Dezember 4, 2022

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Annette

Annette - Filmplakat
© 2021 Alamodefilm

Gottchen, was feiert sich die Elite selbst, weil endlich mal etwas aus ihren Reihen ins Kino gelangt – und merkt dabei nicht, wie verloren und fehl am Platz das Werk dort eigentlich ist.

Aber mal der Reihe nach: Kürzlich hab ich mich ja schon gewundert, wie wenig Wissen man mitbringt, wenn der Auftrag „Resort: Film“ lautet – und wie hilflos so mancher Journalist auf einmal ins Leere schaut, wenn es um mainstreamtaugliche Unterhaltung geht, die eben jenes Leserfeld abdecken sollte.

Vermutlich sehen sich die Schreiberlinge selbst als „Theaterkritiker“ und blicken deshalb per se mit Ächtung auf das gemeine Volk, das sich an so billigem Schund wie hochkarätigen Kunstverfilmungen mit Handlung und ganzen Sätzen erfreuen kann. Welch Abschaum!

Eben jenen zuckt nun auf einmal der Geilheitsmuskel, weil man sich darselbst der künstlicherischen Ambitionen verdingte und einer Sprache habhaft werden ließe, die … ganz ehrlich: habt ihr Bock auf diesen Scheiß?

Yo – man liest überall überschwangvolle Kritiken der bloßen Begeisterung über Annette – endlich mal „ein Streifen, der sich was traut“ … what? Das haben zuvor so viele andere ebenfalls, die von euch Heinis seelenlos zerrissen und in den Müll geworfen wurden – und das hier ist jetzt besser?

Why?

Annette traut sich was – das stimmt. Man tritt heraus aus dem einstigen Wulst an Immergleichem und bringt Momente auf die Leinwand, die … da einfach nicht hin gehören, sondern viel eher ein wärmendes zu Hause auf einer Live-Theaterbühne finden würden.

Das Problem: Die Klientel ist an diesem Ort schlichtweg die Falsche. Jüngst äußerte ich mich schon in meiner labilen Art-Non-Knowness zu West Side Story, welches in meinen Augen unter cineastischen Aspekten vielmehr geeignet scheint, um ein „Outsider-Publikum“ zu erreichen und zu erfreuen. Annette macht irgendwie das gleiche (zumindest thematisch), dabei aber unter Leinwandbedingungen so ziemlich alles falsch, was es falsch zu machen gibt.

Punkt 1: Die Ikone, mit der man wirbt (Adam Driver) kann nicht singen. Dieses Phänomen hatten wir längst schon – und jedesmal wurde es ein Flop. Dieser Mensch hat in dem Streifen viel zu viel zu sagen, ist Hauptdarsteller und mag deshalb vom Team nicht mit ehrlichen Worten gesegnet worden sein – also sage ich es nochmal: Er kann nicht singen. Er trifft die Töne nicht, strahlt keine Ehrwürdigkeit in diesem Beruf aus, sondern ist vielmehr talentiert, was zurückhaltende Schauspiel-Rollen angeht (House of Gucci sei da nur als jüngstes Positiv-Beispiel genannt).

Warum man diesen Typen nun zu einem Sänger degradieren muss, sei dahingestellt. Neben Marion Cotillard wirkt er als kläglicher und jämmerlicher Stimmchenversager – und wie könnte man so ein „Talent“ zum Hauptaugenmerk eines Films konstituieren?

Punkt 2: Es gibt keine Handlung. Kino lebt aber von Handlung und nicht von puren Momenten des Ist-Zustandes, die lieblos aneinandergereiht dann ein Ganzes darstellen sollen und deren einzige „Fortbewegung“ die andauernde, triefende Symbol-Problematik ist. Alles ist ein Symbol.

Ja, das mag die zutiefst konservative Einstellung des Theaterbesuchers befriedigen: „Alles ist, wie es immer ist und wehe, einer sagt etwas dagegen, dann meldet sich der heilige Pfarrer und verweist dich des Kirchensaals!“ – aber im Kino sitzen durchaus auch schlaue Leute, die sogleich checken, welches Symbol was zu bedeuten hat und was für tiefsinnige Einstellung dann da dahintersteckt. Also macht weiter und unterhaltet mich – aber dreht euch nicht ständig im Kreis und reiht ein Symbol an das nächste und wiederholt das dann ständig.

Genau dafür wäre dann … Theater … da. Und eben nicht Kino.

Proof-of-concept: Das Sneak Preview-Publikum gehört zu den Feuererprobten, die sich jeglichen Schund als Gegenleistung für günstige Eintrittskarten und die Zusage, einen Film zu sichten, der für die Normalsterblichen noch nicht das Licht der Welt erblickt hat, zu Gemüte führen.

Und in einer Universitätsstadt wie München sitzen dann da auch die Pseudo-Elitären im Saal, die sich eloquent über ach so fahrige Plotkonzepte aufregen können oder dies und das in ihrer Biolatschenträgermanier abfeiern und heilig geißeln.

Ergo: Mit Volldampf das beste Publikum erwischt, das sich den Streifen zu Gemüte führen und darüber ein ordentliches Urteil abgeben könnte … und was passiert?

Verwirrt schnaubende Ziellose irren durch den Saal und lösen Alarm aus, weil die eigentliche Eingangstür weiter weg als die grün beleuchteten Notausgänge sind, durch die man schnellstmöglich verschwinden könnte, um dieser Leinwand-Qual bestmöglich zu entkommen.

Der Rest sitzt entnervt mit ständigem Blick auf die Handy-Uhr in den Reihen und hofft, dass das, was man vorgesetzt kriegt, endlich enden möge, weil es wohl dümmer kaum gehen könnte (Ach, was lieben wir uns +mösenleck mösenleck+ – peinlicher geht es nun wirklich nicht mehr.

Bringt der Film Witz und Charme mit? Durchaus. Die Eigenironie ist kaum zu überbieten, das Problem ist vielmehr, dass man mit der Symboldurchtränkheit alles erstickt, was sich ggfs. aufbauen könnte und dabei dieser permanent verächtliche Blick nach „unten“ niemals aufhört. Diese emotionale Hinterfotzigkeit gegenüber dem Publikum eines Kinos regt ich an dieser Stelle extrem auf. Ja, man mag die Theater-Fuzzis erreichen, aber warum brauchen die unbedingt Säle, die in der Pandemie eh schon knapp bemessen sind und andere Filme von der Bildfläche verdrängen? Warum ordert man hier nicht viel lieber Driver selbst und zieht mit dem Publikum in den Circus Krone ein?

Genau das werfe ich dem Film vor. Und sobald auch nur ein ansatzweise mit einem Hauch von Kritik versehenes Silbchen an die Oberfläche tritt, spürt man schon, wie sich die Spucke-Ballen in den Hälsen der gierigen Eingebildeten formen und auf dich niederwallen… „Wie kannst du nur? Du …. du ….. duuuu Nichtsnutz du! Achja, du warst ja auch in Spider-Man, da bin ich extra nicht hingegangen, um mir dieses Elend nicht antun zu müssen und habe mich GEWEHRT in die Pressevorführung zu gehen!“

Genau, dummes Weib – dann kannst du auch mit schwätzen, wenn es um … moment … wie heißt das Wort gleich? … Warte, gleich hab ichs …. um: KINO geht! Wir leben in einer modernen Welt, die sich weiterentwickelt. Bei uns ist die Zukunft zu hause. Wir lieben Fortschritt. Wir lieben Technik. Wir lieben Intelligenz. Sogar künstliche Intelligenz. Wir freuen uns darüber, wenn es immer weiter geht und sich etwas bewegt.

Annette ist weit davon weg (und ich sage an dieser Stelle nicht: Der Film ist schlecht), sondern einfach nur: Kino ist der absolut falsche Ort, um das aufzuführen. So etwas gehört ins Theater. Und darf dort dann auch von den Eingeweihten abgefeiert werden – denn dafür ist Marion Cotillard wirklich viel zu gut, auch wenn ihre Szenen viel zu wenige sind.

.kinoticket-Empfehlung: Hilft wer, die Steine wegzuräumen, die von der Kunst-Elite auf mich herabregnen, die diesen Beitrag hier gelesen haben? Sorry: Absoluter Schrott fürs Kino, so etwas gehört ins Theater und vor allem mit Darstellern besetzt, die eines können: Singen. Adam Driver kann genau das nicht – und ist somit als Hauptdarsteller in einem Musical schlicht fehlbesetzt.

Nachspann: 🔘⚪️🔘 | Beginnt, wie in jedem Musical … und fährt am Ende nochmals die elitären Fenster hoch, um hinten rein nochmal eins um die Ecke zu bringen.

Kinostart: 16. Dezember 2021

Original Title: Annette
Length: 140 Min.
Rated: FSK 12

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