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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Gesellschaft Page 1 of 2

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Capernau

© 2019 Alamodefilm

Nadine Labaki möchte etwas erzählen und hat sich dafür drei Jahre Zeit genommen, um Persönlichkeiten zu finden, die dieses Elend tatsächlich durchlitten haben und damit nicht schauspielern müssen, sondern ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnten.

Schaut man sich das Plakat einmal näher an, bemerkt man schnell, dass hier keine alten Haudegen am Werk sind, sondern der zerbrechlichsten aller Sorten Mensch eine Bühne geboten wurde: Kindern. Kleinkindern.

Capernaum – Stadt der Hoffnung erzählt eine schier unglaubliche Story, die allein von Zain Al Rafeea getragen wird. Nun kann man darüber erbost sein, dass Kinder nun auf diese Weise ausgebeutet werden und vor aller Welt vorgeführt … oder man öffnet seine Augen und sieht, was im Hintergrund wirklich passiert:

Al Rafeea, der niemals zur Schule gehen konnte, sondern 2012 als Flüchtling aus Syrien in den Libanon ging, hat durch seine internationale Aufmerksamkeit nun ein Ausreisevisum für Norwegen bekommen und kann dort mit seiner Familie ein neues Leben beginnen und zur Schule gehen.

Treasure kommt aus dem Libanon und lebte während der Dreharbeiten bei der Casting-Direktorin, da ihre Eltern tatsächlich verhaftet wurden. Um deren Freilassung kümmerte sich das Filmteam und setzte sich auch hier dafür ein, dass die Familie sicher aus dem Land ausreisen und nun in Freiheit leben kann.

Yordanos Shiferaw, Treasures Film-Mutter arbeitete illegal im Libanon und wurde ebenfalls tatsächlich verhaftet, weil sie keine Papiere vorweisen konnte. Ihre Tränen im Film sind deshalb echt, weil sie exakt diese Situationen real durchlebt hat und sich zu dem Zeitpunkt daran erinnerte. Im Film kann sie ihr Erlebtes zum Ausdruck bringen und verarbeiten.

Kawthar Al Haddad, Zains Film-Mutter hat ebenfalls keine Ausweispapiere und kämpft mit ihrem Mann um die Registration ihrer Söhne, damit diese Bildung, Impfungen und Zugang zum Gesundheitswesen bekommen. Teile der Geschichte hat sie selbst durchlebt. Im Gerichtssaal durfte sie zum ersten Mal aussprechen, was man ihr vorher bislang verboten hatte.

Die Regisseurin hat extremen Wert darauf gelegt, dass hier einzig Aufrichtigkeit das Wort erlangt und keine der Darsteller und Darstellerinnen etwas vor der Kamera spielen muss, sondern jeder seine eigenen Erlebnisse einpflegen und damit der Weltbühne präsentieren kann, was in diesen Ländern so vor sich geht. Der ganze Film ist ein einziges Prestige-Projekt, um die Gewaltdarstellungen zu demonstrieren, die vielen Menschen immer noch angetan werden und sie um grundlegende Grundrechte betrügen. Capernaum – Stadt der Hoffnung ist ein Aufschrei all jener, die auf dem Erdball leben müssen und niemals in den Genuss kamen, freie eigene Entscheidungen treffen zu können um ein Leben zu führen, dass das Attribut “Würde” auch trägt.

Die imposanten Darstellungen lassen garantiert niemanden kalt und erzeugen hier einerseits ein unglaublich tief einschneidendes Momentum, dem man sich garantiert nicht entziehen kann, sorgen andererseits aber auch für Betroffenheit und erzeugen Aufmerksamkeit für Themen, die dringend auf den Tisch gehören.

Die Erzählung ist “fiktiv”, also nicht wirklich so passiert, besteht aber ausschließlich aus Puzzle-Steinen der Recherche, die Nadine Labaki in den drei Jahren vollzogen hat und erzählt hier quasi “nur Wahres”. Der einzige “unwahre Charakter” ist sie selbst in einem kurzen Auftritt, alle anderen haben diese Dinge eben so erlebt, wie sie im Film geschildert werden.

Dass dies keine “dramatische Dokumentation” sondern ein Spielfilm ist, der es versteht, packende Situationen zu erzeugen und dem Kinogänger ein unvergessliches Bild von Teilen dieser Erde zu vermitteln, ist ein Grund mehr, seine Hufen zu schwingen und ins Kino zu gehen. Fakten wie diese sollte man kennen – gerade in Zeiten, wo sich jeder über Schutzsuchende aufregt und sich in seinem Wert beschnitten sieht.

.kinoticket-Empfehlung: Mich hat der Film zutiefst beeindruckt, der hier ausschließlich auf recherchierte Wahrheiten zurückgreift und sie zu einem “fiktiven Ganzen” zusammenfügt.

Die Darsteller bringen ihren Part zur Story alle aus eigener Erfahrung mit und “spielen” nicht vor der Kamera, sondern bekommen erstmalig die Chance, der Weltbühne ihren Seelenschmerz zu präsentieren und nach Gerechtigkeit zu fragen.

Die sollte man ihnen geben, indem man ihnen zuhört … und ganz nebenbei noch einen Spielfilm bekommt, den man lange nicht vergisst. Geht ins Kino und nehmt euch dickes Fell dazu mit!

Nachspann
❌ braucht man nicht ausharren, rausgehen erlaubt, hier folgt nichts mehr.

Kinostart: 17. Januar 2019

Original Title: Capharnaüm
Length: 123 Min.
Rated: FSK 12

#FemalePleasure


© 2018 X Verleih

 

Das Leben. Jeder Mensch empfindet es anders. Man steht morgens früh auf, befindet sich in einer Kultur, einem Land, hat sich an die Lebensumstände um einen herum angepasst. Vielleicht gewöhnt. Definiert sie als gegeben und findet sich damit ab. Oder nicht.

Daraus resultiert die Stimmung. Menschen verändern ihre Stimmung, wenn diese negativ ist, indem sie sich gegen bestehende Systematiken wehren, dagegen rebellieren und etwas anzetteln, dass großräumig etwas verändern soll. Oder sie ziehen sich zurück und leiden still, gehen dabei ein und opfern ihre mentale Psyche für den Umstand, dass von außen her keiner etwas ändert.

#FemalePleasure behandelt ein Thema nun mit einem großartigen Aufmerksamkeitsaufgebot: Frauen.

Nun haben wir da bereits verschiedene großflächig angelegte Diskussionen. Großkotzige Fernsehauftritte von Extremen, die zwar für ihre Art stehen, aber von der Allgemeinheit schon wieder zu “übertrieben” wahrgenommen werden, man interessiert sich nicht dafür oder findet es fast schon wieder eklig, mit welcher Verbissenheit manche sich um diese Dinge scheren.

Sind sie wichtig? Warum sind sie wichtig? Und wie befreit man sich von dem schlierigen Mist drumrum und besinnt sich auf den Kern der Dinge?

Die gute Nachricht ist: Die Suche nach Antworten auf diese Fragen braucht uns alle nicht scheren, denn darum haben sich die Produzentinnen von #FemalePleasure bereits gekümmert: Gleichberechtigung, das Bild der Frau, die klaffenden Informationslücken bezüglich verschiedener Praktiken: All das wird hier in einer plastischen, unvergessbaren und tief schürfenden Art aufgegriffen und den Menschen serviert, vor der ich einen Heidenrespekt habe.

Wenn sich je mal einer gefragt hat, wie das ganze Gelaber in richtig geht: So hier.

Was dieser Film an die Oberfläche bringt, sind teils provokante, teils interessante, teils schockierende Fakten, die plastisch darstellen, was weltweit 2018 (!) mit Frauen angestellt wird. Gleichzeitig beleuchtet der Film auch noch, warum das getan wird. Welche Beweggründe Menschen dazu führt, so etwas zu vollziehen.

Es ist kein Gebashe verschiedener Nationen, kein Krieg unter Religionen und kein Rumgeschreie verschiedener lesbischen Klischee-Vertreter in maroden Talk-Formaten, sondern eine unglaublich präzise, galante, und ehrwürdige Aufklärung, die sich nicht für eine Seite entscheidet (also ja, ihr Männer, auch ihr könnt euch das anschauen, ohne als das pure Böse abgestempelt zu werden) und die niemanden denunziert, sondern einfach das richtige tut: Fragen stellen.

Dem Zuschauer werden direkt und indirekt Fragen gestellt. Und darüber ein Denkprozess in Gang gesetzt, der aus dem unverwüstlichen und undurchdringbaren Verbal-Wortball auf einmal klare Linien herauszieht und entschlüsselt, wie die Menschheit sich verhalten könnte, damit alle auf diesem Planeten ein etwas besseres Leben hätten.

Und bevor ihr eure Bio-Schmalz-Tiegel aus dem Bastkörbchen zieht und nach mir werfen wollt: Nein, auch hier driftet man in keinerlei Klischees ab, sondern untersucht diverse Fakten einfach anhand fünf verschiedener Weltreligionen und unterschiedlicher Kulturen und zeigt, wie an verschiedenen Orten dieses Erdballs mit diesen Themen umgegangen wird.

Dank der digitalen Vernetzung gibt es ja schon längst keine Grenzen mehr, auch wenn Politiker immer noch hart daran arbeiten, eben jene weiter aufrecht zu erhalten und dabei nicht merken, dass sich das Gedanken- und Bild-/Videogut schon längst weit darüber hinaus ausgebreitet hat. Insofern entsteht eine neue Verantwortung einzelner, für Missstände von Schwächeren einzustehen und endlich damit zu beginnen, gemeinschaftlich diese Welt zu verbessern.

Oder um es auf cineastisch zu sagen: DU bist Superman und Wonder Woman in einer Person.

Unter normalen Umständen (ja, heutzutage ist nichts mehr normal) sind immer diejenigen, denen es gut (oder besser) geht, diejenigen, die sich um das Leid der Schwachen und Armen zu kümmern haben und dafür sorgen sollten, dass eben jene Missstände von der Bildfläche verschwinden. Und da global gesehen der Westen eben zu jenen Bereichen gehört, dem es vergleichbar exzellent geht, liegt hier auch ein Großteil der Verantwortung, der zeitgleich bedeutet, dass man eben etwas mehr gibt, als andere und etwas kräftiger dazu beiträgt, die Dinge beim Namen zu nennen und dann zu beseitigen.

Wie gut wir damit zurechtgekommen sind, hat jüngst ein Flüchtlings-Phänomen gezeigt, dessen faule Früchte immer noch an den Straßenrändern herumliegen und wütend besorgt um sich treten.

Doch hier geht es nicht um Wohnraum, angeblich geklaute Arbeitsplätze oder immense Kriminalitätsvorwürfe, sondern um das Lustempfinden der Frau, die Darstellung des weiblichen Körpers, den Selbstwert und das kulturelle Wahrnehmen des weiblichen Geschlechts.

Und ja, hier gibt es Defizite. Schwere Defizite. Und dabei sind nicht die billigen Argumentations-Diskussionen im Gender-Streit gemeint, die sich die Parteien gegenseitig seit Jahren an den Latz werfen. Hier geht es schlichtweg darum, dass es immer noch viel zu viele Orte gibt, an denen morgens Menschen aufstehen und eine absolute Scheißkultur vor sich finden, in der sie nicht frei atmen, nicht frei leben, sich nicht frei ausdrücken können.

Für uns Westländler: Einfach aus dem Bett zu gehen und sich eine Hose anzustreifen, um pfeifend aus dem Haus zu spazieren, ist nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit. Solche Banalitäten sollten aber definitiv eine sein.

Wir müssen langsam begreifen, dass das Anwesen, in dem wir wohnen, einen unglaublich großen Anbau dazu bekommen hat und unser Horizont längst nicht mehr an der Landesgrenze enden sollte. Und wir müssen begreifen, dass die demokratischen Grundsätze und ganz simple, grundsätzliche Menschenrechte weltweit eingeführt werden sollten, nach denen sich jede Regierung zu richten hat, wenn sie nicht aus der Weltgemeinschaft verbannt werden möchte.

Diese Zustände mögen für uns Deutsche wohl schon lange gang und gäbe sein, aber genau diese Freiheiten kennen Millionen von Frauen auf dieser Welt noch nicht.

Und darum handelt diese Dokumentation verschiedener Aspekte diesbezüglich. Integration beginnt also nicht erst beim syrischen Flüchtling, der 2016 auf einmal vor der Türe steht und rein will, Integration beginnt direkt neben einem beim weiblichen Geschlecht, dass immer noch nicht weitreichend als eigenständig wahrgenommen wird und längst nicht die Selbstverständlichkeiten genießt, die sie genießen sollten.

Und wie das geht? – Schaut euch den Film an … und dann beantwortet dessen Fragen einfach in euch selbst. Mehr ist es nicht.

 

.kinoticket-Empfehlung: Großer Gott, wie bring ich diese Wichtigkeit jetzt auf einen Nenner?

Es ist ein Werk, dass diese Welt dringend braucht – und nun hat, dass den Gang durch die leidigen Diskussionen auslässt und sich gleich aufs Wesentliche konzentriert. Nicht verurteilt, nicht mit dem Finger auf andere zeigt, sondern in ruhiger, vehementer und aufschreiender Weise aufklärt, erzählt und so für Kulturenverständigung, Integration, Verständnis und Aufmerksamkeit sorgt.

All dies in einer Weise, die längst nichts mehr mit Wehleidigkeit oder alten Phrasen ausgeschmückt ist, sondern klar bebilderte Zustände von überall auf der Welt zusammenträgt und somit resümiert, was im Hause der Menschheit gerade so los ist.

Es wird Zeit, dass wir familiär zusammenkommen und diese Umstände begraben. Der Film macht dafür einen großartigen Anfang – also geht rein und macht ihn zu einem Erfolg. Nicht wegen des Geldes, sondern deshalb, damit ihn mehr als 7 Kinos in Deutschland zeigen und er so lange im Programm bleibt, bis ihn so viele gesehen haben, dass ihn sich der Rest zwingend im TV oder VoD anschaut.

 

Nachspann
❌ hält keine weiteren Szenen parat. Rausgehen erlaubt.

Kinostart: 8. November 2018

Original Title: #Female Pleasure
Length: 101 Min.
Rate: FSK 12

Läuft wo? Nutzt einfach die Suche von Kino-Zeitindem ihr hier klickt 🙂 und eure Stadt und Radius eingebt.

Zeit für Utopien (mit Gewinnspiel)

FREIKARTEN ZU GEWINNEN – Das Gewinnspiel befindet sich am Ende des Beitrags!
Es wird Zeit – Zeit umzudenken. Wir müssen endlich etwas für die Natur tun. Wir müssen … Nachhaltigkeit … Blabla … Wer so anfängt, der hat doch schon von Anfang an keinen Bock mehr, sich mit überhaupt etwas auseinanderzusetzen, das in diese Richtung geht.
Ja, ich habe zu Schulzeiten schon Nachhaltigkeit als Referatsthema gehabt und damals kam diese ganze Geschichte grade erst auf. Mittlerweile gibt es genügend Referate, genügend Erkenntnisse, genügend Forschungen, genügend Landeier, die der Meinung sind, ihre Umwelt zu etwas bekehren zu müssen, dass schlichtweg einfach keinen Spaß macht.
Dazu gesellt sich Trump, der einfach mal Milliarden von wissenschaftlichen Erkenntnissen leugnet, weil es ihm nicht in die Politik passt – und die Natur? Die übt sich weiterhin darin, gegen das zu bestehen, was der Mensch ihr Stück für Stück antut.
Betrachtet man diese Erdkugel, könnte man meinen, der Mensch sei das Virus …. ihr kennt solche Diskussionen? Und hasst sie?
Ich. Auch!
Und darum empfehle ich euch dringendlich, eure müden Gebeine in das nächste Kino zu bewegen, das Zeit für Utopien auf dem Spielplan hat und euch diesen Film zu Gemüte zu führen – am besten direkt mit den Freikarten, die es weiter unten zu gewinnen gibt.
Das ist der erste Film, der sich mit unserer Gesellschaft und Lebensweise auseinandersetzt und dabei zu 100% positiv ist und dieses ganze Gejammer und Geheule außen vor lässt.
Und dabei geht es nicht um Dinge, die undurchführbar wären, sondern Zeit für Utopien ist ein positiver Schlag in die Fresse, der uns auf das vorbereitet, was auf uns zukommen muss, der die richtigen Fragen aufwirft, der richtige Projekte vorstellt und tatsächlich ausführt, was andere längst hätten tun müssen.
Und sie tun es. Im Verborgenen. Weit weg. Ganz nah. Einfach überall.
Ich habe noch nie etwas so Wichtiges, Lebensbejahendes und Dringliches gesehen und hoffe, dass viele sich auf den Weg machen werden, Hand in Hand in eine Zukunft zu schreiten, die sich dieser elenden Diskussion entzieht und einfach die richtigen Stellschrauben dreht, damit ein gemeinsames Zusammenleben ohne Ausbeute als Basis für eine tolle Zukunft für alle steht.
Utopie? Vielleicht. Findet es am besten einfach selbst raus.
 

.kinoticket-Empfehlung: So etwas Positives und Lebensbejahendes habt ihr noch nicht gesehen – und dabei ist es so wichtig, endlich damit zu beginnen, unsere Zukunft gemeinsam aktiv zu gestalten.
Wer danach noch Ausreden findet, kann einfach nicht tolerieren, dass es doch Möglichkeiten abseits der üblichen Rumheulerei gibt, die für jeden einfach umzusetzen wären. Packen wir es an!

 
Nachspann
braucht man nicht aussitzen, auch wenn hier die Projekte nochmal genannt werden.
Kinostart: 19. April 2018
 
* * * GEWINNSPIEL * * *
Und passend zum Kinostart gibt es bei www.kinoticket-blog.de wieder 2x jeweils 2 Freikarten für den Film zu gewinnen, die mir freundlicherweise vom Verleih zur Verfügung gestellt wurden.
Was ihr dafür tun müsst?
Kommentiert bis einschließlich Sonntag, 22. April 2018 unter diesem Beitrag oder auf Facebook und ihr seid in der Lostrommel dabei. Danach werden die Gewinner ausgelost und benachrichtigt. Bitte gebt hierfür eine gültige E-Mail Adresse an, unter der ihr erreichbar seid.
Anschließend werden euch die Freitickets zugeschickt, die bundesweit in einem Kino, das Zeit für Utopien spielt, einlösbar sind.
Facebook, Twitter und andere soziale Medien oder externe Seiten haben nichts mit dem Gewinnspiel zu tun, dieses wird ausschließlich von www.kinoticket-blog.de veranstaltet und durchgeführt. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es gelten die üblichen, vernunftbasierten Gewinnspielbedingungen.
Und nun viel Spaß beim Kommentieren und anschließend im Kino!

Die Nacht der Nächte

An dieses Kunstwerk möchte ich euch wieder etwas behutsamer heranführen, damit das schüchterne Leser-Reh nicht sofort verschreckt wird und vorzeitig innerlich abschaltet.
Fakt ist: Wir alle kennen die Stories, die uns die Omis und Opis bei trockenem Kuchen und jeder Menge Langeweile immer auftischen, bei denen sich jeder Jugendliche heutzutage denkt: Meine Güte, komm endlich im neuen Zeitalter an.
Ich habe in der Vergangenheit auch nie verstanden, warum ich mir so einen Scheiß aus dem Krieg und sonstigen Zeiten anhören muss, wo heute gesellschaftlich doch eh alles anders und diese Geschichten alle von Belanglosigkeit behaftet sind.
Die Nacht der Nächte gehört allerdings zu der Art von Wissen, dem man sich definitiv aufschließen sollte und sich die Zeit nehmen, um diesen wunderbaren Menschen zuzuhören und von ihrer Erfahrung zu profitieren.
Warum?
Nun – es ist einerseits eine komplett lustige, unterhaltsame und friedvolle kulturelle Bereicherung, in andere Länder und Sitten zu schnüffeln, ohne großartig Kohle für Flugtickets oder seine rare Zeit opfern zu müssen – und es ist gleichzeitig erschreckend, welche Methoden auch heute in fremden Ländern noch Gang und Gebe sind.
Andererseits empfinde ich “Dokumentation” als Bezeichnung für diesen Film wiederum sehr trocken, da die Erzählweise wirklich super erfrischend und spritzig ist und man niemals Langeweile verspürt oder von irgendwas genervt ist.
Die Auswahl an Beispielen ist über den gesamten Globus verteilt und es geht um etwas, das in unserer Generation schon lange verloren gegangen zu sein scheint und über das man durchaus erneut nachdenken darf – denn dieses Mysterium gehört noch lange nicht zum veralteten Lebensstil, sondern birgt wahrlich viele wunderbare Momente, die der heutigen Generation durch ihre Lebensart verloren gegangen sind.
Die Nacht der Nächte zeigt euch den Weg dorthin zurück und erbittet oder -bettelt dabei nichts, sondern führt mit hervorragendem Defensivismus durch die Show und hinterlässt bei jedem ein Schmunzeln, wenn das Tageslicht wieder durch die Eingangspforten reinströmt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Auch, wenn es veraltet klingt: Die Botschaft dieser Menschen ist hochaktuell und darf gerne von unserer Generation wieder neu entdeckt werden.
Man verzichtet weder auf Witz noch bringt man die Themen trocken rüber: Es macht sehr viel Spaß und man fühlt sich hinterher sehr beflügelt und einfach klasse unterhalten.

 
Nachspann
Ist anfänglich noch animiert, strömt dann aber ins Schwarze und braucht daher nicht vollständig abgewartet zu werden.
Kinostart: 5. April 2018

Im Zweifel glücklich

Ben Stiller – früher eher als Comedy-Krawalltante bekannt – übt sich seit neuestem ja in ernsthafterem Kino und hat bereits in dem wunderbaren Das erstaunliche Leben des Walter Mitty bewiesen, dass er auch ernsthaftere Kost glaubhaft und wohldosiert rüberbringen kann.
An der Seite seiner Schauspielkollegen brilliert er einmal mehr in einem Stück, dass sich essentielle Fragen des Lebens zu Gemüte führt und sie in einem fantastischen Tanz erörtert, der zu einem grandiosen Finale führt.
Dabei irrt er nicht mehr auf alten Pfaden und versucht, durch halbherzig komödiantische Einlagen das Publikum für sich zu gewinnen (oder nicht ganz so arg zu verärgern), sondern seine zweifelhafte Stimmung und die permanent kippende Laune ist begleitet von einer fast legendär-empathischen Erfahrung, auf die man sich als Zuschauer einfach einlassen muss – auch wenn es gefühlsmäßig manchmal echt schwer ist.
Doch der harte Kampf lohnt, bis zum bitteren Ende ausgefochten zu werden – denn dieses Finale ist einfach traumhaft in herrliche Szenen eingepackt und geleitet den Zuschauer in wohlige Wärme gebettet wieder durchs Foyer in die eiskalte Welt hinaus.
Dass diese Erkenntnis so manchem morgens aufs Smartphone gebrannt werden müsste, damit der- bzw. diejenige endlich begreift, dass vieles im Leben so viel einfacher wäre, wenn man die Prozedur Stillers gedanklich bis zum Ende durchläuft und sie auf sein eigenes Leben projiziert, bezeugt, dass genau dieser Film eine Wahrheit birgt, die sofort von euch entdeckt werden sollte.
 

.kinoticket-Empfehlung: Also fackelt nicht lange, organisiert euch .kinotickets und belebt die dunklen Gemächer des Lichts – hier gibt es etwas zu lernen und obendrauf noch eine Frischzellenkur für Geist und Herz – die Investition zahlt sich in jedem Fall aus.
Ben Stiller ist großartig und seine Mitprotagonisten vervollkommnen ein Gesamtprojekt, dass den Gang auf für Kinomuffel endlich wieder einmal begründbar macht.

 
Nachspann
Bleibt sitzen, er ist großartig!
Kinostart: 29. März 2018

The Square

“Das ist einer der besten Filme, die ich je gesehen habe.” – und wenn hochkarätige Pressevertreter so etwas zu mir sagen, muss da etwas dran sein. Und tatsächlich: Dieser Film ist eine enorme Herausforderung.
Warum denn? Nun – ich, völlig vorbehaltslos gegen 21 Uhr ins Kino und als ich dann aus dem Saal spaziert bin, war es bereits gegen Mitternacht. Mit 142 Minuten reiner Laufzeit verlangt der den Zuschauern von Beginn an schon mal zeitlich eine gute Portion Durchhaltevermögen ab – und dabei hört es noch lange nicht auf.
Meine beiden Cinebuddys waren der Meinung, dass es sich hierbei um eine Kunstsatire handelt, die im komischen Stil verpackt an den Zuschauer weitergereicht wird. Weit gefehlt.
The Square hat nichts mit Kunstsatire zu tun. The Square ist Kunst. Und zwar von der anspruchsvollen Sorte. Einerseits mal ganz klassisch, wie man Kunst eben so kennt – mit Museum, Ausstellungen und Objekten mitsamt ihren Erklärungen.
Andererseits aber auch als Film selbst. Selten habe ich etwas so Gesellschaftsreflektiertes und geistig Anspruchsvolles auf der Leinwand gesehen, dass mit einer derart brachialen Macht ein Bild wiedergibt, dass man zu Hauf in den Zeitungen und Medien vorfindet. Und zwar nicht im BILD-Style, sondern in Intellekt ertränkt!
Für mich war’s ein Hochgenuss! Man wird als Beobachter vor Situationen geprügelt, die einem einfach nur weh tun und die alle Reflexe im Hirn und der Seele wachrütteln und man kann einfach nur dabei zuschauen, was passiert. Sozialkritische Studie vom Feinsten in allerbester Güte – mit einer sinnvollen und provokanten Rahmenhandlung, eingehüllt in so zahlreiche Beispiele grandioser Kunst, dass es einfach nur zum Feiern ist!
Würde ich mir das Werk wieder antun?
Auch, wenn mich mein Wohnpartner jetzt zu Tode prügeln will: Ja! Definitiv!
Was man in diesem Werk keinesfalls vorfindet: Stammtischgequatsche, lapidare Parolen, niederer Instinkt, Belanglosigkeit, Schwachheit.
Was man stattdessen geboten bekommt, sprüht nur so aus allen Poren vor Intelligenz, Grandiosität, Fantasie, Einfallsreichtum, Eleganz und apokalyptischem Versagen, dass einem das Herz vor Feuer verzehrt werde.
Und dann noch so lang: Man nimmt sich wirklich Zeit. Nicht, um dem Zuschauer etwas zu erklären, sondern man fordert und fordert… Jedesmal, wenn eine Erklärung kommen sollte, wird die mit neuen Forderungen erschlagen, damit das Hirn ja niemals aufhört, auf Vollgas zu laufen.
Leute? Zu behaupten, Kino hätte heute keinen Anspruch mehr und es liefe nur noch amerikanische Scheiße, zählt ab sofort nicht mehr, denn es gibt The Square, der deutlich das Gegenteil beweist. Danke Schweden!
 

.kinoticket-Empfehlung: Und wer sich nach diesem Festmahl an geistiger Herausforderung und exzellenter Sozialprovokation mit mir darüber unterhalten möchte: benjamin@directbox.com – Mail schreiben!
Ich habe große Lust auf gehaltvolle Konversation und freue mich allein schon darauf, Leute kennenzulernen, die es mit Freuden bis zum Schluss durchgehalten haben. Haut rein – schaut ihn euch an und dann lasst uns damit fortsetzen. Wo packen wir unser Quadrat hin?

 
Nachspann
Liefert dann keine weiteren Ergebnisse und Szenen, man darf also wieder raus in die Nacht.
Kinostart: 19. Oktober 2017

Fack Ju Göhte 3

Fack Ju Göhte spaltet die Meinungen. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Grundsätzlich schon mal ein gutes Omen, denn Filme, die zum Meinungsdiskurs führen, sind grundsätzlich wert, angesehen zu werden.
Mit dem #FinalFack möchte man dem Ganzen nun ein Ende bescheren und sich aus der Trilogie verabschieden, die im Jahre 2013 begann.
Einerseits hat man für mich damit einen Teil der Bevölkerung wiedergegeben, die wir uns durch die Änderungen in der breiten Öffentlichkeit seit einigen Jahren selbst heranzüchten, andererseits ist offensichtlich, dass damit die “dumme Generation” angesprochen werden will – und das stößt einigen halt bitter auf.
Elyas M’Barek löst auch unterschiedliche Gefühle aus, deren Reaktionen im nun dritten und finalen Teil natürlich eine gewisse Eigendynamik entwickelt haben, auf die man möglicherweise völlig selbstverständlich hingearbeitet hat.
Grundsätzlich hatte ich auch nicht unbedingt Lust, mir ein weiteres Mal das Versagen von sämtlichen Klischees auf der Leinwand anzuschauen, wenn man dieses doch im Alltag so oft und vielfältig beobachten kann. Und was soll ich sagen? Es wurde tatsächlich mein Film der Woche!
Warum?
Fack Ju Göhte hat ein eigenes Image erschaffen, aus dem man jetzt tiefschürfend schöpft und auch keine Hemmungen mehr aufweist, zu sich selbst zu stehen – und dieses filmisch-ehrliche Selbstbewusstsein tut ungemein gut.
Ich denke, auch das hat zum Großteil dazu beigetragen, dass diese Filmreihe die erfolgreichste deutsche Publikation ist, die wir je aufweisen konnten.
Und mit diesem Selbstbewusstsein stürzt man sich jetzt in die finale Aufgabe, den natürlichen Weg bis zum bitteren Ende hin durchzugehen und setzt dabei voll auf die eigens kreierte Version von Humor und platten Sprüchen, die auf einmal nicht mehr billig, sondern authentisch wirken und somit zur gefeierten Ehrlichkeit zusätzlich beitragen. Man versucht nicht mehr, sich zu behaupten, man ist über Erklärungen und Einführungen weit hinaus und kann nun einfach spielen.
Und dabei sind mir ein paar Dinge ins Auge gestochen, die ich unfassbar passend in unserer Zeit finde und für die ich diesen Film abfeiere. Man hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, tatsächlich eine wertvolle Botschaft in die Öffentlichkeit zu vermitteln und damit sowohl Hater als auch Fans der Reihe anzusprechen, denen man damit unschlagbare Argumente für diesen Film mit auf den Weg gibt.
Und das wirkt nicht etwa belehrend oder “schulmäßig”, sondern fließt völlig locker in den Humor des Films ein, der damit auch die Moralverächter nicht vor den Kopf stößt, sondern ihnen ihren Spaß lässt und dennoch dafür sorgt, dass man irgendwo anfängt, mitzufühlen und eine Message versteht, die man viel öfters in die Gesellschaft transportieren sollte.
Damit holt man quasi nun endlich auch die ganzen Vollidioten ab, die diese Unterschicht zu dem machen, was sie ist und zeigt ihnen, wie es besser geht. An manchen Stellen vielleicht etwas peinlich, dafür aber so genial ausgearbeitet, dass dieser Appell nicht nur Dummheit erklärt, sondern auch für die Gegner des Films Erklärungsansätze bietet, die für bessere soziale Gemeinsamkeiten sorgen – und das ist für mich das lobenswerteste, das ein Film zustande bringen kann.
Ganz im Ernst: Meine Hochachtung für dieses gelungene Kunststück, dass man tatsächlich Massen damit begeistern kann, eine Gesellschaft ethisch aufzuwerten – denn die Kinosäle sind ausgebucht, egal, wie groß sie sind.
Also macht einfach weiter so und strömt zahlreich in die Vorstellungen, auch wenn danach Schluss ist: Die Umsetzung liegt bei jedem selbst und ich hoffe, dass sich viele Anhänger davon finden und wir alle damit eine bessere Welt gestalten.
Und dass der Spaß dabei nicht auf der Strecke bleiben muss, davon zeugt Fack Ju Göhte 3 ganz von selbst. Also genießt ihn.
 

.kinoticket-Empfehlung: Für mich nicht nur der beste Teil der Reihe, sondern ein ethisches Meisterstück, dass seinen Ruhm dafür ausnutzt, um moralisch wertvolle Botschaften an die Massen zu verteilen, ohne damit zu nerven.
Und dafür meinen größten Respekt und den Wunsch an euch alle: Geht ins Kino, habt ungemein viel Spaß und nehmt mit, was dieser Film an Mehrwert bietet – es geht ins Herz.
Grandioses Finale und damit womöglich ein packendes Ende einer bis dato großartigen, deutschen Kino-Meisterleistung. Zu Recht vielbesucht und hoffentlich noch lange im Kino zu sehen.

 
Nachspann
Unbedingt sitzen bleiben. Die Outtakes wirken zwar teilweise etwas aufgesetzt, aber funktionieren dennoch und huldigen den Rest der Reihe auch nochmal.
Kinostart: 26. Oktober 2017

Blade Runner 2049

Eines Tages entstand einmal ein Film. Eine Nische. Bewegtbilder. Die Menschen waren begeistert. Man entwickelte sich fort, führte immer neue Prozesse, neue Techniken, neue Blickwinkel und Kamerapositionen ein, stockte später mit immer mehr raffinierten Tricks auf und entdeckte irgendwann das CGI-Zeitalter. Arbeitete sich empor in immer neue Höhen und verließ den Independent-Film.
Mit jedem neuen Produkt wurde man immer größer, Hollywood entstand und es entwickelte sich eine immer größere kapitalistische Marktmacht, die seinerseits in immer höhere Sphären aufstieg, weil man mittlerweile nicht mehr nur mit Tricks, sondern auch mit Namen Geld machen konnte. Die Raffinessen, um den Zuschauer zu begeistern, waren längst nicht mehr Hauptbestandteil dessen, worauf man stolz war, sondern oft war es einfach nur die Marke.
Es wurden lieblose Fortsetzungen produziert, irgendwann gingen die Ideen aus, zwischendrin gab es auch mal einen heftigen Drehbuchautorenstreik und dann begann man, einfach alte Geschichten neu zu erzählen. Obwohl man es im Laufe der Zeit auch nicht besser konnte.
Wo anfangs noch der Charme, die Liebe zum Detail, die ausgeklügelten Fähigkeiten das Herz eines Films ausmachten, war es jetzt allenfalls der einstige Erfolg des namentragenden Vorgängers, der wieder Geld in die Kassen spülen sollte.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden wir mit solchen Reboots, Neuauflagen und Fortsetzungen gequält, die weder technische noch inhaltliche Verbesserungen aufweisen konnten.
Zwischendrin zuckelte immer mal ein Independent-Film an die Oberfläche, um zu beweisen, dass Kino doch noch Spaß machen kann und nicht nur die Multimilliardär-Mogule das Sagen haben, nur um sogleich wieder von einer Giganstromonster-Produktion plattgemacht zu werden, die im inhaltlichen keinerlei Anspruch mehr besaß und den Zuschauer in seiner fortschreitenden Verblödung eher noch unterstützte, als etwas dagegen zu unternehmen.
Und jetzt?
Jetzt kommen wir anscheinend langsam in eine Zeit, in der man es verstanden hat, die technischen Errungenschaften der letzten 30 Jahre sinnstiftend zu benutzen und dem geneigten Kinoliebhaber zwar entweder anheftende oder Neuinterpretationen alter Geschichten vorzusetzen, die aber so dermaßen beeindruckend zu präsentieren, dass sie ihre Originale im Eilschritt vom Thron fegen und selbst ein neues Jahrhundert ankündigen.
Und es erstmal auf die Reihe zu kriegen, dass eine Neuverfilmung seinen Klassiker einfach mal so eben mit einem Wisch besiegt und weit über ihm angesiedelt werden kann, ist schonmal eine Leistung für sich.
Dass dann aber in Serie zu produzieren, bereitet mir inzwischen ziemliche Gänsehaut, denn Kino dürfte sich demnach in den nächsten Jahren dann definitiv wieder lohnen.
Und mit Blade Runner 2049 haben wir einen weiteren Meilenstein Nr. 1, der sich mit ES das Treppchen teilt und die Aufmerksamkeit des Rennens aller Filme dieses Jahrzehnts auf sich gezogen hat. Und zwar mit so immens großem Abstand zu allen anderen Filmen, dass man sich fragt, ob die überhaupt auf der gleichen Piste im Rennen um die Gunst des Zuschauers mitfahren.
Mir kommt’s so vor, als buhlten die ganzen anderen Filme um “Ich bin besser”, “Nein, ich bin besser”, “Nein, du bist doof, ich bin viel cooler” und allesamt merken sie nicht, dass ihre Ränge irgendwo zwischen 96 und 104 postieren und sich die Bevölkerung um ganz andere Dinge schert.
Und die Top 3 haben sich diese zwei gekrallt: ES und Blade Runner 2049. Und zwar beide gleichauf an der Spitze.
Es gibt als Laie (ich bin weder ausgebildeter Schreiberling, noch habe ich Journalist, Redakteur oder sonst etwas studiert oder gelernt) kaum eine Möglichkeit, sich ebenso würdig an dieses Werk zu nähern, wie es die Produzenten mit dem Klassiker aus dem Jahr 1982 getan haben.
Das unglaublich gute Gefühl hatte ich bei den sanft eingeführten Teasern schon, dass man sich hier mit extrem großer Würde einem zeitlosen Klassiker nähern würde, ohne ihn zerstören zu wollen. Und der Film bricht alle Rekorde.
Er wird in den kommenden Jahren selbst ein zeitloser Klassiker seiner Zeit werden und die Menschen auch noch in 20 Jahren mit seiner heutigen Überlegenheit faszinieren. Schade, dass man Twitter für diese Situationen nicht genauso wirksam konservieren kann, wie es damals für Zeitungsartikel und Kritiken galt. Schlagt einfach mal in der Community nach und lest ein paar Rezensionen aus Amerika: Sie sind allesamt wahr, das überschwängliche Lob gerechtfertigt.
Du sitzt im Kino und denkst dir immer mehr: Was bin ich nur für eine unwürdige Kreatur in der Schöpfung dieses Kolosses, dass man da auf die Welt losgelassen hat und das jetzt in aller Ruhe Stück für Stück die Ränge in allen Teilen der Welt erobert.
Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch als Hauptverantwortliche für den Soundtrack haben sich in ihrem Lebenswerk beide selbst mehr als übertroffen. Nicht nur, wie man sich den Original-Themes von viel weiter oben heran annähert und dem Film in seiner bahnbrechenden, unterschwelligen Wucht Tribut zollt, sondern die gesamte Kulisse ist gelinde gesagt spektakulär. Das Kino bebt, die Menschen zittern und man ist überwältigt – und ich rede hier immer noch ausschließlich vom Ton.
Dazu kommt eine Kulisse, die eine düstere Vision einer Zukunft formiert, die der von 1982 in absolut nichts nachsteht. Der Kunde darf staunen – und wird überwältigt von Impressionen und unglaublich bildstarken Stadtansichten, die den Geist einfach mal so in die Knie zwingen. Und der Soundtrack wirkt übrigens weiter.
Die Regisseure himself – Dennis Villeneuve und Ridley Scott – haben selbst die Presse darum gebeten, nichts zu spoilern, denn dieser Film lebt von seiner Geschichte und den Entwicklungen darin. Und ich bin gespannt, demnächst von meinen “Kollegen” die Kritiken zu lesen und zu schauen, ob sie es genauso auf die Reihe gekriegt haben, wie ich es hier probiere: Spoilerfrei darüber zu schreiben und trotzdem der Begeisterung zum Ausdruck verholfen zu haben. Denn das ist ein weiterer Punkt dieser Megaproduktion: Hier man man wieder alles, was ich oben angekreidet habe: Ein Monsterprojekt mit einem Namen, der sich absolut vermarkten lässt – und dazu einen Film, der von Inhalten (!) lebt!!!
Leute, das ist unfassbar!!! Auf Twitter schreibt man, dass es eine unglaubliche Erfahrung ist, diesen Film zu sehen – und bei Gott, das ist es! Womit wir beim nächsten Punkt wären: Fürs Kino gemacht!
Blade Runner 2049 zählt wieder zu den Werken, die man uneingeschränkt und ausschließlich für den großen Screen empfehlen kann. KEIN Display dieser Welt, dass in irgendwelchen noch so himmlisch ausgestatteten Heimkinos präsentiert werden kann, könnte je die Imposanz und Macht genauso wiedergeben wie Kinos, die an IMAX-Qualität heranreichen, für die dieser Film produziert wurde. Wieder einmal gilt – mit Abstand: Je größer und lauter, um so besser.
Nicht, weil es hier an Actionsequenzen kracht und scheppert und man wieder laut brüllt und nichts dahinter ist, sondern weil der unterschwellige wummernde Sound in Verbindung mit den unglaublich beeindruckenden Bildern ein großes Ganzes ergibt, dass nicht mal annähernd auf anderen Bildschirmen widergespiegelt werden kann.
Und nicht zum Schluss noch ein Punkt, der mich sehr gefreut hat: Keine Mitleidsrollen. Niemand wurde hier zu irgendwas verpflichtet, um nochmal mehr Dienerschaft abzuschöpfen und mit seiner Ehre und Schauspielerwürde dafür zu stehen, dass den Bediensteten der großen Studios noch mehr Geld in die Kassen gespült wird, sondern man hat jedem, der “wieder aufkreuzt”, eine würdige Rolle verpasst, die sich mehr als galant in die Storyline einpflegt und ein herrlich süffisantes Wohlgefühl hinterlässt.
Darum:
 

.kinoticket-Empfehlung: Es ist Zeit, ins Kino zu gehen, um nicht die Geburtsstunde eines historischen Meilensteins der Kinogeschichte zu verpassen und mitzuerleben, wie ein Mega-Blockbuster tatsächlich wieder die Aufmerksamkeit der ganzen Welt verdient hat!
Was hier gerade passiert, ist beispiellos in der Geschichte des Motion Pictures!
Dieses Jahr kann definitiv nichts mehr kommen, dass dem noch eine Krone aufsetzen würde. Also nutzt die Chance – noch sind beide Repräsentanten der erfüllten Hoffnung, dass auch Blockbuster herausragend sein können, im Kino.
Ausreden zählen nicht: .kinoticket kaufen und sich selbst davon überzeugen!

 
Nachspann
Allein die Musik und optische Aufmachung ist es wert, sich den Abspann bis zuletzt anzuschauen. Auch wenn hier keine weiteren Szenen mehr kommen.
Kinostart: 5. Oktober 2017

On the Milky Road

Unsereiner wird mit Monica Bellucci vor die Leinwände gelockt, Emir Kusturica inszeniert den Rest der Show und katapultiert sich dabei gleich selbst in die Hauptrolle. On the Milky Road trifft dabei die Wurzeln des Balkan-Films und schleudert eine dermaßen überdrehte Story auf den Tisch, dass einem so manches Mal der Atem im Hals stecken bleibt.
Dabei findet man sich nicht etwa in einer billigen Aufopferung anhimmelnd an die westliche Hemisphäre von unten her angreifend wieder auf dem Tableau internationalen Filmkönnens, sondern produziert hier mit Vorwärtsgang eine Ballade bildreicher Humorgewalt, der man beim Hinsehen trotz inneren Anspannungen kaum widerstehen kann.
Obwohl ich von dem netten Herrn bislang noch überhaupt nichts gehört habe, grenzt dieses Werk schon jetzt individual an cineastische Höchstleistung und portiert damit eine völlig neue Produktionsweise auf unsere heimischen Kinoleinwände.
Und ich sage vorab schon mal: Recht herzlichen Dank für diese irre Erfahrung, die damit am 7. September auch hierzulande die Independent-Kinos füllen wird.
Natürlich gibt es im Film genügend Beispiele dafür, die durchaus breitere Recherchen erforderlich machen würden, würde man sich an den Szenen in ihrer Echtheit und Arroganz stören und dennoch gehört genau diese Stimmung absolut in diesen Film, der damit eine hauseigene Marke seiner selbst präsentiert und auf absolut gar nichts aus dem Rest der Bewegtbild-Dimension zurückgreift.
Und wie hat man mir so schön gesagt: “Protestierende PETA-Befürworter sind doch auch eine schöne PR für diesen Film.”
An dieser Behauptung ist wohl was dran, auch wenn ich nicht umhin komme, die Genialität dieser Darstellung auch trotz der möglichen Anschuldigungen hier uneingeschränkt zu loben. Natürlich ist es grotesk, was man dem Zuschauer hier stellenweise zumutet, doch in Vereinigung mit dem Rest der einmalig erzählten Geschichte macht auch das ein umfassendes Bild aus, das man ob seiner skurrilen Darstellungsweise dennoch bewundern darf.
Also von mir aus: Gerne mehr davon.
 

.kinoticket-Empfehlung: Bewunderer auswärtigen Kinos finden hier eine Schlachtplatte burlesker Kinoerfahrung, die es genüsslich zu verspeisen gilt.
Insgesamt mutet das Werk als perfide Erfindung der Andersartigkeit an und erzählt in flottem, unterhaltsamen Tempo eine einmalige Geschichte, die in wundersame und zugleich bildschöne Szenen gepackt wurde.
Ich würde wieder rein gehen und empfehle euch, selbiges ebenfalls zu tun. Mit oder ohne Protest-Pulk an den Kinoeingängen.

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten, den Film sollte man aber unbedingt sehen!
Kinostart: 7. September 2017

Swiss Army Man

Ich habe mich auf diesen Film gefreut und extra nochmal eine 150 km Fahrt investiert, um ihn in der Sneak Preview zu sichten, denn meine Befürchtungen, dass dieser Titel anschließend niemals seine Jungfräulichkeit auf der Leinwand der Masse ablegen wird, sind begründet.
Swiss Army Man ist dem Fantasy Film Fest entnommen, wo er auch bereits gezeigt wurde, was dem globalen Zuschauer ungefähr die Richtung vorgeben könnte, in welche Bahnen man hier mit der Kamera schwenkt und welche Inhalte man zum Programm macht.
Ladies und Gentleman, ich präsentiere: Independent Kino.
Den berühmten Namen eines Harry Potter-spielenden Daniel Radcliffe oder dem aus Love & Mercy bekannten Darsteller Paul Dano ist wohl zu verdanken, dass der reichhaltigen Auswahl aller Fantasy Film Fest-Filme eben dieser entzogen wurde, vermutlich, weil man sich mit einem derart bekannten Schauspielrepertoire doch ein gewisses Maß an Zuschauern erhofft oder eben hier die besten Chancen zur Weiterverwertung dieses Stoffes sieht.
Eben diese zwei waren auch der Grund, weshalb ich mich unglaublich auf diese Performance gefreut habe, denn spielen können die Jungs. Radcliffe ist seiner Schule längst entwachsen und hat bereits in Die Frau in Schwarz bewiesen, dass er hartem Stoff gefeit ist und Dano ist für mich per se eine Schauspiellegende, der unglaublich viel Feingefühl und verborgene Überraschungen in sich trägt, die vielleicht in kommenden Jahren stückweise enthüllt werden könnten.
Und allem Gezeter zum Trotz erhebt sich hier ein Stück, das jedweder Beschreibung spottet und dem Zuschauer erstmal einwas nimmt: Alle Grenzen und Barrieren.
Hierbei trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Sobald dann das Blitzlichtgewitter der aufgehenden Saaltüre endlich vorrüber ist, bleiben diejenigen sitzen, die zu geizig oder zu neugierig sind, um herauszufinden, was aus dem Stoff, der dem Zuschauer anfangs wirklich extrem viel abverlangt, geworden ist.
Wenn ich sage, es werden alle Grenzen überschritten, dann meine ich damit alle Grenzen. Der Mensch wird auf das absolute Minimum reduziert und in Dimensionen geschickt, wo nichts mehr zählt als das nackte Überleben.
Zwischen all dem Hohn, dem Schmutz, der fäkalen Sprache und dem irrsinnigen Schwachsinn erhebt sich dann stückweise eine Philosophie, die dir permanent mächtig ins Gemächt tritt und dabei jedesmal die Bühne für den nächsten Schlag frei macht, den dir die grenzensprengenden Momente dieses Films unwiederbringlich immer wieder ins Gesicht donnern, damit du auch ja nie vergisst, außerhalb deiner sonst denkenden Barrieren zu bleiben.
Das fällt einem als Nichtkenner solcher Movies erstmal richtig schwer. Eigentlich fällt es den ganzen Film über schwer, aber der biegt sich dann immer wieder in versöhnende Kurven, so dass die Lust niemals genommen wird, man aber immer wieder außerhalb der Bahn durch den Dreck schlingert, statt sich in einer kitschigen Komödie wiederzufinden, die auch ein anständiges Studio genommen hätte.
Und da sind wir wieder bei den Vorteilen des Independent Kinos: Es gibt keine Ärsche, die auf ihren hohen Rössern thronen und den Regisseuren vorgeben, was geht und was nicht. Man will Grenzen überschreiten und tut es auch. Alles, was man dafür braucht, ist etwas Akku in den Kameras und Menschen, die bereit sind, eine derartige Performance abzulegen, die schauspielerisch mit Sicherheit mehr abverlangt, als alle Marvel-Superhelden gemeinsam in den Pott bringen.
Denn das können die beiden wirklich herausragend: Diese abartige Rolle spielen, in die sie hier gesteckt werden und mehr als überzeugend rüberbringen, was man im Drehbuch womöglich gemeint hat. Mit Mimik, Andersartigkeit und völligem Entarten so überzeugend zu demonstrieren, dass alles, was sich der Mensch als Verhaltensweise angeeignet hat, eigentlich eine Farce ist, über die man am Ende verstohlen selber lächeln muss, gehört für mich auf einen Thron, der nicht nur im Kino platziert sein sollte, sondern weit darüber hinaus Spekulationsstoff für hoch philosophische Diskussionen bietet.
Und genau das ist das marketingstrategische Problem: Swiss Army Man kriegt man niemals für ein Massenpublikum aufbereitet in ein Kino rein, bei dem der Saal dann auch voll wird und die Leute es frenetisch abfeiern, insofern man nicht auf Wunderwaffen wie das Fantasy Film Fest zurückgreift, wo all die Fans von Independent aus ihren Gruften steigen und ihre Filme endlich mal auf der großen Leinwand bestaunen dürfen.
Insofern wird sich dieses Werk wohl eher auf einem Dachboden mit DVD Player verkrochen seiner Wohltat rühmen und still und leise im heimlichen Kämmerlein geschaut werden, was diese Sneak angesichts eines wirklich relativ gefüllten Saals dann zu einer noch interessanteren Show macht als ohnehin schon.
Dass der Film niemals alle Menschen auf seine Weise berühren kann, ist von Anfang an ausgeschlossen. Wer jedoch akzeptiert, dass hier mit Themen gespielt, die auch in fünftausend Jahren noch nicht auf RTL diskutiert werden, dem wird ein unvergesslicher Kinoabend zuteil, der – vermutlich – mangels Vorstellungen sowieso nur im heimischen Wohnzimmer stattfinden wird. Hier wiederum lohnt sich ein Stück weit mitgebrachte Ernsthaftigkeit und der Wille, sich des Stoffes tatsächlich anzunehmen, denn dann hat man eine wunderbare Diskussionsgrundlage, auf der basierend man so einiges im Leben hinterfragen darf.
Das ist dann der Moment, aus dem neue Ideen entspringen, der Zeitpunkt der Geburt von Kreativität und großem Geist. Das ist der Moment, wo die Trance, in die uns die Medien, sozialen Netzwerke und der nie aufhörende Boom an Überschwemmung von Informationen geführt hat, endlich aufhört und vielleicht ein erster Gedanke einem ansonsten schmutzigen Geist entspringt, der das Feuer des Lebens neu entfacht.
Dass dazu ungewöhnliche Methoden notwendig sind, versteht sich ganz von selbst. Und Swiss Army Man ist ungewöhnlich. Unbestreitbar. Doch davon solltet ihr euch vielleicht besser selbst ein Bild machen. Die DVD-Regale warten auf euch.
 

.kinoticket-Empfehlung: Tja, jetzt einfach alles auf einen Punkt zu bringen, ist genauso schwierig, wie das Publikum über die ersten 15 Minuten zu führen.
Nach der Vorstellung vor dem breiten Publikum einer preisreduzierten Sneak Preview wird der große Ansturm wahrscheinlich sowieso ausbleiben, demnach ist es schwierig, dass anschließend noch Leute aus dem Saal rennen, denn es geht wohl kaum erst jemand rein.
Und das ist nicht nur traurig, sondern zeigt auch, warum das Independent Kino bislang keine großartigen Erfolge feiern durfte. Dass eben jene Machart von Filmkunst allerdings extrem wichtig ist, davon zeugt Swiss Army Man genauso wie von der Tatsache, dass man hier sehr wohl gewusst hat, was man tat, die wahren Absichten aber genial zwischen den Zeilen versteckt hält.
Und Menschen, die dafür den Türöffner gefunden haben, haben hier nicht nur ein Freudenfest, sondern eine rühmliche Orgie an dematerialistischen Eindrücken, die nicht nur aus der Realität holt, sondern einen auch nicht wieder in diese hinein lässt.
Was meine Person angeht: Gerne mehr davon.

 
Nachspann
bleibt weitere Sequenzen schuldig, nach der Abblende darf man also nach draußen tigern und sich wieder in geordneten Bahnen bewegen.

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