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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Fahrenheit 11/9

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© 2019 Weltkino Filmverleih | Midwestern Films LLC All rights reserved

Nun ist die Verwirrung perfekt: Bowling for Columbine konnte man von Fahrenheit 9/11 noch unterscheiden. Aber Fahrenheit 9/11 von Fahrenheit 11/9? Warum bringt Michael Moore den alten Schinken jetzt wieder ins Kino?

Äh … das ist der neue von ihm … und er handelt nicht vom 11. September (wie war das nochmal mit dem umgekehrten Monats-Tags-Dingens bei den Amis?), sondern ist sein aktuelles Werk über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, dessen Machenschaften, Ehrgeiz und Handhabe er in seiner neuesten Dokumentation leicht verständlich, aber dennoch impulsiv, inhaltsmächtig und provokant offenlegt.

Dass es Moore schon seit jeher auf die Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika abgesehen hat (“Shame on you, Mr. Bush, shame on you!” [Zitat Michael Moore auf den 75th Academy Awards beim Gewinn des Oscars für Bowling for Columbine]), wissen wir seitdem ja. Ironischerweise sagte Trump damals, dass er sich wünscht, Moore würde nie einen Film über ihn machen … und voilà – da ist er.

Ich weiß, es ist sehr spät dafür, und ich weiß, der Film läuft quasi nirgends. Womöglich haben die Kinobetreiber selbst nicht gerafft, dass dies keine Wiederholung ist, sondern ein brandheißes neues Eisen, dass zwingend auf die Leinwand gehört und dort von so vielen wie nur irgend möglich gesehen werden sollte.

Umso genialer zu erfahren, dass es diverse Schulklassen in Sondervorstellungen davon schaffen und ich im Rahmen einer dieser Vorstellungen doch noch an dieses Werk gelangt bin. Und noch genialer ist, dass mir hunderte dieser Schüler am Ausgang gesagt haben, sie würden:

a) wieder in diesen Film gehen
b) nochmal Geld bezahlen, um ihre Freunde auch mit reinzunehmen und ihn nochmal anschauen
c) es weitererzählen und Werbung für den Film machen, da er grenzgenial ist

Und ja, das Ding ist Bombe und sprengt sich mit so viel Durchschlagskraft den Weg zur Wahrheit frei, dass selbst Moore, dem viele ja intensive Selbstinszenierung vorhalten (wo auch in der Vergangenheit tatsächlich etwas dran war) sehr in den Hintergrund rückt und es hier tatsächlich um die Inhalte geht und nicht um ihn.

Und was dort preisgegeben wird, mit welcher sarkastischen, zynischen und bitterbösen Wahrheit man hier auf unausgesprochene Fakten losgeht und diese belegt, schreit förmlich zum Himmel.

Gerade deshalb sind Filme wie dieser enorm wichtig, weil selbst die Medien mantraartig nachbeten, was man ihnen vorgibt und von “Pressefreiheit” schon lange keine Rede mehr sein kann. Wer kontrolliert also die Mächtigen? Wer legt offen, was keiner mehr recherchiert? Wer kümmert sich darum, wenn ganze Bevölkerungsgruppen verarscht werden?

Das Separieren in Gruppen von Unwissenden ist seit jeher ein Mittel zum Machterhalt, bloß nicht zu viele Informationen, bloß keine Zusammenhänge herstellen, bloß nicht das ganze Gesamtbild betrachten lassen, sondern immer nur schön unwichtige Brocken, die für sich selbst dann auch gar nicht so schlimm aussehen.

Das, was Moore hier macht, ist genau das Gegenteil davon: Er schöpft so viele Informationen wie möglich, packt sie in verständliche Worte und bringt sie dem Zuschauer auf einem Tablett so angeordnet, dass dieser sie trotz seiner Komplexität versteht und sich anschließend seine eigene Meinung zu den Dingen bilden kann.

Es werden genug Fragen gestellt, die man sich selbst beantworten darf. Es werden Verbrechen aufgezeigt, die so groß und unfassbar sind, dass sie selbst hier in Deutschland in den Medien präsent waren, aber doch irgendwie im Trubel des eigenen Alltags untergegangen sind … und wenigstens einer schert sich darum und zeigt, wie es tatsächlich aussieht mit dem Land, was hierzulande oft nur von Hörensagen-Märchen geprägt ist.

.kinoticket-Empfehlung: Auch, wenn er kaum zu finden ist: Stürzt euch auf die Screenings, die noch angeboten werden, fragt in den Kinos nach, fordert es ein und bittet, dass möglichst viele Säle den Film wieder ins Programm zurückholen, denn seine Mächtigkeit ist überragend und gesehen haben ihn viel zu wenige.

Und wer irgendwo die Chance hat, ihn zu sehen – ganz gleich, wo – ergreift sie! Das Ding ist wichtig … und den erschütternden Blicken der Kids nach zu urteilen auch inhaltsgewaltig und extrem sehenswert.

Also sucht sie, findet sie und bevölkert sie: Die wenigen Vorstellungen, die es vielleicht irgendwo noch gibt!

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, es kommt nichts weiter.

Kinostart: 17. Januar 2019

Original Title: Fahrenheit 11/9
Length: 128 Min.
Rated: FSK 12

L’Apparition – Die Erscheinung

© 2018 Filmperlen

Die Erscheinung, nicht gleichbedeutend mit “Die Erleuchtung” oder “Das Maß aller Dinge”, das sich Gläubige im Zuge dessen gern mal selbst auf die Stirn tätowieren und per se den kompletten Rest der Welt kategorisch ausschließen, ohne deren Richtungen und Lebensweisen überhaupt wirklich zu kennen… Ein Phänomen, das mir die Religion zusätzlich ziemlich verdorben hat.

Dazu kommen all die verdammten Kriege, Hasspredigten, tief verwurzelte Geistesirrungen, wie man sie z.B. von einem Herr Sarrazin bundesweit in den Spiegel-Bestsellerlisten lesen kann, die ganze Völker systematisch mit unbegründetem Hass vergiften. Religion ist und war schon immer Streitpunkt, der Anlass dazu gab, dass man sich gegenseitig die Schädel einrannte und – wenn man nicht damit beschäftigt war, blutigen Horror auf der Leinwand und dem Papier zu verdammen – selbst die schlimmsten aller Horrorvorstellungen zu erschaffen und in weiter Welt auszuleben.

Ich gehöre zu den “Kindern”, die darunter heute immer noch leiden und darum eine sehr … sagen wir “eigenwillige” Einstellung zu diesem Thema mit sich rumtragen.

Blickt man ganz nüchtern in die Geschichte der Menschheit zurück, erkennt man klar und deutlich, dass sich Religion oft als ein Stellmaß für systemweite Kontrolle über ganze Bevölkerungsschichten dargestellt hat, ohne dass diese es auch je bemerkt hätten: Klar, der Gläubige definiert sich selbst gerne als “wissend” und “mündig” und merkt dabei gar nicht, dass seine Hirnwindungen vielleicht längst gewaschen wurden und er einer Lüge aufgesessen ist, die man ihm als Wahrheit verkauft hat. Natürlich möchte er ein guter Gläubiger sein, der frei von Zweifeln einen anständigen Glauben lebt und darum nichts in Frage stellt.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass dieses “Infragestellen” von den Anführern solcher Religionsgemeinschaften oft genauso beantwortet wird, als würde man ihnen eine Suppe mit toten Ratten vor die Nase setzen?

“Tz tz tz, bist du etwa vom rechten Weg abgekommen und vertraust nicht auf die Schrift, die Gott der Heilige selbst verfasst hat? Tz tz tz … Geh hin und tue Buße!”

Und dabei definieren sich die wahrhaftigen und beständigen und vor allem wahren Dinge doch gerade dadurch, dass man sie prüfen und untersuchen kann und sie jedweder Untersuchung standhalten. Jesus sprach auch im neuen Testament zu Johannes, dass dieser ihn berühren und es am eigenen Leib prüfen sollte, ob er wahrhaftig der Messias ist. Er sagte nicht “Du Idiot, glaub einfach und halt deine Fresse”, sondern er hielt ihm seine Hände hin und ließ sie auf Herz und Nieren testen. So zumindest steht es in der Bibel, die für die christliche Glaubensgemeinschaft ja irgendwie eine Art “Fundament” darstellt, auf der all das gegründet zu sein scheint und nach der man sein eigenes Leben ausrichten sollte und es gleichtun.

Warum also möchten die Führer solcher Legionen nicht, dass man selbstständig nachdenkt und einfache Überprüfungen anstellt, die es einem wieder und wieder beweisen, dass man noch auf der richtigen Fährte ist und nicht irgendwelchen Mumpitz auf einmal für wahr anerkennt?

Warum möchte der politische Staat nicht, dass der Soldat an der Front nachdenkt, bevor er seine Waffe zückt und fremdes Leben eigenmächtig beendet?

Warum möchten religiöse Führer nicht, dass man sich exakt an die Schrift hält, sondern dichten immer wieder neue Verhaltensweisen dazu und begründen sie damit, dass sie selbst sie gesagt haben und sie deshalb wahr sind?

Fragen über Fragen, deren Antworten wir wohl niemals erfahren werden … wenn wir nicht selbst unsere Rübe anstrengen und unseren mächtigen Geist benutzen und darüber ausfragen, was gut und richtig ist und was nicht.

Die Erscheinung verblüfft mit einer famosen Infragestellung des katholischen Glaubens und deren Macht-Ideologien und gründet sich dabei nicht auf die sonst übliche “Pro-Kontra”-Kultur, mit der man Glauben in der Regel außerhalb und innerhalb der Kirche begegnet, sondern setzt hier eine fast schon nahezu wissenschaftliche Betrachtungsweise in Gang, die gelinde gesagt faszinierend ist.

Das Bild, dass man sich hier zeichnen möchte, ist frei von jedweden geistigen Kontaminationen und rollt die Kunstprojektionsfläche vollständig von vorne auf. Keine Katapulte aus der Vergangenheit, keine Klischees, kein Voranstellen irgendwelcher geistigen Eigenschaften, sondern die Leinwand weiß machen, drauf träufeln, was einem von der Kirche geliefert wird und dann schön systematisch und analytisch durchexerzieren, bis am Ende nur noch die Wahrheit übrig bleibt.

Und das bedeutet: Arbeit! Einen riesigen, langwierigen, zähflüssigen, beschwerlichen und ärgerlichen Misthaufen an Arbeit, durch den man sich wühlen muss und Konventionen brechen, Menschen bis auf die seelische Haut ausziehen und mühselig herausfinden, was nun wahr ist und was nicht.

Klar: Darum heulen heut auch viel lieber die Sarrazin-Kinder auf Facebook rum, wie durchmuselmant unsere Gesellschaft ist, ohne Nachforschungen anzustellen und Strichlisten zu führen, wie viele christliche Geistige durch die Popup-Bekehrungs-Waffenüberfälle sonntags vor der Kirche gewaltbereit konvertiert wurden … logisch, da würde nämlich “0” rauskommen und das ist ja nunmal keine Zahl, um sich großflächig drüber aufzuregen und ein ganzes Land in Angst und Schrecken zu versetzen, dass “endlich etwas getan werden muss”.

Die mühsame Arbeit der Recherche und der faktischen Überprüfung von Behauptungen auf sich zu nehmen und durchzugehen ist eine Tätigkeit, die heute kaum noch jemand tut – man liest irgendwo etwas und kauft es für bare Münze ab. Selbst eine Quelle hat keine Bedeutung mehr, sondern es stand ja hier und da, also ist es auch wahr.

Dass gerade in so einem Zeitalter, in der Worte wie Dreck um einen herum fliegen und dermaßen inflationär überall gepostet werden kann, umso mehr Scheißdreck wiedergegeben wird, ist bislang noch niemandem aufgefallen? Nein?

Zurück zum Film: Der zähfließt am Anfang auch erstmal durch einen mühseligen Prozess, der einen tatsächlich auf den Boden der Tatsachen holt und der – in der OmU-Fassung erst recht – erstmal ziemlich anstrengt. Begrifflichkeiten, Formalitäten, Behauptungen, Zusammenkünfte. Aus diesem Grund arbeite ich nicht in irgendeiner Kirche.

Und doch steht dieser Streifen diese Woche auf Platz 1 meiner Wochen-Empfehlungen. Warum?

Was hier nämlich kommt, ist einfach sagenhaft. Ist man einmal drin, lässt einen der Film kaum mehr los. Die Nachforschungen werden immer spannender, die Behauptungen immer durchschaubarer und das Konzept, mit dem man all das hier aufgezogen hat, feiere ich beständig: Noch nie hat es eine so geniale Konstellation an Interessen gegeben, die hier aufeinander losgelassen werden und sich tatsächlich der Materie widmen und dabei alle niederen Instinkte vollkommen außen vor lassen und sich wahrhaftig auf hohes Niveau begeben.

Und das beim Thema Religion! Der Hammer!

Begleitet von einer absolut einfühlsamen Kamera, sporadisch eingesetzten Musik-Elementen, die einen tatsächlich innerhalb des kirchlichen Themas lassen und einer persönlichen Story, die mal nicht den üblichen “… und jetzt noch die Liebe dazu”-Beigeschmack hat, sondern sich am Schluss tatsächlich zu meinem persönlichen Höhepunkt entwickelt und mir Tränen in die Augen getrieben hat, entpuppt sich der Film als eine grandiose Entdeckung am Sternenhimmel aller bisherigen Filme rund um Religion und als einer der wahrhaftigsten.

Und glaubt mir: Allein die Thematik reicht oft schon aus, um mich mit Zornesröte im Gesicht zu erleben. Die Aufgabe, mich hier auf einen positiven Standpunkt stellen zu können, ist also ungleich schwieriger und der Weg dahin um einiges länger, als es anfangs den Anschein hat. Wie gesagt: Der Titel steht auf der Top 1 diese Woche … und dazu stehe ich.

Auch, wenn man hier anfangs viel Geduld und Zeit mitbringen muss und wirklich den Wunsch haben, diesen Film zu sehen: Die Anspannung löst sich hinterher nicht nur selbst in Wohlgefallen auf, sondern führt einen zu einem geistigen Punkt, der großartig ist und den ich in dieser Konstellation so noch nie erlebt habe – was mich wirklich vom Hocker geschmissen hat.

.kinoticket-Empfehlung: Religion ohne Vorurteile und inklusive eigenes Hirn einschalten – funktioniert das?

Ja, wenn man Die Erscheinung anschaut und feststellt, dass hier tatsächlich meisterhafte Fragen gestellt und mit dem Zuschauer gemeinsam erörtert werden. Xavier Giannoli wirft den Hunden also nicht nur einfach irgendwelchen Fraß vor, sondern eröffnet die Chance, selbst auf Spurensuche zu gehen und in ein tiefgreifendes Geflecht einer Welt vorzudringen, die vermint wie nochmal was ist und dabei die größte Entdeckung aller Zeit herauszufinden.

Das Niveau, mit dem man sich hier nähert und welches zum Ende beständig gesteigert wird, lässt diesen Film für mich zu einem wahren Leckerbissen werden, den man sich nicht nur beschauen sollte, sondern freiwillig verschlingt.

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, Saal freigeben und nach draußen.

Kinostart: 13. Dezember 2018

Original Title: L’Apparition
Length: 137 Min.
Rate: FSK 12

ITTEFAQ – Es geschah eines Nachts

Und weiter geht’s im Land der Besonderheiten: Wir bewegen uns nach Bollywood und verzichten gleich mal auf Show, Tanz und Gesang: Ja, Indien kann auch ganz anders!
ITTEFAQ – Es geschah eines Nachts lehnt an das 1969 gedrehte Filmwerk an und präsentiert einen erstklassigen Krimi in indischer Manier: der deutsche Kulturgänger wird hier wohl die ein oder andere merkwürdige Szene finden, die den indischen Humor durchscheinen lässt, was für den geneigten film noir-Liebhaber wohl seltsam anmuten wird, allerdings kann man sich stellenweise das Lachen dann doch nicht verkneifen und die Story reißt auch ziemlich bald in ihren Bann und fesselt bis zum spektakulären Finale.
Wer sich jetzt desinteressiert abwenden möchte: In Indien wurde der Streifen zeitgleich mit Thor: Ragnarok released, was eine ziemlich starke Konkurrenz darstellt und gegen den er trotzdem seinen Platz behauptet hat. Ein Blick in die hierzulande rar gesäten Vorstellungen ist er also definitiv wert.
Über die anfängliche Suche zwischen Komödie und Thriller ist er schnell hinweg und entwickelt dann einen sehr speziellen, tiefergehenden und interessanten Blick in eine Geschichte, die zum Mitraten einlädt und ihre Offenbarung lange auf sich warten lässt. Diese ist dafür aber umso genialer und bereitet dem Zuschauer ein süffiges Ende. Damit erlebt man einen Thriller, der zwar von fern her kommt, es jedoch locker mit internationalen Größen aufnimmt und sie locker in die Tasche steckt. Prädikat: Sehenswert!
 

.kinoticket-Empfehlung: Bollywood mal ganz anders: Kein Gesang, kein Tanz und keine Kleider: Hier herrschen völlig neue Prinzipien und nehmen einen mit auf eine spannende Ratetour quer durch die dunklen Tiefen einer wunderbar erzählten Story.
Auch wenn der indische Humor vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist: Der überwiegende Teil dieses Films besteht aus einem ernstzunehmenden Thriller mit wendungsreichen Pointen und einem herrlichen Finale.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht ausharren, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 31. Mai 2018
Alle Kinos, die den Film in einem einmaligen oder wiederholten Event zeigen, findet ihr hier.

Nach einer wahren Geschichte

Roman Polanski verdanke ich einen meiner absoluten Lieblings-Highlights aus meiner Kindheit: Die Neun Pforten. Ich liebe diesen Film für seine Hingabe und Eleganz gegenüber Büchern und dem skurrilen und niemals aufhörend spannenden Plot, der sich in vielschichtigen Charakteren vergräbt und alle irgendwo miteinander verflechtet. Ein Gourmet-Tableu auf höchster Ebene, dem man seinen Intellekt und die gebührende Wahrnehmung von exzellent geschriebenen Worten ansieht.
Genau dies kann man auch über Nach einer wahren Geschichte sagen, ein Film, der sich ebenfalls wieder in diesem Metier bewegt und dazu diesmal grandiose, weibliche Charakterstärken ausspielt. Man spürt einfach, dass sowohl die Autorin als auch der Filmemacher ihre Künste haben spielen lassen, um jeweils ein an die Leser-/Zuschauerschaft angepasstes Werk zu liefern, das wirklich keinerlei Wünsche offen lässt. Es ist sensationell, wie man sich stückweise immer tiefer in dieses Spinnengeflecht eingräbt und hier eine wunderbare Eva Green und Emmanuelle Seigner (mit der Polanski verheiratet ist) einfach genau das ausleben lässt, was die beiden am besten können.
Diese glückliche Ehe-Fügung gab es zuletzt in A Quiet Place – scheinbar ist es für alle von Vorteil, wenn die Darsteller irgendwie etwas mit Machern / Darstellern des Films selbst zu tun haben, weil hier dann wohl manchmal eben kurioserweise keine Worte gebraucht werden, sondern man einfach durch stillschweigendes Verständnis glänzen kann.
Mich hat’s umgehauen, auf literarisch-darbieterische Art, und der Twist, den man hier auffährt, führt einen hervorragend durch die Story, die schlussendlich in einem zufriedenstellenden und glorreichen Finale mündet, dass garantiert niemanden bockig wieder nach Hause schickt.
Warum auch immer man hier so zurückhaltend mit PR und Öffentlichkeitsarbeit umgeht, versteh ich zwar nicht, dass den Film jeder Liebhaber tiefgründiger Kost gesehen haben sollte, empfehle ich gerade deshalb.
 

.kinoticket-Empfehlung: Es wird sich zeigen, inwiefern größere Kinos sich dazu ermuntern, eben jene Filme zu bringen und dem Gast anzubieten, sehenswerte Kost ist das auf jeden Fall!
Dafür muss man kein Fan von Polanski sein, sondern es reicht, wenn man den Dingen “alter Schule” ein paar Nettigkeiten abgewinnen kann. Auf die rasante Fahrt durch den Dschungel der Ereignisse reißt einen der Film dann ganz von selbst!
.kinoticket kaufen und reingehen – ihr werdet nicht enttäuscht!

 
Nachspann
❌ Braucht nicht ausgeharrt zu werden, außer Darstellern und Crew kommen hier keine weiteren Schmankerl zum Einsatz.
Kinostart: 17. Mai 2018

Luna

Wer das Wörtchen “Luna” hört, denkt wohl erst mal an den leuchtenden Himmelskörper, der des Nachts die Strahlen der Sonne widerspiegelt.
Khaled Kaissar hat sich dieses Wort zu eigen gemacht und erzählt die kinotauglich gemachte Geschichte einer Familie, die 2012 hier in Deutschland tatsächlich existierte und auf deren Erfahrungen und Handlungen die ganze Story aufgebaut ist.
Und um dem ganzen noch etwas drauf zu setzen, hat man nicht etwa in Serbien oder sonstwo gedreht, sondern im naturschönen Oberstdorf, München und Dachau. Durch und durch einheimisch – und es schrillen keine Alarmglocken?
Nein. Ich sage es nicht zum ersten Mal: Drama kann Deutschland. Und das immer besser. Mit Luna erlebt ihr ab 15. Februar ein weiteres Beispiel in den Kinos, das bezeugt, dass man sich hierzulande immer besser aufs Filmemachen versteht und die altbackene Humorschiene langsam abgelegt hat.
Und dieser Entwicklung stehe ich sehr positiv entgegen, auch wenn wir noch längst nicht am meisterlichen Himmel angekommen sind und uns auf den begangenen Taten ausruhen dürfen. Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns, um international auf das Niveau anderer Filmschmieden zu kommen, aber man merkt, dass man ernsthaft mit einer Art “Selbstfindung” beschäftigt ist, deren positive Resonanzprodukte Filme wie dieser sind.
Die idyllische Trauer, das farblose Spektrum der Seele, die liebevolle Hingabe zur Dekonstruktion, das zarte Suchen nach neuer Identität und dem eigenen ich: Man könnte meinen, die Inhalte dieses Films treffen genauso auf die Filmhistorie zu, mit der man sich zukünftig befassen muss.
Und ich sage dazu nur: Macht weiter – die Richtung stimmt definitiv.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ernstzunehmendes deutsches Kino, dass sich mit einem Fall aus den eigenen Reihen auseinandersetzt und diesen kinotauglich präsentiert.
Der Weg zum richtig großen Filmfeldzug ist zwar noch lang, aber die Weichen dafür sind längst gestellt und alles weitere ist nur eine Frage der Zeit. Luna liefert hier einen weiteren Beweis, dass man auch hierzulande fähige Leute hat, die etwas zu erzählen haben und dieses Handwerk auch verstehen.

 
Nachspann
Rausgehen …. erlaubt! 🙂 Hier kommt nichts weiter.
Kinostart: 15. Februar 2018

Detroit

Sagt jemand Zero Dark Thirty noch was? Dieses Werk ist seinerzeit ziemlich an der Öffentlichkeit vorbeigeschrammt und dabei so unfassbar genial gewesen wie auch schon The Hurt Locker – für beides war Star-Regisseurin Kathryn Bigelow verantwortlich.
Mit ihrem neuesten Werk Detroit reiht sie sich in die Heerschar derer ein, die versuchen, über die Leinwände dieser Welt die Gerechtigkeit einzufordern, die man seitens der Politik und Gesellschaft bis heute nicht bereit war zu verteilen.
Gerechtigkeit basiert auf Wahrheit – und die tut bekanntlich weh. So weh, dass es einige Zuschauer kaum über den Anfang hinaus gepackt haben, denn hier handelt es sich nicht um einen unterhaltsamen Film, sondern eher um eine dokumentarische Auseinandersetzung mit Ereignissen von 1967 aus Detroit – einem Viertel, zu dem hierzulande eher weniger Menschen emotionalen Zugang haben, weshalb sich das am Anfang auch so unfassbar zäh und langatmig anfühlt.
Trotz – oder gerade deshalb ist diese Doku so unglaublich wichtig, weil dem Zuschauer eben nicht mehr nur medial aufbereitete Halbwahrheiten ins Gesicht gespritzt werden, sondern er die Möglichkeit hat, in die Zustände einzutauchen und Bigelow es sehr wohl versteht, ihren Kunden emotionale Fakten ans Bein zu binden, die einen so schwer belasten, dass man schlussendlich darüber stolpert und daran krepiert!
Wer sich anfangs noch genervt im Sessel hin und her bewegt hat, wird immer ruhiger, gebannter, erstarrter und der Mund öffnet sich immer weiter – weil all das wohl kaum wahr sein kann … wahr sein darf – aber wahr ist. Und wo seinerzeit Politik und Gesellschaft durch welche Ausreden auch immer noch wegschauen konnten: Hier geht das nicht mehr und der Kinogast darf sich unerbittlich durch den ganzen Schund und die menschliche Grausamkeit hindurch quälen, um am Ende dann eins mit der historischen Keule übergebraten zu kriegen und zu erfahren, was es heißt, wütend wieder aus dem Kino zu spazieren.
Ihr merkt: Bigelow ist in ihrem Element – sie will nicht unterhalten, sondern etwas bewirken – und dafür leistet Detroit großartiges.
 

.kinoticket-Empfehlung: Über Plot und Umsetzung braucht man hier nicht streiten, da sich die Fakten einfach nicht verbiegen lassen.
Es ist erschreckend genug, dass bis heute immer noch keine vollständige Analyse der Geschehnisse stattgefunden hat und immer noch genügend Verbrechen in der Dunkelheit auf Aufklärung warten.
Damit pirscht sich Detroit ein ganzes Stück weit vor und zeigt international auf, wohin wir uns heute nicht mehr bewegen sollten.

 
Nachspann
Finale Aussagen, die den Fall noch untermauern, läuten das Ende ein, nach dem Abspann selbst kommt aber nichts mehr.
Kinostart: 23. November 2017

Alibi.com

Früher hat man das französische Kino ausnahmslos gelobt. Der geniale Einfallsreichtum und die unverbrauchte Frische gegenüber den ausgedienten Hollywoodschinken war eine völlig neue Erfahrung im Kino.
Mittlerweile haben sich einige Schauspieler zu internationalem Ruhm emporgearbeitet, die nun – gleichsam wie in der großen Filmschmiede – zum Aushängeschild mutieren und dafür sorgen, dass die Hinter-den-Kulissen-Arbeiter nicht mehr soooo sorgfältig beim Auswählen ihrer Sprüche und Einfälle sind, da man sich auf bereits erreichte Erfolge stützt und darauf hofft, dass die aktuellen Werke daran anschließen.
Und genau dieses Eingefahren sein, dass sich damit ausbreitet, macht mir als Vielkinogänger und Filmjunkie extreme Unlust, denn ein zweites Hollywood ist nicht nur überflüssig, sondern befreit uns damit auch von der Andersartigkeit und Vielfalt, die mit internationalen Filmerschaffern einhergeht. Und genau diese Vielfalt sollten wir erhalten.
Alibi.com dreht den Spieß nun wieder um und orientiert sich an den ursprünglichen Werten französischer Komödien: Man stellt keine bekannten Leute auf die Leinwand, sondern sorgt sich wieder um einen herausragenden Plot, der mit Genialität besticht und den Zuschauer von Anfang an auf einen unglaublich irren Trip durch die Filmgeschichte mitnimmt.
Es ist wieder an der Zeit, die Zuschauer darauf vorzubereiten, dass man zum Verstehen all der vielen Anspielungen unglaubliches Filmwissen und Vorkenntnisse mitbringen sollte, um das gigantische Ausmaß an Gags hier voll auszuschöpfen.
Bei einigen Dingen wird nachgeholfen und so manche Alliteration verstehen auch Unmündige, und genau das hat mir Anfang der Woche im Saal extrem Spaß gemacht: Man wurde für sein Filmwissen belohnt und durfte von einem Lacher zum anderen segeln.
Der einzige Kritikpunkt, den ich hier anführen möchte, ist folgender: Ab einem gewissen Punkt nimmt sich der Film selbst nicht mehr wirklich ernst und driftet dabei etwas spurverloren über die Geschwindigkeit, die er anfangs aufgebaut hat. Ohne dabei sein Ziel wirklich zu verlieren, erlebt man während dieser Fahrt einen Moment der Unsicherheit, der zwar zum Ende hin wieder aufgefangen wird, aber aus einem möglichen sensationellen Erfolg “nur” einen Kinofilm macht, den man zwingend mit Freunden in vollen Sälen besucht haben sollte.
 

.kinoticket-Empfehlung: Die typisch gewordene French Comedy wurde durchbrochen und durch ursprünglichen Wind ersetzt, der die Segel wieder herrlich weit aufbläht und hier für ordentlich Fahrt sorgt.
Das enorme Ausmaß an filmübergreifenden Gags ist allein einen Besuch wert und die Idee als solches sorgt definitiv für Spaß in den Reihen.
Schnappt euch ein paar Freunde, fahrt ins nächstbeste Kino und genießt die Show – es lohnt sich!

 
Nachspann
Selten so gelacht. Also: Sitzenbleiben!
Kinostart: 3. August 2017

Sieben Minuten nach Mitternacht

Manchmal gibt es Menschen auf der Welt, die einen Draht zu etwas ganz besonderem haben. Genies. Vielleicht in der Realität total verarmte, verwahrloste oder unscheinbare Typen, die jedoch mit etwas ganz besonderem gesegnet sind. Menschen, die Schicksale erleiden, Menschen, die unglaubliches durchstehen müssen, Menschen, die man an ihre Grenzen bringt und ihnen anschließend einen Arschtritt verpasst und dabei zusieht, wie sie über sich selbst hinauswachsen und dabei etwas Unvergessliches erschaffen.

Ich weiß nicht, wer Siobhan Dowd war, wie sie gelebt hat, und was ihr widerfahren ist, ich weiß nur, dass sie vor Beendigung ihres Schreibens dem Krebs erlegen ist und daher diesen Roman niemals fertigstellen konnte. Dieser Aufgabe hat sich dann Patrick Ness angenommen und damit renommierte Preise, weltweites Aufsehen und einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Ich selbst habe dieses Werk noch nie in den Händen gehalten und kann daher keine Beurteilung darüber abgeben, inwieweit der Film der Buchvorlage gerecht wird, was ich aber weiß, ist, dass hier so dermaßen unglaublich brachiales, herzzerreißendes und zutiefst emotionales Kino geboten wird, um eine Geschichte zu erzählen, die meine persönliche Gefühlswelt jedes Mal bei weitem überfordert hat.

Das erste Mal (ich meine, es war Anfang November 2016) wusste ich nicht, wo ich im dunklen Kinosaal schnell ein paar Tücher kriegen konnte, um mein verheultes, ergriffenes Gesicht wieder einigermaßen alltagstauglich zu machen, während man mir beim zweiten Mal im April diesen Jahres die Frage stellte, ob bei mir alles in Ordnung sei, weil ich so ergriffen im Foyer sitzen würde.

Beide Male war der Film daran schuld. Beide Male war diese unglaubliche Ausdruckskraft, das künstlerische Können und die bildhafte Sprache von jugendlicher Rebellion, die jeden Erwachsenen anspricht und damit das Thema der Generationen galant überspielt, daran schuld – denn beide Male hat man brennende Pfeile auf mein Herz abgeschossen und sich meine cineastische Liebe ohne Kompromisse erkauft.

Mal ernsthaft: Ich hadere auch immer mit mir selbst (und lese deshalb vorzugsweise keine Bücher, von denen ich glaube, dass sie verfilmt werden könnten), ob man nun dem kreativen Freiraum des Geistes die Bühne gewähren und die Fantasie spielen lassen, während man sich langsam durch das geschriebene Wort wälzt, oder ob man sich genüsslich zurücklehnen und die Effekte spielen lassen sollte, um die Geschichte verblümt über die Leinwand rauschen zu sehen.

Ich denke, Sieben Minuten nach Mitternacht schafft beides – denn der Besuch im Kino ist packend und trifft garantiert jedes fühlende Wesen tief in seiner Seele an einem sensiblen Punkt.

Und daran ist nicht nur Sigourney Weaver schuld, der ich seit Alien treu ergeben bin, und auch nicht die Preisträgerin Felicity Jones oder der medienwirksame Liam Neeson, sondern einer der wichtigsten Säulen dieses packenden Stücks ist Lewis MacDougall, der als Jungdarsteller hier mit einer Mimik und berauschenden Ausdrucksart glänzt, die man Kinderdarstellern niemals zutraut.

Im Ernst: Was hat man diesem kleinen Kerl zu schlucken gegeben, dass der so eine abartig-geile Performance hinlegt und sein Publikum innerhalb von Sekunden an sich reißt und es keine Sekunde mehr auch nur einen Millimeter von sich weglässt?

So eine atemlose Jagd nach etwas völlig Unnatürlichem mit einer derartigen Bildkraft und emotionalen Tiefe habe ich selten erlebt. Und ich finde auch bei längerem Nachdenken keine vergleichbaren Filme, die ebenfalls mit solch einer Würde das innere Sterben von Glückseligkeit auf so eine wunderbare Weise darstellen und hier inmitten von Umrahmungen die größte Geschichte aller Zeiten erzählen.

Auf Deutsch: Noch nie war es so erbittert grausam, zu warten, bis man endlich darüber reden darf. Noch nie war es so unsagbar schwer, den Kinostart herbeizufiebern und endlich endlich endlich wieder und wieder in diesen Titel rennen zu können.

Leute? Obwohl mein Limit für UHD-Discs deutlich niedriger angesetzt ist, würde ich ohne zu zögern 49 Ocken auf den Tisch blättern, um das Teil nachts beim Einschlafen, morgens beim Aufstehen und unter tags auf dem Bildschirm rauschen zu sehen und beständig in die Abgründe der Seele des Kleinen abtauchen zu können.

Diese Notwendigkeit, mit der man hier Schmerz illustriert und dem Zuschauer über furchtbare Kanäle zuführt, diese Selbstverständlichkeit, mit der man die kindlichen Anomalien des Denkens überzeichnet und sie der Erwachsenenwelt zugänglich macht, die Vermengung von Alltäglichkeit und den unsagbar tiefen Abgründen kindlicher Ängste in einem Film zu verdeutlichen und jedem – wirklich jedem – nahezubringen, grenzt für mich selbst an ein unglaubliches Wunder.

Und genau so würde ich diesen Film auch bezeichnen: Als ein unglaubliches Wunder, dass den Kinofan und Filmliebhaber packt, umgarnt und anschließend tief in den Sog einer unfassbaren Welt zieht, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Und der einzige Weg zu überleben, ist der des kleinen MacDougall, der in diesem Stück die wohl wichtigste Lektion seines Lebens auf unvergessliche Weise lernt – und dies in der Umsetzung von Juan Antonio Bayona mit uns allen teilt

.kinoticket-Empfehlung: Solltet ihr die Wahl haben, entscheidet euch für die Originalversion mit Untertitel (OmU), denn nur hier schrammt man verbal wieder an der Profiltiefe, wie sie vom Autor wohl vorgesehen war.

Vergleicht einfach mal die Trailer auf YouTube, insofern ihr euch einen Teil der Geschichte bereits vorab zerstören wollt – oder vertraut mir und geht in die Vorstellung.

Wenn es sich je gelohnt hat, dann jetzt.

Nachspann
❌ braucht man nach dieser Gefühlsorgie nicht mehr, sondern eher Zeit zum Verdauen.

Kinostart: 4. Mai 2017

Original Title: A Monster Calls
Length: 108 Min.
Rated: FSK 12

A Cure for Wellness

Gore Verbinski ist ein Genie!
Ich lese Beiträge, höre Meinungen, sehe Witzbilder über die Reaktionen zu diesem Film und erkenne mich kein Stück darin wieder.
Ich habe der Vorstellung entgegengefiebert, hatte dabei aber keine Ahnung, wie sehr dieser Visionär damit den Punkt auf den Kopf treffen würde.
Ich vermute an dieser Stelle einfach mal wieder und behaupte, dass ein Großteil der Menschheit die Ambitionen des Regisseurs nicht versteht und daher völlig falsch an die Sache rangeht.
Verbinski drückt in so einprägsamen, visionären, ausdrucksstarken und treffenden Bildern eine Symphonie der Obskurheit unserer heutigen Welt aus, die keinerlei Ansatz dafür bietet, als Unterhaltungsprogramm vergewaltigt zu werden, und genau jenen Ansatz haben wohl die vielen Meinungsäußerer, die sich negativ über das Werk äußern. Sie wollen unterhalten werden – und das hier ist alles, außer Unterhaltung.
Wir stehen vor einem vor Genialität triefenden Werk philosophischer Größe, dass den Menschen so abartig gelungen vermittelt, wie es mit den meisten Individuen unseres Planeten zur Zeit aussieht. Allein schon der Titel … hat sich mal jemand die Mühe gemacht und den ins Deutsche übersetzt und danach gefragt, warum man so etwas als Titel wählt? Die meisten Kritiker können ihn noch nicht mal aus dem Kopf heraus richtig aussprechen.
Solch eine übermäßige Oberflächlichkeit kann nur in Enttäuschung münden, denn das Erzählte erfordert absolute Denkarbeit, das Fehlen von Popcorn und jedweden Anspruchs an Unterhaltung. Und das hab ich gefeiert.
Hier geht es nicht um leicht verdauliche Kost einer mittelmäßigen Geschichte, hier geht es um Bilder, die einen Zustand ausdrücken, um Kritik, um Aufklärung, um das harmonische Zusammensetzen psychologischer Puzzlesteine, die als Ganzes ein Bild von wahnhaftem Genialitätskern entblößen, das nicht nur in seiner Gänze voll ins Schwarze trifft, sondern einen beim Nachdenken so von den Hockern haut, dass später die Spucke im Mund immer noch ausbleibt.
Allein die Zusammenfügung verschiedenster Szenerien, in denen wohlumschmeichelnd mit Farben, Mustern, Formen, Symmetrien, Disharmonien und anderen Ansätzen seelischer Bausteine gespielt wird, zeugt von einer orchestralen Größe, die hier nicht nur Töne, sondern auch Charaktere und Bilder aus den Instrumenten der Filmemacher pustet, die in einer anbetungswürdigen Art und Weise vollführt werden, dass jedes Künstlerherz jubilierend aufatmet und sich darüber freut, dass so etwas in einem niederen Ort wie Kino endlich wieder gelebt wird.
Allein die Auswahl der Schauplätze und das einstreichen in die farblose Colorierung, die nur gelegentlich Akzente setzt, ist für mich auszeichnungswürdig.
Die Zeiten von billigen Klischees sind vorbei. Die Zeiten von oberflächlichen Superhelden und tollem CGI sind Geschichte. Hier lebt höchster Anspruch in einer audiovisuellen Kraft, die sich Zeit für alles nimmt und dafür sorgt, dass ein Organ wieder vollständig genutzt werden muss: Das Gehirn eines jeden Zuschauers.
Und diesen Umstand – umklungen vom Reigen der Bilder, Musik und den Fügungen dieser Maschinerie als solches – feiere ich immer noch und freue mich darauf, mir diesen Film heute erneut anzusehen!
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.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film ist alles, außer Unterhaltung.
Wer meint, hier eine Geschichte erzählt zu kriegen, irrt. Man wird gefüttert mit philosophischen Bausteinen, die in einer so galant-genialen Machart mit dem kommerzialisierten System unseres Planeten aufräumen und offenbaren, was eigentlich offensichtlich sein sollte, aber dennoch nicht ist.
Ich LIEBE Verbinski für diesen Schachzug und kann jedem nur empfehlen, sich für diesen Film ein wenig mehr Zeit als die Laufzeit zu nehmen, denn das hier ist einfach nur großartig!

 
Nachspann
kommt keiner weiter, nach der Abblende darf man nach draußen.

Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe

Es ist soweit: Der Film, auf den die Massen gewartet haben, steht vor der Tür und feierte vorgestern seine Deutschlandpremiere in Hamburg.
Ich selbst war heute im Rahmen der Ladies Night in Augsburg und habe zusammen mit ca. 1400 Frauen die Vorpremiere von Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe geschaut.
Es ist ein Kulturphänomen, das seinesgleichen sucht. Als Fanfiction zu den Twilight-Filmen gestartet und ursprünglich als reine SM-Kopie von Edward und Bella geschrieben entwickelten sich die im Nachhinein als Christian und Anastacia betitelten Figuren zu einem weltweiten Erfolgsprodukt, dass seit jeher als Publikumsmagnet gilt.
Doch statt jetzt hier meinen Senf zum Film abzugeben, möchte ich euch an den Meinungen einiger Damen teilhaben lassen, die mir freundlicherweise hinterher zum Interview zur Verfügung standen (und namentlich nicht genannt werden möchten ^^).
 

Wie hat dir der Film gefallen?
“Ich fand ihn schon gut. Also ich fand ihn teilweise ein bisschen lächerlich.”
Ist das förderlich für den Unterhaltungseffekt?
“Ja, ich glaube schon.”
Das ist ja jetzt der zweite Teil. Habt ihr den ersten auch gesehen und wie fandet ihr den Nachfolger im Vergleich?
“Ja, viel besser als den ersten.”
Von der Technik her oder vom Schauspiel oder komplett besser?
“Mei, es war halt mehr Sex…” (lacht)
Und was hat dir besser gefallen?
“Die Handlung war irgendwie näher am Buch.”
“Ich fand ihn von allem her eigentlich besser. Man hat mehr gesehen. Beim 1. Teil hat man sich viel mehr erwartet, von den sexuellen Handlungen her, dass es da mehr in die Tiefe rein ging.”
Hast du auch alle drei Bücher gelesen?
“Ja.”
“Ich habe die Bücher nicht gelesen, aber mir hat er gut gefallen. Alles war dabei.”
Was findest du besser? Die Bücher oder was sie mit dem Film daraus gemacht haben?
“Ich muss sagen, der erste Teil: Da fand ich das Buch besser, und jetzt den Film. Ich hab die Bücher ab der Mitte des zweiten Teils auch nicht mehr weiter gelesen.”
“Ich hab nur das erste Buch gelesen, ich kann es gar nicht sagen, weil ich dachte, dass ist eh das gleiche. Aber jetzt hätte ich es vielleicht lesen sollen, wo ich das jetzt gesehen habe.” (lacht)
Wie fandet ihr den Humor des Films?
“Ja, naja (lacht) – eher stumpf.”
“Vom Witz her? Ich fand’s witzig. Erotischer wie im ersten Teil.”
“Der Humor war absolut richtig. Wir haben uns davon sehr unterhalten gefühlt.”
Hat man gemerkt, dass es ein Abklatsch von Twilight ist?
“Nein, gar nicht.” – “Überhaupt nicht.”
Auf meine Erklärungen und Vergleiche hin, die ich aus Spoilergründen hier mal nicht anbringen möchte, meinten die Damen dann:
“Ja, stimmt. Ich mochte Twilight auch, die hab ich auch angeschaut.”
“Ja, dann ist es aber echt so, dass die, die Twilight mögen, auch den hier mögen. Ich war nämlich auch kein Twilight-Fan und bin auch hiervon kein Fan.”
“Ich bin Twilight-Fan, ich habe auch alle Filme zu Hause, aber ich hätte das jetzt nicht so gesehen. Aber jetzt, wo du es so sagst…”
Was war jetzt der Grund, warum ihr ins Kino gegangen seid und euch genau diesen Film angeschaut habt?
“Musste man einfach jetzt wieder sehen. Ich hab die Karten schon im Dezember gekauft und hab die hier alle überredet. Wir haben halt den ersten gesehen und wollten die Fortsetzung sehen. Ist jetzt ja schon zwei Jahre her.”
“Ich bin nur mitgegangen, ich hätte ihn mir jetzt nicht alleine angeschaut.”
“Ich bin vielleicht jetzt auch nicht repräsentativ, ich kann das auch gar nicht so richtig begründen. Das hätte man sich vor Jahren auch gar nicht vorstellen können, dass das wirklich so groß übertragen wird und ich finde, dass man an manchen Stellen wegschauen muss und peinlich berührt ist. Und deswegen hab ich auch ein bisschen Abneigung.”
Würdest du sagen, durch Fifty Shades of Grey werden Sex und Tabuthemen öffentlicher präsentiert und dadurch mehr salonfähig gemacht? Dass man öffentlich besser und leichter drüber reden kann?
“Ja, das schon, dadurch, dass das jetzt öffentlich ausgestrahlt wird auch in den ganzen Kinos wird bei manchen Leuten, wo noch ein Tabu ist, dieses vielleicht schon gebrochen. Aber viele – glaube ich – haben da auch keine Berührungsängste.
“Jein, also im ersten Teil wird’s schon sehr verharmlost. Wenn Tenies das anschauen, die denken, das ist normal, wenn man die Freundin übers Knie legt. Es kommt halt drauf an, wer es schaut und wie man es aufnimmt.”
Was sagt ihr jetzt als Frauen dazu: Im Film wird ja immer ein wenig die Stellung der Frau im Gegensatz zu der Emanzipation und Gleichberechtigung, die ja heute eigentlich auf dem Plan steht, wieder komplett ins Gegenteil verkehrt. Ist das gut oder schlecht oder warum meint ihr, reagieren da so viele Leute drauf?
“Also ich finde sogar, dadurch, dass sie die einzige ist, die es schafft, ihn zu ändern und nicht zu allem Ja und Amen sagt, spiegelt sie die Emanzipation wieder. Weil sie eben dagegen ankommt. Im ersten Teil nicht, aber jetzt im zweiten vielleicht schon ein bisschen.”
“Ich finde nicht, dass es Schwierigkeiten mit der Darstellung der Frau gibt, die im Film ja oft als “Objekt” dargestellt werden soll. Es kommt halt darauf an, wer was mit sich machen lässt. Geschmäcker sind da verschieden.”
Würdest du sagen, dass dieser Film ein Erfolg wird? Würdest du ihn dir nochmal anschauen?
“Ja, würde ich schon machen.”
“Ich kauf mir auch die DVD” (lacht)
“Ja.” (mehrfach wie aus der Pistole geschossen ^^)
“Definitiv ja.”
“Kann es mir schon vorstellen, weil eben dieses ‘Verbotene’
oder nicht Alltägliche mal übertragen wird.”
Und da liegt jetzt die Faszination drin, dass gerade beim weiblichen Publikum – wie man ja sehen kann – der Film so gut ankommt?
“Ja, könnt ich mir schon vorstellen.”
Freut ihr euch auf den dritten Teil?
“Ja, auf jeden Fall.”
Würdet ihr diesen Teil hier weiter empfehlen?
“Ja, auf alle Fälle.”
Was hat euch am Film am meisten gefallen?

 
Und an dieser Stelle möchte ich vor spoilernden, aber interessanten Antworten mal aus den Interviews aussteigen und mich nochmal für alle bereitwilligen Antworten der Gäste bedanken, die sich die Zeit genommen haben und mir Rede und Antwort standen.
Was mir persönlich am meisten gefallen hat?
Man ist endlich ein wenig tiefer in die Materie eingestiegen, auch wenn man von Fifty Shades of Grey noch lange nicht behaupten kann, wirklich im Genre angekommen zu sein, sondern das alles durchaus noch sehr oberflächlich und – um es mit den Worten einer Dessouladenbesitzerin zu sagen – “langweilig” ist.
Das Interesse an Erotik und dem Verbotenen ist wohl vielerorts schon immer da gewesen, aber es wurde in unserem Jahrzehnt nicht derart offen ausgelebt, wie es Fifty Shades of Grey jetzt tut.
Ich erinnere nur an die rühmlichen 68er, da wäre ein Film dieser Größenordnung wohl eher langweilig gewesen und hätte den Zuschauern nur müdes Lächeln abgerungen. Dass wir danach wieder in einer amerikanischen Prüderie angelangt sind, aus der man sich jetzt schrittweise wieder hervorkämpft, ist nun mal Tatsache und beweist, dass die Gesellschaft nicht nur permanent im Wandel ist, sondern sich gewisse Dinge in Abschnitten auch immer wiederholen.
Der Design-Effekt, der mir beim ersten Teil noch am besten gefallen hat, fällt in dieser Fortsetzung nun komplett weg, diese Liebe zur Unerreichbarkeit ist weg und man befindet sich mehr auf dem Boden der Tatsachen.
Über den Plot brauchen wir nicht reden, auch die Dialoge sind wieder zeitweilig so beschissen, dass sich in vielen Situationen allein aus der dämlichen Ausdrucksweise eine Art Selbstironie entwickelt, die als solches dann schon wieder lustig ist und durchaus seinen Unterhaltungseffekt hat.
In punkto Forschheit und anzüglicher Anmache hat man sich hier tatsächlich gesteigert und langsam ein Gespür dafür entwickelt, wie man in die Tiefen der Dunkelheit vordringen kann, die sich in der Allgemeinheit noch zu befinden scheint, jedoch agiert man auch hier relativ zaghaft und plotbedingt teilweise lächerlich.
Ich persönlich habe immer noch meine Probleme mit der Darstellung der Frau, die immer wieder als Sexobjekt und “Gegenstand” bzw. “Eigentum” angesehen werden soll. Diesbezüglich gibt es – wie beim Interview oben schon benannt – zwar nun endlich halbwegs vernünftige Gegenwehr, das Thema als Solches finde ich aber im Film zu unreflektiert und damit für die heutige Generation als zu unverantwortlich behandelt. Die Unterwerfung der Frau dem Mann gegenüber ist immer noch Thema in der Gesellschaft, was man schon anhand der Problematiken sieht, die aus dem Arabischen in die westliche Welt überschwappen und immer wieder für Unmut in unserem Land sorgen.
Interessant war auch, den Einlass zu beobachten, wie sich die Scharen der weiblichen Welt ins Kino zwängten und immer ein bedrückt dreinblickender Typ dazwischen … Macht euch den Spaß und vergleicht einfach mal mit Twilight und ihr werdet im Film so extrem viele Parallelen finden, dass man fast behaupten könnte, die Schreiberin der Fifty Shades of Grey-Romane hat absolut keine Fantasie, sondern tatsächlich Wort für Wort in den SM-Slang übernommen. Selbst Nebencharaktere bilden so eindeutig und erkennbar das Gegenstück zu den jeweiligen Doublen aus Twilight, dass einem fast schon die Lust daran vergeht.
Fakt ist, dass hiermit ein Nerv der Zeit getroffen wird, der gestern in Augsburg fast 1500 Menschen zeitgleich ins Kino gelockt hat und sicher wie beim ersten Teil auch in den nächsten Wochen und Monaten für volle Kinosäle sorgen wird.
Müsste ich mich zwischen beiden Filmen entscheiden, würde ich sofort zum neuesten greifen, da der tatsächlich sehr viel mehr Unterhaltungseffekt bietet und nicht mehr so zimperlich mit den Dingen umgeht, auch wenn man die Thematik durchaus besser hätte beleuchten und ausarbeiten können. Stichwort: SM-Variante von Underworld…? 😉
Die Damen bekommen in den nächsten Wochen auf jedenfalls einiges zu sehen – und das nicht nur im Kinosaal, sondern auch davor…

© Dessous und Modelle ausgestellt von Fee, Steingasse 10, 86150 Augsburg, www.my-fee.de

 

.kinoticket-Empfehlung: Das Gespür, in die Materie einzusteigen, erwächst langsam, Teil zwei ist um Welten besser als der erste, erreicht aber noch lange keine Krone der Filmschöpfungen, sondern etabliert sich in der Frauenwelt durch Diskussionen über Tabuthemen garantiert immer noch zu einem Publikumsliebling und punktet durch teils sehr selbstironische Züge.
Ernst nehmen sollte man den Film auf keinen Fall, sondern einfach die Show genießen und sich über teils abartig dämliche Aktionen lustig machen und mit richtig viel Publikum, das stellenweise sogar zu den Entscheidungen der Darsteller applaudiert, wird auch der Kinobesuch zu einem ganz eigenen Erlebnis.

 
Nachspann
Da es sich hier um eine back-to-back-Produktion handelt (der folgende Teil ist also bereits abgedreht), sollte man auf jeden Fall noch sitzen bleiben, denn die Vorfreude auf 2018 wird in der Mitte des Abspanns nochmal angehoben.

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