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Tag: Magersucht

Club der Roten Bänder – Wie alles begann

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Warum tut ihr uns das an?

Der Club der Roten Bänder feierte auf VOX bereits einen Sensationserfolg nach dem anderen und heimste genügend Preise ein, um sich einen Namen im Business der Bewegtbilder zu machen und eine breite Kennerschaft heran zu züchten. Und das Konzept ging auf: Man erzählte die wahre Geschichte von Albert Espinosa, der grundlegende Dinge an die Öffentlichkeit trug und mit seinem Wirken für Vorbildcharakter im Bereich der Krankengeschichten sorgte, die weltweit eine große Fangemeinde erschuf.

Nach insgesamt drei Staffeln und dem “Final”-Aufdruck auf dem Cover der letzten war das Ende dieser Ära besiegelt. Entweder man war dabei und kennt sie nun – oder man kann auf die Archive zugreifen und sich gewissermaßen “nachbilden”. Genau das ist auch der Punkt, an dem viele Fans der Serie nun scheitern werden: Man kennt einfach die Storyline, man weiß über alles Bescheid und bekommt inhaltlich keine Wucht mehr aufs Tablett. An dieser Stelle kommt nicht selten die Frage auf, wieso man etwas irgendwo erfolgreiches nun nochmal zwingend in die Kinos bringen muss, um die Kuh nun vollständig zu melken und nochmal Kapital aus dem vergangenen Erfolg schlagen zu müssen.

Ganz so hart würde ich an dieser Stelle gar nicht mehr ins Gericht gehen, denn: Wer die Serie nicht gesehen hat, bekommt nun einen saftigen Einstieg, der dafür sorgt, dass man das Verpasste möglichst schnell nachholen möchte. Und ich möchte fast sagen, es ist besser, sich erst den Kinofilm anzusehen und dann mit Staffel 1 zu starten, denn die Storyline geht auf und der Film punktet mit etwas, das die Serie nicht bringen durfte: Jürgen Vogel.

Im Ernst? Man hockt im Kino und flennt.

Wer hier schon etwas länger mitliest, kennt meine Allüren mit deutschen Kinomachern – dem Theatersprech-Hass und der absurden Charakterbildung, die das deutsche TV gerne als “normal” abstempelt, was in meinen Augen eigentlich einfach nur krank ist. Und davon gibt’s hier reichlich. Ganze Parts wurden mit solchen Persönlichkeiten besetzt, denen man – nüchtern betrachtet – gerne ins Gesicht schlagen möchte ob ihrer Realitätsfremdheit.

Und dennoch packt der Film jeden Zuschauer bei den Eiern und erreicht diesen Punkt, an dem das alles einfach nur noch egal ist und man von einem Emotionsbombardement zerschlagen wird, das niemandes Augen trocken lässt. Man leidet mit. Man fühlt. Und geht’s nicht genau darum, wenn man in einem Kinosaal sitzt? Um Gefühle?

Und da kommt Jürgen Vogel ins Spiel. Ein großartiger deutscher Schauspieler, der zwar nie sein “Alleinstellungsmerkmal” im Blockbuster-Segment gefeiert hat, jedoch so viele Stücke und Werke vollzogen, dass man ihn längst als feste Größe im Filmbusiness etabliert hat. Und seine Rolle hier: Grandios! Nicht nur im Plot, auch im Schauspiel und der “Begeisterung” – für mich eine seiner Paraderollen, die dem Film das gewisse Etwas geben und eben doch ein Grund sind, sich nochmal ins Kino zu setzen, auch wenn man den Ausgang längst kennt.

Genauso hat man meiner Meinung nach an den Seriencharakteren gefeilt und ihnen etwas mehr “Cineasmus” verpasst, um sie aus der trockenen TV-Ebene ins Kino zu bringen, auch wenn man die Fernsehherkunft kaum leugnen kann und deutlich spürt, aus welchem Boden sie gewachsen sind. Setzt man sich nach dem Kinobesuch hin und kramt die alten Blu-rays wieder raus, stellt man die spürbare Steigerung zum “Beginn” der ersten Staffel fest und merkt, wie “gereift” das ganze nun ist.

.kinoticket-Empfehlung: Serienkenner: Setzt euch ins Kino und schaut euch den Film an – Jürgen Vogel zuliebe.

Der reißt es wirklich raus und liefert genügend Grund, das .kinoticket zu lösen.

Alle anderen: Euch ist der Segen vergönnt, den besten Serienstart ever zu erhalten: Dieser Film ist ein grandioser Auftakt, wenn man die Serie noch nicht kennt und liefert Gründe genug, um anschließend die Läden, VoD-Shops und Streamingportale zu stürmen und sich die Serie endlich anzusehen.

Und vergesst die Tempo-Box nicht auf dem Schoß – ihr werdet sie brauchen!

Nachspann
✅ Sitzen bleiben, hier folgt noch ein bisschen was.

Kinostart: 14. Februar 2019

Original Title: Club der Roten Bänder – Wie alles begann
Length: 113 Min.
Rated: FSK 6

Embrace

Am 11. Mai 2017 waren in einigen Kinos manche Säle der Sondervorstellung Embrace komplett ausgebucht. Nora Tschirner als deutsche Schauspielerin promotete die Dokumentation im Vorfeld mit ihrem eigenen Namen und sorgte so wohl für eine immens große Nachfrage, so dass sich manche Kinos dazu entschieden, die Doku ein weiteres Mal über den Äther flimmern zu lassen.
Solltet ihr also nicht dabei gewesen sein, ist dies kein Grund zum Ärgern. Nutzt einfach die Suche auf http://kinofinder.kino-zeit.de/programmsuche/embrace oder http://www.kino.de/film/embrace-du-bist-schoen-2016/kinoprogramm/ und schaut, dass ihr noch eine dieser Vorstellungen erwischt.
Wer dann ebenfalls kein Glück haben sollte, dem bleibt die Möglichkeit, ab 18. Mai 2017 den immens wichtigen Film auf VOD oder DVD zu bestellen bzw. zu sichten. Daher auch meine zeitnahe Kritik an dem Werk und erstmals ein Hinweis auf die Heimkino-Veröffentlichung.
Als jemand, der selbst unter dem Thema zu leiden hatte und eine Vielzahl an Ärzten, Diäten und Versuchen hinter sich gebracht hat, war ich an dem Thema der Doku natürlich privat mega interessiert. Ein Zuschauer beschwerte sich hinterher bei mir, dass in dem Film fast schon diskriminierend Frauen die “Hauptrolle” spielen, da dieses Thema Männer genauso angehe. Klar – jedoch sehe auch ich die absolute Notwendigkeit, alle mal darüber aufzuklären, was tatsächlich Sache ist, um diese unglaubliche Verzerrung endlich zu beenden und zu zeigen, dass im Leben eben nicht alles Gold ist, was glänzt. Denn Frauen sind bei dieser Frage tatsächlich am meisten betroffen und gehören damit für mich auch absolut ins Rampenlicht, was das angeht.
Worum es geht?
Ihr kennt mich und meine Prinzipien und wisst, dass ich niemals spoilern will und keinem den Sehspaß im Kino verderben, darum werde ich auch hier nicht damit beginnen, Inhaltsangaben runter zu schreiben. Ich formulier es mal so:
“Hast du dich je mal im Spiegel betrachtet und dachtest, du seist nicht schön genug?”
“Hast du schon mal Stellen an deinem Körper gefunden, die du nicht optimal fandest?”
“Würdest du sagen, du bist die Schönheit in Perfektion auf dieser Welt und verkörperst sie durch dein Aussehen?”
Kannst du die ersten beiden Fragen mit “Ja” beantworten, dann ist der Film genau für dich geschaffen. Eine heilsame Umarmung anderer Menschen, die etwas gerade rücken, das in der Vergangenheit von diversen Interagierenden so dermaßen in ein verunstaltetes Bild verkehrt wurde, dass es mittlerweile abartige Ausmaße annimmt und Menschen nachhaltig schadet.
Genau diese Entwicklung wollte die Autorin Taryn Brumfitt aus Australien gemeinsam mit Nora Tschirner verhindern, indem sie das verkehrte Bild von allen Seiten beleuchten und damit der “einseitigen Berichterstattung” auf der Bühne der Welt den Kampf ansagen.
Und das Ergebnis ist überwältigend.
Gehörst du zu denjenigen, die die dritte Frage mit “Ja” beantworten, dann ist der Film für dich geschaffen, denn du solltest wissen, was du so vielen Menschen wie möglich empfehlen solltest, damit in der Allgemeinheit endlich das abstruse Denken aufhört, dass uns all die Jahre über eingetrichtert wurde. Dabei trägt der Film mit unglaublich vielen Fakten und Einblicken hinter die Kulissen der Branchen bei und bringt Leute auf die Bildfläche, die dazu wirklich etwas sagen können.
Und bevor ich jetzt ins Schwärmen über diesen mutigen und beachtenswerten Schritt komme, lasse ich einfach mal eine staatlich geprüfte Diätassistentin zu Wort kommen, die sich freundlicherweise bereit erklärte, mir nach der Vorstellung ein paar Fragen zu beantworten.
 

Ben (kinoticket-blog.de)
Wie fandest du den Film jetzt gerade?
Andrea H. (www.ess-therapie-muenchen.de)
Es war ein Wahnsinnsfilm und ich find’s richtig cool, dass diese Frau (Taryn Brumfitt) mal den Mut hatte, das in die Welt zu tragen, dass man einfach seinen Körper lieben soll so wie er ist. Denn dieses Thema betrifft so viele Menschen und sehr viele leiden wirklich darunter. Ich bin selbst Ernährungsberaterin und geb das meinen Leuten auch immer weiter: Dass es nicht wichtig ist, ob sie jetzt 5 kg mehr oder weniger haben, sondern dass sie einfach ihren Körper lernen zu lieben, wie er ist, weil genau so, wie er ist, ist er wundervoll.
Ben
Findest du es wichtig, dass man sich akzeptiert, wie man ist, oder sagst du, man sollte trotzdem schauen, dass es nicht irgendwelche übermäßigen Ausmaße annimmt?
Andrea H.
So, wie man sich gut fühlt, ist es richtig und es ist egal, ob der Arzt sagt, du sollst abnehmen oder ob der Mann oder Freund oder sonst wer es sagt, es ist nur wichtig, wie du dich für dich selber fühlst, ob du dich gut fühlst, ob du dich wohl fühlst. Denn was hilft dir ein Idealgewicht, wenn du dann unglücklich bist? Das hilft weder dir noch den anderen.
Ben
Also quasi dieses “Wohlfühlgewicht” haben?
Andrea H.
Genau. Ich mein, wenn ich jetzt ständig esse um damit irgendwelche Gefühle zu unterdrücken, dann sollte ich natürlich daran arbeiten, weil das Essen meine Gefühle, meinen Hass, meine Wut, meine Angst nicht löst. Aber wenn ich jetzt einfach, weil ich z.B. drei Kinder bekommen habe, etwas zugenommen habe, dann soll ich meinen Körper so akzeptieren, wie er ist, weil genau so ist er perfekt und er erzählt ja auch die Lebensgeschichte.
Ben
Findest du, dass die Dokumentation das gut rüberbringt? Dass jetzt auch Kinder und Jugendliche da rein gehen können und sagen: “Hey wow, mich versteht jemand”?
Andrea H.
Ja, den Film könnte man überall laufen lassen. Zum Beispiel auch am Bahnhof auf den Werbetafeln. Ich finde, das ist ein Film, der noch viel mehr verbreitet werden muss, dass man wieder weg kommt von diesem Schönheitsideal “Du bist nur gut, wenn du schlank bist”, weil das nicht richtig ist. Das haben wir ja auch gehört: Wenn du nur dafür lebst, um schlank zu sein, dann bist du nicht glücklich. Dann gehen die ganzen Wunder des Lebens an dir vorbei.
Ben
Fandest du das jetzt gut, dass da auch Schauspieler mitgemacht haben oder hätte man da jetzt noch mehr Prominenz einbauen sollen oder war das Gleichgewicht zwischen Schauspielern und “Normalos” gerade richtig?
Andrea H.
Das war genau richtig. Auch von den Schauspielern, die immer perfekt sein müssen, die Meinung zu hören, war gut – also war eine gute Mischung.
Ben
Und nach dem Film? Obstkiste oder Chipstüte?
Andrea H.
Das, worauf ich Lust hab.
Ben
Wie würdest du den Film in einem Satz beschreiben?
Andrea H.
“Wundervoll!”
Ben
Vielen Dank.

 
Andrea ist staatlich geprüfte Diätassistentin, die über sich selbst sagt, dass sie “Menschen ermutigen möchte, sich selbst zu lieben, so wie sie sind”. Ich denke, man merkt ihr ihre Lebensfreude und positive Einstellung bereits an dem kurzen Interview an und möchte mich daher nochmals für das Interview bedanken.
Wer mehr über ihre Arbeit erfahren möchte, darf gerne mal auf ihrer Website vorbei schauen: www.ess-therapie-muenchen.de.
Zur offiziellen Filmhomepage geht’s hier lang: http://www.embrace-derfilm.de/#home und wer gestern im Kino saß und mit Nora über den Film diskutieren bzw. Fragen stellen möchte, der sollte heute mal unter dem Hashtag #embrace auf Facebook vorbei schauen, denn sie lädt zum Livetalk ein und steht dort auch Rede und Antwort.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein aufrüttelnder Dokumentationsschocker, der intime Einblicke in eine Branche gewährt, die viele nur aus der verzerrten Wahrnehmung kennen, die uns Medien, Industrie und Werbung tagtäglich vorgaukeln.
Endlich hat jemand den Mut und spricht Dinge aus, die lange gesagt sein hätten sollen und liefert dazu die passenden Tatsachen und Fakten. Nach Aufklärungsfilmen wie Supersize Me und Voll Verzuckert – That Sugar Film ist Embrace folgerichtig ein Teil der öffentlichen Aufklärung über Falschinformationen bezüglich des eigenen Körpers.
Absolut sehenswert!

 
Nachspann
beinhaltet keine weiterführenden Szenen, man kann die Zeit aber gern zum Austausch nutzen, da die Vorstellung allgemein sowieso nicht allzu lang ist.

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