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Die schönsten Jahre eines Lebens

Die schönsten Jahre eines Lebens - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Betrachtet mal einen Augenblick lang das Plakat und fragt euch, wie ihr diesen beiden Persönlichkeiten gegenüber empfinden würdet. Und dann hört auf euer Bauchgefühl und entscheidet, ob ihr damit zum Zielpublikum gehört oder nicht.

Genau dieses gesetztere Alter, die Ruhe und Gelassenheit, das bewusste Stehenbleiben oder „Nicht mehr bewegen“ ist Inhalt dieses Streifens, der sich damit an die Personen richtet, die sich vielmehr in Gedanken und im Kopf bewegen und nicht mehr zwingend körperlich.

Aus dieser gesetzteren Ebene heraus entfacht man dann eine Reise durch die Vergangenheit, die mit vielen Elementen konfrontiert wird, mit denen man sich zu diesem Zeitpunkt durchaus auseinandersetzen muss und lässt hier einen ruhigen, wohligen und „einschläfernden“ Rhythmus erklingen, der keineswegs negativ aufzufassen ist, sondern einen eher sanft in den Schlaf wiegt und zur Ruhe bringt.

Diesbezüglich können auch „Nicht-Angesprochene“ diesen Film für sich nutzen, um einfach wieder mal runter zu kommen und mal für eine kurze Zeit wieder Luft zu holen und durchzuatmen. Der Puls bleibt vehement unten, der Film ist deshalb jedoch nicht langweilig oder -atmig, sondern „schreckt einfach nur keine Hühner im Stall auf, sondern lässt sich Zeit, um den Sonnenuntergang wirklich zu beobachten“.

Für das ältere Publikum, für Romantiker und jene, die genug von der Lautstärke da draußen haben – und für all jene, die einfach mal wieder entspannen und völlig zur Ruhe kommen wollen: Wer schlecht schlafen kann, wird hier wieder auf die Strecke gebracht und innerlich wie äußerlich vollkommen runtergefahren und sanft in etwas Wunderschönes begleitet.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Wartet mit einem wunderbaren Sundowner auf, also geht nicht gleich raus, sondern genießt die Ruhe und Besinnlichkeit.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Les Plus belles années d’une vie
Length: 90 Min.
Rated: FSK 6


Mina und die Traumzauberer

Mina und die Traumzauberer - Filmplakat
© 2020 Splendid Film GmbH

Bei Werken wie diesen bedauere ich manchmal die Vorurteilskraft der Allgemeinheit, die solche Optionen schon beim Hören des Titels müde beiseite wischt in der Annahme, „das ist nix für mich“.

Mina und die Traumzauberer zählt nämlich zu den wertvollen Schätzen einer Filmkultur, die nahezu als ausgestorben gilt, denn in dieser illustren Geschichte kämpft mal niemand gegen das Böse: Die klassische Gut-Böse-Kontroverse ist von dannen und man lässt das Leben im Sinne kindlicher Unschuld erblühen und bringt viel Fantasie, Kreativität und Einfallsreichtum aufs Tableau, so dass auch für Erwachsene das Schauen dieses Films sehr viel wertvolle neue Einblicke schafft und so manche Alteingesessenheit wieder zu beenden weiß.

Natürlich muss man dabei „übers Plakat stolpern“ und die Schritte gehen, bis man endlich im Saal sitzt, aber ich hab‘s nicht bereut und der Rest hatte ebenfalls wahnsinnig viel Spaß dabei.

Diese Form der Unterhaltung gehört durch den Besuch des Films honoriert, denn in diesen kapitalistischen Zeiten voller Mogule, Verschwörungen und dem Vergessen dessen, was einst mal wichtig war, wirkt Mina und die Traumzauberer wie eine Zeitreise, die all diese wertvollen Momente wieder zurückerobert und dem Zuschauer innerhalb eines wunderbaren Plots serviert.

Die Liebe für die Sache, die Hingebung an den Film und das leidenschaftliche Ausarbeiten eines hochwertigen, moralischen Gedankenguts steht hier an erster Stelle: Man hat das Gefühl, nicht bloß ein Kunde oder eine Zahl zu sein, sondern jemand, der auch von der anderen Seite der Leinwand her wieder wertgeschätzt wird.

Dieses unberührte, fröhliche und unschuldige Kreativsein, das dieser Film auf der Leinwand zurück zum Leben erweckt, ist der Allgemeinheit förmlich verloren gegangen. Die Suche nach Superlativen oder Boshaftigkeit spielt endlich mal überhaupt keine Rolle, sondern dieser Titel ist einfach nur wunderschön und erfüllt damit keine quälenden Anforderungen, sondern liefert etwas, dass sonst in der Filmwelt nahezu als ausgestorben galt. Darum nutzt die Chance und schaut ihn euch an, solange er noch zu haben ist.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hat noch ein paar Bilder, aber man braucht nicht bis zum Schluss hocken bleiben, hier folgt dann nichts weiter.

Kinostart: 4. Juni 2020

Original Title: Drømmebyggerne
Length: 78 Min.
Rated: FSK 0


Gretel & Hänsel

Gretel & Hänsel - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Wenn Märchen verfilmt werden, wird’s in heutiger Zeit entweder blutig, skurril, obskur oder anderweitig grausam: Die klassische Grimmsche Erzählung hat längst ausgedient und lockt niemanden mehr hinter dem Sofa vor, um sich auf selbiges zu setzen und sich eine dieser Stories zum Besten zu geben.

Nun wird’s richtig schlimm: Gretel & Hänsel bricht zugunsten von Gleichmacherei sogar noch mit dem Titel – und ja, ich hab tatsächlich rumgefragt und mir von verschiedensten Frauen erzählen lassen, dass es im Alltag tatsächlich immer noch gravierende Situationen gibt, in denen sie sich benachteiligt fühlen und jede von ihnen hat mir bestätigt, dass solch eine Titelumbenennung kein einziges Stück dazu beiträgt, diese Umstände besser zu machen. Manche behaupteten sogar, dass solche Handlungen dem eher im Weg stünden.

Darüber hinaus ist hier auch kein Film im klassischen Sinn entstanden, sondern eher ein perfides Kunstwerk, das keinerlei Anstalten macht, etwas im althergebrachten Style zu erzählen, sondern vielmehr seine Präferenzen auf Formen, Farben, Kameraeinstellungen, Spiele mit Licht und Schatten etc. legt und damit aus der Unterhaltungsindustrie komplett heraus tritt.

Ich würde sagen, dieses Werk könnte man in Dauerschleife in einem Museum ausstellen, und zwar nicht, weil’s altbacken und konservativ ist, sondern weil eine Kunstschau die richtigere Bühne wäre und sich der klassische Kinogänger zuweilen darüber wundern oder ärgern könnte, hier keinen Film zu sehen, sondern tatsächlich ein kreative Schöpfung anderer Art.

Lässt man sich darauf ein, dass das kein Film, sondern tatsächlich „Kunst“ ist, dann erlebt man hier ein großartiges Spiel mit Formen, Symbolen, Farben und Kameraeinstellungen, die aber von Unterhaltung so weit entfernt sind, wie nur irgend möglich.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiterführenden Szenen, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Gretel & Hansel
Length: 87 Min.
Rated: FSK 16


Enkel für Anfänger

Enkel für Anfänger - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Die Deutschlandpremiere ist lange her, der Kinostart liegt nun auch schon ein paar Monate zurück und dank Corona ist es dennoch möglich geworden, den Streifen trotzdem im Kino zu sichten. Überhaupt ist im Moment etwas passiert, von dem ich lange Zeit geträumt habe: Man kann einfach in die Lichtspielhäuser gehen und wird nicht etwa von Langeweile oder Kreativitätslosigkeit umspült, sondern erlebt ein Revival klassischer und moderner Filmvielfalt, dass sich die Balken nur so biegen. Ich möchte fast sagen, es ist eher schöner als vor Krisenzeiten.

Aus diesem Grund hab ich mich natürlich auch der Streifen angenommen, die jetzt wieder ins Kino kommen und die ich durch meine krankheitsbedingte Pause noch nicht rezensieren konnte. Dazu gehört u.a. Enkel für Anfänger, dem ich zuallererst mal das Prädikat „sehenswert“ attestieren möchte – und zwar aus einem Grund: Heiner Lauterbach.

Jap, dieser Kerl ist ein wahnsinnig angenehmer, sympathischer Zeitgenosse, den ich durch einige Faktoren sehr zu schätzen gelernt habe. In Der Fall Collini stiehlt er sogar Hauptdarsteller Elyas M‘Barek die Show und spielt alles und jeden an die Wand.

Vor einiger Zeit stieß ich beim Zappen dann mal in der ARD (yes 🤷🏼) auf den Film Ihr letzter Wille kann mich mal, den ich sowas von angenehm und überragend gut umgesetzt fand, dass ich auf die Suche nach weiteren Titeln mit Lauterbach gegangen bin und meine Meinung ändert sich auch bei Enkel für Anfänger kein bisschen.

Irgendwie schafft er es immer wieder, dem Film einen Charme zu verpassen, der einen im Kinosaal jede Argwohn gegenüber schlecht gemachtem, deutschen Kino vergessen lässt. Natürlich strapaziert man auch hier wieder die Gunst des Zuschauers und packt so ziemlich jedes üble Klischee deutscher Filmkunst in die Kiste, aber: Dieser Film hat definitiv seine Momente, und in allen davon ist Lauterbach ein Thema.

Auch einige Jokes und ulkige Szenen hat man im Drehbuch verankert, die ich ebenfalls gelungen fand und ihr dürft mir nun gern den Alterssenil-Stempel verpassen, wenn ich sage: Ja, man kann ihn sich wirklich ansehen, ohne dabei zu verzweifeln. Vielleicht werd ich aber auch doch bloß älter und krieg‘s nicht mit 😉

Großartige Schauspielkunst von Heiner Lauterbach: Der Mann kann definitiv spielen und ist ein Talent, der in diesem Streifen alles klischeehafte durch seine Anwesenheit und Art wieder raus reißt und dem Zuschauer ein wohliges Umfeld vergnüglicher Unterhaltung bietet. Auch wenn die Zielgruppe definitiv ARD ist: Auch im Kino funktioniert das Ding, wenngleich eine Matinée dafür wohl das beste Umfeld wäre – aber: er funktioniert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 6. Februar 2020

Original Title: Enkel für Anfänger
Length: 104 Min.
Rated: FSK 6


Narziss und Goldmund

Narziss & Goldmund - Filmplakat
© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Was tun, wenn sich Kino gegen das Urheberrecht wendet und den Wünschen eines Autors vehement widerspricht? Als Kinofan sollte ich diese Einstellung eigentlich begrüßen, als Kunstliebhaber und Wertschätzer ethischer Prinzipien läuft hier aber einiges schief.

Hermann Hesse hat nie ein Geheimnis darum gemacht, dass er niemals wollte, dass seine Werke verfilmt werden und bereits in den 70er Jahren ist man diesem Wunsch schon nicht nachgekommen und hat seine zum Teil als unverfilmbar geltenden Werke auf die Leinwand gebracht.

Ich kann es gewissermaßen nachvollziehen, denn vieles, was ein Autor machen kann, stößt in Bild- und Ausgestaltungsform sehr schnell an Grenzen, denen unsere Realität nun einmal unterworfen ist. Hier wahrlich die richtigen Stilmittel, Ausarbeitungsmethoden und optischen sowie akustischen Umsetzungen zu finden, die exakt den Wünschen des Autors und Urhebers entsprechen, ist nahezu ausgeschlossen. Es ist immer ein Kompromiss, der sehr leicht nach hinten losgehen kann.

Was man jetzt also davon halten kann, dass mit Narziss und Goldmund ein weiteres Hesse-Werk die Leinwand bespielt, darf jeder mit sich selbst ausmachen. Dass es zumindest in deutschen Landen verfilmt wurde und somit aus dem Geburtsland Hesses stammt, mag hier nur ein kleiner Trost sein, die Deutschen können deswegen nicht zwingend besser Kino machen wie bisher.

Unterteilt ist dieser Film mehr oder weniger in zwei Phasen, wobei ich bereits mit der ersten schon gravierende Schwierigkeiten hatte: Irgendwie absolut nicht mein Ding, nicht meine Zeit, nicht meine Umsetzung und die Schauspieler mir persönlich mega unsympathisch.

Danach greift die Boy-Masche, aber auch hier merkt man sehr schnell, dass Authentizität und Realismus nicht die gewünschten Kriterien waren … und zu dem Zeitpunkt hab ich dann auch die Wunschvorstellungen von Hesse abgekoppelt und es als „eigenständigen Film“ betrachtet, der dann durchaus seine sympathischen Momente entwickelt, jedoch mit historischen Lücken und unzähligen Fehlern glänzt – sofern man für so etwas ein Auge hat.

Wer sich daran nicht stört, dem wird optisch viel geboten, auch der historisch-kritisierte Look hat etwas für sich: Man muss eben immer mit dem Deal klar kommen, dass dafür die Echtheit der Zeitgeschichte eingebüßt wird, dann kann man mit dem Rest durchaus seinen Spaß haben.

Man sollte Hesse nicht verfilmen, dann kommt man auch mit diesem Streifen klar: Durch seine eigene Weise entwickelt er im Verlauf durchaus charmante Momente und bietet auf jeden Fall optisch einiges zum Besten. Historische Korrektheit oder glaubwürdige Umsetzungen darf man aber keinesfalls erwarten.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 12. März 2020
Heimkino-Start: 17. September 2020

Original Title: Narziss und Goldmund
Length: 118 Min.
Rated: FSK 12


Marie Curie

Marie Curie - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Mit dem Namen Marie Curie verbindet man eigentlich nur die Entdeckung der Radioaktivität, ansonsten weiß man relativ wenig über diese Frau, zumindest ging’s mir so. Aus diesem Grund schätze ich Movies, die sich näher mit dem Leben bekannter Persönlichkeiten auseinander setzen, so entfällt trockene Recherchearbeit oder mühsames Biografien-Lesen und man kann sich in spielerischer Art und Weise mit Wissenslückensschließung beschäftigen und hat dabei im Optimalfall sogar noch richtig Spaß dabei.

Hier muss ich euch leider enttäuschen: Die „weibliche Variante“ der beiden derzeitigen Entdecker-Biografie-Verfilmungen ging leider deutlich nach hinten los.

Irgendwie hatten die Macher zwar Fakten auf dem Tisch liegen, dabei aber weniger Ahnung vom Filmemachen, denn das Ergebnis fühlt sich extrem trocken, rau und unglaublich nach quälender Schulstunde an. Es ist too much. Man versucht, zwei sich völlig abstoßende Elemente miteinander zu vermischen und möchte vehement nicht einsehen, dass hier kein Mischungsverhältnis stattfinden wird, sondern es dafür noch andere filmische Zutaten bräuchte, um daraus etwas Rundes entstehen zu lassen. Stattdessen hackt man immer zwischen ihrem wissenschaftlichen Durchbruch und dem „restlichen Leben“ Szenen an Szenen, die so keinerlei Verbindung finden und man sich als Zuschauer dabei fühlt, als wäre man in zwei Filmen gleichzeitig, die partout miteinander um die Vorherrschaft der Leinwand kämpfen, statt gemeinsam eine Geschichte zu erzählen.

Und durch die Machart und wenig vergnüglichen Elemente schafft man hier eben hartes Uni-Feeling: Stoff, Stoff, Stoff… und nochmal Stoff, Stoff, Stoff. Dieser Film hat keine übliche Spannungskurve, die den Zuschauer in irgendeiner Weise dazu motivieren würde, mitzugehen oder bei Laune zu halten, sondern das Niveau ist da und bleibt einfach so. Es gibt keine Aufregung, es wird nicht emotional, es sind harte Fakten und gnade dir Gott, du steigst aus und verlässt den Saal. Genau so ungemütlich wird sich das vermutlich für die Masse im Kinosaal anfühlen und deshalb läuft der Titel auch gar nicht überall, was wiederum ein schlechter Schachzug ist.

Normalerweise sollte man genau solche Filme ja eigentlich für Menschen produzieren, die sich üblicherweise nicht für Physik, Geschichte oder Themen in diesen Bereichen interessieren, um hier Aufklärung zu betreiben, Allgemeinwissen zu schaffen und sie möglicherweise so damit anstecken, dass sich ihr Bildungsweg dahingehend ändert und sie später beruflich in diese Richtungen gehen wollen. Inspiration, Anstachelung zu eigenen Höchstleistungen… eben all das, was man von Kino erwartet, findet hier nicht statt.

Marie Curie ist vielmehr ein professorisches, elitäres Stück, das damit auch genau die Fraktion anspricht, die auf solche Filme nicht mehr angewiesen sind, weil die ihnen dann nichts neues mehr zu bieten haben – und damit endet für mich der Streifen förmlich als „Rohrkrepierer“, da die Zielgruppe völlig verfehlt wurde.

Fühlt sich an wie eine nicht enden wollende Schulstunde, in der man mit Stoff bombardiert wird, der keinerlei Spannungskurven aufweist, sondern einfach nur anstrengt: Die elitären Gruppen, die das interessieren könnte, dürften die vermittelnden Inhalte schon längst kennen. Damit hat der Film seinen Bildungsauftrag verfehlt und als „Kino-Unterhaltung“ versagt er völlig.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Radioactive
Length: 110 Min.
Rated: FSK 12


Paw Patrol: Mighty Pups

Paw Patrol - Mighty Pups - Filmplakat
© 2020 Paramount Pictures Germany GmbH

Die Befürchtungen waren riesig bei allen Menschen, die dem Kindeskindalter entwachsen sind, und ich sag‘s mal so: Machen wir ein Trinkspiel des Todes daraus 😀

Bei jedem „Super“ im Film einen Shot und ihr seid spätestens nach 3 Minuten tot.

Dass sich Transformers und der ganze Kruscht daran orientiert, die Merchandise-Marketing-Maschine anzuwerfen und daraus oft keinen großen Hehl macht: Geschenkt. Sollen sie, immerhin mag ich die transformanten Viecher selbst ohne Ende und hab auch nix dagegen, wenn solche übergroßen Figuren dein Wohnzimmer übernehmen. Same with Lego, same with Barbie, same with Wendy & Co. und und und.

Da stand aber der Filmspaß im Vordergrund und man konnte – auch ohne Merch – trotzdem einigermaßen Freude im Kino empfinden, zumindest, wenn die Leinwände groß und die Boxen laut genug waren.

Nickelodeon, toggolino und Co. sind aber von Beginn an darauf ausgerichtet, Spielzeuge zu verkaufen und hier ist in meinen Augen ein viel zu lang unkritisiertes Phänomen am Start: Es werden keine Filme mehr gemacht, zu denen es dann Figuren gibt, sondern es gibt Figuren, zu denen irgendwas produziert wird, um die Figuren auch zu verkaufen.

Diese Tatsache schlägt bei Paw Patrol: Mighty Pups so hart an, dass es auch mit viel Product-Placement-Toleranz schwer fällt, dem Film wirklich den Willen abzugewinnen, als eigenständiges Werk existieren zu wollen, denn das Ganze gleicht eher einer Marketing-Verkaufs-Show für die Hundies und weniger einer gut erzählten Geschichte.

Und dabei reiht sich ein „Ich bin Super-Hundi mit Superkräften, der super gelaunt diesen Super Auftrag super ausführen wird“ ans nächste, dass mehr oder weniger das gesamte Kino hinterher sich ausschließlich mit „Super“-Sätzen unterhalten hat, weil‘s jeder (auch die Kids) irgendwie affig fand. Böse Zungen mögen behaupten, man wollte so die Produkte mit einem gewissen Verkaufsadjektiv bestücken … aber in dieser Übertreibung geht der Schuss „super“ nach hinten los.

Ich hätte durchaus meinen Spaß daran haben können, denn wie ihr wisst, schau ich mir auch jeden Kinderscheiß an und bewerte ihn hier und bin deshalb auch für solche Geschichten „kritisch empfänglich“, aber das war mir tatsächlich extrem zu viel.

Gut animiert, ja, und wenn man sich mit viel Gewalt von der Merch-Schiene abwendet, dann mag auch die „Story“ ihre liebenswürdigen Momente haben, denen man sogar einen pädagogischen Touch abgewinnen könnte (Zielgruppe: Eben-noch-Baby-gewesen), aber als Erwachsener sollte man definitiv 3 Gallonen Schnaps mit in den Saal nehmen, um die Show einigermaßen zu überleben.

Die Merchandising-Absichten zerstören alles andere über die Maßen, dass einem Hören und Sehen im wahrsten Sinne des Wortes vergeht. Lieber unterschwelligeres Product-Placement als diese „Verkaufs-Show“ für die Spielzeuge, dann hätte man am Film Spaß – und wer will, hinterher an den Figuren beim Spielen auch noch. So wirkt alles extrem übertrieben und seltsam im Kino und man hat das Gefühl, einer kompletten Verkaufssendung beizuwohnen.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Teleshopping lässt grüßen.

Kinostart: 5. Juli 2020

Original Title: Paw Patrol – Mighty Pups
Length: 90 Min.
Rated: FSK 0


Into the Beat – Dein Herz tanzt (inkl. Gewinnspiel)

Into the Beat - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Hinweis: Unter diesem Beitrag gibt es ein Gewinnspiel, bei dem 2x das Buch zum Film aus dem 360 GRAD VERLAG verlost wird.

Reden wir mal über Sprache, Ausdruck und Verständnis. Denn genau dies ist für diesen Beitrag eine essentielle Voraussetzung, um miteinander kommunizieren zu können.

Sprache ist für mich grundsätzlich fehlerhaft. Als Blogger und Autor bin ich jemand, der sich tagtäglich mit Wörtern, Wortschöpfungen, Sprachentwicklung und Veränderlichkeit auseinandersetzt. Der Gewinn von Sprache liegt darin, einander Dinge zu sagen und nicht allzuoft dabei zu scheitern, dass der andere sie gänzlich missversteht. In Anbetracht dieser Tatsache fühlt es sich schon mal grundlegend demütig und defensiv an, überhaupt etwas zu äußern.

Dann kommt Ausdruck. Ausdruck gibt es zum Beispiel mit Worten, oder mit Mimik oder Körpersprache. Hier liegt die Interpretationsfreudigkeit wieder auf einem völlig anderen Niveau, denn es gibt kein „Wort“, das man „so oder so“ verstehen kann, sondern das Spektrum ist viel weiträumiger gefasst. Ausdruckstanz zum Beispiel kann unzählige Interpretationsmöglichkeiten bieten und von jedem anders verstanden werden, obwohl alle in der selben Vorstellung hocken.

Daraus leitet sich dann das ganz persönliche Verständnis ab: Die „fertige“ Interpretation des Ausdrucks dessen, das irgendwer irgendwo gesagt haben will. Sprich: Es ist von vornherein absolut unmöglich, dass bei einer Sache alle tatsächlich exakt dasselbe verstehen, denn allein schon die Wortbedeutung interpretiert jeder Mensch mit unterschiedlicher Gewichtung und in verschiedene Richtungen (je nach Erfahrung etc.). Ziel ist hier viel mehr die Annäherung und möglichst große Teilmenge beider Parteien.

Diese Sache setze ich persönlich zum Beispiel grundsätzlich voraus, vor allem hier im Blog. Ich habe seit Bestehen immer wieder verkündet und darauf geachtet, darzulegen, dass dies hier alles meine persönlichen Ansichten und Meinungen sind, dass ich journalistisch betrachtet den totalen Klogriff abfeiere. Nix mit Objektivität, nix mit „beide Seiten gleichermaßen darstellen und den Zuschauer entscheiden lassen“, sondern subjektiv, polarisiert, einseitig, die eigene Meinung.

Jeder, mit dem ich persönlich gesprochen habe, weiß, dass es hier ausschließlich um meinen eigenen Geschmack geht und dass ich selbst sehr wohl weiß, dass dieser keine Allgemeingültigkeit hat, sondern ich immer wieder dazu aufrufe, sich ein paar Filme durchzulesen um meinen Geschmack einigermaßen kennenzulernen und dann entweder Gemeinsamkeiten oder Differenzen zu entdecken und sich daran zu orientieren.

Bei Into the Beat prallen nun Welten aufeinander, die dermaßen kontroverse Diskussionen in den Kinofoyers ausgelöst haben, dass ich mich nun tatsächlich tagelang darauf vorbereitet habe, hierzu etwas zu äußern und dabei den bereits auf mich zufliegenden Steinen auszuweichen 😀

Ganz einfach:

Ich bin kein „Tanzfilmtyp“. Street DanceHoneyFootlooseStep Up und wie sie alle heißen mögen: Ich „hasse“ dieses Genre, denn der Plot ist mir einfach zu platt und die Gegensätze zu krass. Ich persönlich kann dieser Kunstform absolut nichts abgewinnen.

Irgendein Mädchen/Junge aus dem „klassischen“ Sektor entdeckt „rebellisches Hip Hop“ und macht es sich zur Lebensaufgabe, gegen die alten Vormünder zu rebellieren und das Genre zu wechseln, entdeckt dabei ganz zufällig noch die Liebe und am Ende liegt sich jeder in den Armen und alles ist toll, weil Hip Hop auf einmal Bach und Chopin ablöst.

So könnte man bausteinhaft jeden dieser Filme beschreiben und der Plot würde sich jedesmal wieder 1A in das Systemgefüge einpassen lassen, denn davon gibt es partout keine Abweichungen.

Was bleibt, sind also die Dance-Moves, die Körperbeherrschung und Kraft benötigen, was ich als Laie nun auch wiederum extrem schwer einschätzen kann: Für mich sieht das mehr oder weniger sowieso alles „gleich“ aus und ist demnach „unspektakulär“, denn es reizt mich nicht und man kann mich damit – auch wenn es vielleicht mega professionell ist – nicht vom Hocker reißen.

Also geh ich hin und „blende den ganzen Tanzmist aus“ und bewerte die Filme nach reinem Kinovergnügen. Und da sind mir bei Into the Beat tatsächlich einige positive Aspekte aufgefallen, für die mich manche inzwischen schon mehrfach gesteinigt haben :D

Bislang war in solchen Filmen der „emotionale Abstand“ der einzelnen Charaktere immer sehr schwarz-weiß. Es gab keine Grautöne: entweder, oder – oder tot. Man durfte als „Klassikliebhaber“ noch nicht mal „normales Radio“ anmachen, sondern ausschließlich Klassik hören, während Rapper keinerlei Annäherung an andere Musikgruppen oder -geschmäcker entwickeln durften, ohne unten durch zu sein. Auch innerhalb von Familien oder (vormals) engen Freunden absolute Nulltoleranz. Diese Zerrissenheit ist mir immer too much gewesen, und genau da fing man hier durch stilistische Mittel an, sich einander anzunähern.

Dies kommt in Form von ausbleibenden, erwarteten Streits zum Beispiel oder der geheiligten Tonspur, auf die ich gern weiter eingehen möchte. Der Film hat einen ganz bestimmten Takt und es gibt keine krassen „Risse“, sogenannte Hard Cuts, die abrupt abbrechen und in das andere Genre wechseln, sondern man fadet immer sehr smooth durch die einzelnen Lager und verbindet alles, während der Zuschauer seinen wippenden Fuß niemals unterbrechen muss, sondern den Beat durchweg mit Metronom weiterverfolgen kann. Und auch die Bilder switchen manchmal, obwohl der Klang der gleiche bleibt und man deutlich merkt, dass auch der „Gegner“ zu den eigenen Tönen Bewegungen machen kann, die zueinander passen. Musikalisch bewertet also absolut spitze gelöst, was wiederum nichts über den Plot oder die Realität der Handlungen aussagt.

Nun kommen die Tanzfilmkritiker und schreien rum, dass die zwei nichts drauf hätten – und ja, auch da hab ich tatsächlich schon beeindruckendere Moves gesehen, jedoch ist dieser Teil für mich gar nicht die Absicht des Films gewesen (was der Trailer fälschlicherweise vermittelt hatte), sondern es geht vielmehr um eine Geschichte, die dann leider wieder an den Tanzfilm-Klischees struggelt und schließlich daran stirbt.

Der Plot ist also nach wie vor kacke, die (akustische) Umsetzung fand ich diesmal aber definitiv viel besser gelungen als bei anderen Filmen dieser Art. Der Soundtrack macht im Kino wirklich Spaß und auch die Stücke wurden meines Erachtens gut ausgewählt … das war einer der Gründe, weshalb ich den Film tatsächlich bereits 2x gesehen habe: Der Beat ist unvergleichlich und den Soundtrack würde ich mir sofort holen.

Was in meinen Augen auch ganz okay war, ist das Zusammenspiel der beiden Hauptcharaktere. Es wird viel gelacht, weniger verurteilt, alles etwas lockerer gehalten: Die Nulltoleranz wird umgangen und auch da finden sich wieder Annäherungen, die ich so von anderen Filmen dieser Gattung bislang nicht kannte.

Was mir gefehlt hat, war ein „ordentliches Finale“. Da merkt man dann, dass die Macher scheinbar keinen Bock auf einen Tanzfilm hatten und – bei genauerem Hinsehen – entdeckt man dies den ganzen Film über andeutungsweise in Form der einzelnen Schnitte. Immer dann, wenn’s zur Sache gehen sollte, beendet man die Szenen oder führt andere Blickwinkel ein, sodass man leicht überspielen kann, dass die artistische Leistung eben nicht so beeindruckend ist, wie man sie möglicherweise aus dem Theater oder Ballett tatsächlich kennen könnte – und dieses „Nicht können“ mündet in einem absolut unbefriedigendem Finale, dass eben keinen Paukenschlag abfeiert, sondern eher verblüffend ruhig und unwirklich daherkommt.

Damit ist der Film zerrissen, und das hört man danach auch vom Publikum: „Niemand würde sich entscheiden, so eine Karriere abzubrechen, wenn man bereits so weit gekommen ist“ vs. „Wenn du es von Anfang an nie wolltest, aber vom Vater dazu gezwungen wirst, wird es höchste Zeit, die Karriere abzubrechen, weil sie dich dauerhaft nicht glücklich machen würde“, „Die Moves waren Klasse“ vs. „Was sollte das? Was können die überhaupt?“, „Der Film hat mich auf allen Ebenen berührt und ist einfach toll“ vs. „Das war die totale Scheiße und sogar für einen Tanzfilm mega schlecht“ … die Meinungen gehen hier so krass auseinander, dass ich eigentlich sagen müsste: Gut gemacht, nur ein Film, der extrem polarisiert, ist ein guter Film … und dafür landen wahrscheinlich gleich wieder 300 Steine an meinem Kopf.

Also: Machen wir’s anders.

Gewinnspiel

Into the Beat - Book Cover
Buchcover „Into the Beat“ – Das Buch zum Film aus dem 360 GRAD VERLAG

Mir wurden nämlich freundlicherweise zwei Bücher zum Film aus dem 360 GRAD VERLAG zur Verfügung gestellt, die ich hiermit an euch weiterverlosen möchte.

Da hätten wir das nächste Kriegsgeflecht: Film vs. Buch, wenn der Film also schlecht ist, kann das Buch ja nur gut sein – und die eigene Fantasie und Kreativität im Kopf regt einen ja beim Lesen bekanntlich auch immer monströs an, weshalb ich das Buch jedem ans Herz lege.

Schreibt einfach bis einschließlich Montag, den 20. Juli 2020 in die Kommentare, zu welchem Song ihr zu Hause ganz gerne mal tanzt (oder tanzen würdet) und welche Beats euch in Wallung bringen.

Die beiden Gewinner*innen werden anschließend im Losverfahren ausgewählt und von mir benachrichtigt, gebt also bitte eine gültige E-Mail Adresse an, unter der ich euch erreichen und nach der Adresse fragen kann. Diese wird ausschließlich im Rahmen der Verlosung von mir persönlich genutzt und nach dem Versand wieder gelöscht.

Nun drücke ich euch die Daumen, wünsche allen viel Glück und sage mal vorsichtig: Geht ins Kino und bildet euch eure eigene Meinung – und lasst sie mich hinterher wissen 🙂

Kontrovers, deutsch, scheitert beim Plot an den üblichen Struggles des Genres, aber: Geheiligt sei die Tonspur: Hier wurde beeindruckend gearbeitet. Ein Film, der Diskussionen auslöst und entweder geliebt oder gehasst wird.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Werden mit einigen Tanz-Choreos eingeleitet, faden dann aber ins Schwarz und enthalten keine weiteren Szenen. Aufstehen erlaubt.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Into the Beat – Dein Herz tanzt
Length: 98 Min.
Rated: FSK 0


Eine größere Welt

Eine größere Welt - Filmplakat
© 2020 MFA+ FilmDistribution

Ich weiß, viele von euch kennen dieses Gefühl nicht, also versuch ich‘s mal zu beschreiben. Was Stadt ist, wisst ihr. Was Gebäude, Autos, Geräusche, Menschen, Ansammlungen, alltäglicher Lärm ist.

Irgendwann ist das alles vorbei, je mehr man auf dem Land wohnt. Es wird Abend, es wird Nacht, die Menschen gehen schlafen und außerhalb der Großstadt erobert dann die Natur ein Stück ihrer selbst zurück. Es wird ruhig, Bäume rascheln etwas lauter, der Wind wird hörbar, Pfützen beginnen zu singen, die Regentropfen plätschern über die Baumwipfel auf dem Weg nach unten und lassen immer wieder das zärtliche „Pitsch Platsch“ auf jedem der Blätter ihres Weges erklingen.

Dann kommt die Ruhe. Die Einsamkeit. Das Alleinsein und Eins sein mit sich selbst. Die Gedanken. Nirgendwo steht das „erlösende eigene Auto“, dass einen schnell wieder binnen Minuten zurück in die Zivilisation bringt. Nirgendwo ist der sogleich wieder angekuppelte Stecker zum „Supermarkt“ um die Ecke, nirgendwo ist Zivilisation.

Nur du und die Natur.

Ich habe diese Erfahrungen oft gemacht in den Jahren, die ich draußen gelebt habe – ganz bewusst. Ich wollte mich von den Menschen abnabeln, zu mir selbst finden, mein eigenes Szenario zwischen der Erde und meinem Körper erschaffen – und es ist mir in vielerlei Hinsicht auch gelungen.

Warum ich das alles erzähle? Eine größere Welt ist eine großartige Errungenschaft, die eben jene Erfahrungen gefühlvoll einsammelt und den Menschen näher bringt, ohne dass die dafür in den Outdoorshop rennen und sich für die Wildnis rüsten müssen. Der „Übergang“ zwischen menschlicher Hektik und heilsamer Natur ist fließend und kommt völlig ohne Schmerz oder seelisches Leid aus. Der Zuschauer wird eingesammelt und liebevoll auf dem Weg dahin begleitet und ganz behutsam in eine Welt geführt, nach der ich mich – heute – wieder extrem sehne.

Das Motto des Films – diese „größere Welt“ – zu entdecken, ist für viele sprachlich ein unüberwindbares Hindernis, da der Mensch per se dazu erzogen wird, ihm unbekanntes vorerst zu verdammen und nicht über den Schatten seiner selbst zu springen.

Worum es hier geht, mag auf den ersten Blick ebenfalls mystisch und verborgen erscheinen, entfaltet aber im Laufe seiner Zeit eine faszinierende Anziehungskraft, die deshalb so stark ist, weil es eben kein esoterischer Humbug, sondern vielmehr eine von Authentizität untermalte Interpretation einer wahren Geschichte ist, die inzwischen – man höre und staune – sogar wissenschaftlich untermauert ist und als eine der Grundlagen für neurologische Forschung gilt.

Die Hauptdarstellerin im echten Leben begleitete die Entstehung des Films allzeit beratend und es war den Machern ein großes Bedürfnis, im Einklang mit ihren Empfindungen und Erlebnissen zu sein, denn “zum ersten Mal war nicht ich es, die das Thema wählte, sondern das Thema mich“ – so die Regisseurin Fabienne Berthaud.

Dieses Fundament an Glaubwürdigkeit spürt man im Film überdeutlich. Es gibt durchaus Elemente, die fürs Kino gemacht und als unterhaltsames Gimmick eingebaut werden mussten, die Gedanken dahinter, das Entdecken, die Reise durch die Horizonte menschlichen Denkens entfacht aber solch ein energiegeladenes Ereignis, das im Verlaufe der Zeit tatsächlich Früchte zu tragen beginnt und den Zuschauer mit einer total fremden Lebens- und Verhaltensweise konfrontiert.

Genau das macht es in meinen Augen im Kino gerade spannend: Keine unliebsamen Wege, kein zeitraubendes Rausreißen aus alten Gewohnheiten, gepaart mit Ausreden, warum dies und das nicht geht, sondern die irre moderne Chance, eine ganze Errungenschaft eines Lebens in nur 100 Minuten zu konsumieren und an den Ergebnissen teilzuhaben.

Und spätestens, wenn die Trommeln einsetzen und sich die Fülle akustischer Eloquenz durch die Luft ausbreitet, spätestens dann seid ihr froh, ein Kino als Ort gewählt zu haben, an dem ihr diesen Film zum ersten Mal seht. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes einfach unbeschreiblich!

Eine wahre Errungenschaft, die die Reise aus der westlichen Welt hinein in seelischen Frieden und innere Neuentdeckung antritt, ohne dabei über die üblichen Steine esoterischer Unglaubwürdigkeit zu stolpern. Die wahren Begebenheiten dieses Films dienen noch heute als Grundlagen neurologischer Forschungen.

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Zeigt Bilder der „echten“ Corine und weitere sehenswerte Einblicke in die Echtheit des Films. Sitzenbleiben lohnt sich also.

Kinostart: 09. Juli 2020

Original Title: Un Monde Plus Grand
Length: 100 Min.
Rated: FSK 12


Undine

Undine - Filmplakat
© 2020 Piffl Medien GmbH

Christian Petzold und Franz Rogowski gehören zusammen wie Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese – mit dem Unterschied, dass erstgenannte einheimische Filmschaffende sind, die – genau, wie bei Scorsese auch – einen ganz eigenen Filmgeschmack liefern und sich dabei konsequent treu bleiben.

Filme mit Rogowski muss man mögen, seine spezielle Art mag nicht jedem angenehm erscheinen. Er selbst spielt oft den etwas unnahbaren, ruhigen, gesellschaftlich-defensiven Charakter in seiner ganz eigenen Welt, die – nach einigem Betrachten – für den Zuschauer ihre ganz eigenen, kleinen Schönheiten zu offenbaren und damit durchaus zu punkten weiß.

Das war in LUX – Krieger des Lichts so, das war in Transit so, das war in In den Gängen so – und da macht nun auch Undine keinen Unterschied.

Genau das erhebt sich bei dem aktuellen Werk Petzolds zu seinem möglicherweise größten Problem auf: Die Vergleichbarkeit mit seinen früheren Werken, insbesondere Transit. Schreibt man ein paar Namen, Momente, Orte und andere Kleinigkeiten um, erhält man das dramaturgische Pendant zu seinem einstmals gefeierten Werk.

Der Märchen-Charakter, den Petzold mit seiner Erzählung der Geschichte entlocken will, möchte nicht so recht aufkeimen, auch wenn die an Berlin angelehnte Darstellung einer Großstadt durchaus verlockend neu erscheint.

Als Zuschauer läuft man aber vielmehr mit der Sinnfrage dem Ausgang entgegen, die der Film an sich nicht so richtig beantworten möchte. Das dramaturgische Trara, das Wiener Opernball-Feeling von anderen Märchen dieser Art bleibt hier völlig aus und macht dem kalten, betonhaften, stumpfen Klang einer fast schon dystopischen Welt Platz, die wiederum überhaupt nicht romantisch und damit von Märchen so weit entfernt ist wie kaum etwas.

Trotz allem punkten beide Hauptdarsteller – sowohl Rogowski als auch Paula Beer – wieder durch ihr überzeugendes Schauspiel, wenngleich sich eine dritte Koryphäe unbemerkt ins Bild schleicht: Die Geschichte der Stadt Berlin, die man hier ganz nebenbei ziemlich gut in Szene gesetzt hat und die Hauptstadt damit in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

Damit gehört der Film für mich zu den absoluten Nischenfilmen, für die man sich bewusst entscheiden muss, um sie zu mögen. Die breite Masse dürfte damit ganz sicher ihre Schwierigkeiten haben.

Erinnert zu stark an Transit und verfitzt sich ein bisschen bei dem Versuch, das Märchenhafte zu erschaffen. Dennoch überzeugen die Hauptdarsteller durch ihr Können und auch die Stadt Berlin erlebt hier würdige Huldigungen. Nischenkino.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiterführenden Szenen, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 02. Juli 2020

Original Title: Undine
Length: 89 Min.
Rated: FSK 12