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Tag: Exorzismus

The Possession of Hannah Grace

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Horror. Kino. Eigentlich immer eine schlechte Idee. Mainstream-Horror kam noch niemals gut in der Genre-Gemeinde an und das richtig geile Zeug schafft es komischerweise niemals in die Kinos. Alles, was man in der Regel zu sehen zu bekommt, dümpelt irgendwo in der Belanglosigkeitsgrube vor sich hin und macht in Sachen Plot und „Wir erschrecken dich zu Tode“-Versprechungen immer die gleichen Fehler.

Ich habe gewissermaßen aufgegeben, guten Horror im Kino vorgesetzt zu bekommen und meine Hoffnungen ad Acta gelegt, die mich immer wieder vorwärts trieben und meine sehnsüchtigen Adrenalindrüsen schon im Vorfeld auf Hochtouren laufen ließen, wenn auf den Plakaten wieder irgendeine zukünftige Enttäuschung angepriesen wurde.

Inzwischen haben ja eh Halbkommerzialisierte den Bau übernommen, die fortan als Produktionsschleuder fungieren und so hoffentlich einen „Hit“ nach dem anderen landen, der zumindest viel Geld in die Kassen spült. Sehr zum Ärger des Horrorkinofans, der eben keine ausgewählten Schmankerl mehr vor die Füße gesetzt bekommt, sondern sich mit dem Schrott rumschlagen muss, den andere als „absolut tödlich“ bezeichnen.

Ja, man hat sich gewissermaßen damit abgefunden, dass niemand mehr bereit ist, neue Ideen auszuwählen und aus ihnen hervorragendes Kino entstehen zu lassen. Ja, man weiß inzwischen, dass die letzten Bastionen inzwischen die Filmfeste sind, auf denen das Material für den Deutschen unverständlich und vor allem nur ein einziges Mal über den Screen gejagt wird, auf dass ja keiner auf die Idee kommen könnte, das ihm das gefallen und er womöglich NACH seiner Arbeitszeit aus freien Stücken nochmals in den Film gehen kann. Gott bewahre.

Für den Rest sind Studios wie Blumhouse Pictures zuständig, die inzwischen ein absolut perfektes Allround-Puzzle entworfen haben, das mit „Einmal schütteln“ einen verkaufsfähigen Horrorscreener auf die Leinwände bringt und dabei abwechselnd mal absolut abkackt und dann wieder richtig fett Kohle macht.

Und der Horror-Fan?

Der bleibt auf der Strecke, wird noch einmal mit Stahlstiefeln getreten und ihm dann ein Rohr in die Eier gebohrt und gut ist. Immerhin steht der ja auf so einen Scheiß, right?

Nope.

The Possession of Hannah Grace macht hier einiges anders, krankt aber gleichermaßen an einigen schier unheilbaren Tatsachen. Fangen wir mal mit dem Positiven an: Der Einstand des Films. Optischer, akustischer und erschreckender Hochgenuss, der so richtig Bock auf den Film macht und quasi verspricht: Leute, die Zeiten haben sich geändert!

Ja, man bedient sich hier auch wieder der typischen Elemente, die man aus „Der Exorzismus der/des [hier Name einsetzen]“-Filmen schon zur Genüge kennt und die heute niemanden mehr erschrecken dürften, zeichnet aber dabei ein vollständiges und teils echt schmuck anzusehendes Gesamtwerk, das in seiner Aussage und dem „Wow-Effekt“ tatsächlich funktioniert.

Auch Pretty Little Liar-Star Shay Mitchell leistet großartige Arbeit und kommt nicht als die völlig verblödete Teenie-Schlampe daher, die wir sonst in zweitklassigen Gruselfilmen so oft auf den Knien ausgewalzt bekommen, sondern neben optischen Augenweiden liefert man hier auch noch ein wenig Hirn und einen halbwegs soliden Charakter, aus dem man tatsächlich etwas formen könnte.

Dann kommen ein paar völlig neue und (haltet euch fest!) realistische Ideen her, die dem Film quasi Raketendüsen nach oben verpassen und auch wunderbar durchgezogen werden, aus deren Potenzial man aber irgendwie nicht schöpfen wollte. Es scheint den Machern egal zu sein, dass sie hier eigentlich einen stummen Geniestreich erschaffen haben. Sie legen es hin, rühren es danach aber kein einziges mal mehr an. Why?

Also bleiben die toten, starren Erwartungen, dass man mal mit einem super Plot überrascht werden könnte oder es Szenen gibt, die einem die Fußnägel ausziehen und daraus schöne Bilder an der Fensterscheibe gestalten oder einfach nur das billige und leicht zu befriedigende Gefühl, etwas in Sachen Horror auf den Tisch zu kriegen, dass eben nicht vollkommen hirnlos ist, sondern (vielleicht sogar WEGEN) seiner Realismus-Nähe so viel Grusel erzeugt, dass die Leute davor gewarnt werden müssen, das zu sehen.

Ich säße in der ersten Reihe.

The Possession of Hannah Grace geht hier ein paar ganz gute Schritte in die richtige Richtung, stolpert dann aber auch wieder über die „üblichen Verdächtigen“ und entfaltet seine Größe einfach nicht, die aber nachweislich in diesem Ideen-Paket steckt.

Dennoch hat der Film ein paar ganz brauchbare Szenen und ist nicht auf ganzer Linie enttäuschend, so wie man es von anderen Gruselschockern inzwischen gewöhnt ist. Deshalb hat er‘s auch in die Top 5 geschafft: Im Vergleich zu allem anderen reden wir hier von einem wirklich geilen Stück!

.kinoticket-Empfehlung: Großartiger Einstand, teils schön gruselige Momente, abwesende Horrorfilm-Dummheit und Ansätze von Ideen, die man tatsächlich hätte aufgreifen sollen, statt sie einfach nur in den Raum zu stellen und anschließend daraus nichts zu machen.

Im Vergleich ein mit Abstand gelungenes Werk, wer allerdings den Oscar®-Überflieger sucht, den muss ich auch weiterhin vertrösten und ihm zuraunen: Warte noch ein bisschen, vielleicht ist der echte Tod gar nicht mehr so weit … 😉

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 31. Januar 2019

Original Title: The Possession of Hannah Grace
Length: 85 Min.
Rated: FSK 16

The Vatican Tapes

Ich ziehe diesen Film mal chronologisch nach vorne, weil ich glaube, dass der nicht mehr all zu lang im Kino laufen wird. Ob dies nun gerechtfertigterweise so ist oder nicht – lasst es uns rausfinden.
Früher zu meinen Anfangszeiten, als ich das Filme schauen gerade entdeckte, da gab es noch sehr klare Richtlinien, was Genres und Filmgestaltung anging. Genau wie in der Musik waren die Genre-Mischungen und Subgenres noch sehr wenig bis gar nicht vorhanden, weshalb man klare Grenzen ziehen und die Dinge definitiv einordnen konnte.
Da gab es den sommerlich-frischen Blödelfilm, der gute Laune und Unterhaltung ins familienfreundliche Wohnzimmer brachte. Dann gab es die coole Action mit Typen, die sich nirgends reinreden ließen und auch auf 5 km Entfernung mit ihrem Schuss noch voll ins Schwarze trafen. Es krachte und rummste, es brannte viel Feuer und am Ende siegte das Gute.
Dann war da der typische Horror, abgetrennte Schädel, sich selbst bewegende Hände und irgendwelche schnellen und lauten Schockelemente, die den Grusel auf den Rücken der Zuschauer projizierten. Krimis, Dramas, Romantik …
Und dann waren da noch die Filme, die selbst irgendwo ein kleines Subgenre darstellten, die so gar nicht sinnvoll erschienen, aber doch irgendwo unterhielten und in ihren Bann zogen. Paranormales, Befremdliches, Engel, andere Dimensionen, völlig überzogene und an den Haaren herbeigezogene Tatsachen, vor die man als Zuschauer gestellt wurde und mit denen man dann irgendwie fertig werden musste.
Genau hier würde ich The Vatican Tapes einordnen. Der Film ergibt irgendwo absolut keinen Sinn und wollte man ihn kritisieren, könnte man sagen, er übertreibt maßlos mit seiner längst in die Jahre gekommenen Wesensart, die sich in die Reihe von Exorzismus- und Katholische-Kirche-Filmen einreiht. Beginnend mit dem Filmlogo, in dem ein – uh, böse – Pentagramm eingearbeitet wurde flankiert er bisher Dagewesenes eigentlich recht knackig und anschaulich und sorgt so für einen doch relativ angenehmen Einstieg.
Die Bahn stürzt ab, als man dann in einem gefühlt überlangen Anfang ein paar Menschen vorstellt, bei denen sich die Macher weder um Charakterzüge noch irgendwelche interessanten Profilmuster scheren, sondern scheinbar nur Zeit füllen wollen und daher etwas erzählen, das weder klar ins Übernatürliche driftet, noch seinen Platz in dieser Realität einnimmt.
Genau diese Klarheit fehlt mir hier an vielen Stellen. Es werden typische Verhaltensmuster des Filmemachens aus Zeiten von Der Exorzist übernommen, indem man einfache Merkmale dieser Filme erneut aufgreift und irgendwo lieblos, aber doch professionell umsetzt. Ich hatte oft das Gefühl, dieser Film passt nicht in unsere Zeit, sondern hätte vor 10 oder 15 Jahren auf der Leinwand präsentiert werden sollen.
Auch wird hier nicht klar, wer oder was hier überhaupt etwas will – und vor allem: was der oder diejenige will. Es passiert einfach mal. Und diese Tatsache allein ist schon mal verstörend.
Die klassischen Elemente des Found Footage, wie es z.B. bei Cloverfield so hervorragend umgesetzt wurde, werden auch hier nur teilweise zum Thema gemacht und alles verschwimmt in einer trüben, undefinierten Soße.
Und hat dabei trotzdem irgendwie Stil.
Vielleicht liegt das am Soundtrack, der wie ein großer Suppenlöffel beständig seine Beats in die Runde schmeißt und dafür sorgt, dass diese Trübung niemals klarer wird.
Spannung und psychischer Schock tauchen aufgrund von allgegenwärtiger Übersättigung solcher Elemente im Fernsehen und in anderen Filmen überhaupt keine auf. Dafür sorgen Serien wie Supernatural mit sehr viel mehr Eleganz und Esprit. Außerdem weiß mittlerweile jedes Kind, welche Verhaltensmuster ein Priester bei einer Teufelsaustreibung an den Tag legen muss, auch hier gab es in der Filmgeschichte schon bessere Beispiele. Diese Dinge werden halt einfach mal abgefrühstückt und weder mit Druck noch Kontinuität in eine Richtung getrieben, die am Ende irgendetwas aussagen will.
Dazu völlig unpassend ist der gänzlich überzeugende Ernst, den die Darsteller hier sehr gut verkörpern. So unwirklich und skurril das Verhalten ist, so unlächerlich und nicht-ironisch nimmt sich die Geschichte und sorgt damit für ein Umfeld, in der das Gezeigte durchaus mit etwas kritischeren Augen betrachtet werden soll. Gerade das hätte in den 80er und 90er Jahren voll gezogen. Und mit dem dazu passenden, gut pointierten Soundtrack erlebt man hier bis in den Abspann hinein einen Film, der so unwirklich erscheint, dass man zu Hause allein nachts im Schlafzimmer davon dann doch irgendwo unterhalten wird.
Oder man schnappt sich ein .kinoticket und erlebt diese Form von längst vergangenem Film eben gemeinsam des Nachts in deinem großen dunklen Saal.
 

.kinoticket-Empfehlung: Der Reiz des Übernatürlichen ist längst Geschichte und Elemente aus diesem Genre schocken schon lange nicht mehr.
Gerade in Zeiten, wo Vampire und Monster ihren Zenit auf den Bildschirmen feiern, schafft man es unmöglich, mit Dingen aus anderen Welten zu trumpfen und Menschen das Fürchten zu lehren.
Wer sich dennoch in die Zeit des irrationalen Films der 80er und 90er zurückversetzen möchte, der darf den Geist dieser untergründigen Stunden nochmals auf der großen Leinwand erleben.
Die Geschichte als belanglos und schlecht einzustufen, empfinde ich hier irgendwo als falsch. Genauso wie ich sie nicht in den Himmel loben oder mittelmäßig einstufen kann. The Vatican Tapes bedient hier ein Genre, für das es keine Worte zu geben scheint und man orientiert sich auch ganz klar nicht an Logik und Verstand, sondern eher an irrationaler Subtilität und einem erschreckend glaubhaften Schluss.
Also muss jeder selbst entscheiden, ob sich der Gang ins Kino lohnt oder eher nicht.

 
Nachspann
wartet anfangs nochmal mit einem grafisch interessanten Play auf und endet dann in der üblichen Abfolge von Namen, wie man sie aus den klassischen Filmen kennt.

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