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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Gericht

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Capernau

© 2019 Alamodefilm

Nadine Labaki möchte etwas erzählen und hat sich dafür drei Jahre Zeit genommen, um Persönlichkeiten zu finden, die dieses Elend tatsächlich durchlitten haben und damit nicht schauspielern müssen, sondern ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnten.

Schaut man sich das Plakat einmal näher an, bemerkt man schnell, dass hier keine alten Haudegen am Werk sind, sondern der zerbrechlichsten aller Sorten Mensch eine Bühne geboten wurde: Kindern. Kleinkindern.

Capernaum – Stadt der Hoffnung erzählt eine schier unglaubliche Story, die allein von Zain Al Rafeea getragen wird. Nun kann man darüber erbost sein, dass Kinder nun auf diese Weise ausgebeutet werden und vor aller Welt vorgeführt … oder man öffnet seine Augen und sieht, was im Hintergrund wirklich passiert:

Al Rafeea, der niemals zur Schule gehen konnte, sondern 2012 als Flüchtling aus Syrien in den Libanon ging, hat durch seine internationale Aufmerksamkeit nun ein Ausreisevisum für Norwegen bekommen und kann dort mit seiner Familie ein neues Leben beginnen und zur Schule gehen.

Treasure kommt aus dem Libanon und lebte während der Dreharbeiten bei der Casting-Direktorin, da ihre Eltern tatsächlich verhaftet wurden. Um deren Freilassung kümmerte sich das Filmteam und setzte sich auch hier dafür ein, dass die Familie sicher aus dem Land ausreisen und nun in Freiheit leben kann.

Yordanos Shiferaw, Treasures Film-Mutter arbeitete illegal im Libanon und wurde ebenfalls tatsächlich verhaftet, weil sie keine Papiere vorweisen konnte. Ihre Tränen im Film sind deshalb echt, weil sie exakt diese Situationen real durchlebt hat und sich zu dem Zeitpunkt daran erinnerte. Im Film kann sie ihr Erlebtes zum Ausdruck bringen und verarbeiten.

Kawthar Al Haddad, Zains Film-Mutter hat ebenfalls keine Ausweispapiere und kämpft mit ihrem Mann um die Registration ihrer Söhne, damit diese Bildung, Impfungen und Zugang zum Gesundheitswesen bekommen. Teile der Geschichte hat sie selbst durchlebt. Im Gerichtssaal durfte sie zum ersten Mal aussprechen, was man ihr vorher bislang verboten hatte.

Die Regisseurin hat extremen Wert darauf gelegt, dass hier einzig Aufrichtigkeit das Wort erlangt und keine der Darsteller und Darstellerinnen etwas vor der Kamera spielen muss, sondern jeder seine eigenen Erlebnisse einpflegen und damit der Weltbühne präsentieren kann, was in diesen Ländern so vor sich geht. Der ganze Film ist ein einziges Prestige-Projekt, um die Gewaltdarstellungen zu demonstrieren, die vielen Menschen immer noch angetan werden und sie um grundlegende Grundrechte betrügen. Capernaum – Stadt der Hoffnung ist ein Aufschrei all jener, die auf dem Erdball leben müssen und niemals in den Genuss kamen, freie eigene Entscheidungen treffen zu können um ein Leben zu führen, dass das Attribut “Würde” auch trägt.

Die imposanten Darstellungen lassen garantiert niemanden kalt und erzeugen hier einerseits ein unglaublich tief einschneidendes Momentum, dem man sich garantiert nicht entziehen kann, sorgen andererseits aber auch für Betroffenheit und erzeugen Aufmerksamkeit für Themen, die dringend auf den Tisch gehören.

Die Erzählung ist “fiktiv”, also nicht wirklich so passiert, besteht aber ausschließlich aus Puzzle-Steinen der Recherche, die Nadine Labaki in den drei Jahren vollzogen hat und erzählt hier quasi “nur Wahres”. Der einzige “unwahre Charakter” ist sie selbst in einem kurzen Auftritt, alle anderen haben diese Dinge eben so erlebt, wie sie im Film geschildert werden.

Dass dies keine “dramatische Dokumentation” sondern ein Spielfilm ist, der es versteht, packende Situationen zu erzeugen und dem Kinogänger ein unvergessliches Bild von Teilen dieser Erde zu vermitteln, ist ein Grund mehr, seine Hufen zu schwingen und ins Kino zu gehen. Fakten wie diese sollte man kennen – gerade in Zeiten, wo sich jeder über Schutzsuchende aufregt und sich in seinem Wert beschnitten sieht.

.kinoticket-Empfehlung: Mich hat der Film zutiefst beeindruckt, der hier ausschließlich auf recherchierte Wahrheiten zurückgreift und sie zu einem “fiktiven Ganzen” zusammenfügt.

Die Darsteller bringen ihren Part zur Story alle aus eigener Erfahrung mit und “spielen” nicht vor der Kamera, sondern bekommen erstmalig die Chance, der Weltbühne ihren Seelenschmerz zu präsentieren und nach Gerechtigkeit zu fragen.

Die sollte man ihnen geben, indem man ihnen zuhört … und ganz nebenbei noch einen Spielfilm bekommt, den man lange nicht vergisst. Geht ins Kino und nehmt euch dickes Fell dazu mit!

Nachspann
❌ braucht man nicht ausharren, rausgehen erlaubt, hier folgt nichts mehr.

Kinostart: 17. Januar 2019

Original Title: Capharnaüm
Length: 123 Min.
Rated: FSK 12

Der Affront

Der Affront

© 2018 Alpenrepublik GmbH

 

The Insult – wie der Titel im Original heißt – war 2018 der libanesische Beitrag in der Kategorie “Bester fremdsprachiger Film” bei den Academy Awards und hat es seinerzeit leider nicht geschafft, den Goldjungen zu ergattern. Ein Wunder, dass es – trotz dieser prestigereichen Nominierung – so lange gedauert hat, bis dieser Titel auch in Deutschland endlich das Licht der Leinwand erblicken und einem breiten Publikum zugeführt werden darf. Die Nominierung ist nämlich völlig rechtens, denn dieses Ding hat mit wenigen Mitteln extrem viel zu sagen.

Geht’s hier um was Menschliches? Was Politisches? Was Gesellschaftliches? Historisches? Geht es um Nächstenliebe? Um örtliche Streitereien? Um Geschichte? Um wahre Begebenheiten?

Auch wenn dieser Streifen sich offensichtliche Themen herausgepickt hat und diese auch benennt, so ist das Interessante daran doch, dass sich das Problemfeld ohne Weiteres auf viele anderen Bereiche und Themen übertragen und anwenden lässt und man gar nicht weit in der Zeithistorie zurückgreifen muss, sondern ebenfalls ganz aktuelle und nahe Beispiele hernehmen und die Geschehnisse darauf anwenden kann.

Und diese Präzision, mit der man hier in geschichtliche Wunden schneidet, sie juristisch ausbluten und menschlich ad absurdum führen kann, ist in jedem Falle sehenswert und zeugt von großem Charakter. Ziad Doueiri wusste genau, was er tat und man spürt, dass er hier auf wahre Begebenheiten zurückgegriffen hat, die er als Filmstoff interpretiert und damit der Welt einen fantastischen Streifen vermacht hat, der die Fähigkeit besitzt, krankhafte Wunden auf wirkungsvolle Art und Weise zu heilen.

Und diese Heilung zu erleben, dieses Wohl an Gutmütigkeit und Liebe inmitten von tiefschürfendem Hass zu spüren, ist eine Wohltat, die mit Geld nicht bezahlbar ist, an der man mithilfe eines .kinotickets aber teilhaben kann. Und diese Erfahrung gemeinschaftlich zu erleben sollte sich niemand entgehen lassen, also kauft euch die Eintrittskarten und genießt den Film gemeinsam im Kino und redet danach darüber. Damit macht ihr die Welt zu einem besseren Ort!

 

.kinoticket-Empfehlung: Sehr empfehlenswerte Kost, die sich sehr affin und wirksam um langjährige Wunden kümmert und diese heilen lässt.

Das Metier, in dem sich der Film bewegt – und zu was er dann wird – ist atemberaubend spannend und Bilderbuchlektüre für sämtliche Generationen und Völker dieser Erde. Schaut es euch an!

 

Nachspann
❌ lohnt sich nicht zu warten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 25. Oktober 2018

Original Title: The Insult
Length: 113 Min.
Rate: FSK 12 | R

Mackie Messer – Brecht's Dreigroschenfilm

Die Mission “Operisierung des Kinos” schreitet voran und bekommt mit Mackie Messer einen Film, der sich gehörig gewaschen hat und selbst die Theaterwelt auf den Kopf stellt. Seinerzeit von Brecht inszeniert erlebt das Kino des modernen 21. Jahrhunderts ein Revival der Rebellion gegen die Künste der Gegenwart und das borniert-verstoßene Auftreten der offiziellen Pagen des Theaters. Brecht bricht mit allen bekannten Konventionen und legt selbst Hand an das Gewissen und die Psychowelt der Zuschauer, um sie davon zu überzeugen, dass alles Bekannte förmlicher Schwachsinn ist.
Und genauso, wie ihr beim Lesen des ersten Absatzes dieses Beitrags verwirrt seid, verwirrt dieser Film. Auf eine unfassbar positive Art und Weise. Ich habe jüngst schon bekannt gegeben, dass ich die mediale Einflechtung von Theaterinhalten in die Form des Kinofilms beginne, abgöttisch zu lieben. Und dieser Titel beansprucht zwar viel Lebenszeit ob seiner unglaublich starken Laufzeit, besticht dabei aber mit einer optischen und inhaltlichen Brillanz, wie sie lange nicht im Kino zu sehen war.
Kenner der Szene beschweren sich schon vor Kinostart darüber, dass man viel zu wenig Augenmerk auf die Dreigroschenoper selbst gelegt hat, ich als blutender Anfänger empfand es eher als eine herausragende Einführung in eben jene Welt, von der der Durchschnitt längst nichts mehr wissen will. Genau das Alltäglich-Durchbrechende, mit dem Brecht groß geworden ist, besticht hier mit einer mitreißenden und anmutenden Eleganz, wie ich sie in einem Kinofilm lange nicht erlebt habe.
Ich meine, der Streifen ist durch und durch seltsam. Hat keine Handlung und irgendwie doch, ist Theater und doch wieder keins, räumt Wände beiseite und baut gleichzeitig Räume, in denen man sich hin und her bewegen kann ohne zu wissen, was man tut. Es fühlt sich an, als durchflute eine dunkle Masse deine Seele und gräbt sich dabei immer tiefer in deine Psyche vor, packt dann zu und lässt dich nicht mehr los.
Und obwohl du eigentlich denkst: “Was für ein Schwachsinn” fühlst du dich gleichzeitig dazu hingezogen, nochmal rein zu gehen und ihn dir wieder anzusehen, denn irgendwas fasziniert dich daran. Damit erhebt man nicht nur den längst nicht erloschenen Hype um die Dreigroschenoper selbst erneut zu güldenem Glanz, sondern feiert gleichsam eine Wiederauferstehung der Magie, die Systeme durchdringt und sie von innen heraus aufbricht.
Dieser künstlerisch durchzogene “Hass”, den Brecht auf diese erhabene Weise auslebt, trifft genau den Nerv einer Zeit, deren Ära noch lange nicht vorbei ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer eine vollkommen neue Kinoerfahrung sucht, sollte hier zupacken.
Die Inhalte des Theaters ins Kino zu bringen ist eine Sache, wenn man aber dann etwas, dass selbst den Bühnen Schwierigkeiten bereitet hat, so aufarbeitet, dass die Vorhänge dabei zerrissen werden und man in völlig neue Dimensionen eintauchen kann, dann wird’s erst richtig spannend.
Ein so aufgewühltes, hassdurchdrungenes und künstlerisch wertvolles Werk hat es selten gegeben. Es ist in jeder Hinsicht einzigartig und besticht durch Optik, inhaltliche Brillanz und intellektuelle Forderungen, die der Zuschauer selbst unwissentlich erfüllen kann.

 
Nachspann
✅ Den Anfang darf man noch mitnehmen, sobald dann auf schwarz geblendet wird, ist es rum.
Kinostart: 13. September 2018
Original Title: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
Length: 135 Min.
Rate: FSK 6

Nach dem Urteil

Dieser Film wird euch schmerzhaft ins Gesicht schlagen! Ein Meisterwerk seiner Zunft!
Oftmals handelt man gerade kleine Dinge im Kino relativ abgehärtet ab und beschäftigt sich – womöglich aus psychologischen Selbstschutzgründen – kaum weiter damit. Wo es mir jüngst den Boden unter den Füßen weggezogen hat, war bei Was werden die Leute sagen, der ebenfalls sehr eindringlich einen “Term” abhandelte, über den man sonst kaum nachdenkt.
Nach dem Urteil tut dem gleich und beschäftigt sich kompetent und extrem bitter mit den Momenten, die sich außerhalb der Wahrnehmung bei Medien, Nachrichten und Fernsehen abspielen: Der Zeit nach dem Urteil. Was bedeutet ein Spruch? Was bedeutet eine Entscheidung? Was zieht das für Konsequenzen nach sich, wenn jemand über etwas entschieden hat und man damit dann quasi “alleingelassen” wird?
Und wie ist das zu bewerten? Gut? Böse? Wer ist schuld? Wer nicht? Gibt es schwarzweiß? Gibt es die generelle Pauschalantwort auf solche Fragen oder ist alles irgendwo grau? Sind Männer die bösen? Oder Frauen? Oder beide?
Nach dem Urteil krempelt die komplette Denkweise über Menschen und Urteile vollständig um und tut dies filmisch auf einem sehr angespannten, extrem nervenzerfetzenden und unfassbar brutal-realistischen Niveau, unter dem der Zuschauer vor Schock fast zusammenbricht. Dabei hat der Regisseur auf einige sehr schwierige Aktionen gesetzt, beispielsweise der Tatsache, dass der Film quasi vollständig im “Hier und jetzt” stattfindet und sich der Realität soweit annähert, dass es z.B. keine Soundtrack-Untermalung gibt, sondern der Ton aus Momenten und Klängen entsteht, den man in der Realität auch wahrnehmen würde. Dadurch entsteht so ein extrem realistisches Abbild der Abhandlungen, dass man sich permanent gezwungen sieht, aufzustehen, in die Leinwand zu springen und die Menschen dort zu erlösen!
Was mich zudem absolut fasziniert hat, war die Reaktion des (Presse)Publikums, dass anschließend über den Film diskutierte. Und wahrlich, Diskussionen löst dieser Film aus, denn was man hier zu sehen bekommt, wird man nicht so schnell vergessen.
Es ist außerdem spannend, wie aktuell diese Thematik derzeit noch in den Medien bzw. sozialen Medien diskutiert wird und welche Relevanz dieser Film mit sich bringt: Man sollte viel mehr Sendezeit darauf verwenden, solche Weltanschauungen zu diskutieren und dem Menschen mehr Fragen an die Hand geben, anhand derer er seine eigene Einstellung überdenken und überarbeiten kann.
 

.kinoticket-Empfehlung: Unfassbar real und extrem schockierend: Dieser Film schlägt in eine Presche und fordert dem Zuschauer psychisch einiges ab!
Jungdarsteller Thomas Gioria spielt großartig und sorgt für extreme Gefühlsausbrüche sowohl bei Protagonisten, als auch im Kinosaal: So etwas heftiges spielt sich sicherlich tausendmal irgendwo auf der Welt ab und Xavier Legrand zwingt nun endlich alle, bis ganz zum Schluss hinzusehen und die Augen davor nicht zu verschließen!
Meisterwerk, dass bis ins Mark und Bein erschüttert!

 
Nachspann
❌ man ist sowieso geschockt und sollte sich in diesem Zustand eher langsam wieder auf die Straße bewegen. Folgen wird nichts weiter.
Kinostart: 23. August 2018

Aus dem Nichts

Wer wirklich gut aufpasst, dem fällt beim Titelschriftzug schon auf, welche Thematiken man in diesem Film behandeln möchte – und wer dann den .trailer schaut, der wird womöglich erstmal etwas abgeschreckt sein.

Ich zumindest habe bislang noch niemanden getroffen, der mir gesagt hat, er will diesen Film unbedingt sehen. Und genau das halte ich für einen Fehler.

Natürlich, Diane Kruger mit einer Titelrolle ist angesichts ihrer vergangenen Leistungen jetzt nicht unbedingt ein Garant für durchschlagenden Erfolg und krönende Szenen, in denen man wie gebannt auf dem Sessel gefesselt ist und einfach nicht weiß, wohin zuerst schauen.

Wer sich aber dann die Zeit nimmt und tatsächlich den Film schaut, stellt sehr schnell fest, dass ihre Rolle hier zu einer der besten zählt, in der ich sie jemals erlebt habe. Und das bei diesem Thema ist nahezu faszinierend und schockierend zugleich.

Auch die Fassaden, die immer mehr zu bröckeln beginnen und das anfangs eigentlich super austarierte Bild einer Familie widerspiegeln, beginnt man systematisch zu demontieren, bis es in einem fragwürdigen und daher diskutablen Ende mündet, dass durchaus zu Diskussionen auffordert, die an dieser Stelle sehr wohl auch angebracht sind.

Und obwohl man hier sehr wohl zu unterhalten weiß und auch niemals großartig den Spannungsbogen abbrechen lässt, sollte man dennoch einen Beutel voll Willen auf kritische Inhalte mitbringen, die nicht unbedingt auf Unterhaltung ausgelegt sind, sondern eher politisch-gesellschaftliche Aspekte provokativ hinterfragen.

Und dieser Mut gehört meiner Meinung nach belohnt – also lasst den Film ruhig in eure Kinowochenplanungen mit einfließen.

.kinoticket-Empfehlung: Großartige Schauspielleistung von Diane Kruger in einem Thema, dass erschreckende Einblicke liefert.

Regt zur Diskussion an, hält aber die ganze Laufzeit über Spannung und Unterhaltung ganz weit oben.

Nachspann
❌ Braucht man nicht abwarten, hier kommt nichts mehr.

Kinostart: 23. November 2017

Original Title: Aus dem Nichts
Length:
106 Min.
Rated:
FSK 12

All Eyez On Me

An alle, die jetzt denken: “Oh mein Gott, jetzt gräbt der noch so einen Musik-Kram aus” – falsch. Die Geschichte von Tupac Shakur in einem Film verpackt, der sich nicht an den Musik-Dokus orientiert, die seit ein paar Jahren blühend aus dem Boden sprießen, nenne ich nicht Musik-Kram.
Hier geht es um viel mehr. 2Pac war schon zu Lebzeiten eine Persönlichkeit, die nicht nur in Sachen Rassenhass einiges in der Gesellschaft auslöste, sondern der auch von seinen eigenen Leuten nicht immer mit Wohlwollen aufgenommen wurde und darum weitreichende Diskrepanzen verursacht hatte. Sei es durch seinen Lebensstil, durch seine Musik, durch seine Aussagen, mit denen er in der Gesellschaft definitiv für Diskussionsstoff sorgte und den Menschen einen Spiegel vorhielt.
Ein Bild der Gesellschaft, dass er zum einen kritisiert, zum anderen selbst lebte, spiegelt sich in seiner Musik wider. Beim Schauen hatte ich das Gefühl: Immer dann, wenn er mal nicht anders weiter kam, gab es einen Song, in dem er seine Gefühle und das, was er zu sagen hatte, ausdrücken wollte.
Sein Erfolg in den 25 Jahren, die er auf der Erde verweilte, sollte ihm Recht geben.
All Eyez On Me veröffentlicht nun tiefe Einblicke in sein Leben, sein Wirken, seine Absichten und die Hintergründe seines Lebens, wobei es hier nicht in erster Linie um die Musik, sondern vielmehr um das Drumrum geht.
Ich persönlich konnte zu damaligen Zeiten seiner Musik wenig abgewinnen. Kann es heute auch nur bedingt. Finde die Aussage des Films aber immens wichtig für ein friedvolles Zusammenleben in einer Gemeinschaft, die sich durch Globalisierung zu einer unglaublich großen Community entwickelt hat, in der auch ganz andere Probleme entstehen, wie zu damaligen Zeiten, wo es rein ums Ghetto oder den Bezirk ging.
Der einzige Kritikpunkt meinerseits wäre die immens lange Laufzeit von 140 Minuten. Klar, die Szenen sind wertvoll, es gibt keine langatmigen Sequenzen oder andere Gähn-Momente. Aber inwieweit schafft man es damit, in einer “Scroll-und-weg”-Zeit der Unaufmerksamkeit, eine Generation mit etwas zu begeistern, für die ein Zeitungsartikel allein aus der Überschrift besteht?
Gerade die Generation Facebook sollte sich hierfür Zeit nehmen. Und die werden wohl die ersten sein, die sich gelangweilt umdrehen und den Saal verlassen. Die Fans seiner Person haben sich sowieso längst mit den Themen auseinandergesetzt und damals Stellung bezogen, was die Macher des Films hier weitestgehend offen lassen.
Und genau da besteht so großes Potenzial, denn die Problematik ist auch 2017 immer noch aktueller denn je und sollte öffentlich diskutiert werden. All Eyez On Me liefert hierfür den passenden Start-Thread.
 

.kinoticket-Empfehlung: Als Fan seiner Person ist dieser Film sowieso Pflicht, alle anderen finden hier wichtige Erkenntnisse und aufschlussreiche Momente über eine Person, die die Gemüter spaltet.
Die Laufzeit ist extrem lang gehalten und stellt einen vor wahre Herausforderungen, die Aussage lohnt sich aber, auch wenn es einiges an Durchhaltevermögen kostet.

 
Nachspann
ist gespickt mit Konzertausschnitten (endlich) und einigen Auftritten des originalen 2Pac. Also: Sitzenbleiben.
Kinostart: 15. Juni 2017

True Story

Zeitungen haben in der Geschichte der Menschheit schon immer eine große Rolle gespielt und mit dem urtümlichen Gedanken reiner Nachrichtenlieferungen ging auch schon immer der süße Duft von Irritation, Meinungsbildung und Verschwörung einher. Je größer die Zeitung, umso packender das Potenzial an möglicher Verworrenheit, derer Geschichten entstammen, die durchaus würdig für die verfilmte Umsetzung auf Kinoleinwand sind.
True Story ist so eine Geschichte, in der Michael Finkel, glamourös gespielt von Jonah Hill, einem Geheimnis auf die Spur geht und einen Menschen kennenlernt, der sein Leben gehörig durcheinander bringt.
Was mich beim Schauen zutiefst beeindruckt hat, war das Portraitieren der unterschiedlichen Charaktere, die diesen Film beleben. Die Art des Herantastens, das Zusammenfinden, der Hass und die Freundschaft – all das wurde hervorragend von Regisseur Rupert Goold umgesetzt. Franco und Hill liefern sich hier ein Duell der Meisterklasse und überzeugen beide mit Schauspielkunst, bei der man wahrlich von Können reden darf. Die sonstigen, zumeist blödeleibehafteten Filme, in denen Hill gerne eine Hauptrolle übernimmt, darf man getrost beiseite legen, denn hier wartet er mit einer Professionalität auf, die einen an The Insider erinnern lässt, in dem Pacino und Crowe selbiges erbringen.
Erfreulich zu sehen, dass auch die jüngeren Schauspieler meiner Jugend langsam erwachsen und ernsthaft werden und durchaus anspruchsvolles Kino abliefern können. Das Ende des Films ließ einen zwar etwas betreten zurück, da es sich hier jedoch um eine wahre Geschichte handelt, blieb den Machern kaum etwas Spielraum für kreative Freiheit.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer auf die Verfilmung von Büchern steht, darf sich dieses Werk durchaus auch mal zu Gemüte führen, in dem nicht nur ein weiteres Buch verfilmt, sondern auch mal gezeigt wurde, wie ein Buch entsteht.
Die schauspielerischen Leistungen überzeugen derart, dass man die Ernsthaftigkeit der Lage und die charakteristischen Ausprägungen der Emotionen jeder Partei glaubhaft abkauft und somit nicht nur professionell unterhalten, sondern auch intellektuell ein wenig gefordert wird.
Ein Film, der einen für knapp anderthalb Stunden in eine Welt entführt, die der Normalbürger in der Regel nur von der anderen Seite des Spiegels kennt. Sehr interessant und ob der Dialoge ein Werk, dass Tiefgang-suchende Kinogänger sehr wohl anzusprechen weiß. Daumen hoch!

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet zu werden, hier wurde klassisch alles bereits im Hauptartikel gesagt.

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