The Vigil – Die Totenwache

The Vigil - Die Totenwache - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Frischfleisch ist manchmal gar nicht so verkehrt … und die ach so unbeliebten „Newcomer“ haben anfangs immer das, was ich bei vielen Alteingesessenen oft vermisse: Mut.

Keith Thomas ist ein neuer Stern am Himmel der Horror-Regisseure und blutjung mit seinen Ideen. Seinem Kurzfilm Arkane, den man z.B. auf YouTube sichten kann, spürt man noch nichts von Können an, sondern der erinnert viel mehr an das „hochetablierte Möchtegernwerk eines Filmschulabsolventen“, der sich selbst maßlos überschätzt. Kein Gespür für Timing, keine guten Effekte, ein lahmarschiges Ende … macht keine Lust auf mehr.

Ganz anders verhält es sich mit seinem ersten Kinofilm The Vigil – Die Totenwache: Nun hat er sich belesen, wie man das mit den Horroreffekten richtig macht und zieht auf einmal voll sein Ding durch – und das so gut, dass einem Horrorfilmliebhaber wie mir zuweilen die Gänsehaut am ganzen Körper senkrecht stand.

Die Effekte passen, die Jumpscares sind weise und unübertrieben gut eingesetzt und auch der Story-Plot hält sich an seine selbst aufgestellten Regeln und verweist damit die typische Dummheit nach draußen.

Kurzum: Man hat sich ein wunderbar unangerührtes Thema geschnappt, eine Story dazu geschrieben (die – zugegeben – zwei, drei Minuten braucht, um zu zünden) und dann eine wunderbare Reise in die gruseligen Momente dieser Nacht unternommen, die im Film wunderbar authentisch durchexerziert wird.

Und dabei wird eine Stärke von Thomas ganz klar und deutlich: Dieser Mann kann auf einmal Atmosphäre schaffen und sorgt für grandiose Momente, die selbst alteingesessenen Genrefans das Gruseln neu beibringen.

Nun muss ich auch wieder ein wenig meine Meinung zu Blumhouse revidieren, die in meinen Augen in der Vergangenheit auch viel skurrilen Bullshit ans Tageslicht gelassen haben, den ich so nicht abgesegnet hätte. Aber der Einfluss ist hier deutlich zu spüren und hat dem Film wider Erwarten mehr als gut getan.

Am Ende struggelt man ein wenig mit der doch eher unbefriedigenden Auflösung, aber der Weg dorthin ist Bombe und man wünscht sich mehr aus dieser Ecke. Mal sehen, ob’s diesmal gelingt, dass mal jemand nicht ins wirtschaftlich-seelenlose Milieu abkippt, sondern man weiter an solch grandiosen Ideen bastelt. Es würde dem Genre definitiv gut tun.

Hammerharte, starke Momente mit Gänsehautgarantie, die selbst alte Horrorfans aus ihren Höhlen rauslocken und das Fürchten komplett neu lehren: Großartige Situationen, tolle Effekte und ein plausibler Plot – was will man eigentlich mehr?

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht ausharren, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 22. Juli 2020

Original Title: The Vigil
Length: 90 Min.
Rated: FSK 16


Harriet – Der Weg in die Freiheit

© 2020 Universal Pictures International

Was könnte ich an dieser Stelle anderes sagen als „Es tut mir leid“?

Es tut mir leid, dass es notwendig geworden ist, dass sich jemand hinsetzt und solch einen Film produzieren muss. Es tut mir leid, dass es notwendig ist, andere Menschen über diese Geschehnisse aufzuklären. Es tut mir leid, dass all dies tatsächlich einmal passiert ist und Millionen Menschen solche Taten durchlitten haben.

Du sitzt ganz unverfroren in dem Film und schaust dir den Anfang an und denkst dir: Hoffentlich ist das nur eine Geschichte. Hoffentlich ist das kein Tatsachenbericht. Hoffentlich kommt am Ende nicht „… basierend auf dem Leben von …“ …

Es kommt.

Diese Frau hat genau das erlebt.

Und es tut mir leid, dass wir immer noch hier sitzen und darüber diskutieren, statt endlich einzusehen, dass unzählige Entschuldigungen und Kniefälle notwendig sind, um für dieses Unrecht um Vergebung zu bitten.

Ich kann nichts anderes, als einfach nur meine Klappe zu halten und demütig im Namen aller um Vergebung zu bitten und hoffe, dass sich immer noch möglichst viele finden, die sich den Film in irgendeiner Weise ansehen werden.

Im Kino ist er natürlich „imposant“, setzt sich mit viel mehr Druck im Innersten deiner Seele nieder und erzeugt intensive Gefühle – aber auch zu Hause, im TV, per Streaming oder sonst wie: Dies ist der falsche Zeitpunkt, um irgendwelchen Schau-Prinzipien nachzuheulen, denn dieser Film ist von solch immenser Bedeutung, dass ihn einfach jeder gesehen haben muss. Egal, wie.

Also schaut ihn euch an, versetzt euch in „ihre“ Lage – und spürt einmal, wie das ist, wenn eure Kinder, eure Familie, eure Männer, eure Frauen, eure Freundinnen, eure Bekannten, eure Leute an Stelle der Protagonisten wären. Was würdet ihr empfinden? Wie hättet ihr reagiert?

Genau so fühlen sich 2020 immer noch unzählige Menschen – und jeder davon ist einer zu viel.

Mein Kniefall vor ihren Taten, ein leises „Dankeschön, dass du aufgestanden bist“ und ein lautes „Vergib uns allen, die euch so etwas angetan haben und bis heute stellenweise antun.“

Als Mensch, der in Deutschland geboren wurde, männlichen Geschlechts mit heller Hautfarbe ist, habe ich kein Recht, irgendwelche Urteile in dieser Sache abzugeben: Alles, was an dieser Stelle richtig wäre, ist: Um Entschuldigung zu bitten und mich ehrfürchtig vor dem Leben von Harriet zu verneigen und ihr zu danken, dass sie damals aktiv geworden ist um für ihre Freiheit zu kämpfen. Es ist bis heute immer noch sehr sehr notwendig. Leider.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Zeigt euch ein paar der Original-Bilder, also springt nicht gleich auf, sondern gebt dem Film Zeit, zu einem Ende zu kommen.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Harriet
Length: 125 Min.
Rated: FSK 12


Out of Play – Der Weg zurück

Out of Play - Der Weg zurück - Filmplakat
© 2020 Warner Bros. Ent.

Jeder Mensch hat seine Eigenarten, und gerade in Hollywood projiziert diese jede Person immer wieder übergreifend in jedem Stück nach außen. Schaut man sich also genügend Filme von einer Person an, kann man nach einer gewissen Zeit sehr klar erkennen, welche Thematik diesen Menschen beschäftigt.

Zwangsweise lässt sich daraus schlussfolgern, dass ein Schauspieler oder eine Schauspielerin immer einen Film hat, der exakt auf einen passt und die Persönlichkeit nahezu perfekt wiedergibt.

Bei Ben Affleck deutete sich schon immer an, was jetzt in Out of Play gewissermaßen himmelschreiend auf der Bühne steht: diese sanfte, leicht niedergeschlagene Art, die die eigenen Probleme porträtiert und dabei ein sehr zärtliches, aber durchdringendes Abbild seiner emotionalen inneren Gefühlswelt nach außen trägt.

Was mir hierbei außerordentlich gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass endlich mal keins dieser trägen, verurteilenden Klischees aufgegriffen und anprangernd moralisiert wird, sondern man zwar die Kaputtheit zeigt, dabei aber so umfassend durch die verschiedenen Ansichtsweisen und weit über den Tellerrand schaut, dass man als Zuschauer viel besser Verständnis dafür aufbringen kann und die Zusammenhänge mal nicht vorurteilsvoll vom Tisch gewischt werden.

Out of Play ist unterschwellig eher eine Hommage an die amerikanisch-gesellschaftlichen Werte, die einen viel ehrlicheren und glaubwürdigeren Einblick in das alltägliche Leben gewähren, als es unser einer aus den Medien kennt.

Und mit dem Zeigen von Dilemma folgt gleichsam auch sofort die tiefe, innere Einsicht, die ein „darüber reden müssen“ überflüssig macht und es einfach so im Raum stehen lassen kann.

Genau das ist so wohltuend, nicht zuletzt, weil man sich damit aus diesem Genre erhebt und etwas vollkommen Authentisches erschafft, das dem Zuschauer etwas bietet, was heutzutage selten geworden ist: Eine fundierte, liebevolle Ehrlichkeit, die einen tiefen Blick in die Seele zulässt.

Und damit würde ich sagen: Out of Play zählt definitiv zu Afflecks Meisterwerken und damit zu einem seiner gelungensten Filme überhaupt.

Definitiv anschauen: Ben Afflecks Meisterwerk bisher!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 23. Juli 2020

Original Title: The Way Back
Length: 109 Min.
Rated: FSK 12


Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz - Filmplakat
© 2020 Entertainment One Germany GmbH

Berlin Alexanderplatz ist ab sofort nicht mehr nur ein unfassbar bekannter, touristischer Hotspot in Deutschland, sondern auch ein artistisches Kunstwerk, das in 183 Minuten ein offenbarendes Porträt der Gesellschaft einfängt und wiedergibt, das so manchem die Augen öffnen könnte.

Man lässt sich auf eine Talfahrt in die Hölle menschlichen Agierens ein, die hinab in die Abgründe der Seele führt und einen dort alleine lässt. So schleichend der Prozess beginnt, so brachial bricht am Ende alles über einen hernieder und schickt den Zuschauer mit einem Donnerknall voller Erkenntnis wieder raus in die Welt, deren Offenbarung man gerade ungeschönt auf der Leinwand präsentiert bekommen hat.

Besonders stark: Jella Haase, die die meisten in ihrer eher unbeholfen-naiven Art aus Fack Ju Göhte kennen, die sich hier eine Rolle zugesteht, die ernsthafter und seriöser nicht sein könnte.

Der Film lässt viele Gedanken über das Bild unserer heutigen Gesellschaft entstehen und wirft wichtige Fragen auf, über die man anschließend noch lange nachdenkt.

Den Trailer sollte man sich aus zwei Gründen nicht anschauen: Er verrät wieder viel zu viel Inhalte und Wendungen und außerdem führt er in ein völlig falsches Genre, das dem Film selbst nicht gerecht wird, sondern bei vielen die Klischeekeule triggert, die sich daraufhin entscheiden, den Streifen lieber nicht sehen zu wollen.

Lasst euch von dem Titel nicht in die Irre führen: Dieses Porträt gesellschaftlicher Analyse ist ein wichtiges Werk, das viele Ansätze zum Überdenken des eigenen Weltbilds liefert und von den Darsteller*innen extrem überzeugend gespielt wird. Definitiv sehenswert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Berlin Alexanderplatz
Length: 183 Min.
Rated: FSK 12


Yummy

© 2020 Busch Media Group

„Facelifts, Boob Jobs und… Zombies“. Trash. Denkst du. Und genau das nährt anfangs auch deine Gedankengänge, wenn du dabei aufpasst, wie jemand unfassbar schlechte Synchro vom Stapel lässt, Persönlichkeiten introduced, die so dämlich sind, dass man sich eine Heerschar an Facepalm-Helfern wünscht, weil die beiden eigenen Hände längst nicht ausreichen, um sich damit vor Scham den Schädel anzuschlagen.

Und der Plot dazu wird auch nicht besser … und du denkst dir nur die ganze Zeit: Wo zur Hölle bin ich hier rein geraten?

Ganz einfach: In den besten Horrorfilm, den es seit Jahren gegeben hat 😀

Ja, ernsthaft! Irgendwann benötigst du keine eigene Brustprellung mehr, um am ganzen Oberkörper Schmerzen zu verspüren, weil die deine ungewollten Lacher von alleine produzieren: Die Story artet so dermaßen aus und man lässt sich völlig frei von jedweden Grenzen endlich in das Blutbad klassischen Zombie-Gemetzels fallen, das damals noch die super geile Angewohnheit hatte, mit dem Genre „Comedy“ zu konkurrieren und dabei garantiert immer zu gewinnen … Yes, Man!

Es strömt Blut, es schreit, es brüllt, es fliegen die Fetzen und man jubiliert, denn endlich … ENDLICH ist mal wieder etwas garantiert gerechtfertigt und ungeschönt mit FSK 18 auf der Leinwand zu sehen und sprudelt nur so vor all den geliebten, triefenden Dümmlichkeitsklischees, die es braucht, um bei so einer Show verboten viel Spaß zu haben.

Auf einmal wachsen dir die Charaktere ans Herz, auf einmal triumphierst du bei jedem neuen Ausbruch verbaler Blödheit, die meine heiß geliebte Feuilleton-Fraktion binnen Sekunden ins geistige Grab katapultieren würde – und du feierst es: Die guten alten Zeiten sind zurück – denn Yummy ist zu Recht das gefeierte Werk der Stunde.

An alle Fans, die sich weg vom Mainstream bewegen und mal etwas sehen wollen, das kapitalistisch überhaupt keinen Sinn hat, dafür aber unglaublich viel Seele und Herzblut offenbart: Zieht euch Yummy rein und nutzt die wenigen Vorstellungen, die der Film bislang überhaupt abkriegt.

Die guten alten Zeiten sind zurück und Horror triumphiert als Genre endlich wieder über die Humor-Domäne und zeigt, was es drauf hat, wenn man sich einfach traut. Das haben die Macher dieser Schlachtorgie getan und ein Werk geliefert, das den geneigten Fan zur vollen Güte befriedigt und mit allen Stilmitteln um sich schlägt, die hierbei Erfolg verzeichnen können. Ein absolut gelungenes Stück voller Herzblut und Liebe an ein viel zu selten gewürdigtes Areal der Kinolandschaft – vielen Dank hierfür!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Das abzuwarten hätte mich eine Nacht auf der Straße gekostet: Also .. äh … keine Ahnung 🤷 ?

Kinostart: 23. Juli 2020

Original Title: Yummy
Length: 89 Min.
Rated: FSK 18


Edison – Ein Leben voller Licht

Edison - Ein Leben voller Licht - Filmplakat
© 2020 Leonine

Hier kommt nun das Beispiel, wie man‘s richtig macht: Wie man die Geschichte der Menschheit so in einen Film verpackt, dass jeder im Kinosaal Spaß daran hat – mit Spannungskurven, Unterhaltungselementen, Wissensschaffung und emotionalen Veränderungen, die einen nicht steif im Stuhl sitzen und ermüdend zuhören lassen, sondern vielmehr auch die „niederen Gelüste“ des Menschen mitbedienen.

Mit Benedict Cumberbatch, Michael Shannon und Nicholas Hoult hat man dazu drei Koryphäen an Land gezogen, die ihre Rolle in dem auch historisch perfekt ausgestalteten Rahmen so überzeugend einnehmen, dass man jeder der Figuren ihre Rolle glaubhaft abkauft. Dieser Film vermittelt ein realistisches Bild, das einen aus dem Trugschluss unwissender Fehlannahmen herausreißt und offenbart, welch kampflustige Unternehmungen dazu geführt haben, dass unser einer heute in einem Meer aus technischen Errungenschaften leben kann.

Meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist hierbei auch die Charakterzeichnung der einzelnen Persönlichkeiten: Es ist eben keine argwöhnische Huldigung einer einzigen Person, ein „in den Himmel loben“ oder künstlerisches Darniederknien, sondern portraitiert einmal mehr interessante Wesenszüge interessanter Persönlichkeiten und nimmt sich dabei enorm viel Zeit und Raum, um das gesellschaftliche und zeitliche Element drumrum mit zu verinnerlichen. Dies sorgt für viel Erkenntnis geschichtlicher und wissenschaftlicher Zusammenhänge, die im Rahmen dieser Geschehnisse mit auf dem Tisch lagen und dabei arbeitet man sehr gut die Persönlichkeit von Edison heraus, den – wie schon bei Marie Curie – viele „nur“ für seine „Erfindung der Glühbirne“ kennen.

Nach diesem Film ist man definitiv gebildeter und kehrt belustigt, unterhalten und darbieterisch gesättigt wieder an die Tagesoberfläche zurück um festzustellen, wohin das alles geführt hat.

Stilelementarisch eine Huldigung ans Kino mit allen Elementen, die zu einem guten Film gehören: Grandiose Darsteller, tolles Set, ein bedeutungsschwangeres Drehbuch und der Tatsache, dass sich der Film zu keinem Zeitpunkt in sich selbst verfitzt.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Nach den Sprüchen am Schluss dürft ihr raus 🙂

Kinostart: 23. Juli 2020

Original Title: The Current War
Length: 103 Min.
Rated: FSK 6


Die schönsten Jahre eines Lebens

Die schönsten Jahre eines Lebens - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Betrachtet mal einen Augenblick lang das Plakat und fragt euch, wie ihr diesen beiden Persönlichkeiten gegenüber empfinden würdet. Und dann hört auf euer Bauchgefühl und entscheidet, ob ihr damit zum Zielpublikum gehört oder nicht.

Genau dieses gesetztere Alter, die Ruhe und Gelassenheit, das bewusste Stehenbleiben oder „Nicht mehr bewegen“ ist Inhalt dieses Streifens, der sich damit an die Personen richtet, die sich vielmehr in Gedanken und im Kopf bewegen und nicht mehr zwingend körperlich.

Aus dieser gesetzteren Ebene heraus entfacht man dann eine Reise durch die Vergangenheit, die mit vielen Elementen konfrontiert wird, mit denen man sich zu diesem Zeitpunkt durchaus auseinandersetzen muss und lässt hier einen ruhigen, wohligen und „einschläfernden“ Rhythmus erklingen, der keineswegs negativ aufzufassen ist, sondern einen eher sanft in den Schlaf wiegt und zur Ruhe bringt.

Diesbezüglich können auch „Nicht-Angesprochene“ diesen Film für sich nutzen, um einfach wieder mal runter zu kommen und mal für eine kurze Zeit wieder Luft zu holen und durchzuatmen. Der Puls bleibt vehement unten, der Film ist deshalb jedoch nicht langweilig oder -atmig, sondern „schreckt einfach nur keine Hühner im Stall auf, sondern lässt sich Zeit, um den Sonnenuntergang wirklich zu beobachten“.

Für das ältere Publikum, für Romantiker und jene, die genug von der Lautstärke da draußen haben – und für all jene, die einfach mal wieder entspannen und völlig zur Ruhe kommen wollen: Wer schlecht schlafen kann, wird hier wieder auf die Strecke gebracht und innerlich wie äußerlich vollkommen runtergefahren und sanft in etwas Wunderschönes begleitet.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Wartet mit einem wunderbaren Sundowner auf, also geht nicht gleich raus, sondern genießt die Ruhe und Besinnlichkeit.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Les Plus belles années d’une vie
Length: 90 Min.
Rated: FSK 6


Mina und die Traumzauberer

Mina und die Traumzauberer - Filmplakat
© 2020 Splendid Film GmbH

Bei Werken wie diesen bedauere ich manchmal die Vorurteilskraft der Allgemeinheit, die solche Optionen schon beim Hören des Titels müde beiseite wischt in der Annahme, „das ist nix für mich“.

Mina und die Traumzauberer zählt nämlich zu den wertvollen Schätzen einer Filmkultur, die nahezu als ausgestorben gilt, denn in dieser illustren Geschichte kämpft mal niemand gegen das Böse: Die klassische Gut-Böse-Kontroverse ist von dannen und man lässt das Leben im Sinne kindlicher Unschuld erblühen und bringt viel Fantasie, Kreativität und Einfallsreichtum aufs Tableau, so dass auch für Erwachsene das Schauen dieses Films sehr viel wertvolle neue Einblicke schafft und so manche Alteingesessenheit wieder zu beenden weiß.

Natürlich muss man dabei „übers Plakat stolpern“ und die Schritte gehen, bis man endlich im Saal sitzt, aber ich hab‘s nicht bereut und der Rest hatte ebenfalls wahnsinnig viel Spaß dabei.

Diese Form der Unterhaltung gehört durch den Besuch des Films honoriert, denn in diesen kapitalistischen Zeiten voller Mogule, Verschwörungen und dem Vergessen dessen, was einst mal wichtig war, wirkt Mina und die Traumzauberer wie eine Zeitreise, die all diese wertvollen Momente wieder zurückerobert und dem Zuschauer innerhalb eines wunderbaren Plots serviert.

Die Liebe für die Sache, die Hingebung an den Film und das leidenschaftliche Ausarbeiten eines hochwertigen, moralischen Gedankenguts steht hier an erster Stelle: Man hat das Gefühl, nicht bloß ein Kunde oder eine Zahl zu sein, sondern jemand, der auch von der anderen Seite der Leinwand her wieder wertgeschätzt wird.

Dieses unberührte, fröhliche und unschuldige Kreativsein, das dieser Film auf der Leinwand zurück zum Leben erweckt, ist der Allgemeinheit förmlich verloren gegangen. Die Suche nach Superlativen oder Boshaftigkeit spielt endlich mal überhaupt keine Rolle, sondern dieser Titel ist einfach nur wunderschön und erfüllt damit keine quälenden Anforderungen, sondern liefert etwas, dass sonst in der Filmwelt nahezu als ausgestorben galt. Darum nutzt die Chance und schaut ihn euch an, solange er noch zu haben ist.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hat noch ein paar Bilder, aber man braucht nicht bis zum Schluss hocken bleiben, hier folgt dann nichts weiter.

Kinostart: 4. Juni 2020

Original Title: Drømmebyggerne
Length: 78 Min.
Rated: FSK 0


Gretel & Hänsel

Gretel & Hänsel - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Wenn Märchen verfilmt werden, wird’s in heutiger Zeit entweder blutig, skurril, obskur oder anderweitig grausam: Die klassische Grimmsche Erzählung hat längst ausgedient und lockt niemanden mehr hinter dem Sofa vor, um sich auf selbiges zu setzen und sich eine dieser Stories zum Besten zu geben.

Nun wird’s richtig schlimm: Gretel & Hänsel bricht zugunsten von Gleichmacherei sogar noch mit dem Titel – und ja, ich hab tatsächlich rumgefragt und mir von verschiedensten Frauen erzählen lassen, dass es im Alltag tatsächlich immer noch gravierende Situationen gibt, in denen sie sich benachteiligt fühlen und jede von ihnen hat mir bestätigt, dass solch eine Titelumbenennung kein einziges Stück dazu beiträgt, diese Umstände besser zu machen. Manche behaupteten sogar, dass solche Handlungen dem eher im Weg stünden.

Darüber hinaus ist hier auch kein Film im klassischen Sinn entstanden, sondern eher ein perfides Kunstwerk, das keinerlei Anstalten macht, etwas im althergebrachten Style zu erzählen, sondern vielmehr seine Präferenzen auf Formen, Farben, Kameraeinstellungen, Spiele mit Licht und Schatten etc. legt und damit aus der Unterhaltungsindustrie komplett heraus tritt.

Ich würde sagen, dieses Werk könnte man in Dauerschleife in einem Museum ausstellen, und zwar nicht, weil’s altbacken und konservativ ist, sondern weil eine Kunstschau die richtigere Bühne wäre und sich der klassische Kinogänger zuweilen darüber wundern oder ärgern könnte, hier keinen Film zu sehen, sondern tatsächlich ein kreative Schöpfung anderer Art.

Lässt man sich darauf ein, dass das kein Film, sondern tatsächlich „Kunst“ ist, dann erlebt man hier ein großartiges Spiel mit Formen, Symbolen, Farben und Kameraeinstellungen, die aber von Unterhaltung so weit entfernt sind, wie nur irgend möglich.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiterführenden Szenen, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Gretel & Hansel
Length: 87 Min.
Rated: FSK 16


Enkel für Anfänger

Enkel für Anfänger - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Die Deutschlandpremiere ist lange her, der Kinostart liegt nun auch schon ein paar Monate zurück und dank Corona ist es dennoch möglich geworden, den Streifen trotzdem im Kino zu sichten. Überhaupt ist im Moment etwas passiert, von dem ich lange Zeit geträumt habe: Man kann einfach in die Lichtspielhäuser gehen und wird nicht etwa von Langeweile oder Kreativitätslosigkeit umspült, sondern erlebt ein Revival klassischer und moderner Filmvielfalt, dass sich die Balken nur so biegen. Ich möchte fast sagen, es ist eher schöner als vor Krisenzeiten.

Aus diesem Grund hab ich mich natürlich auch der Streifen angenommen, die jetzt wieder ins Kino kommen und die ich durch meine krankheitsbedingte Pause noch nicht rezensieren konnte. Dazu gehört u.a. Enkel für Anfänger, dem ich zuallererst mal das Prädikat „sehenswert“ attestieren möchte – und zwar aus einem Grund: Heiner Lauterbach.

Jap, dieser Kerl ist ein wahnsinnig angenehmer, sympathischer Zeitgenosse, den ich durch einige Faktoren sehr zu schätzen gelernt habe. In Der Fall Collini stiehlt er sogar Hauptdarsteller Elyas M‘Barek die Show und spielt alles und jeden an die Wand.

Vor einiger Zeit stieß ich beim Zappen dann mal in der ARD (yes 🤷🏼) auf den Film Ihr letzter Wille kann mich mal, den ich sowas von angenehm und überragend gut umgesetzt fand, dass ich auf die Suche nach weiteren Titeln mit Lauterbach gegangen bin und meine Meinung ändert sich auch bei Enkel für Anfänger kein bisschen.

Irgendwie schafft er es immer wieder, dem Film einen Charme zu verpassen, der einen im Kinosaal jede Argwohn gegenüber schlecht gemachtem, deutschen Kino vergessen lässt. Natürlich strapaziert man auch hier wieder die Gunst des Zuschauers und packt so ziemlich jedes üble Klischee deutscher Filmkunst in die Kiste, aber: Dieser Film hat definitiv seine Momente, und in allen davon ist Lauterbach ein Thema.

Auch einige Jokes und ulkige Szenen hat man im Drehbuch verankert, die ich ebenfalls gelungen fand und ihr dürft mir nun gern den Alterssenil-Stempel verpassen, wenn ich sage: Ja, man kann ihn sich wirklich ansehen, ohne dabei zu verzweifeln. Vielleicht werd ich aber auch doch bloß älter und krieg‘s nicht mit 😉

Großartige Schauspielkunst von Heiner Lauterbach: Der Mann kann definitiv spielen und ist ein Talent, der in diesem Streifen alles klischeehafte durch seine Anwesenheit und Art wieder raus reißt und dem Zuschauer ein wohliges Umfeld vergnüglicher Unterhaltung bietet. Auch wenn die Zielgruppe definitiv ARD ist: Auch im Kino funktioniert das Ding, wenngleich eine Matinée dafür wohl das beste Umfeld wäre – aber: er funktioniert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 6. Februar 2020

Original Title: Enkel für Anfänger
Length: 104 Min.
Rated: FSK 6