Kreisen auf den Rankings weit oben, nicht zuletzt wegen Portmans Darbietungen, allerdings sollte man sich beim Schauen immer dessen bewusst sein, dass das hier ein Drama und kein Freudenfeuer ist und man eine zutiefst erschütternde Story aufgerollt bekommt, die aus einer Warte heraus beleuchtet wird, die bislang nicht die erste Wahl der Berichterstattung gewesen ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Unglaublich harte, teils trockene Kost in einem Genre, dass sowieso kaum Emotionen zulässt und es darum auf dem allgemeinen Markt extrem schwer haben wird.
Wer sich speziell für Politiker interessiert, bekommt hier natürlich einen heißen Braten vorgesetzt, der historisch-wichtige Ereignisse wunderbar umreißt, jedoch hat mir persönlich die gewählte Art der Erzählung kaum zugesagt und eher Entsetzen abgerungen als emotionale Sympathie mit den Menschen aufgebaut, um die es ging.
Man sollte sich definitiv vorab informieren und evtl. auch Filmausschnitte gesehen haben, damit man am Schluss nicht enttäuscht von dannen zieht.

 
Nachspann
folgt keiner mehr, nach der Abblende darf man sich also wieder nach draußen verziehen.
Kinostart: 26. Januar 2017

Boston

Genau wie auch schon bei Sully kommt hier wieder eine Verfilmung, die nicht durch trickreiche Plot-Twists brillieren kann, da die Geschichte bereits landesweit durch die Medien gegeistert ist und so ziemlich jeder aufmerksame Nachrichten-Verfolger durchaus weiß, zu welchem Ende diese Story führt.
Sofern schließt das von vornherein schon mal alle Politik- und Weltgeschehen-Interessierten aus, hier einen durchaus spannenden Film zu sehen, der eine unglaubliche Geschichte wiedergibt und verarbeitet. Da man sich seitens der Macher dieses Umstandes auch ganz und gar bewusst zu sein schien, hat man sich auch von vornherein gar nicht erst die Mühe gemacht, hier irgendwas zu verschleiern oder mit Überraschungsmomenten aufzutrumpfen, sondern erzählt relativ bodenständig und souverän den Hergang aus allen möglichen Blickwinkeln.
Dies baut eine mehr oder weniger gelungene Handlungsverzweigung auf, da die Schauspieler hier nicht durch übermäßiges Talent glänzen, sondern halt einfach ihr Ding machen und man sich auch nicht großartig Zeit dafür nimmt, die Charaktere mit emotionaler Verbundenheit aufzuladen, sondern die einzelnen Stränge mehr oder weniger abfrühstückt.
Insgesamt hat sich mir der Anfang des Films als viel zu langwierig, wenig patriotisch und langatmig präsentiert, so dass ich glaube, dass durchaus das Gros der jugendlichen Kinozuschauer hier ihre Schwierigkeiten mit dem Film haben könnten.
Gegen Ende des Films wird es dann tatsächlich etwas besser. Es kommt mehr Drive in die Sache, die Erzählgeschwindigkeit wird durch mehr Actionmomente angehoben und die Anforderungen, die man aus den Szenen, die im Trailer angeteasert wurden, erwartet, werden zumindest entschädigt.
Dass man am Ende sehr gefühlvoll seine Respektsbekundung äußert, hier aber auch kein heroisches Denkmal menschlicher Interaktion aufträgt, lässt Zweifel am Originaltitel aufkommen (Patriot’s Day).
Dennoch war Wahlberg besser in seiner Rolle als der Trailer vermuten ließ und machte im Film durchaus seine Sache vorbildlich. Allerdings sehe ich auch viel Enttäuschung auf Seiten der Kundschaft, denn im Kino erwartet man irgendwo Spektakuläres, Spannung, Interessantes und irgendwo auch Schnelligkeit, die in einer Zeit, wo man nicht mit dem ersten Moment an sofort Aufmerksamkeit erzeugen kann, weil man anschließend über die Facebook-Timeline weggewischt wurde, geradezu überlebenswichtig für den Film ist.
Das Publikum sehe ich hier also eher in denen, die bei den Geschehnissen live dabei waren, evtl. sogar persönlich betroffen sind oder einfach die Zeit mit anderen gemeinsam neu aufarbeiten möchten.
 

.kinoticket-Empfehlung: Man sollte entweder völlig unvoreingenommen an die Sache rangehen und hier auch absolut keine Ahnung von den Geschehnissen aus dem Jahr 2013 haben, um im Kino dann eine überraschende Story geliefert zu kriegen.
Ansonsten bekommen man hier die aufgearbeitete Version der Vorfälle am 15. April geliefert, die die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln darstellt und hier nicht mit sonderlich packender Erzählweise vermittelt wird.
Der Anfang ist zäh, gegen Ende wird es besser – Wahlberg ist insgesamt klasse, jedoch fehlt mir persönlich einfach das gewisse Etwas, um diesen Film tatsächlich großartig sein zu lassen.

 
Nachspann
kommt nichts mehr. Rausgehen erlaubt.

Bastille Day

Was den Film ganz von Anfang an prägt, ist seine unglaubliche Liebe zur Natürlichkeit. Alles, was man auf der Leinwand sieht, sprudelt förmlich vor “Das könnte genau so neben meiner Haustüre passieren” und entsagt jeglicher aufgepumpter, amerikanischer Patriotismus-Heldenmanier, die in vielen Blockbustern als Publikumsmagnet genutzt wird. Dieser Titel ist für mich in allen Facetten und Formen ein unglaublich starker Vorbildgeber für jeden Tatort, der mit all seinen Mitteln und Facetten versucht, die Menschen zu unterhalten und neben Bastille Day einfach sang- und klanglos untergeht.
Hier wurde Action-Thriller-Geschichte der besonderen Art geschrieben, die weniger auf die CGI-überladene Zukunft des Kinos als vielmehr in Richtung der 70er ausgerichtet ist, wo den Filmen und Charakteren innerhalb selbiger noch die verschiedensten Eigenschaften zugesprochen wurden, die sich im Laufe des Plots entweder erhärteten oder veränderten.
Hier schickt man gleich drei dieser wichtigen Schlüsselfiguren ins Rennen und bastelt darum eine Geschichte, die nicht nur sensationell unterhält, sondern auch zeitgeschichtlich wahnsinnig aktuell ist und einmal mehr die tief strukturierte Flucht in die Abgründe von Macht und Korruption offenbart. Dieser Coup ähnelt einer Jagd nach der Wahrheit, über die die Öffentlichkeit falsch und unter Anwendung von viralen Hypes bewusst desinformiert wird, so dass der normale Bürger eine gänzlich falsche Auffassung von politischen und kriegerischen Handlungen erhält und entwickelt und darauf basierend der Gefahr von Falschinformationen ausgesetzt ist, die zu völlig surrealen Resultaten in der öffentlichen Wahrnehmung führen.
Dass die Macher alles daran gesetzt haben, immer möglichst nah auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und nicht durch überzogene CGI-Unterstützung die Plattform der Realität zu verlassen, zeichnet diesen Streifen mehr als deutlich aus.
Was auch im Gespräch mit anderen Kritikern offenbar wurde, ist, dass auch in breiterer Reihe die urtümliche Geschichte eher als etwas “lächerlich” (falsches Wort) wahrgenommen wird, da die Ideen hier zwar toll sind, jedoch etwas unwirklich und aufgesetzt wirkten, die Umsetzung derselben aber auf wahnsinnig hohem Niveau stattfindet und somit das Manko der Überzogenheit an einigen Plot-Stellen sehr wohl vergeben werden kann, weil die Arbeit rundherum einfach kritiklos passt.
Genau so war auch mein Empfinden, denn ich hätte mir diese Art “Jagd” auch lieber in einer abendfüllenden, gigantischen Show im Fernsehen gewünscht, die sämtliche Fernsehfilme in den Schatten stellt und dem Zuschauer einfach wahnsinnig hochwertige Kost in die Wohnzimmer liefert. Dafür ist Bastille Day allerdings viel zu wertig, um es einfach im TV abzuspulen und dann auf verschiedensten Kanälen verkommen zu lassen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer sich in den 70ern gerne Filme mit Esprit und personell-strukturiertem Charme angesehen hat, die nicht nur überragende Bilder, sondern auch hervorragende Entwicklungen parat hatten, der wird sich mit Bastille Day in vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen und kann erneut den totalen Charme dieser Kinoepoche wieder ausleben und genießen.
Fernsehproduktionen können sich nicht nur vorbildliche Inspiration abholen, sondern auch gleich lernen, wie richtig gute Unterhaltung funktioniert, bei der auch die Massen an die Stühle gefesselt werden ohne dabei auf den Geist von Profiltiefe und Sinn hinter dem ganzen zu verzichten.
Dass hier dann auch noch extrem wichtige Aspekte unseres gesellschaftlichen Lebens angesprochen werden, ist für mich die Kirsche auf der wahnsinnig wohlschmeckenden Sahnetorte, die den Film zu einem sehenswerten Event macht, das man sich als Kinoliebhaber auf keinen Fall entgehen lassen sollte.
Schnappt eure Partner/innen, ladet die Eltern und Freude ins Auto dazu und macht euch auf den Weg, um euch diesen Film gebührend anzusehen – es lohnt sich!

 
Nachspann
spielt nur die üblichen Infos durch und liefert keine weiterführenden Szenen oder Bilder.
Kinostart: 23. Juni 2016
Social: https://www.facebook.com/StudiocanalGermany

Der Spion und sein Bruder

Sacha Baron Cohen ist für viele ein heißes Eisen. Was man mit Gewissheit sagen kann: Seine Filme sind kritisch, schwer verdaulich und mit Sicherheit nichts für die breite Masse.
Sein Humor verlangt, dass man sich mit seiner Art, Filme zu machen, auseinandergesetzt hat und der Übertriebenheit seines Stils etwas abgewinnen kann. Cohen nimmt kein Blatt vor den Mund und ihm ist nichts zu peinlich, was er in seinen vergangenen Werken nur allzudeutlich zu erkennen gegeben hat.
Worum viele mittlerweile einen Bogen machen, entwickelt sich für mich neuerdings zu sehnsüchtig erwarteter Kost, da ich die Andersartigkeit nicht nur als erfrischende Abwechslung in einem immer größer werdenden Pott von mainstreamiger Langweiligkeit begrüße, sondern ihn langsam beginne, zu verstehen.
Klar rollen sich einem bei manchen Szenen die Fußnägel des guten Geschmacks undurchtrieben nach oben, jedoch ist die teilweise unerträgliche Ehrlichkeit und Geradlinigkeit seiner Machart derart sympathisch, dass man ihm auch grobe Schnitzer bereitwillig verzeiht und sich mit zunehmender Zeit immer leichter auf diesen Schmarren einlässt.
Und ist dieser Grad des guten Geschmacks einmal seicht umsegelt, hat man in der Vorstellung jede Menge Spaß.
Das Problem sehe ich hier wiederum eher in der üblichen Art, die Leute in diesen Film zu bewegen, denn hätte ich nur den Trailer zur Verfügung gehabt, wäre dieser Titel auch als eher unspannend von mir abgetan worden. So aber kam ich in den Genuss einer exklusiven Preview, die durch die zusammenhängenden Szenen dann eher den Geist des Films offenbart und das anfangs falsche Trailerbild wieder zurechtgerückt hat.
Und zusammenhängend macht das Werk dann nämlich auch richtig Freude – wenn man sich darauf einlässt. Was man aber auf keinen Fall erwarten darf, ist leichte Unterhaltung, die sich mit anderen Filmen vergleichen lässt. Diesbezüglich hat Cohen längst sein eigenes Genre erschaffen, in dem er genauso aufblüht, wie ein Tarantino es gleichermaßen in seinem Umfeld tut. Davon zeugen nicht nur teils wirklich akribische, höchst professionell gefilmte Szenen wie hier am Anfang, mit denen er unlängst bewiesen hat, dass es ihm mit der ganzen Sache durchaus todernst ist.
Ein Unikat, und ich möchte schon fast sagen, ein unterschätztes Genie in Hollywood, dem man auch in Zukunft sehr genau auf die Finger schauen sollte. Diesen oberflächlich wirkenden Blödsinn tatsächlich als solchen abzutun wäre definitiv ein riesengroßer Fehler.
 

.kinoticket-Empfehlung: Sich vorher andere Filme von Sacha Baron Cohen angesehen zu haben, ist definitiv kein Fehler.
In einem eigens von ihm geschaffenen Genre blüht er auch hier wieder mit Können und ungeniertem Talent auf und unterhält auf sehr schwierigem Niveau. Ein Film für die Masse ist das nicht. Dass man es deswegen aber mit nicht sehenswertem Material zu tun hat, bedeutet dieser Umstand ganz gewiss nicht.
Reingehen, wenn man einen seiner vorherigen Filme auch nur annähernd mochte.

 
Nachspann
Auch wenn es schwer fällt: Sitzenbleiben. Nicht nur, bis die Sequenzen im Abspann durch sind, sondern bis ganz zum Schluss. Der Vorhang geht nochmal auf.

James Bond 007: Spectre

Heiß herbeigesehnt, mittlerweile von Millionen Menschen bereits gesehen: Hier kommt nun endlich die lang gewünschte Rezension zu James Bond 007: Spectre.
 
Dass James Bond in einer anderen Liga agiert als alle anderen Filme, wissen wir jetzt bereits seit 1962. Immer wieder wurde mit dem Schaffen seiner Filme gezeigt, dass man sich hier völlig aus dem sonst üblichen Blabla aus Hollywood ausgliedert und eine eigene, völlig vergleichsfreie Messlatte anlegt, an der all seine Filme zu bewerten sind. Kein Kritiker käme auf die Idee, einen Bond mit etwas anderem zu vergleichen – nicht nur, weil der Vergleichsfilm chancenlos absacken würde, sondern weil man mit Bond selbst keinerlei Ansprüche erhebt, vergleichbar zu sein.
Sind bei anderen Filmen die Auswahl der Darsteller mehr oder weniger nebensächlich, entwickelt sich das bei Bond schon fast zur religiösen Zeremonie, an der sich hinterher ganze Kulturkreise orientieren und wild darüber spekulieren, wer nun der bessere und wer der schlechtere Bond ist.
Ich bin ein Kind, das in den 90ern aufgewachsen und folglich mit Pierce Brosnan ganz grün geworden ist. Unschwer vorzustellen, dass ich mit der Verkündung von Daniel Craig anfangs wirklich meine Schwierigkeiten hatte, was sich nicht nur dadurch äußerte, dass ich mich vehement weigerte, mir seine Filme anzusehen.
All dies änderte sich mit Skyfall, den ich dann auch zum Anlass nahm, mir die vorherigen Craig-Streifen am Stück reinzuziehen, um wieder auf dem Laufenden zu sein.
 
 
Das Problem des Reboots
Mittlerweile sind wir beim 24. Bond-Film angelangt, was allein an sich schon unvergleichbar mit anderen Filmreihen ist. Nicht nur die Höhe des Budgets, das sich vom 1. Film mit 1.3 Millionen US$ mittlerweile auf unvorstellbare 300 Millionen US$ gesteigert hat, sondern auch die weltweite Bekanntheit und markenträchtige Schwere innerhalb unseres Planeten sind bis dato unübertroffen.
Mit Craigs erstem Film Casino Royale wurde ja irgendwie ein Reboot der Bond-Reihe eingeführt, was uns wieder zurück an die Anfänge des fiktiven Spions stellt und quasi den Schauplatz komplett neu eröffnet.
Und genau hieran stören sich meiner Meinung nach viele Zuschauer unserer Zeit: Wir sind viel zu Bond-verwöhnt, um uns wieder mit einfacheren Dingen zufrieden zu geben. Die Superlativen wurden bei jedem Bond-Film wieder und wieder ausgereizt und übertroffen, so dass man irgendwann in Höhen ankommt, die die Realität verlassen und beginnen, lächerlich zu wirken (was man dieses Jahr gezielt an Fast & Furious 7 erleben konnte: Geile Action, aber absolut übertrieben).
Genau auf diesen Zug wollten die Macher des aktuellen Films nicht aufspringen. All dies äußerte sich schon am Trailer, der eben relativ unspektakulär über die Leinwand flimmerte und im Prinzip nichts anderes sagen musste, außer: “Es gibt einen neuen Bond, geh rein.”
Und genau das tut die Menschheit: Sie geht rein. Nicht nur in Großbritannien (der Heimat des Spions) spielte der Film ein Rekordergebnis ein, sondern auch in vielen anderen Ländern dieser Welt hat er jetzt schon Rekorde gebrochen.
Die Mitarbeiter des Kinos und Security-Beauftragten haben sich hinterher mit mir darüber unterhalten und gemeint, dass viele negative Kritiken der Zuschauer laut wurden, dass die Richtung, in die sich Bond entwickelt, zu düster sei, zu unspektakulär, zu wenig witzig.
Mit Skyfall hat man in meinen Augen auch einen stimmungstechnischen Düsterness-Grad erreicht, der fast schon an The Dark Knight und dessen Größe erinnert und mit einigen Geschehnissen mächtig in der Welt von Bond aufräumt. Das finde ich jetzt aber nicht unbedingt schlecht, sondern sehe es eher als eine Art Auftakt in neue Gefilde, die unsere Zeit widerspiegeln und nicht krampfhaft versuchen, die 60er oder 70er mit ihrem authentischen Humor und spitzfindigen Charme in dieses Jahrzehnt zu kopieren.
Genau das rechne ich Craig hoch an: Er macht sein Ding (auch wenn er immer sagt, er will nicht) und kreiert eine neue Art von Bond, die eben nicht nur auf Witz und Humor aus ist, sondern sehr viel mehr auf Emotionalität geht und damit auch die menschlichen Züge des Spions zur Geltung bringt. In Spectre findet er langsam wieder zu sich, die Stimmung wirkt gelöster, lockerer – ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen, man spürt, dass er langsam Spaß am Agentenspiel zu haben beginnt, aber er ist sich seiner Sache klar und liefert ein Ergebnis, das wieder Lichtblicke in die Düsterness bringt, die man mit den vorherigen Streifen eingeführt hatte.
Gerade bei Charakteren wie Q oder M (meiner Meinung nach top besetzt) merkt man doch, dass irgendwo versucht wurde, Bond nicht altern zu lassen, damit noch genügend Spielraum für viele weitere Filme bleibt, in denen sich die Zuschauer suhlen und das Schauspiel genießen können.
Ob Craigs Unlust jetzt nun perfektes PR-Marketing (die Leute reden immerhin über ihn und Bond) oder tatsächlich wahr ist, sei dahingestellt. Fakt ist: Spectre bricht Rekorde und beweist damit, dass die neue Richtung, die man mit der geschichtlichen Bereinigung der Filmreihe begonnen hat, die richtige war.
 
 
Komposition, Sound, Atmosphäre
Spectre setzt hier ganz klar nicht auf Action, Superlativen-Hype oder anderes Imponiergehabe, sondern eher auf eine breitflächig solide Fundierung, die sich nicht zuletzt in den Tönen dieses Films widerspiegelt. Der Soundtrack (ich muss ihn haben!) und Score dieses Films zeigt einmal mehr, dass hier nicht nur Potenzial liegt, das ausgeschöpft werden kann, sondern man mit dem Komponieren der Musik selbst völlig neue Dimensionen erschafft, die man danach selbst erklimmt.
Die Trächtigkeit, das subtile Andeuten bekannter Melodien, die sich längst als eigene Marke in jedem Kopf dieser Welt fest eingebrannt haben, all das wurde wunderbar umschifft, umspielt und liebevoll in unsere Ohren gelegt und damit soundtechnisch eine Basis geschaffen, auf der sich Bond exzellent ausbreiten und seine Geschichte neu formieren kann.
 
Schau dir die Welt an: Chaos!
Dass Bonds Erlebnisse reine Fiktion sind, ist ja per Definition festgeschrieben. Dass sich die Macher mittlerweile aber nicht mehr nur an rühmlich erzählten Geschichten laben, sondern selbst zum Hinweisgeber aktueller Missstände mutieren, sei ihnen hoch angerechnet.
Einer der Punkte, die ich am aktuellen Film mehr als genossen habe: Die bitterböse, todernste Konfrontation mit aktuellen Problematiken, die im Sumpf der Verwirrung – angestiftet durch Medien, Politik und hirnbefreite Wutbürger – gerne mal im Tagesgeschehen untergehen. Szenen, in denen M spricht und Wahrheiten auf den Tisch legt, die sich jeder zu Gemüte führen sollte.
Während wir mit Asylpolitik, Flüchtlingen, Neonazis und Pegida, den Brüchen in der Einheit einer EU und anderen wichtigen Themen beschäftigt sein sollten, spielen sich hinter den Kulissen noch viel größere Themen ab – und die Welt geht ins Kino und schaut sich Bond an – ohne dabei hinzusehen. Und ich weiß nicht, was erschreckender ist: Die Realität auf der Leinwand und Offensichtlichkeit der Dinge, oder dass gerade das vom Zuschauer systematisch ausgeblendet wird mit der allzeit funktionierenden Lüge eines “Das ist doch nur Film”, denn genau das ist es nicht: Nur ein Film.
Spectre ist der wirtschaftlich perfekte Beweis einer Offenlegung dessen, was in unserer Zeit mehr denn je schief läuft und dringend von der breiten Bevölkerung mit Aufruhr und Erregung angegangen werden sollte, statt sich mit billigen Parolen abzugeben und hier und da ein bisschen “Meinungsfreiheit” daherzuplappern.
Dass genau dieses öffentliche Denken immer mehr in die Wirtschaft abrutscht, sieht man allein schon daran, dass bei der Werbung vor dem Film absolut jeder seine Hausaufgaben perfekt gemacht hat.
Im Ernst – ich hatte bereits während dem Werbeblock so meine Zweifel, ob es der Film hinterher noch bringt, ein noch höheres Niveau anzuzetteln, oder man hier gnadenlos in der Marketing-Perfektion versinkt. JEDER Trailer – selbst von vorher bekannten Produkten oder Diensten – wurde neu komponiert und glänzte mit einem hoch angesiedelten Niveau, das mich einfach nur erstaunt zurückließ. Es hatte fast etwas magisches und mir war bereits nach wenigen Minuten klar: Die Industrie hat ihre Hausaufgaben mehr als erledigt! Superbowl-Niveau!
Die Frage ist also: Bleiben wir dabei, passive Zuschauer zu sein und uns über Dinge aufzuregen, die schlichtweg belanglos sind, oder schließen wir uns als Masse den Gedanken an, die großartige Filmemacher auf die Leinwand schmeißen und damit nicht nur an unsere Menschlichkeit, sondern an Verstand, Vernunft und andere ethische Aspekte appellieren?
 
Der angekettete Löwe schreit, die wahre Macht aber liegt in der Ruhe!
Kritikpunkt der einen, Lobesangelegenheit von mir: Die offensichtliche Ruhe, mit der man hier ins Gericht zieht.
Jeder weiß, dass lautes Gebrüll oft nur die Vorankündigung von heißer Luft ist, wahre Macht besteht aus Ruhe und leisen Tönen. Und obwohl Spectre ein Werk ist, das nicht nur völlig neue Richtlinien in den Kinos und Köpfen der Menschheit setzt und sogar außerhalb vom Kino eine unglaublich wirtschaftliche Macht hat, wurde hier gezielt auf Ruhe gesetzt.
Leute, es gibt Szenen, in denen man als Zuschauer vor Respekt und Ehrfurcht erschaudert, in denen es völlig still ist. Genau diese machtschwangere, erhabene und überlegene Ruhe ist eines der Dinge, in denen sich Spectre mit Hingabe badet. Hier ziehen Soundtrack, Action-Anteil, Dialoge und Filmzeit gleichermaßen mit: Man wird geführt in eine neue Art von filmischer Gelassenheit, die das Wort “Größe” und “Gereiftheit” völlig neu definiert.
Und ganz anders als so mancher Wutbürger positioniert sich Bond hiermit auch wieder als ruhiges, gelassenes und reflektiertes Vorbild und zeigt, dass wildes Ausarten, hühnerhaftes Schreckgespenst-an-die-Wand-malen und andere Formen von künstlich herbeigeführter Panik wegen irgendwelchen Belanglosigkeiten nicht nur nicht erwachsen, sondern völlig unangebracht sind. Eine klar erteilte Rüge an Teile unserer Gesellschaft, ohne dabei mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern in erhabener Weise vorzuleben, wie es besser geht.
Und dafür meinen tiefsten Respekt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Mit Worten wie “Pflicht”, “Anschauen” und Co. brauche ich nicht um mich zu werfen: Das tut sowieso nicht nur jeder, sondern gehört zum guten Ton.
Was hier geboten wird, ist eine zu Recht rekordverdächtige Weiterführung einer neuen Ära Bond, deren Einzelheiten ich nicht nach nur diesem einen Film kritisieren und bewerten wollen würde.
Mein Tipp: Gebt Bond noch 5-6 Jahre, dann sind wir wieder auf einer neuen Hochblüte, in der wir alle gemeinsam über uns selbst hinauswachsen können und Werke erschaffen, die uns so richtig den Boden unter den Füßen wegknallen.
Spectre liefert dafür eine gelungene Grundlage, die noch lange keinen Anspruch darauf erhebt, selbst perfekt zu sein. Der Weg dorthin ist allerdings kein weiter mehr.

 
Nachspann
Die Musik …. schmacht …. und der obligatorische, fast schon verzichtbare Hinweis am Schluss … ach, bleibt einfach sitzen.

Big Game

Die Österreicher spielen verrückt und in Deutschland hört und sieht man kaum etwas davon, und das, obwohl unser Land maßgeblich mit an der Gestaltung und Schöpfung des Films beteiligt war.
In Big Game passieren gewöhnlichen Leuten ungewöhnliche Dinge. Der Film kommt mit einer frischen Prise aufkeimender Neuschöpfung eines Genres daher, das Kinder der 90er heute wohl schmerzlich vermissen dürften.
Der finnische Charakter, der dem Film innewohnt, zeugt in gewohnt-heimeliger Manier von traditionellem Tiefgang nordischer Lebenskultur und versucht auf spielerische Art und Weise etwas rüberzubringen, was nicht ausschließlich belehrend, sondern eher unterhaltend wirken möchte.
Schauspielgrößen wie Samuel L. Jackson übernehmen hier eher untergeordneten Stellenwert, denn getragen wird die Geschichte von jemand ganz anderem.
Die Kulisse des Films ist atemberaubend. Wer öfters in südlicheren Gefilden unterwegs ist, wird sicher einige markante Wegpunkte wiedererkennen und von einem Blickwinkel aus betrachten können, die ihm bisher verwehrt blieben.
Das ganze Geschöpf könnte man als eine Art fortgeschrittenen Film mit Tendenz zur Familienunterhaltung bezeichnen, die klassische Züge eines 90er Films annimmt. Die Effekte sind teils sehr beeindruckend und für den bislang teuersten Film, den Finnland je hervorgebracht hat, ist Big Game zum Schluss dann doch richtig gut geworden.
 

.kinoticket-Empfehlung: Allein schon die Naturimpressionen beeindrucken in ihrer Weise und die schauspielerischen Leistungen, die sich stark an die Zeit der 90er anlehnen möchten, sorgen dafür, dass Leute, die in dieser Zeit groß geworden sind, sich hierbei richtig gut fühlen.
Zu viel Professionalität sollte man diesem Machwerk aber nicht abverlangen, sondern sich eher an der teils komischen, teils unterhaltenden Sorte Film a la Stallone orientieren. Dann bekommt man ein Werk, das den Gang ins Kino schon allein der Effekte wegen lohnt.

 
Nachspann
Der löst auf, wer hier wo alles beteiligt war, das diesmal durchaus spannend zu lesen ist. Weiterführende Szenen oder Clips fehlen aber.

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