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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Lucas Hedges

Mid90s

© 2019 MFA+ FilmDistribution

Jonah Hill ist mir zum ersten Mal in Superbad aufgefallen, einer ziemlich schrägen Komödie über das Erwachsenwerden. Ich hätte mir zwar nie träumen lassen, dass dieser Junge mal Regie führen würde, aber es ist nicht weit hergeholt, dass gerade ein Typ wie er derartige Themen angeht und hier mit seinem Regiedebüt gleich einen absoluten Volltreffer landet.

Mid90s beschäftigt sich mit dem, was benannt wird und zieht dabei seine Kreise über einem Lebens-Genre, mit dem man entweder dermaßen zu tun hat, dass es quasi nichts anderes mehr gibt – oder meilenweit davon entfernt lebt und diese Szene als totgeglaubt abhakt. Beides ist nicht der Fall, sondern nur ein Extrem – und die Wahrheit liegt bekanntlich immer in der Mitte.

Umso erfreulicher, dass es nun einen Szeneneinblick gibt, der ein Milieu unter die Lupe nimmt, mit dem die meisten wohl nichts anfangen können. Das mag sich anfangs noch befremdlich anfühlen, läuft dann aber in ein heroisches Biopic einer ganzen Generation über und liefert so viel Tiefgang und Emotion. Genau das traut man dem Streifen anfangs überhaupt nicht zu, wenn man sich als „Outsider“ noch zurechtfinden muss und irgendwie nicht so richtig weiß, was das alles nun soll.

Salopp gesagt wird hier eine ganze Generation erklärt, die sich in der Welthistorie nie ganz nach oben gekämpft hat und heute mehr oder weniger immer noch das „Nischendasein“ feiert, wenngleich es unzählige Anhänger gibt, die man aber in der Stadt oder auf dem Land kaum sieht. Dass darin tausende Jugendlich immer noch „festhängen“ mag manchem nicht ganz klar sein, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch diese Generation ihr A Clockwork Orange bzw. ihr Shank braucht, um sich selbst zu erklären und zu definieren: Wir sind da – und wir gehen auch nicht so schnell weg.

Ein interessanter Aspekt ist an dieser Stelle das Alter, dass – so kann ich mir in der verrückten, politisch-angefressenen Welt sehr gut vorstellen – auch hier für viel Ärger und Häme sorgen könnte, da doch einige Dinge gezeigt werden, die zumindest fragwürdig sind und näherer Erklärungen bedürfen. Genau diese „Schocker“ sind es, die dem Werk eine gewisse Brisanz verleihen und aus ihm etwas Authentisches werden lassen, dass auch von Außenstehenden nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Aber das möchte der Film auch nicht: Er hat es nicht nötig, mit anderen in Wettstreit zu treten und dem territorialen Kräftemessen beizuwohnen, sondern fügt sich in seelische Abgründe, die einen zum Schluss richtig packen und fast schon trunken wieder aus dem Saal entlassen. Der Paukenschlag sitzt tief und man ist zum Schluss ergriffen und erstaunt über den Tiefgang und die Würde, die man dabei behalten hat.

Nicht zuletzt begeistert aber der kleine Hauptdarsteller, der hier eine wirklich hammerharte Performance abliefert und damit viele andere vom Thron der Neuentdeckungen entlässt, um selbst den Platz einzunehmen und ihn – so hoffe ich – in Zukunft würdig auszufüllen.

.kinoticket-Empfehlung: Eine epische Milieubeschau, die weder Tiefen, noch Provokation und Ängste scheut und auch in der Cast-Auswahl mutige Schritte geht: Debütfilme sind oftmals die Dinger, die ich richtig liebe und schätze (mit einigen Ausnahmen), und auch Mid90s reiht sich hier ein.

Es ist das Clockwork Orange der frühen 90er, dass hier sensitive Einblicke gewährt und den Zuschauer – ob Kenner oder nicht – in diese Gesellschaft einführt und tief darin verwurzelt. Absolut sehenswert!

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 7. März 2019

Original Title: Mid90s
Length: 85 Min.
Rated: FSK 12

Der verlorene Sohn

© 2019 Universal Pictures International

Reparativtherapie – derzeit reden auch in Deutschland viele wieder über dieses Thema … und ich schätze, dass dies nicht nur wegen dem Film der Fall ist: Boy Erased, wie er im englischen Original heißt, angelehnt an die Autobiografie von Garrard Conley, der diese Scheiße tatsächlich durchlebt hat, startet demnächst hier in den Kinos und liefert euch ein eindrückliches Beispiel dafür, was ihr mit eurem Konservativismus Menschen antut, die nicht nach euren eigenen Weltvorstellungen leben.

Ihr wundert euch über Bomben, Terror, Tode, Suizidmorde, Versagensängste und Menschen, die dem Leben den Rücken kehren und aus Hass, Angst und Verzweiflung andere mitnehmen?

Ihr habt sie gezüchtet. Zum Beispiel so, wie hier gezeigt.

Aktuell haben 36 Staaten in den USA keine Gesetze gegen die Reparativtherapie und nur 14 Staaten plus Washington D.C. sich entschieden, per Gesetz gegen diese Maßnahmen vorzugehen, um LGBTQ-Jugendliche davor zu schützen.

Die Human Rights Campaign meint, dass Jugendliche, denen man mit derartiger Ablehnung begegnet

  • ungefähr 8x stärker suizidgefährdet sind
  • 6x höhere Depessionswahrscheinlichkeit haben
  • 3x wahrscheinlicher Drogen nehmen
  • 3x höheres Risiko besitzen, an HIV- oder STD-Erkrankungen zu leiden

Außerdem sind die potentiellen Risiken der Reparativtherapie nach Aussagen der American Psychiatric Association sehr hoch und beinhalten Folgen wie Depressionen, Angstzustände und selbstzerstörerisches Verhalten, gefolgt von Selbsthass, der durch derartige „Behandlungen“ oft eher verstärkt wird, genährt von den Lügen und falschen Behauptungen, die in solchen Therapiezentren oft verbreitet werden.

Zudem haben sich viele Organisationen gegen eine solche Therapie ausgesprochen, u.a. Die American Medical Association, American Psychiatric Association, American Psychoanalytic Association, American Psychological Association, American School Counselor Association, National Association of Social Workers, Pan American Health Organization: Regional Office of the World Health Organization sowie die World Psychiatric Association.

Alle diese Organisationen geben an, dass es derzeit keine wissenschaftlich fundierten oder gar untersuchten Beweise dafür gibt, dass Homosexualität eine Krankheit ist oder anzunehmen wäre, dass dieser Umstand „heilbar“ sei.

Da weiß die Kirche und all ihre Fanatiker scheinbar besser Bescheid, als studierte Wissenschaftler und Ärzte und freut sich, während sie kleine Kinder und Jugendliche weiter in den Tod schickt, dass der Pfarrer sonntags so viel über Liebe, Nächstenliebe und „Dem Vorbild Jesu folgen“ predigt, bevor er dann selbst im Hinterstübchen verschwindet und kleine Jungs fickt.

Achja, wie ich diesen Verein hasse ………. es gibt doch nichts schlimmeres, als heuchlerisch zu sein … und genau das ist fast die gesamte christliche Institution für mich, egal, wo man hinsieht. Mit Gold behangen Armut und Zurückhaltung predigen, pompöse Tempelsäle pflegen und unterhalten und den Armen auf der Straße sagen, sie sollen aus der Liebe Gottes genährt werden. Fickt euch einfach alle selbst!

Und hört endlich auf, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Fangt selbst an, den „Sünder zu lieben und die Sünde zu hassen“ – und informiert euch bei euren kruden Vorstellungen darüber, was in der Bibel steht und was nicht, erstmal genau und harscht nicht so über die Texte ohne die Worte genau zu studieren und das ganze andere immer konsequent auszuklammern, wenn es nicht in die „eigene Sünde rechtfertigen“-Schiene passt. Deal?

Dann werdet ihr nämlich ganz schnell feststellen, dass es solche Passagen, wie sie oftmals „rezitiert“ werden, gar nicht gibt, sondern alles irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Interpretationen sind, aufgrund derer ihr kategorische Ausschluss-Verurteilungen über Menschen aussprecht, obwohl Jesus ganz klar und deutlich gesagt hat, dass man nicht über andere urteilen soll?

„Ihr sollt das nicht, und das nicht, und das nicht, und das nicht, und das nicht, und das nicht, und das nicht, und das nicht, und nicht schwul sein, und das nicht, und das nicht, und das nicht und das nicht.“

„GROSSER GOTT lasst uns alle Schwulen verbrennen, schnell, es steht in der Bibel!“

„Ja, aber die 200 anderen Sachen … 80% davon treffen auf dich zu, und 96% davon treffen auf mich zu, das sollten wir auch lassen, meinst du nicht?“

„SCHWULE!!! Hast du es denn nicht gelesen? Es ist verboten – Reparativtherapie !! Schnell!!!!!!!!!!!!1111einself“

Merkt ihr‘s eigentlich selbst noch? Spürt ihr in eurem Fanatiker-Gutgläubigertum eigentlich noch, was ihr da macht? Nein? Verurteilt ihr den Fanatismus der Islamisten, die anderen Menschen unschuldig in den Tod stürzen und merkt dabei nicht, dass ihr genau das gleiche tut, nur mit anderen Mitteln?

Und ja, zu dieser Behauptung stehe ich! Mit meinem Namen und meinem ganzen Stolz – denn ich habe hingesehen. Zugesehen. Selbst gesehen. Gespürt. Und erlebt. Diese verlogenen Hassbotschaften und Blicke, das Zerstören, diese psychischen Martyrien durchlaufen – ich weiß genau, wie sich diese Scheiße anfühlt und wie danach mit falschem aufgesetzten Grinsen „die Liebe Jesu“ gepredigt wird. FICKT EUCH!

Und wieder einmal ist Kino die letzte Bastion, in der solchen Heuchlern das Maul gestopft wird und sämtliche Argumente fundiert und erwiesen totgeschlagen werden: So etwas liebe ich! Wenn diesen Diskussionsaffen einfach mit Argumenten und Beispielen sämtliche Worte aus der Fresse geschlagen werden und man hinterher betroffen, maultot und so klein mit Hut wieder aus dem Kino spaziert und sich möglichst schnell verkrümeln muss, weil man sonst von der Meute in der Luft zerrissen wird.

Verdient! Ihr Heuchler habt es nicht anders verdient!

Und genau deshalb sollte man sich den Film auch ansehen: der ist nämlich nicht mit Hass vollgepackt, so wie ich, der hier grade sitzt und am liebsten irgendjemand schlagen wollen würde – sondern der erzählt die Story, wie es ein Junge – Garrard Conley – aus dieser Hölle geschafft hat. Und offenbart dabei noch ein paar ganz hübsche Wahrheiten, die das ganze Bild zeigen und nicht die instagramisierte Unwirklichkeit.

Mein Schwert ist die Leinwand – und diesmal seid ihr gestorben und das Kino lebt. Und ich suhle mich gerne in eurem intellektuellen toten Blut, dass dabei aus euren verlogenen Herzen fließt und aufzeigt, wie falsch euer Verhalten war und ist.

Dieser Film … macht‘s richtig. Er regt sich nicht auf, sondern hält einfach nur ne Kamera neben das, was geschieht.

Und Lucas Hedges zeigt, was passiert ist.

Und ich bin mal gespannt, wie vielen von euch es auffällt …. ich wette, die Zahl wird klein bleiben. Aber wir können ja gerne hinterher drüber diskutieren (wenn ihr mich notfalls angekettet habt, damit meine Rage und Wut über dieses Thema gebändigt bleibt). Let‘s Play!

.kinoticket-Empfehlung: Hochscrollen. Nochmal lesen.

Oder ihr scheißt auf mein Gelaber und geht einfach so in den Film. Ausreden gibt‘s keine. Hauptsache, gesehen! Alles andere ist egal. Deal?

Nachspann
✅ Nach dem Text dürft ihr abdampfen, dann kommt nichts weiter.

Kinostart: 21. Februar 2019

Original Title: Boy Erased
Length: 115 Min.
Rated: FSK 12

Ben is Back

Ben is Back

© 2019 TOBIS Film GmbH

Dass ich erstmal mit dem Namen sympathisiere … logo.

Lucas Hedges – ein Gott von einem Darsteller, der mich bis jetzt kein einziges Mal auch nur ansatzweise enttäuscht hätte – im Gegenteil: Ich liege ihm zu Füßen! Und sein Dad führt Regie und bietet seinem Sohn einmal mehr eine Bühne in Hollywood, die er mit seinem Charme füllen und den Kinozuschauer begeistern kann.

Und glaubt mir: Es geht vielleicht um völlig andere Themen, aber eines hat sich dieser Film in blutroten Buchstaben auf alle Fahnen geschrieben: Megakrasse Spannung! Im Ernst: Du fieberst sowas von mit und spürst allgegenwärtig eine Anspannung, die Gänsehaut, Grusel, Erwartung und Adrenalin gleichzeitig hervorruft und auch von einem alten Kinohasen wie mir noch nicht so gesehen wurde.

Julia Roberts verbinde ich zumindest immer noch mit Pretty Woman, das war ihre Traumrolle, mit der sie sich in unser aller Herz gespielt hat und die sie auch nicht so leicht wieder los wird. Was diese Frau jedoch in Ben is Back leistet, drückt dermaßen auf die Tränenkanäle, dass Taschentücher gemeinsam zum .kinoticket gereicht werden sollten.

Überhaupt: Wie kriegt man ein derart krasses Skript hin, bei dem eigentlich gar nicht viel passiert, was den Zuschauer so bannt, dass der sich kaum bewegen kann? Schon lange habe ich die Wartezeit zwischen Pressevorführung und Kinostart nicht mehr so unerträglich lang empfunden wie hier. Und ich werde ihn mir definitiv noch so oft wie irgend möglich reinziehen, denn dieser Film löst unglaubliches in einem aus!

Tut euch selbst den Gefallen und flieht förmlich vor .trailern und allem, was euch irgendwie den Lauf der Geschichte spoilern könnte … vertraut mir und geht einfach da rein. Wirklich: Hier kommt niemand enttäuscht wieder raus! Promise.

.kinoticket-Empfehlung: Einfach nur krass … hier tobt es an Spannung und gebannter Fesselung, dass einem Hören und Sehen vergeht!

Selten hab ich einen Film so mitreißen sehen, wie es Ben is Back tut – und das bei einem so vergleichsweise lahmen Titel! Lasst euch das nicht entgehen und schaut oder lest vorher NICHTS darüber, sondern geht einfach rein! Vertraut mir!

Nachspann
❌ bringt keine weiteren Szenen oder Bilder, rausgehen erlaubt!

Kinostart: 10. Januar 2019

Original Title: Ben is Back
Length: 103 Min.
Rated: FSK 12

Lady Bird

Wie man dem Plakat schon entnehmen kann, hat der Film bereits große Aufmerksamkeit von der Academy bekommen und wird allerorts als modernes Meisterstück gefeiert, dass sich mit der Gefühlsebene einer Jugendlichen beschäftigt und sie beim Prozess des Erwachsenwerdens begleitet.
Bei mir löst Lady Bird gemischte Gefühle aus. Zum Einen spielen die Darsteller – allen voran Saoirse Ronan – hervorragend gut und überzeugen mit Witz, Humor, Schlagfertigkeit und pointierter Präzision. Es bereitet einem unglaublich viel Freude, der rebellischen Art zuzusehen, die dieses Kind entwickelt, um sich der bornierten, stehengebliebenen und für es langweiligen Welt entgegenzustellen und seine eigenen Erfahrungen zu machen.
Dies zieht sich auch große Teile des Films sehr gut hin, bis man dann unweigerlich zu einem Punkt kommt, der gleichzeitig mein größter Kritikansatz ist und für mich den Film quasi aus der Empfehlungstoplist raussaugt: Dem Finale.
Man möge sich Greta Gerwig als eine durch und durch amerikanische, patriotische, heimatliebende und ehrbar-christliche Persönlichkeit vorstellen, die vom amerikanischen Land stammt und quasi noch nie in den Genuss des Großstadtlebens und seiner “sündigen Zusammenhänge” gekommen ist.
Dem füge man noch ein klein wenig bitterbösen Hauch christlicher Sektiererei bei, mische es mit dem unweigerlichen Willen, sich der Welt und seiner Vielfalt zu öffnen und heraus kommt das Gefühl, das ich beim Abspann des Films mehrfach hatte.
Und tatsächlich hat diese Frau aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus geschrieben und sieht Lady Bird als eine Ode an ihren Heimatort Sacramento, wenngleich nichts im Film genauso passiert ist, wie es auf der Leinwand zu sehen ist.
Einige Kinozuschauer meinten zu mir, man müsse sich den Film mehrfach ansehen, um ihn in seiner Gänze zu begreifen, dies hab ich getan und das enttäuschende End-Gefühl hat sich dabei niemals großartig verändert.
Meine Frage ist: Wenn man sehen will, dass die Welt irgendwo beschissen ist und wie andere darunter leiden, dann braucht man dafür nicht ins Kino zu rennen, sondern sich einfach nur auf der Straße oder in seinem Umfeld umsehen. Diese Enttäuschung und Aufgabe des vorwärtssprießenden Mutes möchte ich doch nicht gleichzeitig noch von der Leinwand runtergebetet sehen. Ich gehe ins Kino, um dieser Welt ein Stück weit “entfliehen” zu können, mich mit dem Unmöglichen auseinanderzusetzen und Welten zu entdecken, die mir diese Realität hier vorenthält.
Dieses Empfinden teilten auch einige meiner Mitkinogänger. Das, was dieser Film anfangs hervorragend aufbaut und dieses Mädchen dem Zuschauer super sympathisch macht, opfert man zugunsten einer Lebenseinstellung, die ich ehrlich gesagt eher verachte denn schätze.
Und am Schluss bleibt immer das Gefühl: Warum sollte ich mir jetzt genau das im Kino ansehen?
 

.kinoticket-Empfehlung: Herrlich rebellisch und mit wunderbarer Ironie bestückt zerreißt sich das Werk am Ende selbst und opfert seine guten Eigenschaften einer bestenfalls fragwürdigen Weltansicht.
Die alles entscheidende Frage bleibt hinterher jedem irgendwo im Halse stecken: Wozu muss ich bezahlen und extra dafür ins Kino rennen, wenn man so etwas genauso tagtäglich vor seiner Haustür erleben kann?

 
Nachspann
nicht sitzen bleiben, rausgehen erlaubt – hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 19. April 2018

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Ewig ist es her, dass ich diesen Film in einer Pressevorführung gesehen habe und Aussagen dazu noch unter Embargo standen – und nie ist es mir schwerer gefallen, dazu die Klappe zu halten.
Nun sind die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben worden und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri hat sage und schreibe 7 (!) davon eingeheimst und steht damit unter den Top 3 der diesjährigen Nominierten bei der größten Verleihung überhaupt – allein das sagt ja schon mal verdammt viel über den Film aus!
In diesem bitterschwarzen Stück, das im Übrigen von seinen zynischen Inhalten lebt, die Ernsthaftigkeit und Tiefe, zum Himmel schreienden Schmerz und Provokation gegen das Eingefahrensein und die Gleichgültigkeit des Rechtssystems proklamieren, erhebt sich Francis McDormand in einer Frauenrolle zur Schauspielikone, die nicht nur für Recht und Gerechtigkeit kämpft, sondern auch das weibliche Geschlecht weltweit auf ein ansehnliches Niveau hebt, was Schauspielerei und die Bedeutung der Frau in Hollywood und grundsätzlich auf der Leinwand ganz neu bewertet.
Allein schon diese starke Weiblichkeit, die sich gegen unzählige frauenfeindliche Männercharaktere durchsetzen muss, habe ich bereits beim ersten Schauen genüsslich begrüßt! Ich liebe es, wenn endlich nennenswerte weibliche Beispiele an der Front der Schauspielerei stehen, damit tatsächlich mal etwas in Sachen Gleichberechtigung getan wird und die Klischees nicht immer weiter gefüttert und diese unglaublich wichtige Grundsatzdiskussion durch Lächerlichkeiten ad absurdum geführt wird.
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist ein Paradebeispiel dafür, wie man es richtig angeht und grollt mit unfassbarem Zorn gegen ein System, dass vielerorts auf der Welt für Ungerechtigkeit sorgt und Menschen in den richtigen Positionen die Macht gibt, Dinge falsch zu machen ohne dafür bestraft zu werden.
Dass man sich hier nicht vollkommen der Menschlichkeit entledigt und einfach auf einen groben Schlachtfeldzug geht, bei dem alles, was sich einem in den Weg stellt, zunichte gemacht wird, sondern die Emotionen und Gefühle, aber auch Verantwortung und Ehre gefordert werden, macht diesen Film unter allen Filmen dieses Jahr zu einem der ganz großen.
Und die bisherigen Nominierungen und Auszeichnungen sprechen eine ganz klare, deutliche Sprache: 3x AACTA International Awards 2018, Aufnahme in die Top-10-Filme des Jahres 2017 im American Film Institute, 9 Nominierungen bei den British Academy Film Awards 2018, 5 Nominierungen und 2 Auszeichnungen bei den British Independent Film Awards 2017, 6 Nominierungen und 3 Auszeichnungen bei den Critics’ Choice Movie Awards 2018, 4 Golden Globes und 6 Nominierungen bei den Golden Globe Awards 2018 und und und … die Liste ist endlos!
 

.kinoticket-Empfehlung: Ihr seht: Man braucht kein Oscar®-Filmjäger zu sein, um diesen Film gut zu finden, sondern von allen Seiten strömt der Tenor zu einem, dass dieses Werk eines der besten Filme aller Zeiten ist, das zu Recht mit Preisen überschüttet wird und jede einzelne Auszeichnung davon redlich verdient!
Francis McDormand pusht starke, weibliche Charaktere in Paraderollen in Hollywood, während sich die Männerriege hinten anstellt und gleichermaßen herausragende Performances abliefert, bei denen sich jeder einzelne davon sehen lassen kann.
Nicht nur der zynisch-sarkastische Humor, der es in vielen Dingen oft auf die Spitze treibt, sondern die unfassbare Härte und Konsequenz, der man sich hier opfert, machen aus diesem Stück einen Film, den jeder – wirklich jeder – unbedingt gesehen haben muss!
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gehört für mich schon seit einigen Monaten zu den Top 10 Lieblingsfilmen meines Lebens, und jeder, der ihn gesehen hat, weiß anschließend, warum!
Also tut euch selbst den Gefallen und geht rein – es lohnt sich. In jedem Kino. Zu jeder Zeit. Hauptsache gesehen!

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten, hier kommt nichts weiter.
Kinostart: 25. Januar 2018

Manchester by the Sea

So manch einer sagt mir ja nach, dass ich ausschließlich Actionkino bevorzuge, Spiele-Verfilmungen mag und für Arthouse nicht zu haben bin … ähm what?
Mit Manchester by the Sea landen wir direkt im Pool dieser atemberaubenden Filmschönheiten, denen ich sehr wohl etwas abgewinnen kann und die weit weg von Blockbuster, Explosionen, Stupidität und anderem Schwachsinn dahin dümpeln.
Ich persönlich hätte gern viel mehr Arthouse in den Kinos – auch den größeren, die – wie z.B. in Berlin im CinemaxX extra eine “Tiefgarage” für Kinopublikationen außerhalb der großen Masse eingerichtet haben, in die man sich als leidenschaftlicher Freund solcher Abwegigkeiten gerne verziehen und die Shows genießen kann.
Seit 19. Januar 2017 erfreut nun endlich die offiziellen Zuschauer das Meisterwerk von Regisseur Kenneth Lonergan, das seine Premiere ja bereits im Januar 2016 feierte und somit schon mal hier mal da zu sehen war.
Warum auch immer man so ein grandioses Schauspielstück so lange vor der Öffentlichkeit verbirgt, bleibt mir ein Rätsel. Denn obwohl auch hier die Erzählgeschwindigkeit nicht unbedingt mit rauschendem Tacho an einem vorbeizieht, ergreift einen das Gesehene nach einiger Zeit tief im Herzen.
Nicht nur Casey Affleck legt hier als Hauptdarsteller eine Portion Charme auf den Tisch, dem sich jeder Cineast einfach beugen muss, sondern auch seine bezaubernden Mitspieler stellen einmal mehr einen Könnens-Beweis auf, der ein paar Ligen über dem bekannten Niveau liegt.
In diesem Film legt man der Technik mal gehörig die Zügel an und lässt endlich wieder den Menschen in den Vordergrund, der mit dramaturgischen Höchstleistungen schauspielerische Höhen erklimmt, die aus diesem Stück schon relativ zu Beginn ein anbetungswürdiges Meisterwerk werden lassen, dass sich das “Prädikat besonders wertvoll” nicht nur verdient hat, sondern quasi daraus zu bestehen scheint.
Und dabei muss noch nicht einmal viel passieren, denn das Ensemble der Gefühle, das man hier anbricht, aufreißt und über den Zuschauer streut, reicht von ganz oben bis ganz unten. Und dabei wird nicht etwa auf billigen Humor oder übertünchendes Trara zurückgegriffen, sondern man flaniert ganz meisterlich in völig andere Dimensionen.
Und trotz der Tatsache, dass Manchester by the Sea ganz klar ein Drama darstellt, hat man als Zuschauer dennoch unglaublich viel Spaß bei der Sache und rennt selbst beim Zuschauen hier und da mal gegen die ein oder andere emotionale Wand.
Gut so, denn genau das erwarte ich von Arthouse-Kino: Stärken, die nicht durch Millionen von Dollar erzielt werden, sondern tatsächliche Film-Kunst auf ganz hohem Niveau.
Dass dieses Werk von der Presse gefeiert wird, steht außer Frage. Und ich hoffe, dass sich das Publikum, das es hoffentlich mega zahlreich geben wird, dieser Freude darüber anschließen wird, denn ich würde mir den Titel sofort wieder ansehen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Manchester by the Sea ist ein ruhiges, in tief emotionalen und ausdrucksstarken Bildern erzähltes Drama, in dem die Figuren alles sind.
Trockener Humor, sensible Härte und die Ironie des Lebens werden auf wunderbare Art und Weise eingefangen und wiedergegeben.
Stellenweise fast etwas zu ruhig und langatmig, dafür aber um so ergreifenderes und einprägsames Kino.

 
Nachspann
Der Nachspann entlässt euch genauso bilder- und videoreich wie die imposanten Eindrücke des Films während der Laufzeit sind. Wer also meint, sofort abdackeln zu müssen, der hat meines Erachtens den ganzen Film nicht so recht verstanden.

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