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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats

Of Fathers and Sons

© 2019 Port au Prince Pictures GmbH

Talal Derki hat’s getan: Sein Leben riskiert, eine falsche Identität angenommen, andere Verhaltensweisen einstudiert, sich als jemand ausgegeben, der er nicht ist, sich mit Kamera über 300 Tage in der “Friendzone” einer Familie der al-Nusra-Front eingenistet und deren Alltäglichkeiten gefilmt.

Dieser Coup brachte ihm bereits 17 Preise, 19 Nominierungen sowie eine Oscar-Nominierung ein.

Und die ganze Welt hat nun die Chance, den “Fehler” der Academy wieder auszubügeln und diesen immens wichtigen Film dennoch zu schauen – denn der macht viele Diskussionen überflüssig.

Und kein Film dieser Art hat mich bisher mehr beeindruckt, als dieser.

Der Stoff ist harter Tobak. Extrem harter Tobak. Man wird mitten in die Dinge geworfen, die einem kein Medienvertreter zeigen, kein TV-Sender zur besten Sendezeit präsentieren kann, denn in diese geschlossenen Gelage dringt gewöhnlich niemand vor, ohne dabei seinen Kopf zu verlieren. Talal Derki hat seinen noch, aber auch nur, weil er in der Lage dazu war, sich als Sympathisant dieser grausamen Machenschaften auszugeben und dabei nicht aufzufliegen.

Das Material, das hier gesammelt und ungeschönt vorgeführt wird, wurde unter Einsatz seines Lebens zusammengetragen – und ich hab keine Ahnung, ob ich persönlich dazu in der Lage gewesen wäre, mit solchen Menschen zu speisen, zu beten, zu leben … über 300 Tage lang. Wohl eher nicht.

Umso mehr Respekt verlangt diese Tat mir ab, umso mehr verbeuge ich mich vor dem Risiko, dem sich dieser Regisseur gestellt hat – eine Welt zu erkunden, über die man im “Wilden Westen” unserer Breitengrade eigentlich wenig weiß.

Als jemand, der das Leben schätzt, der gleichzeitig aber auch alle Menschen erst einmal respektiert und in ihrer Kultur und ihren Bräuchen toleriert und der zugegebenermaßen keinerlei Ahnung vom Islam, IS, Terrorismus und Co. hat, weil mich das Thema bis dato offen gesagt nur “tangiert”, aber niemals aufmerksam interessiert hat, habe ich beim Sichten dieses Films nahezu Schockzustände bekommen, denn die bittere Wahrheit dieser Personen kommt in diesem Film abartigst zum Tragen.

Und ich verneine solcherlei Absichten, Durchführungen, Weltanschauungen und Taten aufs Schärfste, denn für solches Gedankengut kann und darf man keinerlei Verständnis und Toleranz aufbringen… und es ist mir bis jetzt immer noch ein Rätsel, wie dieser Regisseur in solch einem Umfeld ruhig bleiben konnte.

Of Fathers and Sons geht aber nicht um Abartigkeiten, sondern nimmt sich einer noch viel größeren Aufgabe an: Nämlich ein Bild zu zeichnen, dass nicht Schlag auf Schlag verurteilt und grausame Gräueltaten zur Schau stellt, sondern das Verhältnis eines Vaters zu seinen Söhnen darzustellen, die in dieser krankhaften Welt aufwachsen und mehr oder weniger gar keine Chance dazu haben, anderes Gedankengut kennenzulernen oder zu spüren, was echte Liebe überhaupt ist.

Das rechtfertigt überhaupt nichts, schafft aber sehr viel Denkstoff, zukünftig solche Personen anders zu bewerten und ihnen die “Menschlichkeit” nicht vollständig abzusprechen. Wie wärst du, wenn du so einen Vater hättest und dir keine Auswege blieben, um dich anders zu entwickeln? Was würdest du tun?

Fragen, die ich niemals beantworten möchte …

Das eigentlich grausame daran ist, dass es für diese Menschen normal ist, so zu handeln, so zu leben, so zu denken und ihre Beweggründe aus einer tiefen Überzeugung heraus geschehen, die man ihnen womöglich noch nicht einmal vorwerfen könnte – as said: Was würdest du in dieser Situation tun?

“Auf keinen Fall Menschen umbringen” ist an dieser Stelle keine Antwort, denn diese Konsequenz ist bereits aus westlicher Erziehung innerhalb einer Demokratie entstanden und nicht auf dem eigenen Mist gewachsen…

Ihr merkt: Es ist soooooo wichtig, dass ihr diesen Film seht. Und es gibt tatsächlich Möglichkeiten, dies in einem sicheren Rahmen zu erledigen, denn die Kinovorstellung weiß, worum es geht und kennt die “Rahmenhandlung” drumrum, während bloßes Ausstrahlen auf einem Fernsehsender womöglich bei Menschen, die “mitten rein zappen” zur bloßen Verstörung führen könnte, denn hier wird unkritisch berichtet und einfach draufgehalten… mit dem allseits vorhandenen Anfangswissen “Er kann nicht anders.”

Keine Kommentare, keine Erklärungen, keine kritischen Fragen, sondern das hungrige Draufstürzen auf diese krankhaften Wahnvorstellungen, die eine Welt offenbaren, die – wie oben erwähnt – viele Diskussionen beendet und überflüssig macht.

Und das macht Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats zu einem brutal wichtigen Werkzeug im Rahmen der Aufklärung über Kultur, Brauchtum, Gedankengut und Handlungsweisen, weil es kein Blatt vor den Mund nimmt und weil es das vorführt und bloßstellt, das hierzulande niemand zu Hauf zu Gesicht bekommt und von dem viele gar nicht erst sprechen, weil sie sich selbst entblößen und sich ihrer eigenen Grundlage berauben würden, die sie so vehement verteidigen.

Der Film ist aber kein Moralstück, dass zum Hass und zum Völkermord aufruft oder in mannigfaltiger Art und Weise denunziert und demütigt, sondern es ist eine Flut von Aufrichtigkeit und Vervollständigung, die ein Bild gänzlich beleuchtet und darum höchst wertvoll im Umgang mit diesen Themen bei Diskussionen und Konfrontationen ist, denen sich die westliche Welt immer häufiger aussetzen muss.

Und glaubt mir: Ihr wollt dieses Ding nicht auf Netflix im Bus oder irgendwo auf der Straße schauen, eure Blicke würden immer mehr über eure Schultern wandern und ihr würdet irgendwann vermutlich vor Scham und Angst abschalten, denn wenn euch jemand darauf ansprechen würde, kämt ihr in große Erklärungsnöte.

Harter Tobak.

Und was sich da festsetzt, was man da sieht, was sich zusätzlich im Kopf abspielt und was letztendlich der Regisseur vor seinen Augen gesehen und teilweise (Gott sei Dank) nicht gefilmt hat – ich hoffe, dass der FSK 12-Antrag scheitert und es eine 16 wird – und jeder, der dieses Alter erreicht hat, dazu aufgerufen wird, dieser Pflicht nachzugehen und diese Inhalte zu konsumieren, um sich – ganz automatisch – damit auseinanderzusetzen und die Dinge zu bewerten.

Ganz ehrlich? Der Text ist jetzt schon viel zu lang und ich hab noch lange nicht das Gefühl, euch auch nur annähernd gesagt zu haben, was ich zu diesem Titel gerne los werden möchte: Hier habt ihr es auf jeden Fall mit einem Ausnahmewerk zu tun, dass die Nominierung verdient und den Oscar erhalten hätte sollen. Das Niveau wurde bei weitem überstiegen.

.kinoticket-Empfehlung: Schockierend, brachial, erschütternd und gnadenlos: Dieser Film wurde unter dem Risiko gedreht, das Leben des Regisseurs von Heut auf Morgen zu beenden.

Es ist ein Ausnahmezustand, der so viel Kraft, Mut und Courage erfordert, um so etwas fertig zu bringen, die tatsächlich kaum jemand besitzt, sonst hätten wir längst viele dieser Dokumentationen. Das Niveau ist Oscar-würdig, die Einsichten zerschlagen deinen Geist und die Erkenntnisse zertrümmern dein Weltbild mehrfach in Gänze.

Harter Stoff, Bilder im Kopf und Herausforderungen, denen manche womöglich nicht gewachsen sind, die aber eine dringliche Wichtigkeit und Warnung an alle beinhalten, die sich mit solchen Themen auseinandersetzen und die grundsätzlich dabei helfen, Terror und Hass zu verstehen und damit umzugehen.

Was der Film kann, dazu bin ich nicht in der Lage, darum reiche ich euch einfach ans Kino weiter: Ich weiß, ihr werdet anders wieder raus kommen, als ihr reingegangen seid. Promise!

Nachspann
❌ muss nicht abgewartet werden, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 21. März 2019

Original Title: Of Fathers and Sons
Length: 99 Min.
Rated: FSK 12 (beantragt)

Hard Powder

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© 2019 StudioCanal

Liam Neeson – kennst du einen, kennst du alle. An dieser Aussage ist irgendwo ein Stück Wahrheit dran, dieser Typ spielt tatsächlich immer wieder die gleichen Rollen mit dem immer gleich leidenden Vater, der irgendwo seine Schützlinge rächen möchte und darum gegen Gott und die Welt in den Krieg zieht und mit seiner verbitterten Miene und düsteren Einstellung jeden Kampf auf destruktive Weise gewinnt.

Tatsächlich hat dieser Kerl im wahren Leben einige Verluste hinnehmen müssen, weswegen er in diesen Rollen so aufgeht: Hier kann er seine Trauer ausleben und muss nicht schauspielern, sondern darf einfach er selbst sein und kann seine Emotionen verarbeiten.

Was ist jetzt an Hard Powder so anders, dass er im Week-Ranking landet und ich euch empfehle, diesen Film anzusehen?

Hans Petter Molands Neuinterpretation seines eigenen Einer nach dem anderen aus dem Jahr 2014 tischt nicht nur eine Glanzvorlage für Neesons Charakter auf, sondern bringt etwas ins Spiel, dass den Film in meinen Augen wieder sehenswert macht: Bitterbösen Humor. Damit kann man eigentlich fast immer punkten – und kurioserweise ist schwarzer Humor flächendeckender erfolgreich als bestimmte Formen von Comedy.

Dazu gesellt sich der wunderbar verdreckt aussehende Look aus dem Nordischen gepaart mit Einsamkeit und der fröstelnden Atmosphäre, die im Kinosaal gefühlt zusätzlich für Gänsehaut sorgt. Wenn man jetzt nicht zwingend allein im Saal sitzt, sondern auch noch etwas Publikum neben sich hat, das an den richtigen Stellen lacht, wird‘s fast schon garantiert eine tolle Vorstellung.

Darum: Anschauen. Und darum: Im Kino. Mittelmäßige Leinwände taugen, der Sound sollte nicht all zu ruhig sein und hockt euch nicht zu weit nach hinten – vorne macht‘s mehr Spaß und man ist eher „mittendrin“.

.kinoticket-Empfehlung: Natürlich sollte man ein klein wenig Sympathie für Liam Neeson mitbringen, wenn man in diese Vorstellung will.

Sofern man einen Film von ihm sehen möchte, dann aber definitiv diesen hier, denn das absolut erfreuliche Bonus-Zuckerstückchen dieses Titels ist der zynisch-sarkastische Humor schwarzer Güte, der hier den herausragenden Unterschied zu all seinen sonstigen Werken leistet. Und der macht tatsächlich so viel Laune, dass sich der Kinobesuch dadurch schon lohnt.

Nachspann
✅ ist nice animiert, braucht aber nicht zwingend ausgesessen werden, neue Szenen kommen keine.

Kinostart: 28. Februar 2019

Original Title: Cold Pursuit
Length: 119 Min.
Rated: FSK 16

Happy Deathday 2U

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© 2019 Universal Pictures International

Zum Geburtstag gibt’s bekanntlich ja für das Geburtstagskind immer Überraschungen. Und wie wir in Zeiten der Kapitalisierung schon lange von Großkonzernen beigebracht bekommen haben: “Wir feiern Geburtstag, Sie kriegen die Geschenke!”.

Eure Überraschung diesmal: Blumhouse kanns doch!

Ja, wir sprechen von dem Label, das uns in den vergangenen Jahren mit dem Instant-Horror-Bockmist die Kanäle vollgepumpt hat und das immer nach dem gleichen Schema arbeitet: Bauklötzchen durchschütteln, Titel dazu, fertig ist der neue Film, der entweder 100% ein Erfolg wird oder 100% scheitert – die Budgets sind derart irrelevant, dass das eine das andere mit subventioniert. Strategischer Plan geht auf. Der einzige, der auf der Strecke bleibt: Der Kunde, denn der kriegt Scheißdreck vorgesetzt und ihm wird beigebracht, dass das “Horror” ist.

Falsch. Der wahre Horror ist, dass dieses Kino geschlossen werden soll, weswegen an dieser Stelle einfach mal jeder diese Petition unterzeichnen sollte, und zwar unabhängig davon, ob er Münchner|in ist oder nicht und das Kino kennt oder nicht – hier geht Kultur verloren und den finanzversessenen Medien scheint es vollkommen egal zu sein. DAS ist Horror.

Aber zurück zu Blumhouse und deren Gebaren, dem ich in der Vergangenheit immer mit Unwohlwollen begegnet bin: Sie können’s doch! Sie übertreffen sich in einem Maße, dass mir (!) (jaahaaa) der Mund offen stehen bleibt !!! Was ist auf einmal los?

Ich hab nun irgendwie verstanden, warum zweite Teile immer so mies sind, wie zweite Teile immer sind. Man fährt irgendwas geiles hoch, stellt unglaublich sympathische Charaktere dazu, lässt eine bombastische Geschichte auf sie nieder, regnet mit sensationellen Twists auf die Zuschauer runter und gipfelt in einem Finale, das jeder feiern muss.

Zweiter Teil? Bedeutet für die meisten einfach: “Okay, nochmal.” Also: Kuchenform raus, wieder mit Teig füllen, wieder mit gleichen Zutaten bestücken, wieder mit dem selben Bockmist in den Ofen, garen und fertig ist … langweilige Sülze, denn Kinofilme funktionieren immer nur einmal. Und die Hauptdarsteller von Teil 1 sind ja bereits “gegessen” – ergo lässt man das Ganze jetzt – auch aus Kostengründen – mit dermaßen unsympathischen Arschlöchern nachstellen, damit man a) verdient (rennt ja eh jeder rein, weil man wissen will, wie’s geworden ist) und b) niemandem höhere Gagen zahlen muss, weil sie durch Bekanntheit und Erfolg diese auch verlangen könnten und verdient hätten.

Raus kommt ein dermaßen mieser Abklatsch, der nicht selten das Wort “Cash Cow” nicht verdient hätte, denn Kühe sind etwas wunderbares und dieser Beleidigung eigentlich absolut unwürdig.

Nun zurück zu Blumhouse: Die Jungs können’s doch!!!

Hier wird uns eben nicht ein zweiter Teil vorgesetzt, sondern eine FORTSETZUNG der Geschichte, die mit dermaßen viel Selbstironie und Marvelscher Eigenverarsche vollgepackt ist, dass du während der Vorstellung lachst, klatschst und es so dermaßen feierst, wie du sonst eigentlich nur Tony Stark feierst! Blumhouse… Dieses Label … wirklich!

Was ich da in der Pressevorführung gesehen habe, hat meine Pupillen rausgewaschen! Der .trailer hat sanfte Andeutungen gemacht, dass hier mal so in Nebelbuchstaben ganz unscheinbar das Wörtchen “Konzept” ins Räumchen schwebt und man sich womöglich tatsächlich mal Gedanken gemacht hat, BEVOR man die Kamera anschmeißt … und der Film lässt diese Letter in Beton gießen und mit harter Wucht auf den Boden krachen: Es ist da! Ein Konzept! Ein Drehbuch! Eine Geschichte, die mit so viel Genialität begeistert und damit auf Teil 1 aufbaut, OHNE uns zu erklären, wie dumme Lämmchen, was wir nicht wissen können, weil ja eh niemand Teil 1 gesehen hat.

Also: Hausaufgabe: Happy Deathday schauen! Pflicht! Ohne das Ding funktionieren 67% der Gags nicht und das ist gut so. Und dann raus aus dem miefigen Zimmer und rein ins Kino – Popcorn in großen Eimern auf den Schoß, Handys aus und Happy Deathday 2U auf die Leinwand: Es gibt endlich wieder etwas zu feiern: Mein Hasslabel kann’s doch!!!

Es ist unglaublich! Erstmal eine Idee nach der anderen, die sensationelle fortsetzende Umsetzung, die nicht einfach stupide wiederholt, sondern anknüpft und so großartig weitermacht, dass es einfach zum Schreien geil ist und dann: Comedy! Horror ist Comedy. Das wissen wir spätestens seit den 90ern und wer das in seinem Masterplan nicht bedenkt, der macht Grundsatzfehler.

Blumhouse macht keinen Grundsatzfehler, sondern setzt zum ersten Mal, seit ich sie kenne, auf die vollkommen richtigen Karten und liefert ein Fest von einem Film ab, bei dem manchmal keine Zeit zum Lachen bleibt, denn die Show ist dermaßen leinwandwürdig, dass ich’s auf den Pflichtunterricht setzen muss und es keine freiwillige Option mehr sein darf: Schaut diesen Film! Bitte! Ihr krieg auch Kuchen dafür!

Etwas besseres hat dieses Label in meinen Augen bislang noch nicht geliefert – und ich hoffe schwer, dass sie kapiert haben, was sie da getan haben und es nicht einfach nur Zufall war, der später kläglich reproduziert werden will.

Happy Deathday 2U funktioniert sowas von und ich hoffe, ihr haltet euch an die Spielregeln:

  1. Happy Deathday schauen.
  2. kinoticket für Teil 2 lösen.
  3. Spaß haben und alle Gags verstehen!

Geiler kann’s eigentlich kaum noch werden!

.kinoticket-Empfehlung: Whoah!

Muss ich mehr sagen? REIN! Und zwar sofort! Jeder, der Happy Deathday schon gesehen hat.

Alle anderen: Ab auf die Couch, 1. Teil schauen und dann: REIN! Kapiert?

Nachspann
✅ Ja, es lohnt sich mal wieder, nicht gleich aufzuspringen, hier kommt noch eine mächtige Sequenz, bevor es dann in den endlos langen Abspann geht, der nichts weiter bringt.

Kinostart: 14. Februar 2019

Original Title: Happy Death Day 2U
Length: 100 Min.
Rated: FSK 12

Polaroid

© 2019 Capelight Pictures

Mit brauchbarem Horror im Kino ist das so eine Sache: Als Grusel-Liebhaber hat man oft das Gefühl, dass dieser schlichtweg nicht existiert. Dabei eignen sich doch gerade die großen, teils unübersichtlichen und von vielen fremden Menschen bevölkerten Kinosäle als brauchbarer Nährboden für Angst und Schrecken, der dazu von der Leinwand herab gefördert und gefüttert wird und den Menschen mal wieder so richtig das Adrenalin in die Blutbahn und das Herz in die Hose schießen lässt.

Horror steht schon mal von Anfang an in der eigenen Verdammnis, im breiten Publikum nicht funktionieren zu können, da es ein Genre ist, dass sich schon seit jeher an einer Nieschen-Fangemeinde erfreut und solche Filme einfach nicht jedermanns Ding sind. Hier steht man als Zuschauer eben nicht vor der Entscheidung, ob die Komödie jetzt herausragend oder nur mittelmäßig war, sondern: Ob man in den kommenden Nächten noch schlafen kann oder sich aus Angst kaum noch vors Haus zur Mülltonne traut – schon gar nicht nachts. Da hört bei vielen der Spaß auf, weswegen sie sich grundsätzlich solcher Filme verweigern.

Die Toleranz-Hemmschwelle ist also sehr engmaschig gesetzt und ein „naja – ja, geht so – doch, geil“ weicht einem „Go – No Go“. Das viel brutalere Urteil über einen Film und die meist aberwitzigen Werbemaschen solcher Produktionen („Basiert auf einer wahren Begebenheit“) sorgen zusätzlich für abnormale Annahmen und garantieren förmlich fast, dass hier kein einziges wahres Wort mehr gesprochen wird. Aus einem vergleichsweise lahmarschigen Paranormal Activities wird ein medialer Hype, der unvoreingenommenen Menschen einen Heidenrespekt einflößt und sie einen weiten Bogen um diesen Titel machen lässt, der zuweilen bei Horrorfilmschauern nur ein müdes Gähnen verursacht – und manchmal noch nicht einmal mehr das.

So kommt es, dass medial gefeierte „Horror-Sensationserfolge“ wie The Fog von John Carpenter als Allzeitklassiker gelten, die es zwar teils schon intus haben, aber in meinen Augen noch lange nicht als Alleinstellungsmerkmal funktionierenden Horror-Genres stehen.

Oft werde ich als Kritiker gefragt, welche Horrorfilme denn wirklich gut sind … und oft beantworte ich diese Frage zu gerne mit einer Gegenfrage: „Welche kennst du denn?“

Tatsache ist, dass wahrlich gute, mit einheitlicher Bejahung abgesegnete Horrorfilme fast schon an einer Hand abgezählt werden können. Die Frau in Schwarz finde ich persönlich sehr berauschend und atmosphärisch, The Boy spielt auch definitiv in den höheren Rängen mit, der von vielen dank seiner unverantwortlichen FSK-12-Freigabe aber längst nicht als Horror gewertet wird, bei A Quiet Place kann man fast schon nicht mehr von Horror sprechen, wenn auch dieser Film unsägliche Spannungsmomente aufbaut und eine Atmosphäre des Schreckens kreiert. Und dann landet man direkt wieder in dem Metier verblichener 80er Jahre-VHS, in denen Effekte noch mit schleimiger Gallert-Masse und Farbstoff konstruiert wurden und der Zuschauer so mit explodierenden Mägen und allerlei Gekröse unterhalten wurde – und befindet sich direkt wieder im allerletzten Winkel einer totgeglaubten Nische.

Wenn also im kapitalgeführten 2019 nun ein Autor einen Horrorfilm erschaffen soll, möge er vom Verleih aus doch bitte möglichst viel Geld einspielen und darum möglichst viele Menschen ansprechen und darum möglichst Mainstream-geeignet sein, also möglichst viele Spitzen abgeschnitten wissen, um möglichst wenig Leute zu enttäuschen oder gar zu provozieren. Genau das macht Horror aber aus, der sich also schon in seinen Grundfesten dagegen wehrt, vom Massenpublikum akzeptiert zu werden und darum auch niemals als Massenprodukt vermarktet werden kann.

Tut man‘s doch, landet man schnell im 14-Jahre-Schulhof-Horror-Verriss-Eck, bei dem alles vorhersehbar ist, die Handlung selten-dämlich, die Darsteller mit geistiger Umnachtung gesegnet und der einigermaßen denkende Zuschauer konsequent mit einer Logikfehler-Keule geschlagen wird und während des Films aus dem Facepalmen nicht mehr raus kommt. Oder dazu übergeht, permanent alles und jeden zu kommentieren und am Ende lautstark darüber diskutiert, ob die kommende Vorstellung nun 23:00 Uhr oder bereits 22:55 Uhr anfängt und man sich nach viertelstündiger Diskussion schlussendlich darauf einigt, dass dies doch eigentlich völlig egal sei und man sowieso noch in die untere Etage muss, um Popcorn zu kaufen, wenn die Gastro noch offen hätte.

Was das mit dem Film zu tun hat? Nichts. Genauso wie Polaroid nichts mit echtem Horror zu tun hat, sondern eher eine herbe Enttäuschung für jeden ist, der mit Interesse einmal in solch eine Richtung geblickt hat. Hier ist wirklich ALLES vorhersehbar, unendlich langsam und quälend in die Länge gezogen mit Botox-Püppchen und dummen Schulkindern ausgestattet, denen man den Tod nahezu wünscht, einfach nur, damit deren Dummheit endlich ein Ende findet. Und wenn der Film dann endlich (1,5 Stunden nachdem du selbst auf die Lösung gekommen bist) auf die Lösung kommt, auf die du bereits seit 1.5 Stunden wartest, und diese in einigermaßen brauchbaren Effekten als „Big Invention“ zu verkaufen versucht, weißt du selbst nicht mehr, ob du mehr über das streitende Ehepaar, das inzwischen bei „Wo ist mein Handy jetzt?“ angekommen ist oder über den Tathergang auf der Leinwand lachen oder weinen sollst.

Wieder einmal hat man also eine glorreiche Idee an den Höchstbietenden verschachert und damit quasi manifestiert und in Ungnade gestürzt, statt sie in vollen Zügen auszukosten und daraus etwas unglaubliches zu gestalten. Das hätte wiederum dann so viel Aufmerksamkeit verdient, dass man sich ans Massenpublikum wenden könnte, ihnen gleichermaßen aber auch erklären müsste, dass hier immer noch Horror im Vordergrund steht und damit ein Genre bedient wird, dass ihnen normalerweise nicht zusagt.

Den Schritt geht Polaroid aber nicht und fällt so – wie fast alle materialisierten Horrorfilme – in die Grube des Vergessens und Ausgelacht-Werdens und sorgt einheitlich für bitterböse Enttäuschungen im ganzen Kinosaal. Selbst die Twists kann man nicht als solche bezeichnen, weil man sich währenddessen nur „Echt jetzt?“ fragt und auch hier von vornherein klar war, dass so etwas kommen musste.

Und würde jetzt noch irgendein Schauspieler oder -in durch extravagante Darstellungen glänzen oder in irgendeiner Form positiv herausstechen, hätten wir doch schon etwas, das ich an diesem Film loben könnte.

So bleibt leider nur das prähistorische Design der Polaroid-Kamera, das tatsächlich unsäglich gut ist und in jedem nostalgischen Fotografenherzen für mehr Blutfluss sorgt, cineastisch aber nichts an der Leichenstarre ändert, die vor der Leinwand bereits vor der 22:55-Uhr-Diskussion eingetreten ist.

.kinoticket-Empfehlung: Holt euch den Titel in eure Non-Mainstream-Home-Pyjama-Party-Sammlung und genießt ihn mit ein paar Molchaugen und unerlaubtem Alkohol auf eurer Teen-Home-Party, nachdem ihr in den Dorf-Club gar nicht erst reingelassen wurdet und gruselt euch – denn nur da könnte das Ding evtl. funktionieren.

Im Kino läuft da eher nix und von Horror-Fans braucht der Film gar nicht erst angeschaut zu werden. capelight ist auch bekannt dafür, nicht unbedingt von der breiten Masse akzeptierten Content zu verbreiten, sondern eher nieschiges Klientel zu bedienen – aber auch dafür war mir das einfach viel zu schlecht.

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 10. Januar 2019

Original Title: Polaroid
Length: 88 Min.
Rated: FSK 16

Anna und die Apokalypse

Anna und die Apokalypse

© 2018 Splendid Film GmbH

 

Ernsthaft? Die Idee ist großartig! Alljährlich wird man zugemüllt mit Weihnachtsmovies der immer gleichen Sorte und ertrinkt fast in Romantik und Kitsch! Anna und die Apokalypse wartet als Musical mit einer total verblödeten Story auf, die aber zusätzlich ein Genre ins Spiel bringt und damit als “Zombie-Weihnachts-Musical” auf dem Plan steht.

Dafür? Chapeu!

Zombiefilme sind inzwischen genauso Massen-Mainstream, den niemand mehr sehen will und kann und jetzt mit Konstrukten wie “Rom-Zom-Com” um sich werfen zu können ist derart verrückt, dass es fast schon wieder Spaß machen könnte.

Für meinen Teil dauerte es ein wenig zu lange, bis der Titel den roten Kleister ausgepackt hat und den letzten ernsthaften Zombie-Movie habe ich vor meiner Reinkarnation gesehen, ergo sollten die Erwartungen ebenfalls in Grabesnähe dümpeln und keineswegs emporsteigen.

Tatsache: Das Ding ist so dämlich, dass man tatsächlich mehrfach damit beschäftig ist, ob der Dummheit zu lachen und sich insgeheim richtig geil unterhalten fühlt. Dabei wartet man mit typischen La La Land-Manieren auf und bringt dabei den obskuren Witz eines 90er Jahre Zombieslashers mit ins Spiel, was absolut absurd wirkt und der Geschichte ein wenig Würze verleiht.

Dazu entwickelt der Streifen in den ersten Folgeminuten einen tiefschwarzen Humor, der förmliche Lachsalven in den Kinosaal wehte und sowohl jung als auch alt dazu zwang, Zwerchfelltraining zu betreiben! Diesen Humor hätte ich mir ausgebaut gewünscht und dabei noch ein zwei Spitzen mehr in den Plot eingebaut. Jedoch merkt man sehr schnell, dass die Luft ziemlich dünn wird und anschließend nicht mehr viel zu erwarten ist.

Damit pendelt sich das Niveau im ersten Teil schon ziemlich ein, was sich dann bis zum Schluss durchträgt und weder besser noch schlechter wird. Wer damit kein Problem hat, darf sich dieses Jahr zu Weihnachten mal über einen abnormalen Film freuen, der von Weihnachtskitsch nicht viel übrig lässt und eine völlig neue Humbug-Variante ins Spiel bringt, die als Idee – wie anfangs schon erwähnt – echt grandios ist.

 

.kinoticket-Empfehlung: Tolle Idee mit teils grandiosen Gags, die aber relativ schnell absacken und gegen Ende des Films nichts mehr wirklich vorhalten.

Man könnte meinen, es handelt sich um ein wahnsinnig professionell gestaltetes Studentenprojekt, zumindest, was das Plotniveau angeht, auch wenn die Optik dazu viel zu geil aussieht. Die Jokes sind neu und die Idee ist zum Abfeiern, jedoch hätte ich mir wesentlich mehr zynischen Humor gewünscht und vor allem zum Ende viel mehr Biss.

Als Weihnachts-Alternative auf jeden Fall zu gebrauchen, schraubt eure Erwartungen aber nicht höher als die Leichen in den Gräbern.

 

Nachspann
✅ ist animiert, man braucht also nicht gleich raus rennen.

Kinostart: 6. Dezember 2018

Original Title: Anna and The Apocalypse
Length: 92 Min.
Rate: FSK 16 | R

Das Belko Experiment

Endlich mal wieder ein Film, der mit seinen Meinungen polarisiert und kein Allgemeinheitsgemansche erzeugt, sondern den Leute entweder die Tränen vor Glück in die Augen oder die Wut ins Gesicht treibt. Man fühlt sich direkt zurück in die 90er versetzt, wo man es auch in Hollywood teilweise noch so handhabte, dass man hier und da ein paar Genrefreunde befriedigte und einem die große breite Masse noch relativ egal war.
Blockbuster hin oder her – wir sind hier im Independent-Kino zu Hause und hauen da auch richtig auf die Zwölf. Freigabe ab 18? Läuft. Deshalb braucht jetzt aber niemand erwarten, dass wieder die klassischen Gore-Momente abgefeiert werden, in denen zermatschte Gehirne und möglichst brutale Schüsse mit Gekröse in 3D durch die Säle fliegen, sondern das erste Mal hat man ein so derbes Thema derart kunstvoll und intelligent inszeniert, dass mir immer noch der Schauer über den Rücken läuft.
Man spürt, dass hier eben nicht die barbusige Blondine neben zehn weiteren Klischees durchs Bild springt, bis auf einmal der Vorhang fällt und das fröhliche Gemetzel mit Killcount gestartet wird, sondern allein schon das “Intro” (wenn man so will) arbeitet sich mit extrem viel Fingerspitzengefühl und Charakterausarbeitung immer weiter durchs Geschehen, dass der Zuschauer zwar in der Achterbahn der Gefühle mitgerissen wird und auch irgendwie noch mit einem Arm am Gurt hängt, jedoch längst nicht mehr mit seinem Arsch im Sitz verankert ist, sondern wild durch die Luft schleudert und sich dabei immer wieder am Gestänge der Achterbahn anschlägt.
Die Voraussetzungen, mit denen man hier sowohl auf als auch vor der Leinwand konfrontiert wird, lassen jemanden wie mich innerlich frohlocken, denn endlich wird alles anders und Chaos bricht aus. Chaos reinigt die Welt von ihren aufgesetzten Zwängen und offenbart das wahre Wesen der Menschen. Ich höre schon die entnervten Enthusiasten aufstöhnen, weil hier gleich wieder die Klischeemoralkeule ausgepackt wird, um ein weiteres Mal zu zeigen, dass … und wer … und wieso …… Nein.
The Belko Experiment begleitet dich durch ein wahres Schauspiel, für das ich keine andere Bezeichnung finde, als stilvoll-perverse Kunst. Man spürt den Machern an, dass sie unglaublich intelligent waren, sowohl beim Schreiben der Dialoge, als auch bei den Überlegungen, wer weshalb wie handeln würde. Das typische Blabla, das man aus spanischen Horrorfilmen beispielsweise kennt, hat hier keinen Platz und selbst Abschlachtungen finden in gewisser Weise unglaublich elegant und absolut durchgestylt statt, was einem zwar vordergründig den Tod eines Menschen zeigt, ihm unterschwellig aber dennoch Respekt und Ehre erweist und somit kein sinnloses Töten bedeutet. Demnach sollte man sich nicht im Pollunder mit abgehalfterten Jeans, sondern eher im Opern-Dress in die Vorstellung hocken, weil spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem die Musik einsetzt, klar wird, dass es sich hier keineswegs um Trash oder einen B-Movie handelt, sondern der Intellekt des Films auf weitaus höherem Niveau avanciert.
Dies spürt man bei Szenen, in denen das gesamte Kino vergnüglich im Takt der höchst anspruchsvollen Klänge mitschwingt, während auf der Leinwand das Unaussprechliche gnadenlos durchgezogen und dem Zuschauer mit aller Brutalität ins Hirn gemeißelt wird.
Und genau da beginnt die Diskussion, bei der sich so viele so unglaublich aufregen, ob der gefühlten Sinnlosigkeit der Taten in Verbindung mit der nicht wegzudiskutierenden Intelligenz und brillanten Inszenierung der dargestellten Abstrusitäten.
Und genau das feiere ich: Endlich mal ein Film, der nicht “Yoah, war ganz ok” aus den Mündern holt und ihn dann in Vergessenheit geraten lässt, sondern der für wilde Diskussionen sorgt und damit genau das erreicht, was man eigentlich im Kino erreichen sollte: Geteilte Meinungen und das Herausfordern des Geistes, damit sich der Zuschauer auch danach noch damit beschäftigen muss, um irgendwie damit klar zu kommen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ich hab’s gefeiert – in allen Punkten: Dem Aufbau, der Entwicklung, der abartigen Perversion, der philosophischen Tiefgründigkeit, der Darstellung, dem Score, der essentiellen Verbindung zwischen Optik und Akustik.
Ich habe keine Ahnung, womit die Macher diese perfide Konstruktion so elegant in den Raum zeichnen konnten, aber der Coup hat funktioniert und in meinem Fall voll eingeschlagen. Entweder man liebt es, oder hasst es – dazwischen gibt’s nichts.
Achja: Jeder, den ich danach gefragt hat, meinte, dass die Musik und der Soundtrack einsame spitze sind. Da waren sich komischerweise alle einig.

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet werden, da folgt nichts mehr.
Kinostart: 15. Juni 2017

Nebel im August

Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint – also sucht euch schleunigst ein Arthouse-Kino und verzieht euch dort rein, bevor es zu regnen anfängt, denn: Nebel im August läuft sicher nur noch in ausgewählten Kinos und bevor auch das völlig zu spät ist, weise ich euch lieber schnell darauf hin, diesen Film noch zu sehen.
Warum?
Weil. Deshalb. Darum.
Ich hab keine Ahnung, welche Gründe man anführen sollte, um Menschen in dieses eher triste Schauspiel reindrücken zu wollen, das auf den ersten Moment eher einer zweitklassigen Fernsehproduktion gleichkommt als einem herausragenden Kinofilm. Aber seid euch gewiss: Letzteres ist der Fall.
Der Cast wurde mit Persönlichkeiten bestückt, die nicht nur weit über sich selbst hinauswachsen, sondern durch ihr Schauspiel so immens viel Sympathie aufbauen, dass man allein schon aus “Oh mein Gott, ist der zum Knuddeln”-Gründen mit den Darstellern mitfiebert und hofft, dass alles gut ausgeht.
Und so beschwingt-langsam und behände unspektakulär wie der Film anfängt, so zermürbend-überragend ist das, wohin es sich entwickelt: Wem hiernach nicht der Schock tief in den Gliedern festsitzt (und diese verdammte Geschichte ist wahr !!!), der hat absolut keine Gefühle!
Während der Vorstellung hab ich ernsthaft überlegt, wie man es hinkriegt, dass sämtliche AfD-Wähler diese Vorstellung sehen und gleichzeitig kapieren, was da passiert ist, aber die fänden das wohl eher noch zum Schreien und würden sich an den Eskapaden erfreuen, also lassen wir das lieber.
Wer jedoch ernsthaftes Interesse an menschlicher Existenz hegt, wem soziales und vor allem ethisches Verhalten nicht vollends scheißegal ist, und wer dazu noch etwas Herz in seinem Inneren hat, der darf gerne den Schritt wagen und diesen Titel in den Kinos betrachten. Glaubt mir, der Abend wird sehr sehr emotional werden!
 

.kinoticket-Empfehlung: Unglaublich, wie überzeugend und perfekt man hier diese abartige Geschichte erzählt hat und noch viel unglaublicher, dass es diese Menschen tatsächlich gegeben hat.
Wer Vorbilder braucht und nicht mehr weiß, an welchen Werten man sich heutzutage noch orientieren kann, der findet hier beides.
Nebel im August gehört für mich seit gestern Abend absolut zu den Filmen, die jeder Cineast und Filmliebhaber auf jeden Fall gesehen haben muss, um Dinge zu verstehen, die es bereits gab und die so nie wieder passieren dürfen.
Daumen hoch (was den Film angeht) und absolut entsetztes Geschockt sein was die Geschichte angeht!

 
Nachspann
folgt keiner, man darf also langsam wieder nach draußen, sofern einem die Knie von dem Gesehenen nicht immer noch brutal zittern …

Jack Reacher 2: Kein Weg zurück

Mit Tom Cruise geht hier wieder ein Mann an den Start, dem man gelungene Filme zutraut und auch ein gewisses Niveau abverlangt. An Geld mangelt es dem Kerl nicht mehr, an Schauspielerfahrung und Tiefenwirkung genauso wenig.
Seine persönlichen Ausflüchte in Sachen Weltansichtsüberzeugungen mal außen vor war ich von seinen persönlichen Werken in filmischer Hinsicht eigentlich immer sehr angetan, im speziellen von den Mission: Impossible-Filmen.
Mit Jack Reacher 2: Kein Weg zurück setzt er ein filmisches Abenteuer fort, dass ebenfalls an das Niveau der M:I-Reihe angrenzt, es jedoch nicht ganz aufs Podest schafft.
Keine Frage ist auch hier wieder jede Menge Größe, die einem Epos nachhallt, in jederlei Hinsicht zu finden. Drehbuch, Plot, Wendungen, Kameraführung, Look & Feel – es passt soweit.
Wer Jack Reacher nicht kennt und völlig erwartungsfrei hier rein geht, darf sich gerne auf einen soliden, überzeugenden und unterhaltsamen Film einstellen, der auch als Fortsetzung alleinstehend geschaut werden kann und nicht viel Vorwissen benötigt.
Jedoch hat mir das Quäntchen Perfektion und persönliche Leidenschaft gefehlt, dass man ihm in M:I noch angesehen hat. Reacher läuft etwas unbedeutsamer, ruhiger, unterschwelliger über die Bühne und präsentiert sich nicht von seiner glanzvollsten Seite. Dafür jetzt aber den Film extra abzuwerten, empfinde ich persönlich als zu hart.
 

.kinoticket-Empfehlung: Gute Unterhaltung, die sich oberhalb des üblichen Mainstream-Blablas befindet, erhält man hier garantiert.
Wer auf Bond-Niveau hofft, sollte seine Erwartungen runterschrauben, jedoch wird man von einem Besuch dieses Streifens auch nicht enttäuscht.

 
Nachspann
Nope – der Weg nach draußen ist nach der Abblende geebnet.

The Purge: Election Year

Nach The Purge – Die Säuberung und The Purge: Anarchy schickt Regisseur James DeMonaco uns in die dritte Runde des Tötungsspektakels und lässt bei Kinokennern so manches Grausen aufsteigen: Dritte Teile sind in der Regel nämlich niemals gut, sondern bezeugen eher den Tiefpunkt einer womöglich längeren Filmserie.
Und in diesem Fall hoffe ich, dass sie niemals aufhört.
Schon die ersten beiden Teile waren endlich mal nicht in die Masse des Mainstreams gefallen und darin erstickt, sondern erfrischten mit einer neuen Idee und glanzvoll inszenierten Form perverser Unterhaltung, die nicht nur “krass” ist, sondern gleichzeitig auch wertvolle Fragen im Umgang miteinander aufwarf, denen man sich – sofern gewünscht – hinterher unterwerfen durfte.
Genau das macht diese Filmreihe für mich so wertvoll: Der geneigte Fan kommt visuell definitiv auf seine Kosten und gleichzeitig braucht man das Hirn nicht am Einlass abgeben, sondern darf genüsslich darüber philosophieren, welche gesellschaftlichen Auswirkungen eine solche Machtherrschaft hätte, mit der man in dieser Trilogie rumspielt.
Schon beim Lesen merkt man, dass hier extrem viel Potenzial dafür da ist, diesen Film so richtig zu verkacken, weil nämlich irgendwann alles ausgelutscht und erzählt ist und man einfach nur noch wiederholt, wiederholt, wiederholt um nochmal Kasse zu machen. Und dieses Gefühl kommt bei The Purge: Election Year mal so überhaupt nicht auf – im Gegenteil: Es wimmelt nur so vor genialen Einfällen und Umsetzungen, die immer wieder derart Atmosphäre in den Äther schmeißen, dass einem schon per Definition die Gänsehaut über den Rücken schwappt.
Ja, der Film hat hin und wieder ein paar Längen, in denen nicht wirklich etwas passiert und man halt einfach mal so da ist, aber für einen Jason Blum eine herausragende Leistung und dass Größen wie Michael Bay noch ihre Finger mit im Spiel haben, zeugt von noch mehr talentiertem Können, wenn es darum geht, hier mal etwas außer der Reihe zu wagen.
Und grade dann, wenn die Stimmung evtl. abzukippen droht, reißt der Soundtrack (holt euch diesen Soundtrack Leute!) die Zuschauer wieder von den Stühlen und die gezeigten Bilder tun ihr übriges, um tierisch zu verblüffen und in erschrockenes Staunen zu versetzen.
Doch nicht nur die gezeigte Brutalität und perverse Freude an etwas völlig Irrsinnigem, sondern auch die konsequente Weiterentwicklung innerhalb dieses Experiments haben bei mir tiefste Bewunderung ausgelöst. So elegant und vorzeigbar war wirklich kein einziger dritter Teil, den ich jemals gesehen habe.
Und ich verfluche mich schon jetzt, dass die Zeit nicht dafür ausreichen wird, um sich diesen Film wieder und wieder anzuschauen … zumindest nicht im Kino. Denn ins heimische Kino kommt der mal auf jeden Fall – soviel steht fest.
 

.kinoticket-Empfehlung: Lasst euch vom Trailer nicht abschrecken, der teilweise mongoloide Züge aufweist und vermuten lässt, dass es sich hier um einen riesigen Haufen Mist handelt, sondern vertraut einem erfahrenen Kinogänger und geht rein.
Ihr werdet nicht enttäuscht werden, denn hinter all den wirren Bildern aus dem Trailer steckt ganz viel Sinn, Durchdachtheit und überraschend viele positive Eindrücke, mit denen man wieder aus der Vorstellung wankt.
Sofern es mir vergönnt ist, werde ich mir diesen Titel definitiv nochmal anschauen.

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten, da kommt nichts mehr.

Die Tribute von Panem – Mockingjay (Teil 2) (3D)

Es war ein Gedicht, im Kino zu sitzen und diese zeitliche Herausforderung zu meistern. Mit Tribute von Panem ist nun endlich eine Filmreihe vollendet, die nicht mit stupiden Einfällen oder mieser Schauspielerei auffällt, sondern durch überzeugende Darstellungen und vor allem ein exzellentes Drehbuch den Zuschauer auf einer intellektuellen Ebene erreicht, die im Vergleich seinesgleichen sucht.
Hat man im Trailer schon bewiesen, dass man Die Bestimmung und sogar Maze Runner weit abgeschlagen hinter sich lassen will, hat dieser Schachzug nun im finalen Produkt definitiv seine Wirkung entfaltet, denn die gezeigten Szenen schlagen ein wie eine Bombe.
Nicht etwa, weil man auf Action, viel Krach und bombastisches Getöse setzt, sondern vielmehr den Zuschauer dem glorreichen Fall einer Dynastie zuschauen lässt, die viel größere Kreise zieht, als einfach nur eine Geschichte weiterzuspinnen.
Was ich bei Die Bestimmung – Insurgent noch als bitter enttäuschend fand, das Schauspielercharaktere sich zwischen den Teilen als absolut unwürdig entwickelten und in den Folgeteilen nur noch bitter enttäuschten, ist hier völlig gegenteilig: Die Tendenz zum Wahnsinn ist einfach unglaublich!
Gott – wieso nicht einfach immer so? Wo bei Maze Runner die Darsteller irgendwie kindlich waren – man kaufte ihnen ihre Rolle zwar ab, wusste jedoch manchmal nicht wirklich, welches Zielpublikum man damit nun erreichen will – setzt man nun hier auf echte Schauspielgröße, auch wenn die Protagonisten kaum älter als ihre Konkurrenz sind.
Das Element des Schweigens, das des Verstehens, das Reden miteinander, die Suche nach Wahrheit, die offene Aussprache, der Rückhalt, die sinnliche Aneinanderreihung der anfangs fast ertränkten Elemente guten Verhaltens wurden hier auf ihren Höhepunkt getrieben und dem Zuschauer als ethischer Lebensweg präsentiert, dass Menschen wie ich schlichtweg einfach nur am Feiern waren.
Positiv empfand ich auch, dass man diese brachiale Gewalt, die man im Trailer ankündigte, nicht in dieser Form ins Rennen schickte, sondern völlig anders – düsterer – eine entspanntere Form gigantischen Untergangs präsentierte, die weder an die vorherigen Teile mit ihren klassischen Spielen erinnerte, sondern vielmehr zeigt, dass die Bürger Panems erwachsen geworden sind und sich den Herausforderungen stellen, mit denen sie die Unterdrücker konfrontieren.
Das Schauspiel von Snow, Katniss und Peeta muss immer wieder lobend herausgehoben werden. Keine Übertreibungen, kein Möchtegern, keine Absurditäten, man merkt diese drückende Last auf den Schultern der Darsteller, die sich in ihre Rolle tatsächlich reinversetzt und ihre Aufgaben überzeugend auf die Leinwand gebracht haben ohne dabei etwas zu spielen, sondern zu sein.
Die düsterne Beklemmnis zeigt sich nicht nur in den ruhigen, bodenständigen Aktionen der Crew im Film, sondern wird zusätzlich unterstützt von einem sagenhaften 3D, das mit anderen Großwerken dieses Genre locker mithalten kann. Auch hier wieder keine Eile, keine schnellen Schnitte oder irgendwelche panischen Aktionen, sondern eine kontinuierliche Fahrt ins finale Grauen, das mit ruhiger Kameraführung und eindrucksvoller Tiefe zu überzeugen weiß.
Am Schluss geht man tief befriedigt und über alle Maßen beeindruckt mit einer absolut stillen Ehrfurcht wieder aus dem Kino und ist froh darüber, dass wenigstens da Menschen existieren, die “Wahrheit oder nicht?” ehrlich beantworten.
 

.kinoticket-Empfehlung: Werde ich mir den Film noch ein paar weitere Male ansehen? Absolut!
Und genau das solltet ihr auch tun. Ich weiß, dass für sporadische Kinogänger das Jahresende zur cineastischen Mega-Aufgabe mutiert, da mit Bond und Star Wars noch zwei weitere Blockbuster in den Rängen postieren, die man als Massenkonsument gesehen haben muss, das sollte jedoch keinen einzelnen davon abhalten, sich den ruhmreichen Schluss einer Filmsaga zu geben, die nicht nur eines hervorragend meistert: Authentisch zu überzeugen.
Alles, was ich an sämtlichen anderen Filmreihen der letzten Jahre kritisch bemängelt habe, wurde hier richtig gemacht: PR, Story, Darstellung, Ernsthaftigkeit – Mockingjay Teil 2 ist nicht nur ein Fest für die Sinne, sondern auch für jeden, der ernsthafte und bahnbrechende Unterhaltung sucht.

 
Nachspann
gibt’s keinen, dafür ein definitiv befriedendes Ende mit wunderschönen Bildern und einem würdigen Abgang.

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