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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Szene

Mid90s

© 2019 MFA+ FilmDistribution

Jonah Hill ist mir zum ersten Mal in Superbad aufgefallen, einer ziemlich schrägen Komödie über das Erwachsenwerden. Ich hätte mir zwar nie träumen lassen, dass dieser Junge mal Regie führen würde, aber es ist nicht weit hergeholt, dass gerade ein Typ wie er derartige Themen angeht und hier mit seinem Regiedebüt gleich einen absoluten Volltreffer landet.

Mid90s beschäftigt sich mit dem, was benannt wird und zieht dabei seine Kreise über einem Lebens-Genre, mit dem man entweder dermaßen zu tun hat, dass es quasi nichts anderes mehr gibt – oder meilenweit davon entfernt lebt und diese Szene als totgeglaubt abhakt. Beides ist nicht der Fall, sondern nur ein Extrem – und die Wahrheit liegt bekanntlich immer in der Mitte.

Umso erfreulicher, dass es nun einen Szeneneinblick gibt, der ein Milieu unter die Lupe nimmt, mit dem die meisten wohl nichts anfangen können. Das mag sich anfangs noch befremdlich anfühlen, läuft dann aber in ein heroisches Biopic einer ganzen Generation über und liefert so viel Tiefgang und Emotion. Genau das traut man dem Streifen anfangs überhaupt nicht zu, wenn man sich als „Outsider“ noch zurechtfinden muss und irgendwie nicht so richtig weiß, was das alles nun soll.

Salopp gesagt wird hier eine ganze Generation erklärt, die sich in der Welthistorie nie ganz nach oben gekämpft hat und heute mehr oder weniger immer noch das „Nischendasein“ feiert, wenngleich es unzählige Anhänger gibt, die man aber in der Stadt oder auf dem Land kaum sieht. Dass darin tausende Jugendlich immer noch „festhängen“ mag manchem nicht ganz klar sein, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch diese Generation ihr A Clockwork Orange bzw. ihr Shank braucht, um sich selbst zu erklären und zu definieren: Wir sind da – und wir gehen auch nicht so schnell weg.

Ein interessanter Aspekt ist an dieser Stelle das Alter, dass – so kann ich mir in der verrückten, politisch-angefressenen Welt sehr gut vorstellen – auch hier für viel Ärger und Häme sorgen könnte, da doch einige Dinge gezeigt werden, die zumindest fragwürdig sind und näherer Erklärungen bedürfen. Genau diese „Schocker“ sind es, die dem Werk eine gewisse Brisanz verleihen und aus ihm etwas Authentisches werden lassen, dass auch von Außenstehenden nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Aber das möchte der Film auch nicht: Er hat es nicht nötig, mit anderen in Wettstreit zu treten und dem territorialen Kräftemessen beizuwohnen, sondern fügt sich in seelische Abgründe, die einen zum Schluss richtig packen und fast schon trunken wieder aus dem Saal entlassen. Der Paukenschlag sitzt tief und man ist zum Schluss ergriffen und erstaunt über den Tiefgang und die Würde, die man dabei behalten hat.

Nicht zuletzt begeistert aber der kleine Hauptdarsteller, der hier eine wirklich hammerharte Performance abliefert und damit viele andere vom Thron der Neuentdeckungen entlässt, um selbst den Platz einzunehmen und ihn – so hoffe ich – in Zukunft würdig auszufüllen.

.kinoticket-Empfehlung: Eine epische Milieubeschau, die weder Tiefen, noch Provokation und Ängste scheut und auch in der Cast-Auswahl mutige Schritte geht: Debütfilme sind oftmals die Dinger, die ich richtig liebe und schätze (mit einigen Ausnahmen), und auch Mid90s reiht sich hier ein.

Es ist das Clockwork Orange der frühen 90er, dass hier sensitive Einblicke gewährt und den Zuschauer – ob Kenner oder nicht – in diese Gesellschaft einführt und tief darin verwurzelt. Absolut sehenswert!

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 7. März 2019

Original Title: Mid90s
Length: 85 Min.
Rated: FSK 12

Alexander McQueen – Der Film

Alexander McQueen
© 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

“Man muss die Regeln kennen, bevor man sie bricht. Dafür stehe ich: Die Regeln zerstören, die Tradition bewahren.“
(Alexander McQueen)

Mit diesem wunderbaren Zitat bringt es der Modeschöpfer quasi schon auf den Punkt: Dieser Film ist ein extravagantes Beispiel eines Wesens, dass nicht in die üblichen Klischeeschubladen dieser Welt passt und sich daher zur Aufgabe gemacht hat, über „Enfant terrible“-Avancen die Welt zum Hinschauen zu bewegen: Seine Shows stehen für Ausgefallenes, Provokation, Schock.

Sein Leben passt wunderbar in den „Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll“-Slogan, seine Werke erinnern an Punk innerhalb einer morbiden, unerreichbaren und völlig abgehobenen Welt, in die diese schockierende Andersartigkeit eigentlich nicht rein gehört.

Und genau das war sein Ziel: Die Menschen zu verstören, ihnen etwas zu bieten, das gleichermaßen anziehend und distanziert wirkte und eines garantierte: Aufmerksamkeit. Nicht umsonst gehört die Spätausstellung über sein Lebenswerk heute zu den erfolgreichsten Installationen aller Zeiten.

In der Kinowelt verbindet man „Laufsteg“ wahrscheinlich immer noch mit den Strichmännchen aus Heidi Klum‘s Show auf ProSieben und dem dazugehörigen Niveau, von dem sich viele bereits abgewendet haben.

Alexander McQueen – Der Film beweist, dass es nicht überall so zugehen muss und zieht relativ schnell in seinen Bann: Dieser Mann war außergewöhnlich und der Film ist ein Versuch, dem gerecht zu werden, der das Publikum in meinen Augen definitiv erreicht.

Das bedeutet: Auch wenn man für Mode und derlei Shows sonst nichts übrig hat, bietet dieser Streifen unfassbares Unterhaltungspotenzial und zeigt Stücke, die durch Ausgefallenheit begeistern. Der Gang ins Kino ist also auf jeden Fall lohnenswert.

 

.kinoticket-Empfehlung: Auch Mode-Banausen können ihren Spaß an diesem Werk finden: Die Geschichte um diesen Mann erzählt viel über die Gesellschaft, in der er aufwuchs und lebte.

Dieses Portrait über ihn versucht sich an genauso stilbrecherischen Methoden, wie er es seinerzeit mit Mode tat und ist damit auch für Freunde des Kinos ein optisches Schmankerl, dass den Eintrittspreis definitiv wert ist.

 

Nachspann
✅ darf man noch mitnehmen, hier werden noch einige krasse Schöpfungen von Alexander gezeigt.

Kinostart: 29. November 2018

Original Title: McQueen
Length: 111 Min.
Rate: FSK 12

Wie Männer über Frauen reden

Der deutsche Markt an Beziehungskrisen im Kino ist überspült von schlechten Filmen, die allesamt das einheitliche Klischeepublikum der Fans verschiedener Schauspielgrößen wie Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger in die Säle ziehen und immer wieder für das große (oder kleine) Geld in den Kassen der Macher sorgen.
Dementsprechend viel Lust hat man als Verweigerer und absoluter Unlustigfinder solcher filmischen Spirenzchen, sich ein Teil seiner kostbaren Lebenszeit zu entbehren, um einen erneuten Film derartigen Inhalts zu konsumieren, bei dem man laut vernunftbasierter Logik eigentlich nur enttäuscht werden kann.
Wie schafft es ein Werk dann, im Kinomarathon zum bestgekürten Objekt aufzusteigen und im Endeffekt die Errungenschaft des Tages zu werden?
Mit ganz viel authentischem Charme, der hier mit einer detailverliebten Hingabe zu der Stadt Berlin – und im speziellen dem Kiez am Kottbusser Tor – gewidmet ist.
An dieser Stelle greift dann wohl meine Berlin-Macke, denn das knappe Jahr, das ich in meiner Jugend dort verbringen durfte, war ungeschlagen die schönste Zeit meines Lebens. Dass im Film dann nicht mit dem von mir viel kritisierten Sat.1-Deutsch, sondern tatsächlich mit glaubwürdiger Berliner Schauze gesprochen wurde, man sich also nicht auf die Theaterschauspielschul-Hochwürden-Lachhaftigkeitsnummer herabgelassen, sondern “aus dem echten Leben erzählt” hat – ein Pluspunkt sondersgleichen.
Man kauft Komplizen wie Oliver KorittkeFrederick Lau oder Barnaby Metschurat ihre Rollen absolut ab und liebt ihre nach Berlin passende Ehrlichkeit in der Darstellung ihrer Charaktere ungemein. Sie versuchen nicht witzig zu sein, sie sind einfach sie selbst und umschmeicheln damit die Verbundenheit, die man zum Zuschauer als Filmemacher gerne aufbauen möchte – absolut gelungen.
Das Thema selbst ist garantiert nichts neues und die wahnsinnig spannenden, neuen Erkenntnisse braucht auch niemand erwarten, jedoch wurde in einer Zeit des Genderwahnsinns der Graben zwischen Mann und Frau endlich wieder einmal aufgerissen und gleichermaßen mit verbalen Brücken der Weg zueinander gebahnt.
Und das aus der Feder eines deutschen Autors grenzt für mich fast schon an ein Geniestreich, den dieses Land in cineastischem Sinn da auf die Reihe gebracht hat.
Hinterher fühlt man sich ein Stück weit beglückt, die Zeit mit “seinen” Freunden genossen und gelebt zu haben, und kommt zuguterletzt endlich darüber hinweg, dass irgendwer mal irgendwann Gut zu Vögeln auf die Leinwand geschmissen hat, der auch dieses antiromantische Gedöns zur Lachnummer konstituieren wollte, damit aber absolut daneben lag. Das Wörtchen “antiromantisch” hatte ich bei diesem Film hier auch öfters im Gedächtnis und mir gedacht: “Schau an, es geht also doch, dass man so etwas unterhaltsam und verdaulich auf die Leinwand bringt und es beim Zuschauen dann doch richtig Spaß macht.”
Gottseidank. So wird wenigstens Menschen wie mir die Chance gegeben, auch im Kielwasser der gegenseitigen Beziehungskrisen-Dramen-Komödien mitzuschwimmen und einen Film zu kennen, den ich durchaus für mehr als gelungen halte.
 

.kinoticket-Empfehlung: Haltet euch fest: Es ist ein deutsches Werk. Von deutschen Autoren. Mit deutschen Schauspielern. Und echtem gesprochenem Deutsch aus dem Alltag. Und ich als bekennender Hasser deutscher Filme werde mir diesen Film noch ein weiteres Mal im Kino anschauen.
Was sagt uns das?
Vergesst das deutsche Fernsehen. Vergesst alles, was ihr bislang aus deutscher Feder gesehen habt. Geht rein und erhofft euch nicht die absolute Lachnummer der Glückseligkeit, sondern erfreut euch an ganz viel authentischem Charme innerhalb einer Ode an Berlin und seinen liebenswürdigen Stätten, denen man hier huldvoll eine Bühne bietet.

 
Nachspann
kommt keiner, nach der Abblende darf man also wieder aus dem Saal tigern.

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