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Jean Paul Gaultier: Freak & Chic

Jean Paul Gaultier - Freak & Chic - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Begleiten Sie die verrückte und durchgeknallte Show von Jean Paul Gaultier hautnah mit der Kamera und erleben Sie live alles direkt hinter den Kulissen. Dazu gibt’s Eindrücke und Anekdoten zu seinem Leben, seiner Art und seiner Kunst – von ihm höchstpersönlich.

Freak & Chic ist ein schrilles, buntes Porträt über die Schaffensweise und das Wesen, das durch Farben und Leuchtkraft strahlt und den Zuschauer mit kreativem Chaos inspiriert.

Dabei erzählt man den kompletten Prozess von der Idee über die Entstehung bis hin zum fertigen Bühnenstück – mit allen Hürden und Hindernissen, aber auch Freud und Leid. Dabei zuzusehen ist nicht nur erfüllt von Freude und interessant sein, sondern man enthüllt auch, welche Arbeit eigentlich in einem „einfachen Kunstwerk“ steckt und wieviele Elemente da mit reinspielen, bis „wir Zuschauer“ letztendlich einfach die Show geboten bekommen.

Auch, wenn der Kinostart inzwischen schon eine Weile zurück liegt: Für alle, die für Mode und Modeln etwas übrig haben und alle sonstigen Style-Ästheten ist dieser Streifen genau das richtige, um sich in diese Sphären zu verkriechen und sie aufs Vollste auszuschöpfen.

Schrill, bunt, fröhlich und voller Kreativität: Jean Paul Gaultier lädt zur Entstehungsgeschichte seiner berühmten Show Freak & Chic ganz persönlich.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Ist komplett durch bebildert und zudem super erträglich und kurz. Also ruhig sitzen bleiben.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Jean Paul Gaultier: Freak & Chic
Length: 96 Min.
Rated: FSK 6


Das Beste kommt noch – Le Meilleur Reste à Venir

Das Beste kommt noch - Filmplakat
© 2020 Constantin Film Verleih GmbH

Das Beste kommt noch… hört sich fast an wie „Mit 66 Jahren…“ – und hat gleichsam doch so überhaupt nichts damit zu tun. Zumindest nicht in dem Maß, wie man das anfangs denken möge.

Allein, dass der Titel bereits französisch beinhaltet, verleitet viele ja gleich wieder dazu, den Inhalt zu einer Komödie zu verdammen, was in Teilen sogar stimmt, allerdings einen sehr viel tieferen, packenderen Hintergrund hat, weshalb ich daraus eher eine „Dramödie“ machen würde – und zwar eine, die dein Herz mal wieder so richtig weg basht.

Und wir reden hier nicht von schmalzvollen Sonnenuntergängen und verflossenen Lieben, sondern einer frischen, kecken Männerfreundschaft, die die tragischsten Momente eines Lebens auf so wunderbare Weise verarbeitet, dass dir selbst nach dem Film eher zum Lachen zumute ist und du die – eigentlich unerträgliche – Kost warm in gute Laune verpackt gereicht kriegst und ganz anders darüber nachdenken kannst.

Fabrice Luchini und Patrick Bruel arbeiten als ein Team miteinander, dessen Dialoge in einem großartigen Drehbuch so wunderbar miteinander harmonieren, dass das Zuschauen beherzt zur Freude gereicht. Man spürt aus allen Poren die innige Liebe zu ergreifendem Kino mit Sinn, Tiefgang und einer großzügigen Portion Humor, was in Kombination ein Stimmungspush ausmacht, den zu sehen definitiv niemand bereuen dürfte.

Auch, wenn im Film Momente erscheinen, in denen selbst mir die Tränen aus den Augen schossen, ermutige ich euch, dieses lebensbejahende Werk in euer Repertoire der gesichteten Movies zu integrieren, denn allein von der Art Bruels kann sich sicherlich so manch einer eine fette Scheibe abschneiden und eigene Probleme auf die gleiche Weise lösen.

Sehr intensives, warmherziges, humorgeladenes Stück, das tragische Kost in herzumschließende Positivität zu verpacken weiß und den Zuschauer eher vergnügt wieder aus dem Saal schickt, nachdem dieser gelernt hat, wie man mit miesen Situationen umgehen kann.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Le Meilleur reste à venir
Length: 118 Min.
Rated: FSK 12


Pandemie

Pandemie - Filmplakat
© 2013 Busch Media Group

So, jetzt räum ich mal mit den Problemen auf, die ich dabei hatte, als ich dieses Werk gesichtet habe.

Corona sagt euch was? Ich dachte mir schon vor Wochen: Naja, es wird nicht lang dauern, bis wir dazu billige C-Movies auf den Tisch kriegen … und voila – noch nicht mal einfallsreich beim Titel – einfach nur „Pandemie“ – und da haben wir ihn schon. Das kann ja nichts werden.

Und ja, schaut man sich den Film unter diesen Gesichtspunkten an, kommt einem das ganz große Kotzen. Es geht nicht um Corona (wie auch, alles noch viel zu frisch), sondern um ältere Schwierigkeiten, die dieser Planet unlängst hatte (darum ja auch „Basierend auf wahren Begebenheiten“ … uhhhhhhh) und es geht nicht um China und das kolossale Versagen dieses Kontinents, wenn es um derartige Ausbrüche geht, sondern man verschärft sich hier auf den Bezirk rund um Seoul und propagiert, wie unglaublich cool und lässig diese Regierungsform solch einen Ausbruch gemeistert hätte.

Dabei stehen diesem Film zwei Dinge so dermaßen im Weg, dass ich dafür gerne noch ein trashigeres Bewertungssystem einführen möchte, denn C-Movie ist fast schon geschmeichelt. Und zwar: Die Synchro. Yo, Asiaten können gute Filme machen, haben ihre Sprache und kommen dabei auch oft sehr authentisch und kulturell überzeugend rüber und dann kommen wir Deutschen und übersetzen den Kram und zerstören somit alles, was vorher (vielleicht) mal da war.

Die Dummbratzigkeit, mit der hier die Synchronsprecher schwätzen, ist kaum mehr zu unterbieten. Es ist lächerlich vom ersten bis zum letzten Wort und man glaubt, der Regisseur will einen verarschen, bis einem klar wird: Nein, das ist die Synchro. Im Original hört sich das vielleicht viel überzeugender und natürlicher an. Bei dem, was in meiner German Version aber zum Besten gegeben wurde, war es extrem schwer, von diesem Vorurteil abzusehen und den Menschen aufrichtige Absichten abkaufen zu können.

Dann der Plot. Die Regierungsformen der einzelnen Länder mögen im Film erstmal keine Rolle spielen, sofern man sich hier auf „fiktiv“, „unterhaltsam“, „es ist nur eine Geschichte“, „es sollen Andeutungen und keine Nacherzählungen sein“ fixieren möchte, aber es ist einfach zu offensichtlich, dass hier diktatorisch-politische Mächte am Werk waren, denn – im Hinblick auf heute und Corona – fühlt es sich dermaßen falsch an, diesen Film zu schauen, weil es irgendwie nach einem billigen „Das kann einem heute doch kein Mensch ernsthaft so abkaufen“-Politikwerbetrash anhört, der das „blöde Volk beruhigen und belügen soll“ und ihnen vorgaukelt, dass die gute tolle Regierung schon alles lösen und natürlich für das Wohl der Bevölkerung sorgen wird, man muss sie nur überzeugend wählen und ihnen Vertrauen en Masse vorschießen.

Dann stellt sich raus: Der Film wurde bereits 2013 abgedreht und das „Wir nehmen eine andere Pandemie“-Ding entpuppt sich auf einmal als „Okay, das war doch damals der richtige Leitfaden und hatte gar nichts mit Corona zu tun.“, was es für mich nachträglich nochmal etwas in ein anderes Licht stellt, denn damals wusste auch noch keiner so richtig, wer wie was wann wo richtig zu machen hatte und der ganze politische Unsinn, der heute verzapft wird, war damals noch gar nicht so offensichtlich an der Tagesordnung.

Das wiederum tut dem übermiesen Synchro-Stimmentheater aber dennoch nicht zu mehr Ruhm verhelfen, sondern entschuldigt nur ein wenig das dennoch miese Drehbuch, in dem eben keine typisch-amerikanischen Wendungen warten oder profilträchtige Charakterzüge aufgebaut werden, im echten Leben möchte man den Darstellern trotz allem nicht zwingend über den Weg laufen oder gar sein Leben in ihre Hände anvertrauen.

Ihr seht schon: Knallt euch Dope rein und legt den Streifen ein, dann ist’s wurscht und ihr könnt damit tun und lassen, was immer ihr wollt, denn dann spielt’s keine Rolle. Sofern aber größere Ansprüche (oder überhaupt Ansprüche) im Raum stehen, solltet ihr dieses Ding weiträumig umfahren oder darauf warten, dass es bei SchleFaZ läuft – da passt es in meinen Augen am besten hin.

C-Movie Trash aus dem Jahr 2013, das man aufgrund der Corona-Pandemie wieder aus der Mottenkiste gräbt und jetzt weltweit vermarkten möchte … ob das so wirklich klappt, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln.

Nachspann: ⚪️⚪️🔘 | Es kommen nochmal lange Filmsequenzen, also ruhig bis ganz zum Schluss sitzen bleiben.

Kinostart: 6. August 2020

Original Title: Gamgi
Length: 121 Min.
Rated: FSK 16


Dreiviertelblut – Weltraumtouristen

Dreiviertelblut - Weltraumtouristen - Filmplakat
© 2020 24 Bilder

Es ist unbeschreiblich … wirklich: Mir fehlen die Worte. Geht einfach rein und lasst euch von meinem Gestammel nicht in die Irre führen – glaubt und vertraut mir: Es wäre ein Fehler, das nicht zu tun.

Diese Jungs haben irgendetwas Kosmisches ganz ganz richtig verstanden!

Zum Beispiel, wie Musik wirklich funktioniert. Ganz im Ernst. Ich persönlich spiele Klavier auf Bühnen, seitdem ich 3 Jahre alt war … habe ein absolutes Gehör und rege mich oft über das Geschmeiß auf, das andere um mich herum als „Musik“ abfeiern.

Ihr kennt das, wenn irgendein krüppeliges, von den Eltern gepeinigtes Kind krampfhaft am Flügel sitzt und „Für Elise“ raushauen will? Falsche Töne, keine Lust, irgendwas, das man mit viel Elternliebe und Fantasie tatsächlich in die Richtung schieben könnte, während man denkt: Mein Gott, erlöst bitte jemand sofort dieses arme Wesen von seinem dämlichen Musikerzwang?

Genau so machen viele Menschen „Musik“. „Ja, wir wollen spielen…. spielen …. singen … und wir sind so toll“ und am Ende kommt Grütze allererster Güte raus, weil keiner mehr als die drei schlecht gelernten Akkorde kann, die man sich irgendwann „selbst beigebracht“ hat …

Dreiviertelblut ist nicht nur der Titel des Films, sondern auch der Band, die – nachweislich – genau weiß, was Musik ist und wie man welche herstellt – und zwar die, aus der die Seele und das Leben förmlich raus sprudelt.

Dialekt, schwarz weiß oder irgendwas anderes, das dir dabei anfänglich vorurteilsmäßig im Weg stehen würde?

Vergiss. Es. Ganz. Schnell.

Am Ende bist du heilfroh, dass zu den immens vielen Eindrücken, die derweil auf dich einprasseln nicht noch so etwas überflüssiges wie „Farbe“ ins Spiel kommt, die dein Hirn auch noch auswerten müsste. Ja, ernsthaft – es hilft dir ungemein, all diese Intensität und Gewalt zu verdauen, indem du zumindest in diesem Bereich von überflüssigen Reizen befreit bist … denn diese Jungs fesseln dich, die Musik tut ihr übriges und am Ende hockt man da und ist völlig aufgewühlt und ergriffen und denkt sich: Wieso kenn ich die bislang nicht?

Und auch die Drehweise des Films: Moah, was für eine Herrlichkeit und Pracht. Ja, die Macher haben ebenfalls verstanden, Dinge zu inszenieren, die weit über das hinausgehen, was so manch einer als irgendwas theatriges oder dergleichen abtut: Mein Gott, wie geht so etwas?

Ganz ehrlich: Mich kann man heutzutage nur ziemlich schwer wirklich beeindrucken. Und dieser Film hat’s mit einer Wucht vollzogen, die ich immer noch nicht so richtig glauben kann.

Vergesst Schiller. Vergesst Orchester oder „irgendwas mit Klassik und Geige“ und den ganzen Schwachsinn: DIESER FILM!!!! ist das neue Maß aller Dinge!

Ja, nicht übertrieben… also bitte bitte bitte bitte… geht ins Kino… schreit danach, dass das Ding auch deutschlandweit noch komplett releast wird (denn auch die Macher trauen sich erstmal nur an Bayern) und zieht es euch rein: Es hat sich selten sooooo gelohnt!

In München startete der Film „vorgestern“ in folgenden Kinos:

City
Neues Rex
Neues Maxim
Sendlinger Tor
Rio
Neues Monopol Filmtheater
ABC
Mathäser
CinemaxX
Kinos Solln
Cincinnati

Und der Rest … folgt hoffentlich. Ansonsten stürmt die Mediatheken und VoDs. Versprecht’s mir bitte!

Sprachlos. Selten so ein verdammt perfektes, mit Seele und Leben erfülltes Werk gesehen, dass so dermaßen tief in Welten und Wahrheiten vordringt, wie dieses hier. Selten hat es sich so gelohnt, in einen Film zu gehen!

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Auf jeden Fall mitnehmen – der ist der Höhepunkt des Films!

Kinostart: 6. August 2020

Original Title: Dreiviertelblut – Weltraumtouristen
Length: 87 Min.
Rated: FSK 0


Wir Eltern

Wir Eltern - Filmplakat
© 2019 Wfilm

„Jetzt reißt er wieder seine Fresse auf und dabei hat er überhaupt keine Ahnung…“

Stimmt – ich hab keine Ahnung, was Kinder, Kindererziehung, Familie und das ganze drumrum angeht, außer, dass ich selbst sechs Geschwisterchen habe und somit im „Pool der Unrühmlichkeiten“ auch ordentlich mitgemischt habe.

Eric Bergkraut hat einfach mal seine Family geschnappt, einen Wettbewerb vor Augen gehabt und einen Film kredenzt, in dem es um genau diese Dinge geht: Die Kinder tanzen den Eltern gerne auf der Nase herum und machen einfach ihr eigenes Ding, statt sich ordentlich zu benehmen und für den Rest der Welt ein Vorzeigesöhnchen und -töchterchen zu sein.

Gerade das dürften viele aus eigener Erfahrung kennen: Entweder als stummer Zuschauer an der Supermarktkasse – oder eben im eigenen Heim, was dann dauerhafter und nerviger sein dürfte 😉

Und genau da greift der Film auf humorvolle Weise ein Thema auf, dem sich viele erlegen fühlen und nimmt sowohl Kinder als auch Eltern unter die Fittiche und macht mit ihnen einen Ausflug ins „Was wäre wenn“-Land. Und das macht definitiv viel Spaß, weil man sich dabei so ganz flauschig in seine Nischenecke verkrümeln und mit einem Grinsen im Gesicht der Sache annehmen kann, ohne dabei selbst zu verzweifeln.

Das Zusammenspiel harmoniert zwischen den Darstellern im Allgemeinen sehr gut … und ich denke, das liegt nicht nur daran, dass sie auch im echten Leben (teilweise) eine Familie sind, sondern auch an ihren Fähigkeiten, eine Rolle wirklich überzeugend rüberzubringen.

Auch die lässige Art, hier verschiedene Erziehungsmethoden aufzugreifen und diese spielerisch auseinanderzunehmen, taugt mir sehr, denn der Film zeigt, wie das Leben die Momente oft mit eigenem Zynismus in die Hand nimmt und so ganz anders regelt, als man sich das vorstellt.

Dass all dies zugunsten eines Schmunzlers beim Publikum aufgelöst und verarbeitet wird, ist dann das Sahnehäubchen, dass jedem/jeder Einzelnen zusätzlich das Gefühl gibt, richtig in sein/ihr Kinoticket investiert zu haben.

Großartig, voller Humor, elterlichem Frust, pubertärem Entdecken und emotionaler Herzlichkeit: Diese Komödie baut ihren ganz eigenen Charme auf und übergibt ihn direkt ans Publikum.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Wir Eltern
Length: 98 Min.
Rated: FSK 6


Waves

Waves - Filmplakat
© 2020 Universal Pictures International

Dieser Film ist eine Zaubershow: Sie holt dich, fesselt dich in ihren Bann und lässt dich nicht wieder los. Es dauert ein wenig, bis die Magie startet, aber danach bist du so fasziniert, dass du ihn einfach nochmal sehen willst.

Ich weiß nicht, wie ich euch das beschreiben soll. Ihr kennt mich als jemand, der gerne von Formen, Farben und mystischen Elementen fasziniert ist und darüber schwärmt, das hier ist aber noch viel mehr. Eine Form von kunstvoller Ausgestaltung, die in allen einzelnen Bereichen aufs Ganze geht und dabei unwillkürlich begeistert.

Mach, was du willst: Lehn dich zurück und genieße die Musik. Mach die Augen auf und schau den faszinierend aneinander geschnittenen Szenen zu, die in Verbindung mit dem Score wiederum ein Kunstwerk für sich sind, verfolge den Plot – tu, was immer du willst. Es gibt viel Zeit dafür und dabei keinerlei Verpflichtungen, aber eins ist gewiss: Langweilig wird es zu keiner einzigen Sekunde.

Das Plakat suggeriert bereits, dass Filme dieser Art kaum existieren und ich kann mich da voll hinter diese Aussage stellen: Mir fiele kein Vergleichsmovie ein, mit dem man das hier annähernd beschreiben könnte.

So sehr ich von den ersten fünf Minuten abgeschreckt war, so sehr wünsche ich mir, diesen Film einfach noch viele Male ansehen zu können, denn irgendwas passiert mit dir, währenddessen du ihn siehst.

Faszinierend, magisch, elementar und einzigartig: Dieser Film zieht dich in seinen Bann und lässt dich nicht mehr los.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Verzaubert mit Farben und Musik und hält einen weiter im Bann – ihr müsst also nicht gleich raus.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Waves
Length: 137 Min.
Rated: FSK 12


The Vigil – Die Totenwache

The Vigil - Die Totenwache - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Frischfleisch ist manchmal gar nicht so verkehrt … und die ach so unbeliebten „Newcomer“ haben anfangs immer das, was ich bei vielen Alteingesessenen oft vermisse: Mut.

Keith Thomas ist ein neuer Stern am Himmel der Horror-Regisseure und blutjung mit seinen Ideen. Seinem Kurzfilm Arkane, den man z.B. auf YouTube sichten kann, spürt man noch nichts von Können an, sondern der erinnert viel mehr an das „hochetablierte Möchtegernwerk eines Filmschulabsolventen“, der sich selbst maßlos überschätzt. Kein Gespür für Timing, keine guten Effekte, ein lahmarschiges Ende … macht keine Lust auf mehr.

Ganz anders verhält es sich mit seinem ersten Kinofilm The Vigil – Die Totenwache: Nun hat er sich belesen, wie man das mit den Horroreffekten richtig macht und zieht auf einmal voll sein Ding durch – und das so gut, dass einem Horrorfilmliebhaber wie mir zuweilen die Gänsehaut am ganzen Körper senkrecht stand.

Die Effekte passen, die Jumpscares sind weise und unübertrieben gut eingesetzt und auch der Story-Plot hält sich an seine selbst aufgestellten Regeln und verweist damit die typische Dummheit nach draußen.

Kurzum: Man hat sich ein wunderbar unangerührtes Thema geschnappt, eine Story dazu geschrieben (die – zugegeben – zwei, drei Minuten braucht, um zu zünden) und dann eine wunderbare Reise in die gruseligen Momente dieser Nacht unternommen, die im Film wunderbar authentisch durchexerziert wird.

Und dabei wird eine Stärke von Thomas ganz klar und deutlich: Dieser Mann kann auf einmal Atmosphäre schaffen und sorgt für grandiose Momente, die selbst alteingesessenen Genrefans das Gruseln neu beibringen.

Nun muss ich auch wieder ein wenig meine Meinung zu Blumhouse revidieren, die in meinen Augen in der Vergangenheit auch viel skurrilen Bullshit ans Tageslicht gelassen haben, den ich so nicht abgesegnet hätte. Aber der Einfluss ist hier deutlich zu spüren und hat dem Film wider Erwarten mehr als gut getan.

Am Ende struggelt man ein wenig mit der doch eher unbefriedigenden Auflösung, aber der Weg dorthin ist Bombe und man wünscht sich mehr aus dieser Ecke. Mal sehen, ob’s diesmal gelingt, dass mal jemand nicht ins wirtschaftlich-seelenlose Milieu abkippt, sondern man weiter an solch grandiosen Ideen bastelt. Es würde dem Genre definitiv gut tun.

Hammerharte, starke Momente mit Gänsehautgarantie, die selbst alte Horrorfans aus ihren Höhlen rauslocken und das Fürchten komplett neu lehren: Großartige Situationen, tolle Effekte und ein plausibler Plot – was will man eigentlich mehr?

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht ausharren, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 22. Juli 2020

Original Title: The Vigil
Length: 90 Min.
Rated: FSK 16


Harriet – Der Weg in die Freiheit

© 2020 Universal Pictures International

Was könnte ich an dieser Stelle anderes sagen als „Es tut mir leid“?

Es tut mir leid, dass es notwendig geworden ist, dass sich jemand hinsetzt und solch einen Film produzieren muss. Es tut mir leid, dass es notwendig ist, andere Menschen über diese Geschehnisse aufzuklären. Es tut mir leid, dass all dies tatsächlich einmal passiert ist und Millionen Menschen solche Taten durchlitten haben.

Du sitzt ganz unverfroren in dem Film und schaust dir den Anfang an und denkst dir: Hoffentlich ist das nur eine Geschichte. Hoffentlich ist das kein Tatsachenbericht. Hoffentlich kommt am Ende nicht „… basierend auf dem Leben von …“ …

Es kommt.

Diese Frau hat genau das erlebt.

Und es tut mir leid, dass wir immer noch hier sitzen und darüber diskutieren, statt endlich einzusehen, dass unzählige Entschuldigungen und Kniefälle notwendig sind, um für dieses Unrecht um Vergebung zu bitten.

Ich kann nichts anderes, als einfach nur meine Klappe zu halten und demütig im Namen aller um Vergebung zu bitten und hoffe, dass sich immer noch möglichst viele finden, die sich den Film in irgendeiner Weise ansehen werden.

Im Kino ist er natürlich „imposant“, setzt sich mit viel mehr Druck im Innersten deiner Seele nieder und erzeugt intensive Gefühle – aber auch zu Hause, im TV, per Streaming oder sonst wie: Dies ist der falsche Zeitpunkt, um irgendwelchen Schau-Prinzipien nachzuheulen, denn dieser Film ist von solch immenser Bedeutung, dass ihn einfach jeder gesehen haben muss. Egal, wie.

Also schaut ihn euch an, versetzt euch in „ihre“ Lage – und spürt einmal, wie das ist, wenn eure Kinder, eure Familie, eure Männer, eure Frauen, eure Freundinnen, eure Bekannten, eure Leute an Stelle der Protagonisten wären. Was würdet ihr empfinden? Wie hättet ihr reagiert?

Genau so fühlen sich 2020 immer noch unzählige Menschen – und jeder davon ist einer zu viel.

Mein Kniefall vor ihren Taten, ein leises „Dankeschön, dass du aufgestanden bist“ und ein lautes „Vergib uns allen, die euch so etwas angetan haben und bis heute stellenweise antun.“

Als Mensch, der in Deutschland geboren wurde, männlichen Geschlechts mit heller Hautfarbe ist, habe ich kein Recht, irgendwelche Urteile in dieser Sache abzugeben: Alles, was an dieser Stelle richtig wäre, ist: Um Entschuldigung zu bitten und mich ehrfürchtig vor dem Leben von Harriet zu verneigen und ihr zu danken, dass sie damals aktiv geworden ist um für ihre Freiheit zu kämpfen. Es ist bis heute immer noch sehr sehr notwendig. Leider.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Zeigt euch ein paar der Original-Bilder, also springt nicht gleich auf, sondern gebt dem Film Zeit, zu einem Ende zu kommen.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Harriet
Length: 125 Min.
Rated: FSK 12


Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz - Filmplakat
© 2020 Entertainment One Germany GmbH

Berlin Alexanderplatz ist ab sofort nicht mehr nur ein unfassbar bekannter, touristischer Hotspot in Deutschland, sondern auch ein artistisches Kunstwerk, das in 183 Minuten ein offenbarendes Porträt der Gesellschaft einfängt und wiedergibt, das so manchem die Augen öffnen könnte.

Man lässt sich auf eine Talfahrt in die Hölle menschlichen Agierens ein, die hinab in die Abgründe der Seele führt und einen dort alleine lässt. So schleichend der Prozess beginnt, so brachial bricht am Ende alles über einen hernieder und schickt den Zuschauer mit einem Donnerknall voller Erkenntnis wieder raus in die Welt, deren Offenbarung man gerade ungeschönt auf der Leinwand präsentiert bekommen hat.

Besonders stark: Jella Haase, die die meisten in ihrer eher unbeholfen-naiven Art aus Fack Ju Göhte kennen, die sich hier eine Rolle zugesteht, die ernsthafter und seriöser nicht sein könnte.

Der Film lässt viele Gedanken über das Bild unserer heutigen Gesellschaft entstehen und wirft wichtige Fragen auf, über die man anschließend noch lange nachdenkt.

Den Trailer sollte man sich aus zwei Gründen nicht anschauen: Er verrät wieder viel zu viel Inhalte und Wendungen und außerdem führt er in ein völlig falsches Genre, das dem Film selbst nicht gerecht wird, sondern bei vielen die Klischeekeule triggert, die sich daraufhin entscheiden, den Streifen lieber nicht sehen zu wollen.

Lasst euch von dem Titel nicht in die Irre führen: Dieses Porträt gesellschaftlicher Analyse ist ein wichtiges Werk, das viele Ansätze zum Überdenken des eigenen Weltbilds liefert und von den Darsteller*innen extrem überzeugend gespielt wird. Definitiv sehenswert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Berlin Alexanderplatz
Length: 183 Min.
Rated: FSK 12


Yummy

© 2020 Busch Media Group

„Facelifts, Boob Jobs und… Zombies“. Trash. Denkst du. Und genau das nährt anfangs auch deine Gedankengänge, wenn du dabei aufpasst, wie jemand unfassbar schlechte Synchro vom Stapel lässt, Persönlichkeiten introduced, die so dämlich sind, dass man sich eine Heerschar an Facepalm-Helfern wünscht, weil die beiden eigenen Hände längst nicht ausreichen, um sich damit vor Scham den Schädel anzuschlagen.

Und der Plot dazu wird auch nicht besser … und du denkst dir nur die ganze Zeit: Wo zur Hölle bin ich hier rein geraten?

Ganz einfach: In den besten Horrorfilm, den es seit Jahren gegeben hat 😀

Ja, ernsthaft! Irgendwann benötigst du keine eigene Brustprellung mehr, um am ganzen Oberkörper Schmerzen zu verspüren, weil die deine ungewollten Lacher von alleine produzieren: Die Story artet so dermaßen aus und man lässt sich völlig frei von jedweden Grenzen endlich in das Blutbad klassischen Zombie-Gemetzels fallen, das damals noch die super geile Angewohnheit hatte, mit dem Genre „Comedy“ zu konkurrieren und dabei garantiert immer zu gewinnen … Yes, Man!

Es strömt Blut, es schreit, es brüllt, es fliegen die Fetzen und man jubiliert, denn endlich … ENDLICH ist mal wieder etwas garantiert gerechtfertigt und ungeschönt mit FSK 18 auf der Leinwand zu sehen und sprudelt nur so vor all den geliebten, triefenden Dümmlichkeitsklischees, die es braucht, um bei so einer Show verboten viel Spaß zu haben.

Auf einmal wachsen dir die Charaktere ans Herz, auf einmal triumphierst du bei jedem neuen Ausbruch verbaler Blödheit, die meine heiß geliebte Feuilleton-Fraktion binnen Sekunden ins geistige Grab katapultieren würde – und du feierst es: Die guten alten Zeiten sind zurück – denn Yummy ist zu Recht das gefeierte Werk der Stunde.

An alle Fans, die sich weg vom Mainstream bewegen und mal etwas sehen wollen, das kapitalistisch überhaupt keinen Sinn hat, dafür aber unglaublich viel Seele und Herzblut offenbart: Zieht euch Yummy rein und nutzt die wenigen Vorstellungen, die der Film bislang überhaupt abkriegt.

Die guten alten Zeiten sind zurück und Horror triumphiert als Genre endlich wieder über die Humor-Domäne und zeigt, was es drauf hat, wenn man sich einfach traut. Das haben die Macher dieser Schlachtorgie getan und ein Werk geliefert, das den geneigten Fan zur vollen Güte befriedigt und mit allen Stilmitteln um sich schlägt, die hierbei Erfolg verzeichnen können. Ein absolut gelungenes Stück voller Herzblut und Liebe an ein viel zu selten gewürdigtes Areal der Kinolandschaft – vielen Dank hierfür!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Das abzuwarten hätte mich eine Nacht auf der Straße gekostet: Also .. äh … keine Ahnung 🤷 ?

Kinostart: 23. Juli 2020

Original Title: Yummy
Length: 89 Min.
Rated: FSK 18