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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Klettern

Durch die Wand

Haltet mal kurz inne: Atmet aus, atmet wieder ein und schließt kurz die Augen.

Und jetzt lest weiter.

Ich hoffe, ich habe nun in eurem Leben einen kleinen Break drin, denn ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll, euch dieses Stück hier etwas näher zu bringen, ohne die Masse gleich zu verschrecken. Mich hat’s geflasht. Und mir wird schon oft nachgesagt, dass ich Filme entweder mega geil oder mega scheiße bewerte und kaum was dazwischen ist.

Ich hab keine Ahnung, weil ich mich selbst von außen schlecht betrachten kann und daher schlecht einschätzen, inwieweit diese Behauptungen wahr sind oder nicht, mich hat dieser Film => geflasht.

Ich würde gern aufräumen, alle Bewertungen killen und irgendwie euer Leben tatsächlich kurz auf Pause stellen, damit man volle Aufmerksamkeit widmen kann und sich wirklich auf das besinnen, was auf der Leinwand zu sehen ist.

Wenn ich jetzt nämlich mit all den Standard-Phrasen antanze, die man so von sich geben kann von wegen “wahre Begebenheit”, “unfassbarer Vorwärts-Steber-Geist”, “american spirit” etc., dann haut jeder aus Angst vor irgendwelchen Klischees gleich wieder ab.

Ja, ich hab ne Meise, was Outdoorleben angeht (nein, es ist nicht so ein Film) und ich bin dem Amerikanischen nicht ganz so pessimistisch-krankhaft abgeneigt, wie viele andere Deutsche und ich bin der Ansicht, dass diese Dinge hierbei überhaupt nicht so stark zählen, sondern etwas völlig anderes:
Wahre Freundschaft.

Über Freundschaft liest mal viel, da triefen schon mal ganze Kerzenmeere aus Wachs aus den Ohren und Augen, wenn man die schmalzigen Fließband-Bildchen auf Facebook und Co liest, die mit ihrer Pseudo-Moral aus allen Ritzen quellen und den Lesern wertvolle Zeit stehlen, weil sie grundsätzlich nichts aussagen und dabei auf mega wichtig tun … und nein, so ein Film ist das nicht. Es ist nicht diese “Freundschaft”, sondern wahre Freundschaft – und die ist sowas von hammer, dass es fast schon weh tut.

Wer es schafft, in diesen Film einzusteigen, den Wert erkennt, den diese beiden haben, begreift, was hier und da so eine einzige Entscheidung für psychologische Konsequenzen nach sich zieht, der begreift langsam das Ausmaß dessen, was uns hier vorgeführt wird.

Und ja, es ist ne wahre Story, die sich so zugetragen hat und damals auch leidenschaftlich von den Medien zerfetzt wurde: Hier kommt der Film dazu, der die Ruhe, Vernunft, Menschlichkeit und das “Hinter den Kulissen” wieder mit sich bringt und damit die Geschichte zum ersten Mal so erzählt, wie sie wirklich ist: Ohne medial-gehypte Verfälschung drin.

Und es ist ein Film, der einen nicht unberührt wieder aus dem Kino entlässt und über den ich hinterher noch tagelang nachdenken musste.

.kinoticket-Empfehlung: Ich fürchte, für die Wirkungseffizienz, die dieses Teil mit bringt, ist die Aufmachung viel zu klein gehalten und es wird viel zu wenig Werbung gemacht, was ich hiermit ändere:

Geht in Durch die Wand, auch wenn der Titel nicht spektakulär klingt oder das Cover an bereits Dagewesenes erinnert und vertraut mir, wenn ich euch sage: Es ist nicht so, wie es scheint.

Die Story reißt mit, birgt wahre Schätze in sich, die man erst beim näheren Hinsehen und mit der gewonnenen Ruhe entdeckt und der englische Titel enthüllt dann auch tatsächlich, worum es in diesem Film geht.

Nachspann
✅ fadet langsam ins off, also nicht gleich aufspringen, sondern entlasst die Spannung fließend wieder in den Alltag 🙂

Kinostart: 04. Oktober 2018

Original Title: The Dawn Wall
Length: 100 Min.
Rate: FSK 6

Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück

Mit Captain Fantastic geht ein Film an den Start, den sich viele wohl nicht so vorgestellt haben, denn schon von Anfang an holt man den Zuschauer ab und wirft ihn in einen Teil dieser Welt, den die meisten in dieser Intensität so nicht kennen dürften.
Was in meinen Augen hervorragend gelungen ist, ist die Wand, gegen die man den üblichen Materialismus prallen lässt um dann den Geist des Zuschauers langsam wieder aufzuheben und zärtlich neu zu verpflanzen, um hier eine völlig neue Ideologie eines gesunden Lebens vorzustellen, die in dieser Form sehr wohl selten gelebt und schon gar nicht für allgemeintauglich erachtet werden kann.
Und genau das macht mir einen riesigen Spaß: Zu erleben, wie die stoisch-kritische Masse an Menschen im Verlauf der Zeit immer weniger sinnvolle Argumente findet, um den dubiosen Lebensstil der Hauptdarsteller zu kritisieren, weil offenbar wird, dass vieles von dem sehr wohl überlegenswürdig ist und man sich eher darum bemühen sollte, zu hinterfragen, was denn im eigenen Leben falsch läuft, weswegen man nicht diese Form von Glück empfindet, die hier offenbart wird.
Wer jetzt glaubt, es handelt sich hier um eine massive Kritik an der modernen Gesellschaft, der irrt. Ein weiteres Juwel des Films: Er beleuchtet in mannigfaltiger Weise beide Seiten des Seins und lässt sie gewissermaßen koexistieren, ohne jeweils das eine oder andere zu verdammen, sondern führt nur dazu, dass man tatsächlich seinen Hirnbrei mal wieder anstrengt und darüber nachdenkt, ob das alles hier wirklich so sein muss oder man vielleicht doch an ein paar Stellschrauben drehen kann, um sich und der Umgebung ein bisschen weniger weh zu tun als sonst.
Und dieses Verhalten, der provokante und offene Umgang mit diversen Themen, der Intellekt, die Angleichung und sensible Filterung von einzelnen Elementen des großen Ganzen macht hier einen so wohldurchdachten und überzeugenden Eindruck, dass ich den Film jedem nur wärmstens ans Herz legen kann, denn hier steckt so viel Wahrheit über den Zustand unserer Welt drin, wie viele wohl gar nicht glauben mögen.
Dass unser Planet zur Zeit erkrankt ist, dass so vieles so schief läuft, dass Zustände herrschen, die unumkehrbar scheinen und die Menschheit darunter leidet, ist wohl unverkennbar. Captain Fantastic bietet insofern eine Lösung an, wie man als Individuum damit umgehen kann und offenbart hier eine Erklärung für die Lebensweise, die ich persönlich allem anderen vorziehen würde und es tatsächlich zeitweilig auch real umsetze. Nicht nur ironischerweise teilen der Hauptdarsteller und ich uns schon den selben Namen …
 

.kinoticket-Empfehlung: Captain Fantastic gehört zu den Filmen, die man gesehen haben muss, wenn man auf tiefgründige Auseinandersetzung mit den Grundpfeilern des Lebens steht, Philosophie und Gesellschaftskritik etwas abgewinnen kann und seinen eingefahrenen Blick auf die Welt wieder mit ein paar neuen Kreationen bereichern möchte.
Die offene, direkte und dennoch relativierende Sicht auf die Problematiken unserer Gesellschaft sind derart feinfühlig zusammengesetzt, dass allein schon die nicht-schmerzende Kritik sich wie eine forcierte Heilung unserer kranken Existenz anfühlt und man meint, endlich eine Lösung zu finden, die dem alltäglichen Wahnsinn da draußen paroli bietet.
Für mich jetzt schon ein weiterer Meilenstein der Filmgeschichte, der in jedes Filmregal gehört und über den man gerne in Schulen oder Universitäten diskutieren darf.

 
Nachspann
nach solch einem Thema braucht es keine weiteren Momente, sondern eher Zeit zum Nachdenken.

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