Martina Gedeck

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Frei nach Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens
inszeniert von der Augsburger Puppenkiste

Alle Jahre wieder … je älter man wird, umso trübseliger wird es, wenn das Jahresende neigt und man sich mit all den tausend mal erzählten Geschichten erneut rumplagen muss. Wieder und wieder … ein Jammer!

Das ist genauso, wie als Kind: Wenn man Fernsehen das erste Mal entdeckt, ist alles neu, alles spannend, es gibt unzählige neue Dokus, Filme, Shows, Dinge, die man noch nicht kannte und zum ersten Mal sieht – das Entdecker-Gen läuft auf Hochtouren und es gibt nichts spannenderes, als diesen Kasten einzuschalten und alles aus ihm rauszusaugen, was er hergibt. Zu viele Sender, zu wenig Zeit.

Dann – später – stellt man fest, dass all dies eigentlich nur eine Lüge ist. Schein. Dass zwar viel vorgegaukelt wird, aber im Grunde genommen doch alles das gleiche ist. Hat man eines gesehen, hat man alle gesehen. Man merkt, wie sich die Sender gegenseitig mit Wiederholungen überbieten, wie die immergleichen Filme wieder und wieder runtergespielt werden, als gäbe es nichts neues, das man dem Konsument vorsetzen könnte.

Ich für meinen Teil habe dann Kino entdeckt und stecke mittlerweile so tief drin, dass ich weiß, wieviel neues produziert wird und das eines der größten Probleme für kleinere Produktionen tatsächlich ist, dass zu viel existiert für zu wenig Leinwände in diesem Land und man deshalb – wenn überhaupt – nur kurz gespielt wird, um den Saal für das nächste Projekt wieder freizugeben. Es sei denn, man liefert Mainstream und produziert damit unchristlich viel Geld.

Dann gibt es diese Zeit im Jahr – Weihnachten – wo sich freiwillig jeder auf die traditionellen Geschichten beruft und quasi kaum jemand etwas Neues sehen möchte. Man spielt einen Dreck … das Öffentlich-Rechtliche kann man quasi am besten schon vorzeitig nicht mehr einschalten und man kommt trotzdem nicht um die ewigen Dauer-Repeats drumrum. Und zu allem Überfluss landen die Dinger dann auch noch überteuert in den DVD-Regälen, als ob sich jemand die Mühe machen müsste, um so endlich an diese Inhalte zu gelangen.

Also ab ins Kino. Und was läuft da?

Seit neuestem hat sich die Augsburger Puppenkiste zur Aufgabe gemacht, den weihnachtlichen Kruscht neu aufzumischen und mit ihren eigenen Puppen darzustellen, um kindgerechte Unterhaltung zu liefern, die eben nicht nur in Augsburg gezeigt wird, sondern landesweit auf den Leinwänden angespielt werden kann.

So auch dieses Jahr. Muss man, nur weil alle Erwachsenen den Kram nicht mehr sehen können, nun damit aufhören, ihn zu erzählen?

Dann könnten wir auch gleich die Lügen vom Weihnachtsmann und Christkind beenden und den Babys bereits aufgeklärte Psychoanalytik vorlesen, solang sie noch im Mutterleib sind und das Fest einfach sofort abschaffen und es zur „längere Ladenöffnungszeiten“-Phase deklarieren – das wäre wenigstens ehrlich und konsequent.

Ich finde nicht. Man sollte den Kindern zumindest ein paar Jahre die Illusion lassen, dass es etwas besseres gibt als die Realität. Vielleicht finden sich dann ja irgendwann mal einige, die den Mut in der Hose haben und daran tatsächlich nachhaltig etwas ändern wollen.

Und so lange erzählen wir Ihnen einfach die alten Geschichten.

 

.kinoticket-Empfehlung: Das Projekt der Augsburger Puppenkiste geht weiter: Man frisch alte Weihnachtsstories im Marionettentheater auf und serviert sie ganz Deutschland alljährlich zur Weihnachtszeit in Sonder-Events.

Das ist zumindest im Ansatz anders als der Mist, den sich der Rest der Mediencliquen zu dieser Jahreszeit gegenseitig verabreichen und somit tatsächlich einen Blick ins Kino wert. Auch wenn sich die Inhalte deshalb nicht erneuern: Die Erzählungen sind dennoch gut aufgemacht und bieten einen gewissen Unterhaltungswert.

 

Nachspann
✅ ist liebevoll animiert und bei der kurzen Laufzeit kann man das ruhig noch mitnehmen.

Kinostart: 1. Dezember 2018: An allen Adventswochenenden, an Nikolaus und an Weihnachten als großes Sonderevent im Kino.

Original Title: Geister der Weihnacht
Length: 64 Min.
Rate: FSK 0

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An diesem Film scheiden sich wohl die Geister – die theatergeprägte Generation beschreit dieses Werk als Meisterstück zeitgeschichtlicher Dokumentation in Vollendung und feiert Josef Bierbichler als modernen Helden des Kinos ab, der es endlich vollbracht hat, die gebeutelte Geschichte dieses Landes fesselnd auf die Leinwand zu bannen, die nicht so versierten Freunde altdeutscher Geschichte fühlen sich gelangweilt und gelegentlich vor den Kopf gestoßen ob der missdeutbaren Botschaft, die dieses Werk hinterlässt.
Tatsächlich hat mich dieser Film beides – begeistert und verärgert. Als übermäßiger Konsument von Geschichten auf der Leinwand empfand ich es als sehr erfrischend und technisch super gelungen, mal einen Film in unserer Zeit zu sehen, der bewusst in schwarzweiß gedreht wurde. Obwohl man als Laie meint, dass dies ja alles einfacher macht, da man sich nicht mehr um Farben und Aussehen scheren muss, liegt die Wahrheit eher im Gegenteil: Es ist schwieriger, einen Film in schwarzweiß zu bringen, weil hier die Bildgebung und viele Details wesentlich schwieriger umzusetzen sind und man nicht mehr nur “einfach draufhalten kann”. Von dieser Seite her hat man die Umsetzung tatsächlich extrem gelungen auf die Reihe gebracht und das Spiel mit den diversen Wechseln sehr gekonnt inszeniert.
Ebenfalls hochgradig gelungen ist der Tritt ins vergangene Jahrhundert, das Aufleben lassen dieser Zeit und die historische Verbundenheit durch eine Generation hindurch zu sehen ist etwas, das man in anderen Filmen nicht in diesem Ausmaß hat. Die lokale Verbundenheit und der – wenn man so will – rote Faden durch alles ist in diesem Stück plastisch, historisch und grenzt dabei schon fast an das Unverständnis heutiger Generationen, die diese Epochen eben nicht mehr in dem Ausmaß zelebrieren, wie sie damals von der aktuellen Generation proklamiert wurde.
Und da kommen wir zu dem Punkt, was mir letztendlich übel aufgestoßen ist: Dieses immerwährende Festhängen an unliebsamen Fakten, die sich im Nachgang nicht mehr ändern lassen und auch heute keine neuen Lösungen anbieten, sondern sich einzig und allein im Bad von Schuld, Schuldzuweisung und Egalität suhlen, statt konkret Verantwortung zu übernehmen und für seine Sünden zu büßen.
Dieses Thema ist ein heikles, das in vielen Bereichen bereits große Kriege entfacht hat und wenn ich dann als jemand, der nicht in dieser Zeit gelebt oder aktiv und bewusst etwas davon mitgekriegt hat, sondern die Taten vergangener Tage nur aus Geschichtsbüchern und Filmen kennt, aus einem Film gehe und mir sage: “Okay, die Welt ist schlecht”, dann ist das eine Erkenntnis, die gleichzeitig keine ist, denn genau das wussten wir alle schon lange.
Es wäre in der Tat ein historischer Meilenstein, würde man die Egalität derjenigen dann einfach mal weglassen, sich das Gejammer von “Ich wusste es ja nicht besser und habe eigentlich auch nichts gemacht” sparen und sagen: Wir waren das und genau das war scheiße, es tut uns leid.” – dann hätten heutige Generationen die Möglichkeit, Schuld zu vergeben und man könnte gemeinsam damit beginnen, die schwarzen Kapitel der Vergangenheit in Sühne und Vergebung zu ertränken und sich tatsächlich an die Aufarbeitung machen.
Ich habe dem deutschen TV früher oft vorgeworfen, in seiner eigenen Historie zu ertrinken und keine anderen Themen zu kennen – von Freude und Ausgelassenheit ganz zu schweigen. Überzeugt haben mich diesbezüglich aber eher amerikanische Filme, auch in Sachen Moral. Die fehlte mir hier nämlich gänzlich – und dafür ist dieses Werk mit seinen 139 Minuten deutlich zu lang.
Freunde dieser Zeit, Leute mit den gleichen verschrobenen Ansichten oder Persönlichkeiten, die sich zurück in jene Epochen wünschen, feiern natürlich ein Fest alter Traditionen, finden sich wieder inmitten grandios ausgearbeiteter Szenen, die ein irres Bild vermitteln und tatsächlich tief in die Verkommenheit menschlichen Seins vordringen, aber all das bringt am Ende nichts, wenn es nicht zu einer Lösung führt oder gar Vorbild wird, sondern man sich schlichtweg drumrum entschuldigt und seiner eigenen Verantwortung entzieht.
Und genau das halte ich diesen Generationen bis heute vor – und nun steinigt mich dafür.
 

.kinoticket-Empfehlung: Josef Bierbichler fungiert hier gleichzeitig als Romanautor, Filmemacher und Hauptdarsteller und vereint die Geschichte einer Familie eines ganzen Jahrhunderts in historischen Bildern, die weit über dem stehen, was andere Dokumentationen bisher ablieferten.
Die Gleichgültigkeit, mit der man hier in Sachen Verantwortung umgeht, hat mich erneut vor den Kopf gestoßen und das Gesamtprojekt in Frage stellen lassen, weil mir dafür einfach zu viel Unverständnis und Einsicht entgegengekommen ist, die ich mir sinnigerweise von den Erzählenden gewünscht hätte.
Wer also eine zeithistorische Aufarbeitung besehen möchte, ist mit diesem Werk bestens gesegnet, jedoch sollte man weder Moral noch einen Sinn darin suchen, denn der wird uns gänzlich vorenthalten.

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.
Kinostart: 22. März 2018

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Hört man den Titel, denkt man direkt daran, dass dieser Stoff womöglich nicht leicht zu verfilmen sein wird. Geht man dann völlig vorurteilsfrei ins Kino und lässt sich von dem Kommenden überraschen, stellt man fest, dass tatsächlich Schwierigkeiten bei der Verfilmung da gewesen sind, die Regisseur Julian Roman Pölsler aber erstklassig gemeistert hat.
Ich würde fast behaupten, dass es sich hierbei wieder mal um eine “unverfilmbare Buchvorlage” handelt, deren Erzählweise es quasi schon verbietet, dramatisch interessante Plots für die Leinwand daraus zu formen, um sie dem Zuschauer hinterher erfolgsbeseelt vor die Augen zu werfen.
Dennoch ist dieses grandiose Kunststück gelungen und man erhält einen bleibenden Film, dessen Eindrücke sich nicht unbedingt auf die Erzählstrategie oder Bilder beziehen, viel mehr aber auf den kuriosen Inhalt. Dabei eine so vielschichtige und in sich verwobene, von Abstrusitäten durchzogene Familien-Polemik-Kultur auf die Füße zu stellen, die sich die Zeit nimmt und jedem Probanden eine eigene Profiltiefe verpasst, ist genauso unglaublich wie wahr – denn genau das hat man hier vollzogen.
Dass man dabei in Abgründe vorstößt, die nicht leicht zu ertragen sind, gehört genauso zum Menü dazu, wie die Tatsache, dass Martina Gedeck nicht unbedingt für Popcorn-Stoff bekannt ist, hier aber eine unfassbare Performance auf die Beine stellt und tatsächlich quasi durch “Rumstehen” beeindruckt.
Der negative Beigeschmack, den man beim Zuschauen im Sympathie-Areal findet, gehört zum Plot dazu und zeigt meisterlich die Zerrüttung dieser Familie, in der jeder sein eigenes Elend mit sich trägt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Meisterhaft umgesetzte Dramaturgie über schändliche Tatsachen, die ob der ruhigen Erzählweise nichts von ihrer horrenden Krankhaftigkeit verlieren.
Martina Gedeck glänzt in ihrer Rolle und führt den Zuschauer immer näher an Abgründe heran, die sich nach deren Begreifen tief im Hirn verwurzeln und den Zuschauer auch nach dem Film nicht so leicht loslassen.
Sehenswerte Konstruktion über die Vernichtung eines Menschen.

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet zu werden. Geht lieber ins Foyer und diskutiert ein wenig über Schuld und Sühne.
Kinostart: 18. Januar 2018

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Es hat sich in den letzten Wochen schon fast als Volkssport herauskristallisiert, darauf zu wetten, dass ich den Kinosaal wieder mal betrete, wenn gerade der Anne Frank-Trailer läuft. Der regte in mir nämlich alles andere als positive Emotionen und lies mich mit Schauer darauf warten, dass dieser Titel endlich in den Kinos anläuft und ich ihn – ausschließlich für dieses Blog hier – schauen kann.
Meine Erwartungen waren mehr als niedrig, denn der Trailer suggeriert bereits das in Mitleid ertrinkende Triefen sensibler Gefühle eines Mädchens, das soooooo viel in der Welt veränderte und dessen Stoff wir alle endlich auf der Leinwand sehen müssen. Ironie off.
Gerade das deutsche Kino hat es nämlich immer wieder verpatzt, wenn es um funktionierende Darstellungen mit einer Moral ging, die am Schluss tatsächlich das Herz und nicht das Schul-Geschichtsunterrichts-Gen ansprechen sollten.
Und die Sprechweise und vor allem der Cast deutete nicht darauf hin, dass jetzt alles anders werden würde.
Mittlerweile haben wir 2016. Viele Jahre sind vergangen, es wurde viel gelitten, viel erzählt, viel gebüßt und viel versucht, wiedergutzumachen. Man ist gewachsen. Erstarkt. Informiert. Wurde in irgendeiner (oder mehrfacher) Weise mit diesen Themen konfrontiert und dazu ermahnt, sich endlich anders zu verhalten.
Wie gut das klappt, sieht man derzeit an den herumlaufenden Beispielen auf der Straße, die sich erneut eine Volksgruppe auserkoren haben, um gegen sie zu demonstrieren und damit wieder das Rasse-Gedankengut in die Köpfe zu säen. Herzlichen Glückwunsch, Welt, du hast wieder einmal … versagt.
Und mittendrin startet nun ein Film in den deutschen Kinos, der sich die Tagebücher der Anne Frank vornimmt und daraus unterhaltsamen Stoff zu machen versucht.
Versucht … und nicht schafft. Zugegeben, es ist schwierig, zwei Stunden mit Erzählungen zu füllen, die sich mehr oder weniger in einem kleinen Kabuff abspielen, über das es recht wenig zu berichten gibt. Dazu ist der Stoff selbst viel zu schwierig und viel zu unterhaltungsarm, als dass man diesen präzise auf die Leinwand bringen und die Zuschauer damit begeistern könnte.
Was mich allerdings viel mehr gestört hat, war die offensichtliche Zurkenntnisnahme der äußeren Umstände, die hier weder kritisiert, noch erklärt oder in irgendeiner anderen Weise angegangen werden. Es ist nunmal einfach so, finde dich damit ab. Ja, was eigentlich?
Sowohl ein Intro als auch hier und da ein paar Gründe für das Verhalten fehlen. Damit entzieht sich das Machwerk gleichermaßen auch gleich noch der überaus wichtigen Aufgabe, an die Vernunft zu appellieren und seine Medienwirksamkeit auszunutzen, die dieser Titel definitiv trägt.
Man schleicht sich einfach aus dem Leben davon und verbringt nun etwas Zeit damit, unzufrieden zu sein und hier und da ein paar mehr oder weniger glaubwürdige Dinge durchzuexerzieren. Oder um es anders zu formulieren: Man verhält sich schlichtweg einfach zu konservativ.
Klar, die Jugend kriegt man mit so einem Thema wohl kaum dazu, ein Kino aufzusuchen und das .kinoticket auch noch aus eigener Tasche zu zahlen, dementsprechend hoch war auch der Altersdurchschnitt in meinem Saal. Allerdings versucht man auch gar nicht erst, die Sache irgendwo spannend zu gestalten, so dass sich sowohl Bilder als auch die Message tief ins Hirn festsetzen und selbst Wochen später immer noch nachwirken, sondern man befriedigt (oder beleidigt?) halt diejenigen, die das mehr oder weniger noch live miterlebt haben könnten.
Hätte man mir die Aufgabe gegeben, wäre ich wohl etwas abgedrehter an die Sache rangegangen. Wäre mehr auf Emotion, mehr auf Gefühl. Mehr auf die psychische Bedrückung gegangen. Hätte andere Stilmittel eingesetzt, mehr auf Rückblenden oder geistige Flashs gesetzt statt mich dieser monotonen Langweiligkeit zugunsten konservativer Berichterstattung zu unterwerfen.
Denn genau die machen das Werk in meinen Augen eher kaputt, als hier wieder ein leuchtendes Beispiel am Filmhimmel zu setzen, dem sich jüngere Zuschauer zuwenden und daraus lernen könnten.
So holt man diejenigen vor den weißen Schirm, die diese Erzählungen selbst in- und auswendig kennen und liefert ihnen nichts neues. Dass man die Monotonie nun auch positiv interpretieren könnte, um daraus das erdrückende Alltagsleben der Kleinen zu resultieren, ist mir auch klar, allerdings wirkt das ganz und gar nicht so, sondern lässt eher auf mangelnde Begeisterung beim Filmen zurückschließen.
Ich glaube kaum, dass es hier an Geldern oder Potenzial gemangelt haben könnte, um die Umsetzung nicht etwas anspruchsvoller zu gestalten. Da sind bereits andere Titel auf dem Markt, die meines Erachtens viel eindrücklicher zur Geltung bringen, was man aus Geschichten wie diesen lernen muss: Der Junge mit dem gestreiften Pyjama oder Die Schüler der Madame Anne – um nur zwei Beispiele zu nennen.
Ist das Filmbusiness derart verkalkt, dass sich wirklich keiner mehr traut, ernste Themen anschaulich aufarbeiten zu wollen ohne dabei dem grautristen Matsch der verkrusteten Nazi-Berichterstattung zu verfallen, die uns allnächtlich in den Dokumentationskanälen quält?
Schlussendlich war nämlich der eingangs kritisierte Cast tatsächlich das gelungenste, das ich diesem Streifen zusprechen muss. Die Mutter, die in Das Leben der Anderen schon herausragend die Rolle der Christa Maria Sieland gespielt hat, leistet hier wieder so derart galante Gesichtsmimik, dass einem vor Glück fast schlecht davon wird. Leider wird ihrer Person zu wenig Platz zugestanden, als dass man sich eingehender mit ihrem Charakter hätte befassen können.
Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Titel wirklich so eindrücklich, ernst und erschütternd von der Leinwand poltert, wie es uns die Presse das vorgebetet hat. Quasi ein neues Maß der Dinge ansetzt, an dem sich zukünftige Filme orientieren.
Das Ergebnis war eine herbe Enttäuschung, die ich so nicht weiterempfehlen kann. Dann greift lieber zu den anderen beiden genannten Filmen und zieht daraus eure Konsequenzen. Damit wäre der Filmabend dann wenigstens gerettet.
 

.kinoticket-Empfehlung: Zu konservativ, zu vorsichtig, zu bieder und unspannend: Die Macher halten lieber die Füße still, als etwas zu riskieren und damit die Menschen wieder wachzurütteln.
Klar ist der Filmstoff schwierig, um daraus ansprechende Unterhaltung zu kreieren, jedoch hätte man andere Stilmittel der Verfilmung einsetzen müssen, um hier wieder etwas zu erschaffen, dass sich in den Köpfen festbeißt und dennoch eine Art Moral rüberbringt, auch wenn diesbezüglich keiner mehr moralisiert werden möchte.
Dass das Thema noch lange nicht ausgesessen ist, zeigen die aktuellen, politischen Geschehnisse mehr als deutlich, jedoch trägt der Film meines Erachtens zu keiner positiven Wendung bei, sondern schürt eher noch mehr den Unmut, sich damit zu befassen. Und damit hat man eine wichtige Aufgabe verpatzt und wertvolle Zuschauer an andere Titel verloren.

 
Nachspann
wird musikalisch endlich aufgewertet, denn selbst beim Soundtrack hat man sich den ganzen Film über an einer konstanten Linie des Verzichts geübt und auf striken Minimalismus gesetzt. Weiterführende Szenen oder gar Teaser folgen aber keine.

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Hape Kerkeling dürfte für viele ja ein Begriff sein. Sein Buch Ich bin dann mal weg über seinen Trip auf dem Jakobsweg auch.
Devid Striesow als Hauptdarsteller zu engagieren war ein genauso kluger Schachzug wie die Idee, dieses Buch zu verfilmen. In einer Generation, die des Lesens überdrüssig geworden ist, erreicht man kein Publikum mehr mit Büchern, die schon seit Alters her als Inbegriff von Weisheit und Fortschritt gelten.
Mochte man vielleicht meinen, man kenne diesen Mann anhand seiner Auftritte im TV und vor Live-Publikum, entsendet dieser Film nun ein gänzlich anderes Image seiner Person umgeben von einer gemütlich-charmanten Leichtigkeit, die sich – gottseidank – mal nicht auf die kirchlich-sakramentösen Rituale stürzt und versucht, hier ein möglichst religionsbehaftetes Moralgetue von sich zu geben. Im Gegenteil: Die Kirche verschwindet fast schon in der Bedeutungslosigkeit, während das Suchen und Finden einer göttlichen Instanz in Hape-üblicher Gemütlichkeit über die Bühne gestrichen wird.
Und genau diese Entspanntheit, das Ankommen in der Natur – umgeben von den faszinierenden Landschaften Spaniens – das schrittweise Herantasten an Probleme, die im Geschrei unserer Zeit längst untergegangen sind, die Offenbarungen und das Lösen innerer Konflikte bricht hier wie ein großer, erlösender Schwall aus Entschleunigung auf den Zuschauer herein und hinterlässt eine wahnsinnig gemütliche Aura, in der sich sicherlich nicht nur ich mich allzu gerne dauerhaft baden würde.
Gepaart mit dem einzigartigen Humor von Kerkeling ergibt dies eine wunderbare Reise zurück zum Glück jedes einzelnen Menschen, der sich auf diesen Erzähltrip einlässt. Die ergreifenden Profile der verschiedenen Begleiter werden teils so stark und emotional ausgebreitet, dass man durchaus an einigen Stellen mit tiefer Ergriffenheit im Kino sitzt und sogar stellenweise mit den Tränen zu kämpfen hat.
Für mich war der Film ein Quell der Erquickung, der genau diesem Zeitgeist entgegenwirkt, in dem wir alle gefangen sind und unweigerlich unserem Ende zusteuern. Alles wird mehr, alles muss wachsen, wir arbeiten immer schneller, immer heftiger, der Mensch beutet sich selbst immer stärker aus und hinterlässt eine Spur seelischer Verwüstung und körperlicher Zerstörtheit, die innerhalb der Hetze umgeben von sinnlosen Postings, Facebook und anderem Firlefanz längst nicht mehr gehört, geschweigedenn entschleunigt wird.
Und aus genau diesem Wahnsinn bricht dieser Film gekonnt aus und zeigt auf, wie wichtig es für einen jeden von uns ist, sich wieder dem inneren Ich zu stellen und sich auf die Person und den Mensch selbst zu besinnen, statt sich weiterhin zombielike mit Dingen zu beschäftigen, nach denen bereits wenige Sekunden später kein Hahn mehr kräht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Aus diesem Grund kann ich jedem nur schwerstens empfehlen, sich diesen Film anzusehen – auch wenn man das Buch schon kennt. Julia von Heinz hat derart filigran den Sprung in die richtige Richtung geschafft und endet hier mit keiner Silbe in einem Topf aus triefenden Klischees oder andersartiger Verwüstung eines guten Buches.
Im Gegenteil: Die Entschleunigung, das Mensch werden, das Fragen stellen und Antworten darauf finden. Die richtigen Fragen stellen, sich Zeit nehmen, für andere da sein, zur Ruhe kommen, weitergeben, entschlacken, innerlich wieder frei werden und der Seele neues Futter geben, damit der Mensch in all dem Wahnsinn nicht kaputt geht, sondern das Herz wieder lacht – all das organisiert dieser Film in gekonnter Art und Weise und richtet in diesem Schema wahnsinnig viel gerade.
Wer nach den 92 Minuten nicht gründlich gebadet wieder aus dem Kinosaal tritt und sein Leben unglaublich erleichtert empfindet, der hat während der Vorstellung geschlafen oder schlichtweg kein Auffassungsvermögen.
Genau solche Filme sollte man sich als Lehrbuch hernehmen, um das allgemeine Gesellschaftsbild wieder etwas gerader zu rücken und den Menschen zu erklären, dass neben Displays, Handys, Facebook und Co. auch noch andere Dinge existieren, die nicht nur einfach so da sind, sondern für die meisten von uns unverzichtbar.
Und weil die im Alltag mittlerweile fehlen, leben wir in einer Welt, in der das Handydisplay wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt bekommt als dein Gegenüber, das verzweifelt versucht, mit dir ins Gespräch zu kommen um einfach mal wieder ein friedliches Beisammensein zu genießen.
Vielleicht schaffen wir es doch wieder zurück zu einem Zustand, wo Geselligkeit einen Stellenwert bekommt, weil die Menschen zu dem zurückfinden, was wirklich zählt.
Was das ist, zeigt dieser Film in allen Facetten. Also Abflug ins Kino!

 
Nachspann
Der Nachspann flattert genauso gemütlich mit vielen Bildern über die Leinwand und bricht das Gesehene dadurch nicht gleich ab. Vorzeitiges Aufspringen ist also unangebracht.
 

Und damit wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein frohes neues Jahr 2016 und hoffe, dass nicht nur ich die Elemente dieses Films als Leitlinie statt der guten Vorsätze hernehmen werde.

Geht wieder aufeinander zu, schaut einander an, wenn ihr euch unterhaltet, lasst die Displays wieder in den Hintergrund rücken und hört auf, eure Umgebung mit diesem ignoranten und verletzenden Verhalten zu massakrieren. Nur wenn die Menschheit wieder aufeinander zugeht, sich in die Arme schließt und gegenseitigen Respekt erweist, wird es auf diesem Planeten wieder möglich sein, in Frieden miteinander zu leben.

Und ich denke, von diesem Krieg und seinen langfristigen Auswirkungen, die uns die letzten Jahre ständig erschüttert haben, haben wir alle mehr als genug.

Auf dass 2016 das Jahr wird, in dem Gespräche von Angesicht zu Angesicht wieder mehr wert sind, als das tote, kalte Tippen auf einem Smartphone, bei dem der Mensch hintenan gestellt wird und nicht mehr das wertvollste Geschöpf auf diesem Planeten ist.

Schaut euch wieder in die Augen – und schaut diesen Film.

In diesem Sinne – Frohes neues Jahr 2016!

Ben

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