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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Joaquin Phoenix

The Sisters Brothers

© 2019 Wild Bunch

Als Kind waren für mich Western immer alt. Aus den Jahren meiner Eltern, Großeltern. Dem Zeitalter vor dem Fernsehen, was ich kannte. Quasi das Zeug von “damals”, was heute niemanden mehr interessiert. Außer die Großeltern vielleicht.

Bud Spencer (Gott habe ihn selig) und Terrence Hill haben dieses Genre dann als Klamauk zurück in mein Zeitalter gebracht und sich quasi in flagranti dabei erwischen lassen, wie sie ein ganzes Metier komödiantisierten, was dem Ernst daraus logischerweise nicht gerecht werden konnte … und umso schwerer tut man sich dann, wenn auf einmal tatsächlich “bittere Kost” auf dem Tisch landet, die Western wieder ganz authentisch leben will: The Sisters Brothers tut dies … nicht.

Was einem hier geboten wird, ist ein starker Trupp, der gemeinsam ebenfalls leicht ironisch an vergangene Zeiten anknüpft, dabei aber weder Spaß ausschließt, noch als tiefschwarze Depression auf der Leinwand aufkreuzt, sondern Humor mit Ernsthaftigkeit vermischt und wunderbar abgemischtes Genrekino in die Säle wirft.

Dabei leisten die Jungs wirklich ein harmonisiertes Zusammenspiel, das ich gerne noch einmal erwähne: John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal und Riz Ahmed trumpfen hier mit Höchstleistungen auf und geben eine erfrischend komische Variante der typischen “Western-Niedergeschlagenheit” zum Besten, für die sich der Gang ins Lichtspielhaus seit langem mal wieder lohnt.

Dabei wird es einem nie langweilig und man fühlt sich bestens unterhalten und in alte Zeiten zurückversetzt – allerdings ohne den tristen Staub, den dieser Konservativismus normalerweise mit sich trägt, sondern mit einer modernen fundierten Gegenwartsmentalität. Und dass diese Mischung funktioniert, davon zeugt meine gute Laune, als ich aus diesem Titel wieder raus spaziert bin.

.kinoticket-Empfehlung: Herrlich erfrischendes, modernes Western-Kino ohne altbackenen Touch, dafür aber mit großartigen Schauspielern und einer mit Humor durchzogenen Story, die ihre Ernsthaftigkeit deshalb aber nicht aufgibt.

Großartiger Cast, beeindruckende Kulissen und ein Grund, sich wieder mal vor den Big Screen zu setzen. Sofern ihr die Chance habt: Nutzt es – denn dieser Titel dürfte kaum irgendwo anlaufen. Zumindest fühlt es sich derzeit so an.

Nachspann
❌ braucht nicht ausgesessen werden, es folgt nichts mehr.

Kinostart: 7. März 2019

Original Title: The Sisters Brothers
Length: 121 Min.
Rated: FSK 12

Don't Worry – Weglaufen geht nicht

Endlich wieder ein Titel, der von amazon studios produziert wurde und trotzdem das Licht der Leinwand erblicken darf: Dieses Werk braucht sich überhaupt nicht hinter aktuellen Kinoblockbustern verstecken, sondern zeigt einmal mehr, wozu das ehemalige Buchverkäufer-Label in der Lage ist. Und ich finde es großartig, dass man diesem Stück die Kinoauswertung nicht vorenthält, sondern den Zuschauern die Möglichkeit gibt, das Werk auf dem Big Screen zu besehen.
Die Story basiert auf dem wahren Cartoonisten und wird von Joaquin Phoenix hervorragend gespielt. Hat der überhaupt je einen Flop produziert? Mit flapsigem Humor bestückt schlängelt sich das bewegende Drama über alle Ebenen hinweg und portraitiert den Aufstieg und Fall eines Menschen in unterhaltsamer und einprägender Weise.
Die Portion Ruhe, die der Film dabei mitbringt, wirkt wie eine solide Basis, die es einem seelisch nicht ermöglicht, in irgendwelche Abgründe zu fallen, sondern garantiert, dass man trotz der ernsten Phasen dennoch seinen Spaß hat und nicht selbst in irgendwelche Depressionen rutscht. Zeitweilig wirkt es fast wie eine Doku, allerdings ohne das Stundenplan-Gefühl. Man hat einfach seine Freude beim Schauen, darf sich dabei auch gerne ein Popcorn genehmigen und erfährt vielleicht ein wenig Unterstützung dabei, wenn es darum geht, wieder “zurück ins Leben” zu finden.
Die Story ist definitiv spannend und es ist interessant, welche – und vor allem, woher – er seine Inspirationen nimmt. Ein spannender Fakt ist zudem: Obwohl ich mit dem Großteil des Casts bislang nicht so wirklich grün geworden bin, stört die Besetzung hier absolut nicht, sondern man wundert sich eher, dass wirklich diese Personen auf der Leinwand zu sehen sind: Sie fügen sich so wunderbar in den Plot ein, ohne Personenverherrlichung, die es auf Plakaten und in der PR bei Hollywood sonst übermäßig viel gibt.
Und mit dieser fast schon einzigartigen Genügsamkeit erobert sich der Film den Weg in die Herzen der Zuschauer ganz von allein.
 

.kinoticket-Empfehlung: Einprägsames Erzählerlebnis über das Leben eines vom Leben gezeichneten Menschen.
Die Story hinter ihm ist bezeichnend. Das Werk zeigt einmal mehr, dass Streaming-Giganten auch am Kino nicht vorbei müssen, sondern beide Optionen Hand in Hand miteinander kooperieren können. Die aufgelockerte und ruhig-fundierte Erzählweise sorgt für ein nachhaltiges Erlebnis beim Zuschauer und öffnet die Möglichkeiten für suchende Menschen, indem man viel Inspiration und Vorbildverhalten liefert. Und das ohne großartiges Helden-Rumgepose, sondern mit einer genügsamen und defensiven Einstellung.
Großartig!

 
Nachspann
✅ zeigt den wahren “Wegläufer” und zertifiziert damit die Geschichte als wahre Begebenheit.
Kinostart: 16. August 2018

A Beautiful Day

A Beautiful Day hat in Cannes auf dem Filmfestival gleich mal zwei Hauptpreise abgegriffen: Bestes Drehbuch und Bester Hauptdarsteller. Wer sich jetzt fragt, woher dieser Titel auf einmal kommt: Im Original schimpft sich das Werk You Were Never Really Here – und wir können jetzt eine Grundsatzdiskussion über schlecht übersetzte Titel starten … oder: Ihr geht einfach ins Kino, schaut euch das Teil an und pflichtet mir bei, dass dieses Mal der übersetzte Titel absolut nicht mehr so doof ist, wie er sich anfangs anhört. Ja – okay – es ist kein wirkliches Deutsch … aber nach dem Film dachte ich: Passt.
Diesmal wirklich.
Überhaupt: Joaquin Phoenix ist eine Koryphäe, was subtiles, düsteres, dreckiges, abgefucktes Kino angeht: Und er macht sich einmal mehr die Ehre und übertrumpft sich einfach selbst. Die Thematik ist dreckiger denn je, der Film fährt dabei aber hochstilisierte und fast schon künstlerische Ästhetik auf, die dem Gebaren zwar absolut nicht angemessen ist, den Film für den Zuschauer aber um einiges erträglicher macht.
Ja, es gibt viel zu wenig Diskussion über solche Themen, ernsthafte Auseinandersetzungen damit, Wissen und Informationen oder gar Anlaufstellen für Prävention, die derartiges verhindern könnten. Es gab (auch filmisch) bereits Ansätze dafür, die aber genauso in den Untiefen verschwinden, wie das aufgeklärte Wissen über Darknet und Co. in den aktuellen Medien: Es ist schlichtweg nicht existent.
Und das ist genauso furchtbar, wie einige der Szenen aus dem Film – grandios gespielt und meisterhaft umgesetzt! Dieser Film hat es einfach absolut in sich und packt dich bei den Eiern, drückt zu und überlässt die Schmerzen deiner Weiterverarbeitung! Ein großartiger Film über ein furchterregendes Thema, dass von niemandem besser gespielt hätte werden können!
Und damit gehört er für mich auf die Leinwände. Ins Fernsehen. In den öffentlichen Diskurs. Er bietet erneut die Möglichkeit, dass wir uns mit unseren eigenen Schrecken auseinandersetzen und uns als Menschheit an die Hand nehmen, um die Dinge besser zu machen, der Welt ein freundlicheres Gesicht verleihen und den Weg dafür ebnen, dass unsere Kinder eines Tages ein besseres Leben führen als es unsere Zeitgenossen teilweise tun müssen.
Diese Erfahrung ist absolut irre … und einmal mehr gilt mein Dank Constantin Film, deren Repertoire ich so etwas Überwältigendes ehrlich nicht zugetraut hätte.
 

.kinoticket-Empfehlung: Schluss mit der Spielerei, Schluss mit dem Firlefanz: Es wird Zeit, dem Kino wieder Zündstoff in die Hände zu liefern, um eine ekstatische Bombe platzen zu lassen, die dabei weder Ästhetik noch Ehrgefühl zerstört: Was euch hier geliefert wird, ist sensationell und wurde zurecht in Cannes ausgezeichnet!
Joaquin Phoenix überzeugt einmal mehr als abgefuckter Begleiter in eine Welt, vor der man am liebsten die Augen verschließt! Das Thema ist unfassbar hart, seelisch brutal und die Performance dazu haut euch zusätzlich aus den Socken – grausamer Inhalt, grandioser Film!

 
Nachspann
Don’t wait for it … es kommt nichts mehr.
Kinostart: 26. April 2018

Maria Magdalena

Dass es im christlichen Glauben gleich zwei Marias gibt, die etwas mit der Person Jesu Christi zu tun haben, wissen viele gar nicht. Tatsächlich passiert es öfters, dass man Maria Magdalena mit der Mutter Gottes verwechselt. Doch dieser Film handelt nicht von der berühmten Geburt Jesu, sondern beschäftigt sich tatsächlich mit Maria Magdalena, die 2016 vom Papst rückwirkend anerkannte erste Zeugin von der Auferstehung Jesu.
Und damit sind wir gleich mal bei der Kritik meinerseits: Ich habe ein immenses Problem damit, dass sich irgendwelche von Menschen gewählte Menschen die Geschichte so zurechtstricken, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Anfänglich hat man sich noch darüber mokiert, dass Maria evtl. sogar die Geliebte Jesu gewesen sein soll, dann verpasste man ihr jahrelang den Ruf einer Hure, um sie anschließend mal eben in den gewürdigten Status der ersten Zeugin Jesu Christi’ Auferstehung zu erheben.
Diese Willkür, mit der hier gespielt wird, hat für mich nichts mehr mit gefestigten Glaubensprinzipien zu tun, sondern offenbart viel mehr, dass sich die Kirche die Tatsachen so hinbiegt, wie man sie eben gerade braucht.
Dass sich nun Joaquin Phoenix und Rooney Mara eines solchen Films annehmen, ließ in mir die Hoffnung aufkeimen, dass man sich nun tatsächlich endlich einmal aus der schmierigen christlichen Allüren-Bewegung loseist, um den biblischen Fakten nun wahrhaftig auf den Grund zu gehen und die Sache auch mal etwas kritischer anzugehen – aber genau das passiert in Maria Magdalena eben nicht.
Es sind die gleichen Bilder, wie man sie schon aus so vielen christlichen Pamphlet-Filmen kennt: Lange Bärte, rühmliches Überlegen und ewiges Schauen, einfach weil es theatralisch wirkt, man läuft … und erzählt … und läuft … eigentlich gibt’s da gar nichts und es steht auch kein Ziel oder Haus oder dramaturgischer Grund auf dem Plan, warum man jetzt irgendwohin laufen muss, hauptsache, man sieht irgendwelche Gestalten sprechend durch die Wüste laufen.
Entfernt man sich jetzt mal von diesen – ich möchte sagen – schon fast sektiererischen Methoden der Unterhaltung und sieht sich dieses Werk absolut nüchtern an, kommt man nicht umhin, über solche Dialoge und dieses irre Gerede einfach nur den Kopf zu schütteln und sich zu fragen, was diese Personen wohl eingenommen haben mögen, um derart viel geistiges Gewirr von sich zu geben.
Damit lässt sich eigentlich nur ein einziges Fazit ziehen: Dieser Film wurde nicht gemacht, um sich ernsthaft und authentisch mit Religion und der christlichen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern es ist nur ein weiteres, unkritisches Machwerk, dass den sowieso schon Bekehrten zusätzlich in die Finger spielt.
Hier fand ich bei Hannah wesentlich beeindruckender, dass man trotz all der prokritischen Berichterstattung über diese Religion durchaus Platz und Worte für kritische Auseinandersetzung zuließ, doch das würde wohl die in sich bornierte und in ihren Katechismen gefangene Kirche davon abhalten, sich dieses Machwerk zu Gemüte zu führen. Immerhin ist es keine Seltenheit, dass überzeugte Christen nichts anderes außer ihr eigenes Weltbild zulassen und es für sie absolut unerträglich ist, einmal kritisch hinterfragt zu werden, um den Bestand ihrer Worte a la “Berühr seine Hände und überzeug dich selbst” überprüfen zu lassen und am Ende durch Wahrheit zu obsiegen.
Frage: Ist ihr Glaube etwa so schwach, dass sie solch einer Prüfung nicht standhalten würden? Maria Magdalena erhob genau diesen Verdacht in mir und zählt darum für mich nur zu den bisherigen Versagenswerken, die eine Religion abfeiern ohne weiterführende Möglichkeiten zu geben, etwas besonderes in ihr zu entdecken.
 

.kinoticket-Empfehlung: Zu unkritisch, zu einseitig und mit den typischen Bibelfilm-Merkmalen behaftet: Auch der herausragende Cast rettet die teils lächerliche Story hier auch nicht mehr.
Man hinterfragt zu wenig, man möchte niemanden vor den Latz stoßen, doch genau das wäre notwendig, um die Menschen außerhalb des aktiven Glaubens ebenfalls anzusprechen und sie evtl. sogar für ihre Lehren zu gewinnen.

 
Nachspann
hält keine Überraschungen parat. Rausgehen erlaubt.
Kinostart: 15. März 2018

Irrational Man

Filmtitel sind immer so eine Sache. Gerade in der deutschen Übersetzung wird meist unsinniger Schwachsinn produziert, der jegliches tieferes Empfinden gegenüber den amerikanischen Originalen verschwinden lässt und damit sogar oft Wortwitze zerstört.
Bei Irrational Man sollte man sich als Zuschauer etwas genauer mit dem Titel auseinandersetzen, um zu wissen, worauf man sich einlässt. Ich persönlich empfand den Film durchaus als unterhaltsam, jedoch unter dem Aspekt des uneingeschränkten Genusses auch als sehr anstrengend.
Ich habe mich währenddessen oft gefragt, wer wohl für die Macher als Wunschpublikum im Kino hätte sitzen sollen und kam bei meinen Überlegungen immer wieder bei der elitären Studiertenschaft an, die hochtrabende Filme mit geistigem Anspruch vermissen und ihre philosophisch-studierte Art sonst nirgendwo in der Öffentlichkeit derart ausleben können als bei dem Zerpflücken der Thesen dieses Films.
Angesprochen werden hier viele durchaus provokative Themen, die weit über das normale Verständnis gegenseitigen Umgangs hinausgehen und nicht nur einige Tabus des öffentlichen Lebens brechen. Emma Stone und Joaquin Phoenix liefern als perfekter Cast auch eine Vorstellung ab, die den beiden mehr oder weniger ins Gesicht geschrieben ist.
Problematisch empfinde ich eher das Herangeführtwerden an eine neue Art der Problemlösung, und die damit einhergehende “Lehre”, die unaufmerksamen Zuschauern ins Hirn gepflanzt werden kann, genial gleichermaßen das Aufbrechen der üblichen Filmmuster und Aufzeigen völlig neuer Möglichkeiten, wenngleich auch die schlimmste aller Varianten hierbei ausgeführt und umgesetzt wird.
Die Frage nach der zerbrechlichen Sicherheit von Konsequenzen innerhalb unserer Gesellschaft, die traurigerweise auch ein wenig ein Abbild der heutigen Zeit darstellt, wird hier nur indirekt gestellt und in Form von Moral zu lösen versucht. Ob dies nun realistisch oder einfach nur ein perfekter Plot fürs Kino ist, sei dahingestellt.
Definitiv spielt der Film in einer völlig anderen Liga mit gleichzeitig laufenden Streifen und man sollte sich dessen bewusst sein, dass hier Anspruch und Denkvermögen gefragt sind, während man dabei zusieht, wie verschiedene Menschen mit andersartigen Problemen zurecht kommen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Menschen, denen das philosophieren über obskure Themen Spaß macht und die mit einer sehr intelligenten Art von Unterhaltung klar kommen, finden hier definitiv ihre Freude am Schauen.
Das Durchschnittspublikum hat sicherlich seine Probleme mit der non-kontinuierlichen Art der Erzählweise und dem hochtrabenden Verbalerguss, den die Hauptdarsteller hier erstklassig meistern.
Den Anspruch an Intellekt macht dieser Film sicher durch mangelnde Besucher wett, jedoch empfinde ich, dass er gerade deswegen seine Daseinsberechtigung hat, denn ohne Kino in verschiedenen Facetten stirbt die Kunstform Film eines Tages völlig aus.

 
Nachspann
gibt’s keinen, der Streifen bietet aber genügend Input zum Nachdenken und entlässt nicht enttäuscht wieder in unserer Realität.

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