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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Christopher Nolan

Justice League

Nun ist also DC am Zug und versucht sich erneut mit Marvel im Kräftemessen der Superhelden. Und leider – so muss man sagen – werden diese beiden Allzeit-Konkurrenten gerne und oft miteinander verglichen, obwohl man da viele wichtige Aspekte außen vor lässt, die aber meiner Meinung nach von extremer Bedeutung sind.
Ich habe im Thor – Tag der Entscheidung-Beitrag ja schon mal eine Auflistung aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU) gemacht, das für viele andere Studios wohl ein enormer Ansporn dazu war, selbst ein eigenes Universum starten zu wollen.
Im Fall von Die Mumie, der der legendäre Auftakt des Dark Universe von Universal sein sollte, ging der Plan ja gehörig in die Hose und wurde beendet, ehe er richtig angefangen hat.
Bei DC hat’s besser geklappt, jedoch sollte man die Anzahl (und damit Erfahrung, finanzielle Mittel, Bekanntheitsgrad und was da noch so alles mit reinspielt) auch nicht vergessen: Wo man bei Marvel jetzt bereits bei 17 Veröffentlichungen ist, die teilweise die Weltrangliste anführen, hat DC im eigenen Filmuniversum gerade einmal vier Veröffentlichungen und geht jetzt mit Justice League zu Film Nr. 5 über. Wenn man also unbedingt Vergleiche anstellen will, sollte man diese dann auch aus der Zeit herausgreifen, in der Marvel an diesem Punkt war.
Dass DC hier ein wenig den Einstieg verschlafen hat und jetzt quasi Torschlusspanik bekommt, hat mit der Wertung der Filme an sich ja nichts zu tun, sondern sorgt einfach nur für übereilte Schlüsse und damit für Schusseligkeitsfehler. Und genau das wird Justice League eingangs auch etwas zum Verhängnis. Die leicht gequälte Einführung der verschiedenen Charaktere, die man möglichst schnell zusammenbringen will, um zeitgleich bei Avengers: Infinity War dann auch eine Truppe aufgestellt zu haben, der dann alles fehlen wird, was Marvel zum Erfolg verholfen hat: Die Zeit, sich zu entwickeln, funktionierende Einzelhelden-Filme, mit denen die Kids, Jugendlichen und Erwachsenen mitwachsen konnten und somit genügend Zeit war, um sich ausreichend damit zu befassen.
Dazu kommt, dass die beiden Comic-Verlage völlig unterschiedliche Helden haben, die eigentlich gar nicht zueinander passen. Und da hat Marvel klare Coolness-Vorzüge, denn welches Kind gibt in der Schule schon stolz zu bekennen: “Ich bin Aquaman … Yeah!”?
Da ist Iron Man oder Captain America doch viel cooler.
Und das spürt man am ganzen Universum: Bei Marvel und den Avengers nimmt sich keiner ernst. Man lacht, man zieht übereinander her und ist einfach völlig beflügelt von der eigenen Unbeschwertheit. Es gibt keine wirklich düsteren Bösewichte, sondern alles ist so kidslike, dass da überhaupt keine Angst aufkreuzen kann. FSK 12 ist in fast allen Fällen schon ohne Sichtung auspreisbar.
Und DC geht da in ganz andere Richtungen: Weniger Humor, dafür vergleichsweise mehr an Düsternis, Boshaftigkeit und Ernsthaftigkeit, was gegenüber Marvel wohl als Schwäche gewertet werden könnte, ich jedoch alleinstehend nicht als Schwäche ansehe, sondern sie sind einfach etwas anderes. Und täten gut daran, ihr eigenes Selbstwertgefühl nicht mehr an anderen Studios zu messen, sondern für sich zu arbeiten und einfach ehrenwert ihr Ding durchzuziehen, so wie man es mit Wonder Woman exzellent vorgemacht hat. Weniger Vorgaben vom Studio, die Regisseure machen lassen und dafür authentische und ein Zielpublikum befriedigende Ergebnisse schaffen, die am Ende auch für Erfolg sorgen.
Und da war meines Erachtens nach der ernsthafte Einstieg erst beim vorletzten Film zu finden: Wonder Woman, den gleichzeitig noch eine Frau fest in der Hand hatte, was vielleicht gar keine schlechte Entscheidung war, denn Wonder Woman ist immer noch die Hoffnungsträgerin überhaupt, wenn man sich im ganzen Universum umsieht.
Zack Snyder hat hier wieder viel zu viel Beschneidungswahnsinn gehabt, denn die Figuren sind lange nicht so ausgeprägt und mit liebevollen Details versehen, sondern eher funktionell denn begeisternd.
Wenn man sich jetzt zum Beispiel Batman anschaut, dann menschelt es hier zwar unfassbar viel im Vergleich zu seinen bisherigen Filmen, aber dafür bezahlt man mit der noch anbetungswürdigen düsteren Schnittigkeit, die uns Christopher Nolan seinerzeit in seinen Glanzstücken vor Augen geführt hat.
Warum also nimmt man sich nicht einfach unabhängig von allem anderen die Zeit und führt einen Charakter nach dem anderen in Ruhe ein, gibt der Welt Material dazu, gibt ihnen eine Geschichte und lässt daraus ganz von selbst etwas großartiges erwachsen, bevor man sie alle zusammenwirft und dann hauruck etwas aus dem Ärmel schütteln muss, dass unter Termindruck längst nicht so gut wird?
Genau hier sehe ich Defizite, die Marvel in seinen Anfangszeiten auch hatte. Siehe Der unglaubliche Hulk. Siehe Thor: Das dunkle Königreich – beides Filme, die auch nicht unbedingt vor Erfolg strotzen, aber einfach da sind und Teilstücke eines Ganzen liefern, dass dann im Folgeschluss auch richtig eingebettet werden kann – siehe Dauerflop Hulk.
Und gerade diese Düsternis, die sich DC hier zu eigen gemacht hat, ist doch ein wunderbares Fundament, auf dem sich hervorragende Geschichten gestalten lassen, die ebenfalls ein wenig mit Humor versehen werden können, um nicht vollends in die Depression abzurutschen. Da sieht man bei Justice League schon herausragende Ansätze, die mich sagen lassen, dass man das Niveau von Wonder Woman durchaus halten konnte und zeigt, in was für eine Richtung man jetzt gehen will.
Und die macht mir tatsächlich sehr viel Lust auf mehr. Ich würde sagen: Gebt DC einfach noch die Zeit, fünf, vielleicht acht weitere Filme zu drehen und diese Richtung, die man jetzt eingeschlagen hat, konsequent und steigernd beizubehalten und dann haben wir in ein paar Jahren tatsächlich ein ordentliches Battle zwischen beiden Verlagen, was wiederum zur Freude der Zuschauer auf dessen Kosten ausgetragen wird, denn damit gewinnt jeder: Die Produzenten ihr Geld, die Darsteller ihren Ruhm und die Cineasten hervorragende Unterhaltung, die mit allen technischen Hilfsmitteln die Welt tatsächlich aus den Fugen heben und es richtig krachen lassen kann.
Diesbezüglich war man jetzt noch ein klein wenig schwach auf der Brust, was sich in meinen Augen immer wieder aus dem Versuch heraus manifestiert, dass man sich als Ziel gesetzt hat, den großen Bruder zu übertrumpfen, statt einfach sein eigenes Ding zu machen und darin erfolgreich zu werden, ohne sich dabei unüberwindbaren Zielen zu unterwerfen.
 

.kinoticket-Empfehlung: DC zeigt mit Justice League ganz klare Richtungen, in die man sich in Zukunft entwickeln will – und die Vorschau darauf macht unfassbar viel Lust auf mehr.
Die Ausgeprägtheit der Charaktere ist unvergleichbar in diesem Stadium, da wir in diesem Universum noch viel zu früh dran sind, um irgendetwas tiefgründigeres über jemanden sagen zu können, weil schlichtweg noch nicht genug Zeit dafür war, um die Figuren wachsen zu lassen.
Der erste richtige Schritt – Wonder Woman – hat gezeigt, dass man Dinge verstanden hat, Justice Leage geht hier den Weg konsequent weiter und liefert nach kurzen Anlaufschwierigkeiten dann recht vergnügliche Unterhaltung, aus denen die Wunderfrau wieder und wieder als Spitzengewinnerin hervorgeht.

 
Nachspann
Sollte man inzwischen auch hier immer abwarten, denn die wichtigsten Szenen kommen – wie immer – ganz am Ende. Knallhartes Durchhalten ist angesagt!
Kinostart: 16. November 2017

Dunkirk

Christopher Nolan ist wieder am Start – und wie es aussieht, verkennt unsere Generation dieses Genie.
“Spoiler: Der ist scheiße.”
“Naja, ich fand ihn nicht so.”

und ähnliches kam mir zu Ohren, bevor ich ihn überhaupt selbst gesehen habe. Nun, was erwartet euch wirklich? Oder besser gesagt: Was habe ich für Erwartungen an den Film gehabt?
Nolan braucht keine Actionballaden, immerhin ist er Nolan und nicht Bay. Aus welchen Gründen auch immer, erwartet jeder aber genau das von ihm. Wieso? Weil der .trailer das bereits signalisierte?
Für mich eher nicht. Sieht man genau hin, hört auf die Musik, sieht die Bilder und erinnert sich an das, was er bei Interstellar abgeliefert hat, war mehr als deutlich, wohin die Reise führen würde.
Und sie tut es. Nolan begreift sich selbst als Unikat, als unverwechselbarer Geschichtenerzähler, der seinen ganz eigenen Stil, seine eigenen Farben, seine eigenen Kamerafahrten und ganz persönliche Note in seine Filme integriert. Wem das bisher nicht aufgefallen ist: Schaut euch doch mal ein paar seiner Filme im Split-Screen an und achtet auf ein paar dieser Faktoren.
Und Dunkirk passt genau in dieses Schema rein: Er ist ein Genie und Genies muss man selbst nicht verstehen. Das ändert nichts daran, dass dieser Mann großartig ist und hervorragende Kinofilme herstellt, auch wenn die breite Masse sie vielleicht nicht begreift oder mit seinen Aussagen nicht klar kommt.
Allein schon die alleinstellungsmerkmalbehaftete Stimmung, die man gleich zu Beginn an konsequent durch den ganzen Film zieht, bietet dem Zuschauer so viel mehr Raum für das, was er zu sagen hat. Hier wird einem nicht mehr Wort für Wort vorgekaut, was die Aussage des Films ist, sondern man bekommt zu jeder Szene genügend Luft, Ruhe, Eindrücke, um sich selbst auszumalen, was er damit sagen will. Und die Tiefe, mit der er dabei in ein Thema vorrückt, dass wir in der westlichen Welt heute alle nicht mehr live kennen, ist beeindruckend.
Gestern haben ich einen Film gesehen, in dem gesagt wurde, dass die Fantasien durch Worte beschränkt werden und man seine Möglichkeiten beschneidet, indem man Dinge in Worte fasst. Nolan tut dies in seinem aktuellen Werk erstaunlicherweise nicht, sondern erzählt durch Bilder, durch Momente, durch Eindrücke und nimmt einen mit auf eine mehrdimensionale Reise in einen Raum, der vor Bedrückung und niedergeschlagener Stimmung nur so strotzt.
Menschliches Ehrgefühl? Ein Epos sondergleichen? Eine von Moral durchklüftete Eindruck schindende Heldenstory mit phänomenalem Ausgang? Fehlanzeige. Ich glaube kaum, dass das eine seiner Absichten gewesen ist – im Gegenteil: Er wollte genau das aussagen, was er mit diesem Film in Bild, Farbgebung und Sound auch tut: Etwas Unbegreifbares greifbar machen und den Menschen in Portionen in den Kopf schütten, die sie verdauen können – Stück für Stück.
Und dafür muss man sich als ungebildeter Zuschauer ein Stück weit auf ihn einlassen und akzeptieren, dass er einfach kann, was er macht. Geht auf diese Reise. Freundet euch mit seinen Bildern an. Die Welt ist noch nicht so weit, dass sie von allein begreift, welche Aussagekraft in diesen Momenten steckt. In spätestens 10 Jahren werden die Menschen dann sagen: “Verdammt, wäre ich damals mal nur ins Kino gegangen und hätte ihn mir da angesehen. Die Chance ist jetzt vorbei.”
Lasst es nicht dazu kommen. Geht rein. Lasst es auf euch wirken. Ich war gestern schwer beeindruckt. Und ich bezweifle stark, dass die große Masse dieses Gefühl zu Hause auf den Minifernsehern nachstellen kann, die derzeit noch überall rumstehen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht noch ein Soldatenfilm, nicht noch etwas, was es schon tausendmal gibt.
Nolan schickt euch auf eine Reise, die weitaus vielschichtiger und großräumiger ist, als bisher angenommen. Seine Genialität versteckt sich zeitweise hinter dem Minimalismus, der seinen Filmen angediehen ist und dem Zuschauer Luft gibt, selbst darüber nachzudenken und die Botschaft im eigenen Kopf zu entwickeln.
Er gibt die Verantwortung an den Zuschauer weiter und betet ihm nichts mehr vor. Zeit genug bleibt einem dafür, weil man mit Impressionen nicht überladen, sondern gemächlich zugeflutet wird, während sich die Kernaussage immer weiter manifestiert und in einem historischen Ereignis gipfelt.

 
Nachspann
Der bislang unerwähnte Soundtrack von Hans Zimmer ist es wert, beim Abspann sitzen zu bleiben. Überhaupt hat der Film einen akustischen Mantel, der zu unangefochtener Größe aufsteigt und aus diesem Werk zusätzlich etwas ganz besonderes macht.
Kinostart: 27. Juli 2017

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