November 26, 2022

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Bullet Train

Bullet Train - Filmplakat
© 2022 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Interessant mal zu erleben, wie ihr auf solche Filme reagiert, bevor ich etwas dazu gesagt habe … vielen Dank für die zum Teil wirklich interessanten Gespräche und Einblicke, wie manch einer von euch so tickt.

Spannend für mich deshalb, weil ich hier mit meinem kleinen Filmprojekt ja jahrelang immer versucht habe, die Filme vorab einzuordnen und darzulegen, wie man an gewisse Geschichten rangehen sollte oder für welches Publikum der Film tauglich ist und wer besser die Finger davon lässt.

Und wenn ich mal wirklich nichts sage – nicht mal innerhalb der Pressevorführungen, die ja sowieso vorab stattfinden – und dann einfach mal die anderen reden, merkt man, was der Film „einfach so“ bewirkt.

Und wie verschieden Menschen sind. Generationenunterschiede, die auf einmal deutlich werden. Wenn Personen einem vorschwärmen, wie toll es ist, wenn sich ältere Herrschaften irgendwo in Italien darüber unterhalten, wieso ein Kameraschwenk von links nach rechts an einem Ufer eines Flusses gemacht wurde und welche Bedeutung das hat … die dieses Bullet Train-Projekt völlig schwachsinnig fanden, weil das viel zu seicht, viel zu einfach und viel zu dümmlich war und sie deshalb die ganze Zeit im Film permanent lachen mussten, weil die „jugendlicheren Kinobesucher“ zu dumm waren und es trotzdem nicht kapiert haben…

… und wie ich so daneben sitze und mir denke: „Okay, du Schwachkopf, du verstehst diese Generation der Kunst nicht und weiß nicht, was das zu bedeuten hat, weil du nicht mehr in der Lage dazu bist, zu begreifen, was diese Generation abfeiert und welche Bedeutung sie dem beimisst.“

Und da kommt er dann bei mir sofort wieder raus: Der Einsortierer, der Wegbereiter, der „Ich sag euch erstmal, wer vorab schon mal alles aus dem Kino raus bleiben kann, damit’s für den Rest erträglich bleibt“.

Hier feiert: Generation Deadpool. Geschlossene Gesellschaft. Und zwar ohne Ausnahmen. David Leitch… oh Mann.

Seinerzeit Stuntman in einer Bubble von Filmen, die eben jene Generation so treffend beschreibt, passender geht es kaum noch:

Buffy
Blade
Fight Club
Matrix 2 + 3
Constantine
V wie Vendetta
300
Illuminati
Bourne 3 + 4
Bangkok Dangerous
The Mechanic

Außerdem u.a. Regisseur von:

John Wick
Atomic Blonde
Deadpool 2
Fast & Furious: Hobbs & Shaw

Und in so viele weitere Projekte involviert, die zum Teil große Namen tragen (Wolverine) und vieles mehr… und was auffällt: 1997 – 2012. 1996-2015. 2003-2016.

Und seit 2014 – 2022 eben Regisseur. Er bildet eine Generation ab, die das 50er, 60er, 70er … ja sogar das 80er Jahre Kino hinter sich gelassen und eine neue Ära eingeläutet hat … und als Regisseur hat Leitch seinen ganz eigenen Erzählstil entwickelt und ihn groß gemacht… sein Name ist für „meine Generation“ ein Garant für Spaß, außerordentliche Virtuosität, jede Menge Blut und Gemetzel – und ne Riesenmenge gute Laune währenddessen. Die Handschrift von Leitch ist unverkennbar und ein Film von ihm bedeutet immer, dass es lustig und brutal wird.

Bullet Train trägt eben genau diese Handschrift und man spürt so sehr die Einflüsse vom Deadpool-Maker und merkt, wie schön auschoreografiert und stimmig das Ganze austariert ist. Jede Szene ist wohlüberlegt, alles hat seinen tieferen Sinn, man bringt viele Wendungen, orientiert sich schon fast ein bisschen am Stil der neuzeitlichen Agatha Christie und bringt es – in Deadpool-Manier zu Papier – und somit auf die Leinwand: Ein Reigen abgefahrener Skurrilitäten im neuzeitlichen Tokyo, wobei der Film den Zug nie verlässt und damit per se schon mal DAS Symbol eines „die Geschichte wird voran getrieben“ als Markenzeichen des Kinos konsequent auf dem Schirm lässt.

Wird einem Regisseur langweilig oder ein Film zu langatmig, schneidet man einfach Zug-Szenen in die Handlung und schon hat der Zuschauer wieder das Gefühl, dass sich was tut und es weiter geht. Achtet mal darauf. Dieses Gefühl hat hier Hochsaison. Es geht permanent vorwärts – dazu noch mit rasenden Geschwindigkeiten und ohne Möglichkeit, kurz zu verschnaufen oder sich irgendwie ein Bild zu machen – es sei denn, man haut auf Pause und denkt nach … dafür ist die Story aber viel zu spannend, die Schnitte zu schnell und die Angst zu groß, hinterher nicht mehr rein zu kommen. Lieber nochmal schauen. Und dann nochmal.

Die abgefuckte Realität brutalster Aktionen, die wir im schnippischen Augenzwinker-Design von unserem rotangezogenen Helden bereits längst kennen, feiert hier auch neue Saisonblüten und trägt mächtig auf. Und ja, es macht einen Heidenspaß.

Bis auf ein paar Momente in der Mittelstrecke – quasi so im letzten Drittel – wo hier und da mal ein paar Dialogmonster auf uns zukommen und sich nicht wirklich so richtig was weiter bewegt … was man allerdings auch wieder parallel mit einer Zugfahrt vergleichen kann: Am Anfang super aufregend, mega spannend, man hat viel zu entdecken und irgendwann ist’s nur noch die 1691ste Brücke und wird langweilig und man kommt nicht mehr so richtig vorwärts, bis dann endlich der Endbahnhof in erreichbarer Nähe scheint und man wieder Vorfreude auf den Urlaubsort kriegt. Auch hier eine erzähltypische Analogie zur „echten Zugfahrt“, was ich subtil schon wieder feiere.

Und während die Blutgruppen der Feuilleton-Filmfestival-Boomer-Generationen in Hochwallung geraten, was für einen „Schund“ man hier produziert hat, denke ich mir so: Wow, nach all den Jahren und all den ausgespielten Szenen und erzählten Witzen jetzt nochmal mit so einem freshen Werk daher kommen und im Kino einfach wirklich einen drauf zu hauen – ein wahrlich schönes Original dieser Generationen-Epoche, die einmal mehr ein Kunstwerk ins Regal einsortieren darf und der sowieso schon langen Erzählung schlussendlich wieder einen Kinomeilenstein dazuaddieren kann. Großartig – unsere Zeit ist noch lange nicht vorüber. Und das in einem Jahrzehnt wie diesem! Wahnsinn!

.kinoticket-Empfehlung: Sagen wir‘s mal super klischeehaft: Wenn bei euch arte im Ferrnseher vor ProSieben und RTL einprogrammiert ist, seid ihr einfach falsch hier. Generation Deadpool feiert das nächste große Projekt und es ist leider eine Geschlossene Gesellschaft. Nichts für greisende Operetten-Minarett-Opis und Nachkriegs-Generationen-Skelette: Diese Welt gehört leider uns allein. Deal with it … oder „kawoum“!

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Nicht gleich raus rennen, hier folgt noch eine Szene.

Kinostart: 04. August 2022

Original Title: Bullet Train
Length: 127 Min.
Rated: FSK 16

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