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Burning

Burning - Filmplakat
© 2019 Capelight Pictures

Burning zog schon vergangenes Jahr die Aufmerksamkeit auf sich, indem er sowohl von Kritikern als auch dem Publikum z.B. auf den Filmfestspielen in Cannes in den höchsten Tönen gelobt wurde.

Für mich hat der Film einen ungeheuren Mehrwert: Auch wenn er “nur” auf einer Geschichte basiert, eröffnet er doch wahnsinnig intime Einblicke in ein Land, das wir von außen eher nur als “verschlossen” kennen und daher so gut wie keinen wirklichen Zugang zu ihm haben. Was denken die Leute dort? Wie geht es ihnen? Wie leben sie?

All diese Dinge zählen zu den Fragen, die hierzulande wenige Leute interessiert und die doch über eine ganze Generation berichten – und da verschafft Lee Chang-Dongs Werk unfassbar viel Aufklärung und ungeheuer wertvolle Einsichten.

Mit 148 Minuten nimmt man sich dafür auch extrem viel Zeit, lässt keine Hektik aufkommen, sondern bereichert den Zuschauer durch getragene und beruhigende Bilder, die ihm die Möglichkeit geben, die Charaktere zu erörtern und das Gezeigte auf sich wirken zu lassen.

Dass hierbei dann auch im Plot noch ein paar spannende Dinge versteckt sind und man sich auf eine mysteriöse Suche begibt, zeugt einmal mehr davon, dass auch Independent-Kino dafür geeignet sein kann, große Massen zu begeistern und einen fantastischen Unterhaltungsfaktor zu liefern.

.kinoticket-Empfehlung: Spannend und einfühlsam erörtert man hier ein nahezu unbekanntes und verschlossenes Land in seiner Mentalität, Lebensweise und vielen offenen Fragen, die bis dato kaum an die Öffentlichkeit gelangt sind.

Nachspann: Muss man nicht zwingend ausharren, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 06. Juni 2019

Original Title: Buh-Ning
Length: 148 Min.
Rated: FSK 16


High Life

High Life - Kinoplakat
© 2019 Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

Robert Pattinson hat u.a. eine Sache richtig gemacht: Bekannt werden in einer Blockbuster-Reihe und danach ins Arthouse-Kino abtauchen und dort eine Größe bleiben!

Wahrhaftig ist jeder Film von ihm mehr oder weniger eine Insider-Perle geworden und seine Rollen darin großartig. Er kümmert sich – und dafür bewundere ich ihn – so überhaupt nicht darum, wieder in reißerische Massenproduktionen zu rutschen, sondern gibt sich erstaunlicherweise mit dieser Art Film so in sich zufrieden, dass es aufs Publikum überströmt und man als Gast im Kino mit sich selbst im Reinen ist, wenn man aus einem seiner Werke wieder ans Tageslicht tritt.

High Life hat bereits bei diversen Filmfestivals für erhöhtes Aufmerksamkeitsaufkommen gesorgt und wurde überall rauf und runter gespielt – und landet nun eben auch im regulären Kino. Die Sparte: Mein vielzitiertes SciFi.

Das bedeutet aber nicht einfach, dass hier irgendwo Weltraum und Sterne und Raumschiff und fertig vorhanden sind, sondern der Film als solches ist ein Produkt, dass sich nahezu schon als Stanley Kubrick der Gegenwart bezeichnen lässt: Absolut eigen, absolut originell, absolut authentisch.

Man taucht sehr tief in die Weiten des Weltalls und damit auch in die Weiten der Nische ein und vollzieht eine abstrakte Reise im Kopf, die genau das wieder einmal nahe an die Vollkommenheit herausragender SciFi-Filme trägt, die man in den “guten alten Zeiten” so gemocht hat.

Man hat viel Zeit, bei den ausdrucksstarken Bildern und dem oft nicht sofort selbsterklärenden Erzählstrang über Dinge nachzudenken, die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen und sich über die Ungewöhnlichkeit zu wundern, die hier mit absolut präzisen, klaren und gleichzeitig total verwobenen und undurchsichtigen Bildern aufgezeigt wird.

Genau das macht in meinen Augen einen guten Science Fiction aus: Dass man sich als Zuschauer wundert, teilweise unbehaglich fühlt und am Ende irgendwie absolut fasziniert ist – denn dafür ist Weltall da.

Dieser Coup ist Claire Denis sehr gut gelungen, was ihren Film zu einem der besten SciFi-Streifen der Moderne macht, der auf jedem Register gesehener Filme stehen sollte.

.kinoticket-Empfehlung: Ein Stanley Kubrick der Gegenwart: Undurchsichtig, Vielschichtig, abgespaced und gleichzeitig tief in der Nische verwurzelt befriedigt High Life das unberührbare Verlangen, in fremde Welten abzutauchen und sich in der absurden Wahnvorstellung der Schwärze des Weltalls wiederzufinden.

Nachspann: Braucht nicht abgewartet zu werden. Das Weltall ist dunkel und weit …

Kinostart: 30. Mai 2019

Original Title: High Life
Length: 110 Min.
Rated: FSK 16


Peter Lindbergh – Women’s Stories

Peter Lindbergh - Filmplakat
© 2019 DCM Film Distribution GmbH

Mittlerweile gibt‘s ja schon einige Porträt-Filme von berühmten Berühmtheiten: Man hat in der Musik angefangen, sich langsam über Autoren und Künstler weitergerobbt und ist nun bei den Fotografen angelangt – von denen inzwischen auch einige Werke in den Kinos gelandet sind.

Peter Lindbergh – Women‘s Stories gräbt hier einen Fotografen aus, der es durch seine Arbeit erreicht hat, fünf Frauen zu Ruhm und Ehre zu verhelfen und dem mit diesem Werk ein Andenken geschaffen werden soll, auf dass man sich ewig an ihn erinnere.

Bereits im Vorfeld hatte der Streifen keine wirklich guten Kritiken von der Presse, sondern man wirkte eher verhalten und zurückhaltend. Dementsprechend unterschwellig waren meine Erwartungen, als ich den Saal betreten habe mit dem Hintergedanken, dass mich so manches Künstler-Leinwand-Rezitat bereits in der Vergangenheit des öfteren positiv überrascht hat.

Lindbergh hatte – wie jeder andere – seinen eigenen Stil und wenn man sich die Randfakten dieser Filme anschaut, stößt man irgendwo immer auf die gleichen Elemente: Verkannt in der Vergangenheit, Vorwärts-Streber-Gen, “einfach gemacht”, garniert mit unzähligen Zitaten, Interview-Schnipseln von Menschen aus dem Umfeld, die sich herrlich zurückbesinnen auf “damals” und wie es doch alles gewesen ist usw.

Genau das findet sich hier auch wieder – allerdings hat Jean Michel Vecchiet ein Style-Element integriert, dass mich wirklich begeistert hat: Die Art, wie die Kunst hier präsentiert wird, ist selbst schon fast wieder ein Kunstwerk.

Das Herumspielen mit Fotos, Foto-Reihen, inszenierten Rückblenden und anderes macht in diesem Film den großen Unterschied. Und dass am Ende seine Models irgendwo mehr Weltruhm auf ihrem Namen tragen wie er selbst, ist dann auch nicht weiter schlimm.

.kinoticket-Empfehlung: Die Darstellung seiner Kunst sowie das fotografische Aufbereiten eines ganzes Lebens ist in dieser Zusammenstellung selbst schon fast wieder ein eigenes Kunstwerk und überdeckt, dass der Film gewissermaßen immer wieder die “gleiche” Story erzählt und nur andere Namen dafür hernimmt.

Nachspann: Muss nicht ausgesessen werden, hier folgen keine weiteren Szenen oder Bilder.

Kinostart: 30. Mai 2019

Original Title: Peter Lindbergh – Women‘s Stories
Length: 108 Min.
Rated: FSK 12


Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer

Mister Link - Filmplakat
© 2019 Entertainment One Germany GmbH

Auf dem Plakat macht das Aussehen der Figuren womöglich erstmal einen gewöhnungsbedürftigen Eindruck, jedoch sollte man sich nicht vorschnell davon abwenden: Dieser Film hat’s nämlich in sich!

Die Story entpuppt sich zu Recht als Prädikat besonders wertvoll-ausgezeichnet, denn hier ergreift man einmal mehr sehr liebevoll und packend die Herzen von jung und alt und trifft auf Leinwandfiguren, die sich sehr schnell den Weg in die warme Seele der Zuschauer erobern.

Diese Andersartigkeit, die in vielen anderen Filmen fremdartig wirken sollte, wird hier vollkommen neu umgesetzt und zeigt sich durch einen erfrischend anderen Erzählstil von einer ganz neuen Seite.

Somit erntet man relativ früh bereits unzählige Sympathiepunkte beim Zuschauer und hat damit die Möglichkeit, während des Films vollständig in eine neue Welt abzutauchen und den Film bis zur letzten Minute hin zu genießen!

Das wahrlich spannende an der ganzen Sache ist jedoch oft hinter den Kulissen versteckt: Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer wurde in der sogenannten Stop-Motion-Technik gedreht – sprich: Jede Szene wurde mit Puppen bewegt, fotografiert und somit Bild für Bild aneinander gesetzt, so dass der Eindruck von Bewegung entsteht.

Doch damit nicht genug: Ich kann euch mit Fun Facts erschlagen…

  • Für Mister Link wurden die Puppen nicht – wie üblich – ein Fünftel bis ein Sechstel der echten Größe von Menschen nachgebaut, sondern um 20% kleiner gestaltet: Damit war es möglich, auch die Kulissen kleiner zu machen, um die Arbeit ein wenig zu reduzieren.
  • Der Elefant im Film wiegt ungefähr 16 kg, verfügt über komplett unabhängig bewegbare Zehen und ist das einzige Tier, dass für diese Rolle beim Dreh verwendet wurde: Es gab also keine “Puppen-Doubles”.
  • Mister Link ist die schwerste Hauptfigur, die von LAIKA Entertainment jemals zum Einsatz gebracht wurde.
  • Die Kutsche beanspruchte 180 einzeln aufgehängte und bewegungskontrollierte Quasten. Sitze, Vorhänge und die Bewegung der Kutsche wurde durch 40 unabhängig voneinander operierende Motoren per Fernbedienung gesteuert.
  • Der Salonwagen hat keinen Boden, sondern das komplette Set wurde aufgehängt, damit die Puppenspieler von unten Zugang zu der Szene hatten.
  • Der Zug wurde durch rostig aussehende Klebestreifen auf den Schienen “gebremst”, da er sich zu geschmeidig bewegte.
  • Im Gegenzug dazu wurde das Schiff im Film nicht bewegt, da die Konstruktion zu groß und zu schwer war. Stattdessen bewegte man hier ein Kamera-Set um die Kulisse, die den Eindruck erzeugten, dass Schiff würde auf dem Ozean fahren.
  • Es gab mehr als 110 Sets und 65 unterschiedliche Drehorte.
  • Die Eisbrücke besteht aus 64 individuell geformten Eisblöcken, die unabhängig voneinander bedient werden konnten.
  • Die Karosse des Zugs war das größte Requisit, das im Film zum Einsatz kam.
  • Die Landschaften im Film entstanden aus Siebdruck- und laserbeschnittenem Kraftpackpapier, strukturierten Stoffen, Plastikperlen, Taschentüchern, Eisenbahnmaterial in Miniaturgröße, Ziegenhaar, Schaumstoffbällen sowie Schwarzlichtfarbe.
  • Die Bücher in Lionels Arbeitszimmer wurden – wie Zügel, Zaumzeug und Sättel der Pferde – aus echtem Leder mit traditionellen Techniken gefertigt.
  • Die Stop-Motion-Technik erforderte, dass für jede Sekunde Film insgesamt 24 Fotos gemacht wurden, zwischen denen die Figuren immer wieder ein winziges Stück bewegt wurden. So entstand ein Bild realer Bewegung.
  • Zu Spitzenzeiten befanden sich insgesamt 91 Teams beim Dreh im Einsatz.
  • LAIKA Entertainment besitzt 47 Motion-Control-Kamera-Vorrichtungen, von denen die älteste bereits aus dem Jahr 1928 stammt und seitdem von einem Effektstudio zum nächsten weitergereicht wurde.
  • Die Szene mit dem laufenden Elefanten macht im Film ungefähr 20 Sekunden aus und dauerte insgesamt 3 Monate, sie zu filmen.
  • Die VFX-Abteilung nutzte mehr als ein Petabyte – also eine Million Gigabyte – für die Speicherung des Materials.
  • Der Film benötigte insgesamt 112 Millionen Prozessorstunden, um als gesamtes Werk gerendert zu werden. Das wären mit einem PC 12.765 Jahre, um ihn fertigzustellen.

Und, habt ihr inzwischen ein bisschen Lust drauf bekommen, diesen tollen Film zu sehen?

.kinoticket-Empfehlung: Eine technische Meisterleistung, die nicht nur durch absolut verblüffende, technische Facts beeindruckt, sondern sich auch durch unglaublich sympathisch-andere Charaktere und einen tollen Plot von anderen Filmen absetzt.

Nachspann: Darf man getrost abwarten, hier folgt noch eine Kleinigkeit.

Kinostart: 30. Mai 2019

Original Title: Missing Link
Length: 94 Min.
Rated: FSK 6


Zwischen den Zeilen (inkl. Gewinnspiel)

Zwischen den Zeilen - Filmplakat
© 2019 Alamodefilm

Hinweis: Unter dem Beitrag findet ihr ein Gewinnspiel, bei dem 2×2 Freikarten für den Film verlost werden.

Um Zwischen den Zeilen wirklich verstehen zu können, sollte man ihn am besten gleich zwei Mal anschauen. Das Thema ist äußerst brisant und eine viel diskutierte Frage, zu der dieses Meisterwerk an Sprach- und Literaturkunst gleich mehrfache Antworten gibt, die sich dabei an keiner der vorherigen Fallen aufhalten, sondern gezielt und unumwunden allen bekannten Hindernissen ausweichen und somit erfrischend anders sind, als man es bisher so kennt.

Hier geht es um Tradition. Und Erneuerung. Moderne. Und Klassik. Um die “Alten” und das “Neue”. Und dabei wurde wirklich nichts ausgelassen, was der heutige Bürger sein Alltägliches nennt. Der Umfang ist wahrlich so reichhaltig, dass ich behaupten möchte, jede*r meiner Leser*innen wird sich hier irgendwo wiederfinden.

Und genau das tat mir ungemein gut: Eine geschundene Persönlichkeit, wenns um traditionelle Werte geht und man vehement moderne Technik ausgrenzen möchte – gleichermaßen jemand, der lieber zu Zeitung und Papier greift und den Digitalismus sich selbst überlässt. Zumindest zeitweise.

All die angesprochenen Problematiken hab ich persönlich bereits hinter mir und nächteweise darüber gegrübelt, wie ich nun meine ganz persönliche Zukunft diesbezüglich gestaltet sehen möchte.

Was Zwischen den Zeilen in meinen Augen auszeichnet, ist, dass der Film erstmal sich selbst absolut entspricht und extrem viel Material “zwischen den Zeilen” liefert, sowohl was die Story und den Plot als auch die Entwicklung der Charaktere in der Geschichte angeht, als auch, was gewisse Grundsatzfragen bezüglich Literatur und Wort betrifft.

Genau da empfand ich die zweite Vorstellung als extrem hilfreich, weil man die Story diesmal dann “ausblenden” konnte, um sich wirklich auf die Fakten zu konzentrieren, mit denen in diesem Streifen wahrlich nicht gegeizt wird: Die Konversationen prasseln in einer derart schnellen und gehaltvollen Intensität auf einen herunter, dass man sich wirklich konzentrieren sollte, wenn man den Saal betritt, und Zwischen den Zeilen definitiv nicht als gemütliches Beiwerk zum Abend betrachten.

Was mich ebenso begeistert hat, ist die wunderbar blumige Vielfalt an vertretenen Meinungen, die immer wieder herrschaftlich ausgebreitet und dem Zuschauer damit als offene Diskussionswiese mitgegeben werden: Man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass die Macher es allen Recht machen wollten, sondern findet sich vielmehr in einer aktiven, von Diversität geprägten und verbalkonzentrierten Unterredung, in der solche Probleme angesprochen und mit starken Argumenten pro und contra vertreten werden.

Worauf ich Bock hätte: Diskussionsrunden nach diesem Film. Doch dafür müsst ihr ihn erstmal gesehen haben – und das geht am besten mit dem

Gewinnspiel

Zwischen den Zeilen - Freikarten
© Layout & Gestaltung der Freikarten by Alamodefilm

Alamodefilm hat für meine Leser*innen ein ganz besonderes Angebot: Mir wurden 2×2 Freitickets für den Film überlassen, die ich hiermit an euch weiter verlosen darf.

Diese können von dem/der Gewinner*in bis einschließlich 7. Juli 2019 in allen einsetzenden Kinos – ausgenommen der CineStar-Gruppe sowie Einzelhäuser – eingesetzt werden.

Was ihr dafür tun müsst?

Kommentiert bis einschließlich Montag, 10. Juni 2019 unter diesem Beitrag, ob ihr gerne lest und welches bisher euer liebstes Buch war.

Vergesst dabei nicht, eine gültige E-Mail-Adresse anzugeben, unter der ich euch erreichen kann, um eure Adressdaten abzufragen, damit ich euch die Karten im Gewinnfall auch zuschicken kann.

Diese Daten werden selbstverständlich nur zum Versand verwendet und anschließend wieder gelöscht.

Weiterhin gelten die üblichen, vernunftbasierten Gewinnspiel-Bedingungen: Keine Barauszahlung, keine Doppeleinträge und ähnliches sowie kein Anrecht auf den Gewinn. Der oder die Gewinner*in wird von mir persönlich nach randomisiertem Zufallsverfahren ausgelost und anschließend via E-Mail benachrichtigt.

Nun drücke ich euch die Daumen, wünsche viel Glück und: Watch your inbox 😉

.kinoticket-Empfehlung: Unglaublich gehaltvolles, inhaltsreiches und wortgewandtes Duell verschiedenster Positionen in einer durchtriebenen Geschichte, die ihren Höhepunkt in häufig auftretenden Konversationen findet, die volle Aufmerksamkeit erfordern und den suchenden Geist immens erfreuen.

Nachspann: Fängt bebildert an, braucht aber nicht abgewartet zu werden, nach der Schwarzblende kommen keine weiteren grafischen oder verbalen Impressionen.

Kinostart: 6. Juni 2019

Original Title: Doubles Vies
Length: 107 Min.
Rated: FSK 6


Roads

Roads - Filmplakat
© 2019 StudioCanal

Roadmovies befriedigen eine ganz spezielle Truppe von Zuschauern und lösen gleichermaßen beim Diskutieren oft starke Kontroversen aus: Viele Menschen können sich einfach nicht vorstellen, unterwegs zu sein. Und das, obwohl es fast schon ein Klischee ist, nach der Ausbildung / Schule erstmal ein paar Jährchen auf Reisen zu gehen und die Welt zu entdecken.

Als BahnCard 100-Besitzer gehört Reisen zu meinem Alltag und ich glaube, ich würde verrecken, wenn mir eines Tages mal die Möglichkeit genommen werden sollte, ständig woanders zu sein, ständig neue Dinge zu sehen, neue Menschen zu treffen und die Vielfalt dieses Planeten auf meine eigene Weise erkunden zu können. Diese Freiheit ist mit nichts zu ersetzen – und auch mit nichts zu bezahlen. Genau das bedeutet “Leben” für mich – bzw. der Tod, wenn man es eines Tages mal nicht mehr können sollte.

Und genau da hoffe ich dann, dass möglichst viele Filme dieser Art existieren, die man sich auch als Rentner nach Hause (wo ist das?) liefern lassen kann, um wenigstens noch in der Seligkeit solcher Roadtrips zu schwelgen und das Gefühl im Kopf zu intensivieren, doch unterwegs zu sein.

Macke? – Yes. Und zwar nicht nur fürs Reisen, sondern auch für Fionn Whitehead.

Fionn Whitehead
Fionn Whitehead auf der Deutschlandpremiere von Roads im Kino International in Berlin

Dieser Kerl hat mich bei bislang allen Movies dermaßen durch seine Ausstrahlung und bloße Existenz überzeugt. Absolut sympathische Persönlichkeit, der in Roads zusätzlich noch ein überaus charmanter Charakter als Rolle angeheftet wurde, dass das Ding quasi schon ohne irgendwas sonst zu einem Erfolg führen muss.

Doch auch hier haben sich die Macher genügend einfallen lassen, um dem Ganzen etwas mehr Tiefe zu verleihen und eben nicht nur ein weiteres Movie der Art zu sein, das universitär über Lebensphilosophien sinniert und dabei dem Zuschauer das Gefühl gibt, ungebildet zu sein.

Und da fängt die oft in solchen Streifen keine Rolle spielende Story an, Wertigkeit aufzubauen, von Belang zu sein und Momente zu erzeugen, die nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern tiefgreifende Gefühle, Fragen und eigene Kontroversen aufrufen, mit denen man sich dann befassen kann.

Und das in einer absolut angenehmen, ruhigen und fast schon “auf Wohlwollen gefilterten” Bildsprache, die ich jede Minute genossen habe.

Abschließend noch ein paar Eindrücke vom Roten Teppich am Kino International in Berlin bei der Deutschlandpremiere von Roads.

.kinoticket-Empfehlung: Bewegend, charmant, sympathisch und mit viel Charisma und Geist: Eine Geschichte, die noch einige Zeit nachhallt und definitiv zu den besseren ihres Genres gehört.

Nachspann: Szenen, Bilder oder weitere Elemente fehlen: Man darf den Saal also gern verlassen.

Kinostart: 30. Mai 2019

Original Title: Roads
Length: 99 Min.
Rated: FSK 6


MA

MA - Filmplakat
© 2019 Universal Pictures International

Nun gibt’s wahrscheinlich von allen Arthouse-Freunden aufs Maul bei mir: “Wie kannst du nur so einen Film … in so eine Kategorie …”

Ja – Schande auf mein Haupt – ich sollte noch eine zusätzliche Kategorie einführen: Trash-Movies. Und da wäre der dann definitiv richtig. Nun wisst ihr, wieso ich mich bisher so um die Genre-Kategorisierung gedrückt habe: Man kann’s nur falsch machen.

Mein Anspruch: Wenig. Und überschaubar. Und weil’s kein Blockbuster ist (werden wird?), landet der eben hier. Nischenprodukt allererster Güte, der eine ganz bestimmte Klientel befriedigen möchte: Blumhouse-Zuschauer.

Ja, ich habe zu gegebener Zeit schon die Presse beschwichtigt mit den Worten: “… und Octavia Spencer“. Immerhin kann diese Frau Kino. Und dürfte es kaum nötig haben, in irgendwelche billigen Movie-Absteigen einzuchecken, um ihr Konterfei dort zum Verscherbeln freizugeben.

Sie ziert aber das Titelplakat … und nimmt eine gewaltige Rolle in diesem Film ein, der – überraschenderweise – erstmal sehr lange Zeit im düstren lässt, was hier überhaupt gespielt wird.

Wer es also bis dato geschafft hat, den Trailer zu umschiffen, erlebt hier eine erstmalige Sensation: Blumhouse verrät nicht innerhalb der ersten drei Minuten, wie der Film enden wird.

Und damit hatte man mich am Spieltisch und ich hab mich voller Vergnügen auf das Spektakel eingelassen und meine archivierten Zornestöne gegen dieses “Hasslabel” ein bisschen weiter gen Schredder wandern lassen.

Und tatsächlich überzeugt MA auf überraschende Art und Weise in vielerlei Hinsicht. Wo sich andere jetzt an Octavia Spencer und einer immensen Hollywoodgröße aufhängen, der man alle positiven Attribute im Kampf um Gleichberechtigung zuschreiben kann, möchte ich den restlichen Cast noch dazu addieren: Mir hat die Auswahl der Schauspieler*innen nämlich über alle Maßen gut gefallen. Das typische “Klischee”-Zusammenwürfeln ist zwar gewissermaßen dennoch vorhanden, fällt hier aber weniger auf, da die Darsteller*innen nahezu perfekt zu ihren Rollen passen und diese dann auch überzeugend rüberbringen.

All dies natürlich unter Beachtung des Niveaus, das vom Plot und der Rahmenhandlung natürlich gravierende Einschränkungen erlebt. Doch innerhalb dieser “Schlachtplatten-Wiese” fungieren allesamt hervorragend und genau so, wie man sich das in einem Film wie diesem wünscht.

Dazu kommt: Spannung.

Ja, das Gegenteil dessen, was man aus Erzeugnissen dieser Filmschmiede sonst so kennt – zumindest, wenn man ein Vielschauer ist wie ich. Kaum löst sich ein Bestandteil der Hauptpersönlichkeit auf, gewinnt der Film neue Stränge und erzeugt somit neue Fragen, neue Motive, neue Optionen und bastelt somit nicht mehr im Hintergrund mit den Bauklötzchen während das Drehbuch niedergeschrieben wird, sondern fummelt quasi “live” damit rum und lässt dem Zuschauer die Illusion, gedanklich an der Story mitwirken zu dürfen, während man sich im Suff der umgebenden Belanglosigkeiten ertränkt.

Und auch das kenne ich von Blumhouse so sonst nicht.

Man könnte also meinen, die Jungs (und Mädels) haben langsam begriffen, dass es doch noch andere Türchen in ihrer Festung gibt, die zu betreten man viel zu lange abgewartet hat und die man jetzt endlich zu ergründen beginnt.

.kinoticket-Empfehlung: Das gewünschte Ziel der Filmkonstruktion ist noch lange nicht erreicht, aber die Richtung und Tendenz stimmt definitiv: Blumhouse setzt Premierenmomente und fährt mit neuen Optionen auf, die Spannung erzeugen und das nervige Vorher-alles-schon-Verraten auf der Leinwand endlich einstellen.

Nachspann: Nachsitzen lohnt sich nicht: Alles wurde erzählt, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 30. Mai 2019

Original Title: MA
Length: 100 Min.
Rated: FSK 16


Antiporno

Antiporno - Filmplakat
© 2019 ONE Filmverleih

Japans Regisseur Sion Sono wirft einen Film auf die Weltgemeinschaft, den ich tief in der Kunstkritik verankern möchte und der mich durch verschiedene Elemente sehr begeistert hat.

Von Beginn an zielt man deutlich auf die Farbenpracht ab, die man aus Filmen östlicher Kultur inzwischen ja kennt, jedoch beeindrucken die Szenen und der schiere Aufwand dahinter teilweise allein schon durch die bloße Anwesenheit.

Des Weiteren – und da werden sich womöglich einige dran stören – provoziert man sehr stark, nicht nur durch gewaltsame Ausdrücke und harte Sprache, sondern in Form einer Rebellion, die dieser Tage einigen Menschen nicht mehr schmeckt und deshalb sogar noch an Relevanz gewinnt.

Ich stelle mir oft die Frage: Wie soll etwas besser werden, wenn niemand dafür aufsteht und seine Stimme erhebt? Dass drastische Mittel zu drastischen Änderungen führen, hat die Geschichte unseres Planeten oft genug bewiesen. Das Thema des Films ist bis heute hoch aktuell, auch wenn offensichtlich die japanischen Gepflogenheiten angegangen werden: Bedeutsam sind sie auf der ganzen Welt.

Während man da sitzt und sich die teils verstörenden, teils faszinierenden Szenen zu Gemüte führt, wird man immer tiefer zu einer relevanten inneren Stellungnahme getrieben und provokant konfrontiert, um gesellschaftliche Gegebenheiten zu hinterfragen.

Dass dabei nicht unter dem Deckmantel der Kunst gearbeitet wird, sondern eine ganze Reputation aufs Spiel gesetzt, zeigt erneut, dass es dem Regisseur mit dem Thema mehr als ernst ist.

Damit zählt Antiporno für mich zu einer bemerkenswerten Erfahrung, der ihr euch in Deutschland noch in folgenden Städten aussetzen könnt:

Heute, 29. Mai 2019 in:

  • Berlin (Brotfabrik Kino, Ladenkino, Wolf Kino, Filmrausch Moabit)
  • Köln (Lichtspiele Köln-Kalk)

Heute, 29. Mai 2019 bis 05. Juni 2019 in:

  • Nürnberg (Filmkunsttheater Casablanca)
  • Karlsruhe (Schauburg)

30. Mai 2019 bis 05. Juni 2019 in:

  • Berlin (Zukunft am Ostkreuz)
  • Rostock (Lichtspieltheater Wundervoll)

06. Juni 2019 bis 12. Juni 2019 in:

  • Lübeck (Kommunales Kino)

06. Juni 2019 bis 26. Juni 2019 in:

  • Heidelberg (Karlstorkino)

04. Juli 2019 bis 10. Juli 2019 in:

  • Leipzig (Cineding)

.kinoticket-Empfehlung: Provokant, tiefgreifend, eindringlich und extrem: Antiporno spricht Dinge aus, die tief in die alteingesessene Denkweise vieler Völker eingreift und hier mal kräftig durchmischt.


Die Gefühle, Sym- und Antipathien, die sich währenddessen entwickeln, sind erstaunlich und machen aus dem hier Gezeigten wahre Kunst, der man sich öffnen muss, um sie vollends zu verstehen.


Großartig!

Nachspann: Braucht nicht abgewartet zu werden, es folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 16. Mai 2019

Original Title: Antiporno
Length: 78 Min.
Rated: FSK 16


All My Loving

All My Loving Filmplakat
© 2019 Port au Prince Pictures GmbH

Lars Eidinger ist gerade gefühlt in jedem deutschen Kinofilm zu sehen. Ich finde das Phänomen immer wieder spannend, dass man von Schauspielern erstmal kleine Ewigkeiten lang absolut nichts hört und sie dann binnen kürzester Zeit ständig und überall auftauchen, als ob es niemand anderen sonst mehr geben würde.

Sei‘s drum. All My Loving zielt klar auf das Independent-Publikum ab, versucht sich dabei aber an deutscher Filmschule und richtet sich somit stellenweise selbst hin.

Das altbekannte Problem: Hierzulande gibt es einfach keine guten Drehbuchschreiber, die annähernd dazu in der Lage wären, ihren Job so auszuführen, dass am Ende wahrhaft gut erzähltes Kino übrig bleibt, das nur noch mit fähigen Schauspielern bestückt werden muss.

Stattdessen greift man immer wieder auf den selben unfähigen Einheitsbrei zurück und produziert damit TV-Ware am Fließband, die einem zwar scheinbar das Gefühl vermitteln kann, man säße tatsächlich in einem niveauträchtigen Independent-Movie, der jedoch sehr bald offenbart, dass man eigentlich doch bloß der uncoole Loser vom Schulhof ist, der die Standardaufgaben vom Lehrer cool findet und dabei nicht merkt, dass er bei allen anderen längst unten durch ist.

Die teilweise schrägen Charaktere, mit denen hier aufgefahren wird, machen diesen Fremdscham-Faktor zwar etwas wett, retten in meinen Augen aber nicht den Gesamtabsturz, denn am Ende ist es eben doch „bloß ein weiterer deutscher Film, der nicht über seine Grenzen hinauswächst“.

.kinoticket-Empfehlung: Man möchte im Spiel der großen Arthouse-Events mitmischen, vergisst dabei aber, auf deutsche Filmkonventionen zu verzichten und stolpert deshalb wieder über alte Fallen.


Das ist insofern tragisch, da hier tatsächlich einige spannende Charaktere aufgefahren werden, die sich im Rahmen des Filmhochschul-Flairs aber nicht so entfalten können, wie man sich das als Zuschauer gern wünscht.


Damit ist zwar „was da“, das Prädikat „unvergessen“ bleibt diesem Film aber – wie anderen Inlandsfilmen ebenfalls – weiterhin vorenthalten.

Nachspann: Muss auch diesmal wieder nicht abgewartet werden, es folgen keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 23. Mai 2019

Original Title: All My Loving
Length: 118 Min.
Rated: FSK 12


Edie – Für Träume ist es nie zu spät

Edie - Filmplakat © by Weltkino Filmverleih
© 2019 Weltkino Filmverleih GmbH

In Edie – Für Träume ist es nie zu spät treffen mehrere Komponenten aufeinander, die für Geist und Seele sind, wie gutes Öl für einen frischen Salat: Absolut unverzichtbar!

Regisseur Simon Hunter hat sich in den Kopf gesetzt, das Publikum nicht zu täuschen und darum bereits im Vorfeld zu diesem Dreh wichtige Eckpunkte ausgelobt, die unglaubliche körperliche Leistungen von den Betreffenden abverlangen würden.

Die Hauptrolle spielt die 83jährige Sheila Hancock – und diese Frau ist eine Wucht! Schaut euch den Film an, um zu begreifen, wozu sie in der Lage war … denn: Alles ist echt!

Es wurde an echten Schauplätzen gedreht, es kam kein CGI zum Einsatz und all die Unternehmungen sind von ihr leibhaftig in einem Drehmarathon durchgezogen worden! Und davor meinen größten Respekt!

Auch das Drehbuch gehört zu den Dingen, die diesen Film in meinen Augen unverzichtbar machen: Hier spielt man mit solch einer Leidenschaft und behaglichen Wärme auf, die sich sanft wie ein gemütlicher Schal um einen bettet und dem Zuschauer ein unfassbar positives, motivierendes, aber auch behütetes und generationenverständiges Umfeld bietet, in dem es sich die gesamte Laufzeit über extrem gut aushalten lässt.

Wie anfangs bereits erwähnt: Hier treffen Gemütlichkeit, Generationenverständigung, tolle Dialoge und Echtheit vor und hinter der Kamera auf berauschende Landschaftsaufnahmen und visuelle Eindrücke aus den schottischen Highlands.

Lasst euch verzaubern und verpasst unter keinen Umständen dieses tolle Werk, das ab morgen in den Kinos bundesweit startet.

.kinoticket-Empfehlung: Warmherziger, liebenswerter und voller Lebensfreude sprühender Film, der einen mitreißt und ein unglaublich vielfältiges Plateau an guter Laune und Behaglichkeit verströmt.


Lasst euch dieses Werk auch deshalb nicht entgehen, weil die 83jährige Hauptdarstellerin Unglaubliches leistet und mit ihrer Performance absolut beeindruckt.


Ein Motivations-Statement der besonderen Art!

Nachspann: Muss nicht abgewartet werden, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 23. Mai 2019

Original Title: Edie
Length: 102 Min.
Rated: FSK 0