.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Rabbi

Ein Lied in Gottes Ohr

Sprache ist ein schwieriges Thema. Sprache besteht quasi nur aus Missverständnissen oder den kläglichen Versuchen, so viele als nur irgend möglich davon zu vermeiden. Und das gelingt in der Regel eher schlecht als recht. Der Punkt ist, dass die Menschen alle grundsätzlich einmal davon ausgehen, dass ihr gesagtes Wort vom Gegenüber ganz genauso interpretiert wird, wie sie selbst es tun und sie daher eben exakt das gleiche verstehen müssten, wie man selbst im Hirn interpretiert hat. Und sie werden dann böse, wenn der andere mit anderen Interpretationen anrückt und sogar ausfällig oder wütend über so viel Dummheit und Unfug und Hirnlosigkeit.
Merkt ihr? Ich sage “alle”, “die Menschen”, “sie” und impliziere damit die ganze Welt und schließe völlig aus, dass ich als Person grundsätzlich gerne solche Verallgemeinerungen hernehme, weil mir komplizierte und lange Erklärungen oftmals im “einfachen Gespräch” zuwider sind und ich einfach davon ausgehe, dass mein Gegenüber mich ein wenig kennt und richtig einschätzen kann, dass bei mir solche krassen Aussagen und Worte immer relativ zu verstehen sind und niemals für absolut und korrekt hergenommen werden sollten. “Alle” bedeutet also nicht komplett und vollständig absolut jeder, sondern “einfach die Regel”, “grundsätzlich gehen die meisten”, “wenn man sich so umschaut und nicht gerade auf die berühmte Ausnahme trifft” und damit ist das als relativ zu betrachten, während ich diesen schwierigen und langen Absatz im Gespräch gerne mit “grundsätzlich alle” abkürze, um Zeit zu sparen und aufs Wesentliche zu kommen.
Ihr merkt: Sprache – schwieriges Konstrukt, und die Anzahl und Häufigkeit an Missverständnissen ist riesig! Das Ziel der Sprache ist also, möglichst durch lange Erklärungen und Umschiffen so viele Missverständnisse wie möglich auszuräumen, um so große Übereinstimmung mit dem Gegenüber zu schaffen, wie nur irgend möglich.
Dazu dann: Religion. Ich sehe förmlich schon die brennenden Heugabeln auf mich zufliegen, denn bei Religion können die Menschen erst recht richtig schön aufeinander losgehen und sich gegenseitig bekriegen, da sind dann noch Emotionen im Spiel und Hass, zutiefe Abscheu und gleichzeitig LIEBE zu den eigenen Menschen und der eigenen Religion, Absolutheit gegenüber anderen Weltanschauungen und -ansichten, hier gilt also nicht mehr nur das geschriebene oder gesprochene Wort, sondern da kommt die Emotion und Interpretation zum Einsatz, das Blut kocht hoch und es kommt regelmäßig zu Kriegen, Terror und Gewalt, weil der andere nicht glauben will, was ich glaube, also gehört er weggebombt. Damit könnte man verschiedene Abarten von Religion dann auch beschreiben (Ich weiß, es geht auch anders, aber ich will auf etwas anderes hinaus).
Nimmt man jetzt Sprache bzw. das Unvermögen der Sprache, und mischt es mit Religion und vertraut diesen Komplex dann der Verantwortung und Obhut einer Regierung an, dann kommt sowas wie “political correctness” raus, an der sich Medien, Freischaffende, Künstler, Menschen und andere Wesen den Arsch aufreißen und aus etwas eigentlich wunderschönem etwas vollkommen Verzerrtes und Hässliches machen.
Würde ich (und ich tu’s bewusst nicht, weil ich es krank und abartig finde), hier wirklich politisch korrekt schreiben und immer alles und jeden mit einbeziehen, jedes sprachliche Wehwehchen mit Eventualitäten wattieren und nur noch in Angst und Schrecken leben, ich könnte irgendeine völlig neue, unbekannte und anders interpretierte Form des Seins vergessen und damit “bewusst ausgegrenzt” haben, dann tun mir diese Leute unendlich leid, weil deren Leben so jämmerlich sein muss, dass sie sich tatsächlich von zwei Buchstabenbögen auf einem beleuchteten Display so provozieren und benachteiligt fühlen, dass ihr ganzes Leben in Erschütterung gerät – ich könnte dieses Blog schließen und würde nichts mehr posten, weil dies vernünftiger wäre, als diesem Quatsch untergeordnet zu sein und hier sprachliche Konstrukte auf die Menschheit loszulassen, die zwar politisch korrekt, dafür aber absolut unverständlich und vor allem unlesbar wären.
Dann würde zwar keiner mehr die Inhalte vom Text verstehen, niemand wüsste mehr, was ich zu sagen habe, niemand könnte sich mehr Hilfestellungen geben lassen, welche Filme für ihn toll wären, ABER: Meine Texte wären politisch korrekt.
Ergo: Political Correctness ist das dümmste, was es je gegeben hat, weil es nie darum ging, sondern diese Sache ganz andere Ursachen und Krankheiten in sich trägt, die viel eher zu ändern sind. Das würde an dieser Stelle aber zu weit führen.
Warum schreib ich jetzt hier also erstmal drei Bücher über Sprache, Religion und political correctness, wenn es eigentlich gar nicht darum geht?
Weil Ein Lied in Gottes Ohr wunderbar herrlich damit bricht und es zur damaligen Zeit, als noch niemand in den Medien großartig darüber spekuliert hat, als ich den Film das erste Mal gesehen habe, eine absolute Freude war, einen derartigen Streifen mit dieser sprachlichen Leichtigkeit und herrlichen Unkorrektheit zu erleben, der wieder auf niveauvollem Spaß basiert und die Menschen sowohl unterschwellig etwas lehrt, dabei aber keine Moralkeulen um sich schwingt, sondern eher in erzählerischer Beschwingtheit ein absolut schwieriges Thema kabarettistisch humorvoll und voller Liebe auf die Spitze der Palme bringt und den Menschen permanente Lachmuskelprovokationen auferlegt, zwischen denen er dieses “hochgradig schwierige Thema” durchackern muss.
Und das macht so richtig tierisch Spaß, ist absolut derb und wird vom Film mit einer Feinfühligkeit und erlesenen Gradlinigkeit angegangen, die allen Ernstes bewundernswert ist, da man zwar den Bogen heftig spannt, es aber kein einziges Mal schafft, ihn wirklich zu überspannen, sondern die Sehne langsam entknotet und entfernt und den Menschen zeigt, dass alles eigentlich gar kein Problem ist, wenn man nur miteinander redet.
Leute: Es ist großartig! Das Drehbuch, die Witze, die Intensität des Sarkasmus und der gegenseitigen Provokation, die Basis und Ebene und das federleichte Dahinsegeln zwischen so vielen Unterschiedlichkeiten und Einzigartigkeiten, was damit ein herrliches Abbild unserer kunterbunten Weltkugel abgibt, in der alle Farben und Formen des Lebens zu finden sind, was uns übrigens von allen anderen Planeten und Kugeln in näherer Umgebung vollständig abhebt.
Dazu noch die Message und fertig ist einer der Kinofilme, die man sich unbedingt ansehen sollte, um nicht eine wichtige Lektion zu verpassen und natürlich: Um mal wieder herzhaft und ausgiebig lachen zu können ohne sich dabei panikartig in alle Richtungen umsehen zu müssen, ob nicht jemand von hinten links grad mit der Waffe der Moral auf einen zielt und soeben abgedrückt hat.
Dieser Befreiungsschlag aus den Fesseln der korrekten Aussprache ist eine absolute Wohltat und der Film beweist, dass dies völlig ohne Kränkungen und Wehklagen passieren kann und der Mensch doch tatsächlich in der Lage sein sollte, diese Dinge zu vollführen, ohne dabei den Planeten in Schutt und Asche legen zu müssen.
Ein Hoch auf diese grandiose Erkenntnis und möglichst viele volle Kinosäle in den nächsten Wochen, wenn dieses Fundstück des Jahres anläuft und endlich der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.
Ein Tipp von mir: Geht unbedingt rein!
 

.kinoticket-Empfehlung: Eine großartige Entfesselung aus den erdrückenden Fängen von Sprache, Interpretation und political correctness: Dieser Film bezeugt mit einer Leichtigkeit, dass die ganze Sprachscheiße, die sich einige in letzter Zeit ausgedacht haben, völliger Humbug ist und beweist in klassischer Manier, dass es viel geiler, lustiger und vor allem entspannter genauso geht!
Ein Film, den man zwingend gesehen haben muss, allein schon wegen der bitterbösen Humorspitzen, mit denen man hier den Bogen nicht überspannt, sondern ihn sukzessive aus der Szenerie entfernt und zeigt, dass eigentlich gar kein Krieg herrscht, sondern der ganze Krampf alles menschengemacht ist.
Ein großartiges Lehrstück französischer Filmgeschichte, das mehr kann, als alle Politik in den letzten Jahren zusammengebracht hat. GEHT REIN!

 
Nachspann
❌ braucht man nicht auszuharren, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.
Kinostart: 26. Juli 2018

Mord im Orient Express

Dass Agatha Christies Werk seit jeher eine faszinierende Anziehungskraft auf seine Kundschaft ausübt, ist wohl einer der Gründe, weshalb gerade diese Pressevorführung eine der meistbesuchten dieses Jahr war. Zumindest kam mir das so vor, denn noch nie habe ich so lange im Foyer auf die Anmeldung warten müssen.
Zu recht. Nicht nur das Buch als solches oder bereits die alte Verfilmung haben in voller Größe überzeugt, sondern auch die Modernisierung dieses Meisterwerks braucht sich keinesfalls hinter irgendwas zu verstecken.
Das beginnt bereits beim Cast, der sich wie ein Who is who aus Hollywood runterliest: Und dabei bringt keiner irgendwelche Klischees seiner Statur oder sonstigen Werke mit ins Boot, sondern alle passen sich dem wunderbaren Look & Feel vom Orient Express an und steigen nicht aus der für sie vorgesehenen Bahn aus. Und gerade das ist etwas, das ich von Anfang an bestaunt habe: Man wusste, was man wollte und hat es einfach gnadenlos durchgezogen: Zurück in diese Zeit, zurück in den Orient Express – aber bitteschön mit unseren technischen Hilfsmitteln.
Und es raucht aus dem Schornstein der Güte und der Zuschauer wird bombardiert mit einer Atmosphäre, die dem edlen Anmut seiner Zeit alle Ehre macht und die Menschen wieder mit Respekt, Ehrfurcht und ritterlicher Ehre ausstattet, die man heutzutage oft so sehr vermisst.
Ob die Botschaft auf Moralbasis dann tatsächlich noch mit dieser Härte in heutiger Zeit angenommen wird, wie sie damals von den Leinwänden runterschrie, wage ich zwar zu bezweifeln, aber als Fan jener Tage, die ich niemals erlebt habe, ist es einfach nur herzerweichend, sich zurück in eine Zeit zu begeben, in der all dies möglich war und man dieser Ehre auch im Alltag noch gegenwärtig begegnete.
Und es funktioniert: Der Soundtrack wummert erhaben in den Boxen und führt durch den Hintergrund, die Kameraführung kennt Pietät, der Show-Voyeurismus wurde noch nicht geboren und der Anstand hatte Hochkonjunktur. In dieses Verhalten passt sich jeder mit seiner Größe ein und verschafft damit diesem Werk einen Monumental-Status, der in heutiger Zeit den Unterschied ausmacht und Mord im Orient Express aufs Siegertreppchen der Modernisierungsfilme hievt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Filme wie dieser ölen den Weg aus der Seele zum Herz und verschaffen jedem Filmfan ein Höchstmaß an Glücksgefühlen.
Überschwemmt von Anmut, Pietät und Ehrgefühl fährt man im vollbesetzten Zug Richtung Erkenntnis und es macht auch heute noch ungemein viel Spaß und ist zu keiner Zeit langweilig.
CinemaxX Afterwork am 14. November 2017 nutzen oder ab 9. November 2017 definitiv rein da.

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet zu werden, hier kommt nichts mehr.
Kinostart: 9. November 2017

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén