Schwul

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Climax

Climax

© 2018 Alamodefilm

Climax – in einer Zeit der immer böseren Vorhersagen über das Klima, CO2 und Polkappenschmelzungen evtl. noch eine Doku über den Zerfall unseres Planeten?

Ja, aber völlig anders, als ich erwartet hatte – und zehntausendmal geiler!

Climax – dieser Begriff beschreibt nicht etwa das Klima oder irgendeinen Zenitpunkt im Erreichen eines bösartigen Zustands, sondern steht tatsächlich für die absolute Ekstase, in die man im Rausch gelangt: Der Moment des Abspritzens, der Moment, in dem man kommt, die unkontrollierbare und absolut hemmungslose Spitze eines Gefühls, dem man sich vorher intensiv hingegeben hat.

Richtiger Titel. Hammerharter Film.

Wenn du Kinder hast, geh zu ihnen und sag ihnen, dass du ein Leben lang finanziell dafür sorgst, dass ihnen niemals die Drogen und der Stoff ausgehen – wenn sie sich vorher diesen Film ansehen und verinnerlichen.

Ich persönlich glaube, danach rührt nie wieder jemand Rauschmittel an, der noch ganz bei Trost ist. Dieses Werk startet relativ harmlos und erliegt dann einem filmischen Rausch, wie ich ihn lange nicht mehr gesehen habe: Die Münder der Presse standen offen, ich selbst hatte meine großen Abnormitätsmomente und musste eigentlich während des gesamten Films nur noch mit offenen Mund grinsen und dachte mir: WTF! Richtig so! Einfach richtig so – direkt in die Fresse der konservativen Arschlöcher und immer schlimmer werden lassen. Mal sehen, wieviele rausrennen.

Und ja – das begann bereits bei den ersten Pressevorführungen. Die Menschen können Dinge wie diese nicht ertragen und brechen ihren Coolness-Status lieber, bevor sie sich das zu Ende ansehen und begreifen, worauf man eigentlich hinaus wollte.

Gaspar Noé ist bekannt dafür, die Dinge einfach zu zeigen und keine Wertungen in seinen Filmen zu präsentieren – eine Eigenschaft, von der sich viele Medien ein Stück abschneiden sollten. Diese Wertungsfreiheit macht aus diesem Movie ein einzigartiges Kunstwerk, das eine tatsächlich realisierbare Situation aufstellt und im Blutrausch zerpflückt: Die humanoide Spezies wird in ihre Einzelteile zerlegt, man nimmt ihnen Normalität und Alltag weg und schaut dann einfach, was übrig bleibt. Ein hemmungsloses Bild einer verwüsteten Krankheit in betörend schönen Bildern und einer absurd-geilen Kameraführung, die ebenfalls Blut geleckt hat und aus sich raus will. Und kommt.

Hier sind bereits zu Beginn unverwüstliche Hinweise vergraben, denen man Zeit gibt, sie zu entdecken, bevor es dann im big train auf die Reise geht und man schlussendlich in einer Hölle wieder zu sich kommt, die mehr Wahrheit beinhaltet, als man anfangs glauben mag.

Nach The House That Jack Built der nächste kranke krasse Film, der tiefe Aufrichtigkeit mit sich bringt und den Zuschauer komplett verstört, darum aber umso wichtiger ist und eine immens geile Botschaft beinhaltet.

Ja, ich hab es tierisch gefeiert und dachte mir: Wie kann man nur so etwas krankhaft geiles ins Kino bringen und keiner weiß davon? Es ist hammerhart, wie absurd, weltfremd, gestört, verherrlichend und abnorm die gezeigten Szenen hier sind und mit welcher grazil-evilenten Anmut man dabei an das Zerstörungswerk herantritt, um letztendlich alles bis auf die Knochen abzuschaben und den Menschen in seiner völlig entblößten Psycho-Nacktheit zu zeigen.

Ein Meisterwerk des Nischenkinos, das man gut genug verstecken sollte, damit nur diejenigen Zugriff darauf kriegen, die sich den Inhalt auch geistig verdient haben: Hier mit Unterhaltungswünschen reinzuspazieren wäre der völlig falsche Ansatz und wird mit bloßer Entrüstung bestraft.

.kinoticket-Empfehlung: Ein Blutrausch psychedelischer Ekstase, die keine Grenzen kennt und keine Wertungen aufstellt: Mit dieser Offenheit kann kaum jemand umgehen.

Gaspar Noé entführt die Menschen in eine durchaus reelle Situation und überlässt sie dann ihrem eigenen Schicksal, in das sie unweigerlich rennen, sobald man ihnen Normalität entreißt: Das Ergebnis ist ein filmischer Rausch, der extrem in seinen Bann zieht und mit Bildern verstört, die sich lange und dauerhaft ins Hirn einbrennen und einen nicht mehr loslassen.

Unbedingt ansehen, wenn man dazu in der Lage ist, diesen Film nicht als “Entertainment” abzutun, sondern sich ausgiebig damit befassen kann. Etwas geileres gibt es derzeit kaum!

Nachspann
❌ hält keine weiteren Szenen bereit.

Kinostart: 06. Dezember 2018

Original Title: Climax
Length: 95 Min.
Rate: FSK 16

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© 2018 Alamodefilm

 

Was uns nicht umbringt manövriert den Zuschauer an den Rand des seelischen Todes. Eine Begleiterscheinung dieser Area sind meist Therapeuten, die in der Regel selbst so viele Probleme am Start haben, dass sie ihre besten eigenen Kunden wären und lieber sich als anderen helfen müssten.

Dennoch hört das Komplott verwegener, zum Teil skurriler Psychoeinfälle nicht auf und man sieht sich alltäglich mit Dingen konfrontiert, die es irgendwie zu verarbeiten gilt.

Sandra Nettelbeck inszeniert ihr eigenes Film-“Spin-Of”, wenn man so möchte und gibt einem ihrer vorherigen Nebendarsteller somit genügend Bühne, um ein wunderbar melancholisches, durch Situationskomik und Andersartigkeit aufgehelltes Filmchen auf die Leinwand zu bringen.

Die Charaktere sind so schräg und gleichzeitig so vielfältig dargestellt, dass man garantiert Ecken entdeckt, die man auch von sich kennt. Doch die liebenswerten Momente sind nicht nur protagonistischer Art, sondern finden sich z.B. auch in der Erzählweise wieder, die mit intelligenten Kameraausflügen und Moment-Ausbrüchen eine unglaublich wohltuende Wahrhaftigkeit proklamieren, die ich persönlich sehr hoch schätze.

Dass ich mit deutschem Kino sonst recht wenig anfangen kann, ist ja allgemeinhin bekannt. Dass dieser Film es trotzdem geschafft hat, mich auf einer tieferen Ebene anzusprechen und nicht mit den üblichen Verdächtigen aufkreuzt, die ich an dieser Stelle so gern kritisiere, zeugt davon, dass ihr euch schleunigst ein .kinoticket schnappen und das Ding auf der großen Leinwand anschauen solltet.

 

G E W I N N S P I E L

Und damit das besonders gut funktioniert, hat mir Alamodefilm für euch 1×2 Freikarten für diesen Film überlassen, die ich hiermit an euch weiter verlosen möchte. Schreibt mir einfach in die Kommentare, was euch an diesem Film interessiert und warum gerade ihr die Freikarten gewinnen möchtet.

Unter allen Kommentaren, die bis einschließlich Mittwoch, 21. November 2018 eingegangen sind, werden die Freikarten dann verlost. Gebt bitte zwingend eine gültige E-Mail Adresse an, unter der ich euch erreichen kann, um euch im Gewinnfalle benachrichtigen zu können. Nach Abfrage eurer Adresse gehen die Karten postwendend an den oder die Gewinner/in.

 

.kinoticket-Empfehlung: Ein dramatisches, melancholisches, zuweilen trauriges aber auch heiteres Stück über die Abgründe der menschlichen Psyche.

Sandra Nettelbeck portraitiert die Vielfältigkeit des menschlichen Seins und lädt dazu ein, die Menschen von ihrer verletzlichsten Seite aus kennenzulernen. Ein Film, bei dem man sich entspannt zurücklehnen und ihn einfach großartig genießen darf.

 

Nachspann
❌ braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 15. November 2018

Original Title: Was uns nicht umbringt
Length: 129 Min.
Rate: FSK 6

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Der Vorname
© 2018 Constantin Film Verleih GmbH

 

Theateradaption von Regiemeister Sönke Wortmann neu für die Leinwand erfunden, um das Kinopublikum mit anspruchsvollen Inhalten zu begeistern: Ich liebe es, dass dieser Schachzug nun mehr und mehr ausgeführt wird und man sich auch ohne Abendgarderobe an diesem niveauvollen Anspruch erfreuen kann.

Dabei trifft man inhaltlich nicht mal wieder nur absolut den Kern, sondern bewegt sich in süffisant-humorvollen Gefilden, die Spaß, Ehrgeiz, Diskussionsfreudigkeit und tief empfundene Freundschaft zelebrieren.

Es ist herrlich, den schrägen Ausführungen der Protagonisten zuzuhören, die sich zum gemeinsamen Mahl verabredet haben und dabei allerlei verbalen Schabernack treiben. Dass dabei jeder seine Rolle gefunden hat und darin hervorragend aufgeht, versteht sich von selbst. Für eine deutsche Produktion unverhältnismäßig gut umgesetzt und in höchstem Maße unterhaltsam, so wie man sich eben perfektes Kino wünscht: Viel gute Laune, supertolle Bilder, hervorragende Twists und jede Menge Bauchschmerzen vom Lachen.

Und all das, ohne unter die Gürtellinie abrutschen zu müssen, um irgendwelche Zuschauer zu ködern oder sonstige billige Tricks anzuwenden, sondern konsequent auf einem Niveau, dass ich persönlich zutiefst erbaulich finde. Und dass das Münchner Premierenpublikum sogar während der Vorstellung Applaus spendete, zeugt ebenso von einem gelungenen Auftritt, den es so selten gibt.

Großartig – weiter so!

 

.kinoticket-Empfehlung: Verbale Gaudi auf höchstem Niveau: Man diskutiert hier in wundervollem Ambiente über Themen, die die Welt bewegen und erschafft dabei eine humorgeladene Atmosphäre, in der sich jeder Zuschauer einfach wohlfühlen muss!

Der Film überrascht mit großartigem Humor und einer Peinlichkeitsfreiheit und gleichzeitig mit tollen Twists. Gelungener könnte ein Kinoabend nicht werden als mit diesem Titel! Unbedingt reingehen!

 

Nachspann
❌ kümmert sich dann endlich auch um den Nachnamen, bereitet ansonsten aber keine Überraschungen, rausgehen ist also erlaubt.

Kinostart: 18. Oktober 2018

Original Title: Der Vorname
Length: 91 Min.
Rate: FSK 6

 

Und zum Schluss gibt’s noch ein paar exklusive Einblicke vom Red Carpet im mathäser Filmpalast in München, wo am 9. Oktober 2018 ein Special Screening des Films stattfand, für das natürlich der komplette Cast mit Regisseur Sönke Wortmann und Produzent Tom Spiess geladen war, das auch viele Prominente besuchten.

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Sky-Moderator und Synchronsprecher Sebastian Höffner

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Schauspielerin Veronica Ferres und Constantin Film Verleih Marketing & Filmpresse-Geschäftsführer Torsten Koch

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Tänzerin, Choreographin, Fotomodel & Schauspielerin Tiger Kirchharz

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Das Schauspielerensemble Christoph Maria Herbst, Iris Berben, Justus von Dohnányi, Janina Uhse und Florian David Fitz

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… gemeinsam mit Regisseur Sönke Wortmann

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Schauspieler Christoph Maria Herbst und Florian David Fitz

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Schauspieler Justus von Dohnányi und Schauspielerin Iris Berben

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Florian David Fitz und Schauspielerin Janina Uhse

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Buchautorin Rita Falk

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Im Saal beim Special Screening von Der Vorname im mathäser Filmpalast in München am 9. Oktober 2018

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The time has come … und ich hab diesmal keine Ahnung, wie ich mich dem “Inhalt” zuwenden soll, ohne dabei nicht maßgebliche Teile des Films zu spoilern.
Fakt ist: Es gab bereits unzählige Versuche, diese Art Thematik auf die große Leinwand zu bringen und allesamt sind sie gescheitert. Bis auf zwei. Wobei mir beim einen die fehlende Akzeptanz der Masse verständlich scheint, weil er eben an besagten Stellen doch etwas “zu hart” ist. Ich würde nun zu gern die beiden Titel verlinken, aber allein die Nennung würde spoilern. Also keine Sorge, ich bleibe meinem Pitch treu. Keine Spoiler.
Großartig ist nämlich auch, dass es FOX ebenfalls geschafft hat, ein Plakat in die Runde zu werfen, dass keine Vermutungen aufkommen lässt und man sich hier also völlig unvoreingenommen und befreit dem Film zuwenden kann, insofern man nicht vorher den .trailer gesehen hat.
Mein Gedanke bleibt trotzdem der gleiche: Time has come … wir sind so weit und ich glaube, alle Vorherbeispiele waren einfach ihrer Zeit voraus und scheiterten quasi am fehlenden Toleranzvermögen einer Gesellschaft, die ihre Zeit gebraucht und Erfahrungen hat machen müssen, um hier mit anderen Wertvorstellungen ranzugehen.
Als jüngere Filme könnte man jetzt also einen weiteren Titel und diesen hier nennen, wobei ich den Mitspieler als “Erwachsenenvariante” bezeichnen würde und Love, Simon eher als Teeniefilm, da die Zielgruppe hier eindeutig jünger ist und man an vielen Stellen im Film auch festmachen kann, dass hier eben die Jugend angesprochen wird.
Erwachsene werden wohl oder übel sowieso in diesen Film gezerrt werden, zumindest wünsche ich mir das, weil es zum einen den Kids gewisse Dinge unfassbar erleichtert, zum anderen dieser Titel eben auch zur Generationenverständigung beiträgt und für allgemein mehr Verständnis und Liebe unter allen Beteiligten sorgt.
Manch einer der alteingesessenen Buchtreuen wird wohl das doch recht “kitschige” Ende verurteilen, jedoch dürft ihr dabei nie vergessen, dass das Zielpublikum wohl selten über die 14/15 Jahre hinaus ist und diese Generation sowas noch braucht, um vollends in Gefühlen zu ertrinken.
Dennoch herrscht hier ein wunderbarer Ton, der Cast wurde gut gewählt, die Story ist enorm wichtig und für mich zählt Love, Simon zu einer Revolution, die nun endlich das Zeitalter einläutet, in dem über derartiges nicht mehr gesprochen werden braucht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Also folks, nutzt den Streifen, damit nicht ihr die Worte suchen müsst, sondern lasst die für euch sprechen, die mit Verbalkämpfen vertraut sind – hier steckt unglaubliches Potenzial, um sich das Leben ein großes Stück angenehmer zu machen. Sie werden’s verstehen.
An alle anderen: Dieser Film ist für die Jugend gemacht, beschäftigt sich mit unfassbar wichtigen Themen und bringt diese herausragend zur Sprache. In seinem Genre ist er ein wegweisender Meilenstein, der hoffentlich endlich das Zeitalter einläutet, in dem derartige Dinge nicht mehr besprochen werden.
Unterhaltung, Emotion und die ein oder andere Überraschung sind auf jeden Fall garantiert.
P.S: Keine .trailer vorab anschauen, sondern einfach ins Kino gehen!

 
Nachspann
❌ muss man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.
Kinostart: 28. Juni 2018

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Papst Franziskus ist seit dem 13. März 2013 der 266. Pontifex und Souverän des Vatikanstaates, der nach dem freiwilligen Abdanken von Papst Benedikt dem 16. seinen Platz im Vatikan einnahm und von nun an als geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche gilt und im Amt seinen Dienst verrichtet. Die katholische Kirche und im speziellen der Vatikan sind dafür bekannt, sehr große, teils undurchsichtige Strukturen zu haben und es gibt genügend Kritikpotenzial, mit dem sich die Kirche in den vergangenen Jahren auch schon auseinandersetzen hat müssen.
Derzeit wohl noch am meisten in den Köpfen der Menschen ist die Aufdeckung des Missbrauchs-Skandals (Spotlight), bei dem reihenweise Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe von Priestern an Minderjährigen von einer Zeitung aufgedeckt wurden. Genau durch diese Dinge – diese Undurchschaubarkeit einer Institution wie der katholischen Kirche – erstarken in mir große Zweifel an der eigentlichen Intention einer solchen Einrichtung und lassen mich immer aufhorchen, wenn etwas darüber oder davon gebracht und gezeigt wird.
Interessant an Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes sind nämlich wieder die Hintergründe. Wim Wenders hat sich zur Aufgabe gemacht, als Regisseur einen Film mit dem Papst zu veröffentlichen und mit seinem Namen für dieses Projekt grade zu stehen.
Fakt ist, dass kurz nach der Ernennung des Papstes im Jahr 2013 im März bereits ein Anschreiben vom Vatikan im Büro von Wenders landete, in dem man ihn bat, einen Film über den Papst zu drehen. Allein diese Anfrage löst in mir bereits hunderte Fragen danach aus, wofür? Warum möchte man ausgerechnet jetzt einen Film über den Papst, der ja noch nicht einmal lange im Amt war? Kostenlose Propaganda? Ein filmisches Zurschaustellen seiner Werte und damit eine erleichterte Verbreitung seiner Ideen und Gedanken im Volk? Tatsächlich hat man seitens des Vatikans die Türen und Tore weit geöffnet und Wenders eine unbeschwerte Arbeit gewährleistet, der somit auch Einblicke in die riesigen Archive des Vatikans erhalten hat und im Jahr 2016 letztendlich damit begann, seinen Film zu drehen.
Wenders selbst entschied, keinen Film “über”, sondern “mit” dem Papst zu drehen, was eine Kritikfähigkeit dieses Werks von vornherein ausschließt und ggfs. Argumente gegen das Handeln und Wirken des Papstes von Anfang an nicht zulässt, da all das mit diesem einen Wort beseitigt werden kann.
Meinem Empfinden nach ist dieser Papst auch in Teilen anders als seine Vorgänger, er lebt öffentlich viel mehr Verzicht, achtet mehr auf die Armen der Welt und konzipiert einige gute Ideen in Sachen Umweltschutz und Naturverständnis, zeigt sich offener anderen Religionen gegenüber und lebt das, was er predigt, auch selbst insofern das möglich ist.
Dennoch stößt diese Kritiklosigkeit im Film zeitweilig bitter auf. Es wird eben einfach draufgehalten. Verbreitung der eigenen Gedanken quasi “zur besten Sendezeit” ohne jede Gegenüberstellung oder kritischen Fragen. Man hält die Kamera drauf und lässt den Papst höchstpersönlich einfach erzählen. Spickt hier und da mit Ausschnitten seiner Reisen, zeigt, was er öffentlich zu sagen hatte und lässt eben alles komplett unkommentiert stehen. Damit liefert man die Chance, seine Worte und Predigten einfach “wirken” zu lassen und den Zuschauer – speziell außerhalb der katholischen Kirche – durch ausgewählte “gute Taten” von einer Person zu überzeugen, die definitiv nicht nur schlechtes auf der Welt gemacht hat.
Stöbert man in einigen Archiven und Schriften über den Papst, findet man schnell Dinge wie “Schweigen über Entführungen und Morden an über 500 Kindern”, “Mitwissen und nichts dagegen unternehmen” (Quelle: Wikipedia), die zwar als Vorwürfe im Raum stehen, aber bis heute nicht abschließend geklärt sind.
Genau hier greife ein besonderes Potenzial an kritikübersäter Recherche, die erstklassigen Journalismus und Veröffentlichung von Wahrheiten und Fakten eine Leinwand böte, die man den kirchlichen Institutionen vorhalten und sie damit zur kompletten Wahrheit und Offenheit gegenüber der Welt verpflichten könnte, und nicht nur eine Plattform böte, um punktuelle Gedanken und Geistesgut an die Welt zu predigen und sie damit von der Gutmensch-Mentalität einer Kirche zu überzeugen. Aber Wenders dreht ja “mit” und nicht “über”.
Dieser Entzug aus der eigenen Verantwortung ist in meinen Augen in höchstem Maße schändlich. Auch wenn die im Film angesprochenen Punkte allesamt löblich sind und ein wunderbares Bild des Papstes zeigen, dessen Lehren und Wünschen man sich auch als Nichtgläubiger gerne anschließen würde – es ist eben nur die halbe Wahrheit und Halbwahrheiten sind ganze Lügen, die schlussendlich jede gute Absicht als Irrsinn erscheinen lassen, da es wieder auf einen einzigen Punkt hinausläuft: Verlogenheit.
Genau das merkt man auch deutlich an der Präzision seiner Worte bei verschiedenen Themen. Geht es um die Lehre oder das Leben als Gläubiger an sich, ist er höchst präzise und kommt sofort genau auf den Punkt, während es bei Fragestellungen, die eine konkrete Antwort wünschenswert scheinen lassen, sofort schwammig wird und er sich in Ausflüchte und “Generalitäten” verliert, die erkennen lassen, dass hier keine Aufklärung erwünscht ist und man sich auf die halbgaren Handlungen aus der Vergangenheit stützt und eben nicht weiter daran interessiert ist, dieses Thema noch länger als aktiv zu behandeln.
 

.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film lädt auf eine Reise ins Land der Liebe und christlichen Geborgenheit ein und verschweigt damit konsequent, dass auch in diesem Licht Schatten existieren, die angesprochen gehören und der Welt offen präsentiert werden müssen.
Die generelle Ausflucht in das Statement, dass “mit” und nicht “über” den Papst gedreht wird, entbehrt jedweder Logik und entmündigt sämtliche Kritiker von vornherein, was aus Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes ein reines Promotion-Werk der katholischen Kirche macht und rein gar nichts mehr mit Journalismus und Recherche zu tun hat.
Die Kritikfähigkeit muss der Zuschauer selbst mitbringen und im Suhl der Lobhudeleien und tatsächlich unverurteilbaren gezeigten Handlungen dann als Bürger noch einen kühlen Kopf zu bewahren und die Sache kritisch zu betrachten, wird einem hier sehr schwer gemacht.
Daher bitte nur die “außerkirchlichen Themen” ungefiltert übernehmen und in Glaubensfragen dann gerne sehr ergiebig das eigene Hirn nutzen und die Dinge ernsthaft hinterfragen, bevor man sie als gegebene Wahrheiten akzeptiert.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht aussitzen. Hier kommt nichts weiter.
Kinostart: 14. Juni 2018

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Irgendwo hatte ich es bereits einmal erwähnt, dass die Filme, die man uns im Rahmen der Queerfilmnacht präsentiert, immer massentauglicher werden und längst nichts mehr mit der provokanten Abgeschiedenheit und Randszenen-Rebellion zu tun haben, die man früher aus dieser Genrebranche kannte.
Handsome Devil liefert hierfür ein brillantes neues Beispiel, das wieder einmal zeigt, dass man in Sachen Filmtechnik, Kameraführung, Optik und Design sowie Castauswahl und Plot durchaus verstanden hat, dass man sich gerne in den üblichen Bahnen Hollywoods bewegen darf, auch wenn man einen schwulen Plot zu bieten hat.
Und hier von “Oh mein Gott, Jungs lieben Jungs” zu quatschen, finde ich mittlerweile in vielen Fällen ebenfalls überzogen, da es gar nicht so sehr darauf hinausläuft, dass eben die Kerle schwul sind, sondern ganz andere Momente und Ebenen in den Vordergrund treten und die gleichgeschlechtliche Liebe nur noch ein Randfakt ist, der halt hier und da mal um die Ecke lugt.
Und damit hat man die eigentliche Eingrenzung in Queer-Cinema durchaus bereits verlassen und liefert Filme, die sich gekonnte Kinobetreiber auch gerne in die Wochenplanung einbauen können, ohne dabei auf großartigen Widerstand zu stoßen – mein Gott, hier und da ist halt mal eine Szene, wo darüber gesprochen wird – selbst gezeigt wird in diesem Fall kaum noch etwas.
Und darauf meinen großartigen Applaus! Genau so habe ich es mir schon seit Jahren gewünscht. Wenn man von Integration, Toleranz und diesem ganzen Quatsch spricht, den einige so dermaßen übertreiben, wie es bei Biofanatikern oft der Fall ist, dann löst man damit keine positiven Emotionen bei den anderen aus, sondern schürt eher neuen Hass – und genau das Gegenteil möchte man ja eigentlich erreichen.
So ist es auch kaum verwunderlich, dass neben mir eine Frau im Schwulenfilm sitzt und sich diese Thematik zu Gemüte führt – denn Handsome Devil ist nicht nur ein Parade-Vorzeigebeispiel für einen tatsächlich absolut gelungenen Gay-Film, sondern schafft auch in vielen Rollen und Nebenrollen zusätzlich absolut nachahmenswerte Perfekt-Beispiele für großartiges Verhalten in punkto Stereotype und Klischees.
Hut ab – so etwas dermaßen gelungenes hätte ich gestern Abend im Kino tatsächlich nicht erwartet!
 

.kinoticket-Empfehlung: Hier haben wir endlich DAS Paradebeispiel für einen absolut gelungenen, mainstreamtauglichen Genrefilm, der sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe beschäftigt, ohne irgendwelche Ekelgefühle bei Konservativen auszulösen.
Lange haben wir darauf gewartet. Das Kino ist mittlerweile soweit und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese liebenswürdige Normalität der Darsteller auch in der Gesellschaft heimisch wird und mehr Menschen so sind, wie z.B. dieser Lehrer.
Respekt – Hut ab – definitiv sehenswert. Notfalls halt auf Netflix.

 
Nachspann
kommt keiner, ist aber grafisch genauso hervorragend ausgemalt wie die restliche Optik des Films.
Kinostart: 16. November 2017

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Dream Boat entführt an einen Ort, der der Öffentlichkeit bisher verborgen blieb und ermöglicht so zum ersten Mal in der Geschichte dieses Schiffes einen Einblick in die einmal jährlich stattfindende Reise, auf der sich unterschiedliche Kulturen mit einem gemeinsamen Ziel treffen.
Tristan Ferland Milewski begleitet hierbei mit seinem Kamerateam verschiedene Charaktere aus unterschiedlichen Ländern, deren Probleme alle anderen Ursprungs sind und offenbart somit einen Einblick in eine Szene, die heute noch von vielen nicht verstanden wird.
Kritikpunkt meinerseits ist ganz klar, dass auch hier keine internationale Verständigung geschaffen werden will, da wieder nur einseitig beleuchtete Extreme dieser Sphären gezeigt und offen ausgelebt, während die vergleichsweise “langweiligen Normalos” ausgespart werden. Das führt erneut zu der Verzerrung, die von den Medien schon seit Jahrzehnten betrieben und der Öffentlichkeit als Manko vorgehalten wird.
Klar versucht man, hier die menschlichen Komponenten einfließen zu lassen und über die Gefühlswelt Zugang zu den Persönlichkeiten zu gewähren, dies gelingt jedoch nur teilweise und fördert eben meiner Meinung nach wieder ein falsches Gesamtbild zutage, unter denen viele Betroffene immer noch zu leiden haben.
Ich kann mir extrem gut vorstellen, dass sich viele “Interessierte” im ersten Teil des Films eher angeekelt abwenden werden und der vielleicht erwartete Keim Hoffnung auf Toleranz, den man mit diesem Film wohl schaffen wollte, nach diesen Einblicken wohl eher ins Gegenteil verkehrt wird.
Systematisch zerkleinert man hier jedes Klischee und führt es ausgiebig vor, bis am Ende nur noch der freigemeißelte Brocken Entschuldbarkeit dasteht, mit der man die für andere abstruse Lebensweise zu rechtfertigen sucht.
Und damit hat der Film für mich thematisch gänzlich versagt. Wenn mir hinterher Presseleute erzählen, dass sie durch den Film einen tollen Einblick in die Kultur dieser Menschen gewonnen haben und jetzt endlich mal wissen, wie die überhaupt so sind, dann wird mir eher Angst und Bange – weil nämlich längst nicht alle so sind, sondern die gezeigten Modellbeispiele nur einen kleinen Teil der gesamten Anhängerschaft ausmachen.
Was man behaupten kann (und sollte), ist, dass die Dokumentation einen Einblick in Teile dieser Gesellschaft gewährt und man ein paar einzelne Schicksale erfolgreich dokumentiert hat, dies jetzt aber zu einem allgemeingültigen Aushängeschild für eine komplette Truppe zu machen, halte ich vollends für falsch.
 

.kinoticket-Empfehlung: Anhänger und Freunde finden hier ein gefundenes Fressen und feiern sich komplett selbst, während der Bezug zum Rest der Welt durch die unkommentierte Dokumentation einzelner Beispiele vollends verbaut wird, da diese Hauptdarsteller keineswegs als Fallbeispiel für eine ganze Kultur dienen können.
Gut gemacht – innerhalb der oben genannten Grenzen – und positiv aufgefallen durch seine internationale Auseinandersetzung mit dem Thema, welches durchaus auch heute noch viel Kummer und Leid in den Herzen der Betroffenen auslöst.
Wer sich den Film ansehen will, darf dies gerne tun, sollte jedoch hinterher unbedingt Redebedarf anmelden um sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen zu können.

 
Nachspann
kommt keiner, nach der Abblende darf man also verschwinden.
Kinostart: 13. Juli 2017

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Phew, was soll ich dazu sagen?
Meine Einstellung zu Shakespeare’s “Leben und leben lassen” dürfte mittlerweile ja in einigen Beiträgen durchgesickert sein. Gleichzeitig kann ich mich mit der einseitigen Darstellung schwuler Momente in der diesbezüglich realitätsfernen Welt der Medien absolut nicht anfreunden und empfinde jeden Film, der diese Aussage nur weiter untermauert, eher kontraproduktiv gegenüber dem von den Schwulen so gewünschten Gleichstellungswunsch innerhalb der öffentlichen Gesellschaft.
Hier wird ein Bild einer Kultur gezeichnet, dass in Teilen so zwar stimmig und richtig ist, jedoch kaum die komplette Bandbreite dieser (Sub)-Kultur beinhaltet und somit den Menschen außerhalb dieser Branche genügend Angriffsfläche bietet, um Vorurteile und unrichtige Anschuldigungen blühen und gedeihen zu lassen. Und die schwulen Filmemacher unterstützen dieses Bild in meinen Augen damit, dass keiner sich traut, einfach mal völlig normale, gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen und der Welt zu offenbaren, dass diese Form des Zusammenlebens auch “völlig normal” im Sinne der konservativen Gedanken sein kann, die in Teilen unserer Gesellschaft noch fest verankert sind. Ich fände, hiermit wäre allen besser gedient.
So verirrt man sich in ein Werk, dass zwar interessante Berichterstattung über die 50er und 60er in West-Berlin unternimmt und damit die Zuschauer schon teilweise darüber aufklärt, welche Abgründe, Schwierigkeiten, politischen und gesellschaftlichen Hürden Homosexuelle damals erklimmen und überwinden haben müssen, jedoch fördert die Gesamtaussage meiner Meinung nach auch nicht das eigentliche Urbestreben dieses kulturellen Einschlags, sondern sorgt eher für negativen Diskussionsstoff innerhalb der Gesamtbevölkerung.
Somit muss man als Zuschauer wirklich extrem viel für diese Lebensart übrig haben, oder man ist per se angewidert und wendet sich eher davon ab mit der Aussage “Und was soll mir das bringen? Alles nur schräge Vögel.”
Genau diese Intoleranz sorgt für die herrschenden Diskrepanzen zwischen der Gay-Community und dem Rest der Welt. Und dieser Film trägt damit meiner Meinung nach in keiner Weise dazu bei, genau das zu ändern. Wäre das nicht viel mehr die Aufgabe der Filmemacher, sich hier mal der Öffentlichkeit zuzuwenden und zu zeigen: “Hey, die Facetten sind viel reichhaltiger, als ihr bisher dachtet?”
 

.kinoticket-Empfehlung: Normalerweise klassifiziere ich nicht gerne, da ich Schubladendenken hasse, aber hier ist es wohl notwendig, zwischen “Schwul” und “Nicht Schwul” zu unterscheiden, um jeweils eine Empfehlung abzugeben.
Denn innerhalb dieses Milieus ist man mit diesem Film bestens bedient, erhält geschichtliche Aufklärung und erfährt Dinge, die man vielleicht noch nicht wusste. Nach außen hin erweist sich das Werk aber wieder als viel zu bunt, als dass es von der Öffentlichkeit als ernsthafte Argumentation für eine schwule Lebensweise wahrgenommen werden könnte und nimmt einem als Befürworter freier Entscheidungen eher die Argumente aus der Hand, als einem welche zu geben.

 
Nachspann
kommt keiner, man darf also wieder nach draußen trotten.
Kinostart: 29. Juni 2017

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Kein Bock mehr auf diese scheiß political correctness und den aberwitzigen Krampf an Bürokratie und Sprachgeficke, den man sich tagtäglich antut, nur um rein formal niemanden zu verletzen und sich ja ordentlich und vorbildlich zu verhalten, auf dass dein alltäglicher Scheiß einem niemals zum Verhängnis wird?
Abenteuer sind verboten, es lebe die prüde Alltagsszenerie in einer Welt, die öffentlich unausgesprochen deklariert, dass Männer auf Mädchen und vice versa zu stehen haben – zumindest quatscht in meiner Region hier jeder mal so.
Schwule werden belächelt, Menschen, die aufs gleiche Geschlecht stehen, ausgeschlossen und jeder reißt sein verdammtes Maul auf, um über Dinge zu urteilen, die er persönlich noch nicht mal ansatzweise gesehen, geschweigedenn untersucht hat.
Ich bin ein Mann der Taten. Das habe ich durch den Besuch von einigen Gay-Filmnächten sowie Lesbian-Nights bereits in der Vergangenheit bewiesen. Ich war drin. Und gehöre in meinem Umfeld wahrscheinlich zum einzigen, der in dieser Situation überhaupt etwas sagen dürfte.
Nun habt ihr die Chance, mal etwas völlig Verrücktes zu tun: Geht in diese Gay-Filmnacht und schaut euch diesen Film an!
Ich spüre schon, wie der Ekel schwallartig in den Gedärmen von Heteros aufsteigt und sie die klischeetriefenden Szenen billigen Rumgefickes von zwei … wuäh “Männern” anschauen müssen, die sich Schwänze in den Arsch stecken und gegenseitig widernatürliche Dinge treiben, die eher in die Hölle gehören als auf die Leinwand.
Denn genau so ist das Bild, dass einem vermittelt wird, wenn man mit offenen Ohren durch meine Region schlendert und sich diesbezüglich einfach mal ein wenig umhört.
Und jetzt … kommt die Chance … und Mit Siebzehn steht auf dem Plan.
Jeder, der den Film noch nicht gesehen hat, hält ab jetzt die Fresse und macht sie erst nach dem Abspann wieder auf. Und nein, Bier zählt nicht, denn das vernebelt den Verstand und man könnte vom Geschehen abgelenkt werden.
Es gab bereits einige Gay-Filmnächte, die mir recht positiv zugetan waren, aber nicht diese hier. Angesichts einer abgehakten Kinofilmwoche blieb dieser Titel als einziger auf der Liste, die ich noch nicht gesehen hatte, also ging ich rein.
Und diesmal war ich nicht positiv angetan.
Diesmal lag ich in der hintersten Ecke, weil mich der Film so volle Breitseite erwischt hat und durch Dinge begeistert, die ich versuchen möchte, ansatzweise zu schildern, ohne dabei zu spoilern.
Fangen wir mit der Kulisse an. Von der allerersten Sekunde trifft hier eine Aura von Welt auf die Augen, die als solches schon an hochkarätige Schwedenkrimis erinnert und eine Natur-Kulisse offenbart, die allein schon Grund genug ist, diesen Film zu besuchen. Allein das Spiel mit den Farben, den Jahreszeiten, dem Wetter und diese ganze permanent aktive Wahrnehmung seiner Umgebung gehört für mich nach ganz oben. Fifty Shades of Grey, du kannst einpacken mit deinen Szenendesign-Versuchen.
Die wortlose Kommunikation zwischen Leinwand und Zuschauer ist phänomenal und vermittelt hier eine Art Abgeschiedenheit, Geborgenheit, Ruhe, menschliche Isolation und stellt Brücken zur seelischen Verkrampftheit einer Generation her, die meisterhaft sind!
Womit wir bei den Darstellern wären. Kennt ihr die typische Sat.1-Mutti, die in schlechtem Ostdeutsch ihren Mann Herbert beeindrucken will und dafür alles tut, was im Alltag so fern zu sein scheint?
Gibts hier nicht. Jeder … ja – JEDER !!! Charakter bringt seinen Sack voll Charme selbst mit und feuert erstmal breitflächig um sich, bevor man überhaupt damit anfängt, die Person zu identifizieren und zu analysieren. Selbst Nebencharaktere sind hervorragend gecastet und verdeutlichen hier einmal mehr, mit wie viel Liebe, Hingabe und Herzblut man hinter den Kulissen gearbeitet hat, so dass am Ende wirklich alles im Film stimmt.
“Ja, aber die sind doch schwul und sowas ist eklig” … äh … Also, Anleitung für Doofe.

  1. Du gehst in diesen Film.
  2. Du wartest 1 Stunde 50 Minuten.
  3. Du schließt deine Augen für gefühlte 1,5 Minuten.

und ich garantiere dir, dass du absolut keine einzige schwule Szene sehen wirst!
Ja, du hast richtig gelesen. Keine einzige Szene! Was Regisseur André Téchiné hier auf die Leinwand bringt, ist ein Gedicht fabulösen Ausmaßes über die Annäherung, Selbstfindung und menschliche Emotion, die in den rebellischen Jugendjahren zweier Protagonisten stattfinden, wie ich es bis dato noch nirgends gesehen habe.
Er selbst sagt darüber:
“Wir sind von der Idee eines Dreiecks zwischen einer Mutter ausgegangen, aus der wir eine wichtige Figur machen wollten, und zwei Jugendlichen, die im Laufe der drei Trimester des Schuljahres ihr Verlangen entdecken und auskundschaften. Eine einzige Idee leitete uns: Die Körperlichkeit. Den Film so physisch wie möglich zu schreiben. Jede Szene sollte ein Moment der Aktion sein. Die Figuren mussten stets auf der Lauer liegen und reagieren ohne zu verstehen, was mit ihnen geschieht und wie sie reagieren sollten und es vor allem nicht in Worte fassen könnten. Es war undenkbar, dass Tom und Damien ihre Emotionen ausdrücken wie dies Erwachsene tun würden.”
(Quelle: Queer Film Nacht Flyer 02/2017)
Und damit bringt er es auf den Punkt. Genau so habe ich den Film erlebt – als eine Offenbarung. Allein schon der Humor – brachial ehrlich und so ausgereift und perfekt, dass er andere französische Komödien in den Schatten stellt und mit jeder Pointe der Charmebolzen wieder gen Himmel getrieben wird, denn das macht alle Beteiligten nur um so sympathischer.
Allein dieses Umherschweifen um Unausgesprochenes, was einerseits aufzeigt, dass man eben auch heute noch nicht offen über alles reden kann, obwohl dies bei so vielen Jungs soooooowas von notwendig wäre, sondern auch das grandiose Tanzen und Beibringen von Zuständen und Taten, Gefühlen und Empfindungen, die man als Außenstehender nach diesem Film garantiert begreift und vielleicht zum ersten Mal versteht, was es bedeutet, schwul zu sein.
Schon allein für diese Tatsache verneige ich mich zutiefst vor diesem Film und bedanke mich bei allen Beteiligten, dass sie gezeigt haben, dass es eben doch geht: Mit unbändigem Stil und Eleganz über ein Thema sprechen, dass in den meisten Köpfend dieser Welt als ekelhaft wahrgenommen wird und zu zeigen, dass hier verletzliche Seelen am Start sind, die man nicht zwanghaft mit Füßen treten muss, sondern denen man sich völlig normal nähern kann.
Womit wir wieder bei dem weltumspannenden Motto wären, dass ich persönlich lebe: Akzeptanz, Offenheit, Toleranz und Defensivität in punkto Handeln und Sprache. Erst zuhören, dann urteilen. Erst begreifen, danach evtl. kritisieren.
Ein Kino eurer Wahl gibt euch deutschlandweit diesen Monat die Chance darauf, dieses Erlebnis zu machen und 116 spannende Minuten in eine Geschichte abzutauchen, die ich mir direkt im Anschluss nochmal hätte anschauen können.
Diese Gay-Filmnacht hat mich also nicht positiv überrascht, sie hat mich absolut vom Stuhl gehauen und gezeigt, dass man mit diesen scheiß Vorurteilen im Jahr 2017 nicht weiter kommt als bis aufs Klo – denn da gehören sie runtergespült.
Und alle, die das Datum verpasst haben, an dem der Film lief: Die DVD-Welt gehört euch. Greift zu und macht das Experiment, einfach mal mit der Familie oder dem besten Freundeskreis zu schauen. Danach kristallisiert sich raus, wer Freund ist oder wer einfach nur ein dümmlicher Schwätzer ist, der im entscheidenden Moment entblößt, welch hässliches Inneres er eigentlich hat.
Mögen die Spiele beginnen.
Ich hab’s getan. Ich war drin und hab ihn gesehen. Und ihr?
 

.kinoticket-Empfehlung: Das hier ist keine Empfehlung, sondern ein Arschtritt.
Ich wünschte mir so, die Menschen würden alle gegen die symbolische Wand rennen, innehalten und sich diesen Film zu Gemüte führen, denn der offenbart nicht nur ein hochsensibles Thema, dass so grandios umschifft und eingezäunt wird, um letztendlich auf den Punkt zu kommen, sondern begeistert auch in allen anderen Bereichen eines Films mit herausragendem Können, meisterlichem Handwerk und einer Liebe zum Film, die in allen Facetten aufblüht und unkommentiert bewundernswert ist.
Ich war zutiefst positiv geschockt und habe nun den endgültigen Beweis, dass die Gay-Filmnacht ein Event im Kino ist, dass durchaus meine unabgelenkte Aufmerksamkeit verdient.

 
Nachspann
folgt ohne weitere Szenen und Kommentare.

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Produktionsland: Deutschland.
Originalsprache: Deutsch.
Na, wen ziept es im hinteren Augenlidbereich und juckt es gleichzeitig im Schritt, um schnell aufzuspringen und weit davon zu rennen?
Keine Angst, alles unbegründet. Noch nie habe ich einen so authentischen deutschen Film in die Finger gekriegt. Die Sprache: Zum Niederknien!
Man kauft den Schauspielern ihre Rollen ab, bewundert den beflügelnden Geist des nahezu vollkommenen Roadmovies und erfreut sich an der Frische, Freiheit und Unbekümmertheit, in die die beiden Hauptdarsteller schlittern und ihre Erfahrungen (gottseidank) via Film mit uns teilen.
Der Trip durch die Geschichte macht absolut Laune und wird auch an keiner Stelle langweilig. Man fiebert mit den beiden mit und findet auch bei näherem Hinsehen keine Punkte, an denen man sich in irgendeiner Form aufreiben könnte: Tschick ist und bleibt eine Street Movie-Komödie mit ganz viel Seele und Herz, die den Zuschauer nicht nur sofort abholt und mitreißt, sondern auch langatmige Spuren hinterlässt, denen man hinterher gerne nachschaut und sich an dem leiser werdenden Hall der Imposanz erfreut, mit der das Werk von der Leinwand sprudelt.
Die beständige Kurzweil, das authentische Sprechen, der gewählte Slang und die überzeugende Darstellung der Buch-Charaktere sind nur einige der Gründe, weshalb es dringend notwendig ist, sich diesen Film gemeinsam mit seinen Freunden anzuschauen. Mir hat es tierisch gefallen und ich würde jederzeit sofort wieder reingehen und die Show einfach nochmal wiederholen.
 
 

.kinoticket-Empfehlung: Hier bleibt nicht viel zu sagen, außer: Reingehen!
Fans von Roadmovies sind hier genauso richtig wie Jugendfilmliebhaber oder Personen, die gerne etwas an sich ran lassen, dass die Seele berührt. Die Darsteller überzeugen nicht nur in ihrem Spiel, sondern es ist endlich mal ein deutscher Film, der keine der ansonsten so furchtbaren Eigenschaften aufweist, die man all den anderen Landesschöpfungen sonst so nachsagen kann.
Geht rein – es lohnt sich!

 
Nachspann
ist animiert und das gar nicht mal schlecht – man braucht also nicht gleich raus rennen.

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