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Master Cheng in Pohjanjoki

Master Cheng in Pohjanjoki - Filmplakat
© 2020 MFA+ FilmDistribution

Was ist das Problem mit unaussprechlichen Filmtiteln? Die Mundpropaganda versagt.

Sagt einfach Master Cheng – dann sollten alle Bescheid wissen. Aber: Geht rein… dann wisst ihr nämlich selbst, warum dieser Streifen empfehlenswert ist.

Man nimmt sich nicht mal einfach nur Zeit, um die ganze Krankheit unserer Ära und der Welt für ein Weilchen zu vergessen, sondern serviert mit viel Liebe, Drama und natürlicher Schönheit ein Leben jenseits von Tod und Verderben. Master Cheng in Pohjanjoki zählt zu den Werken, bei denen man sich gemütlich zurück ins klimatisierte Kino verziehen, die Füße hochlegen, ein eiskaltes Getränk genießen und die Show verlustieren kann: Man findet definitiv zurück zu seiner inneren Gemütsruhe und seelischen Ausgeglichenheit und hat das Gefühl, dass alles wieder gut wird.

Dass dabei in so vielen unterschiedlichen Gefühlslagen geschwärmt, gelobt, geliebt und zelebriert wird, eröffnet für den Zuschauer ein Bad voller positiver Gefühle. Man merkt so oft, wie zielgerichtet die Macher hier auf die pure Romantik und emotionale Verliebtheit zurückgegriffen haben, denn manchmal braucht es gar keinen Plot, sondern allein die Bildeinstellungen und Natureindrücke reichen, damit es einem in diesen Momenten einfach nur gut geht.

Untermalt ist diese ausgelassene Gemütlichkeit von dem filigranen finnischen Charme, den man schon aus so manch anderem Streifen kennt, der hier aber so unterschwellig und fundiert auftritt, dass nicht das Gefühl von verkrampftem Humorzwang aufkommt, sondern man hat echte Glücksgefühle bei der Sache und kann sich voll in die Story abgleiten lassen.

Und wenn ihr danach Hunger habt: Wie wär‘s mit asiatisch? 😉

Mit sehr viel Liebe, Romantik und natürlicher Schönheit umhüllt man die Seele des Zuschauers und sorgt für ein ausgeglichenes, seelisches Gleichgewicht – ein Film, den man sich definitiv nicht entgehen lassen sollte.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 30. Juli 2020

Original Title: Mestari Cheng
Length: 114 Min.
Rated: FSK 6


Downhill

Downhill - Filmplakat
© 2020 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Will Ferrell ist für mich ein zweischneidiges Schwert: Entweder sind die Filme mit ihm hammergeil oder eher unlustig und irgendwie seltsam … und meist eher letzteres.

Downhill verbinde ich nun erstmal mit sportlichen Aktivitäten und dachte mir: Entweder wird‘s irgendwas in Richtung Rennen, Wettbewerb oder Sportfilm, oder: Es geht in Richtung Horror, was ich mir bei Ferrell dann aber eher wieder weniger vorstellen kann.

Wer genau hinsieht, der liest den Untertitel: “Ein etwas anderer Katastrophenfilm“, was es im Nachhinein dann exakt auf den Punkt bringt: Hier ist nämlich alles komplett anders… bis hin zum Katastrophen-Typus, der in eine Richtung geht, die nun wirklich absolut überhaupt keiner an dieser Stelle erwarten würde.

Nach Ferrellscher Manier wird auch hier wieder an Comedy-Einlagen nicht gespart und man hat definitiv seine witzigen Momente, schlittert allerdings – wie das in den Bergen so oft der Fall ist – in Gänze doch ein wenig am Ziel vorbei respektive weiß einfach nicht, wohin das alles führen soll.

Mir fehlt da ein wenig der rote Faden. Das Streben nach irgendwas, worauf man hinaus möchte, eine Tendenz oder etwas, worauf man hinarbeitet und es dann am Schluss auflösen möchte: Das ist zwar irgendwie da, aber irgendwie auch nicht. Was mich wieder zurück zum Anfang führt: Irgendwie ist der Film witzig, irgendwie aber auch nicht.

Und diese Halblebigkeit stört. Man ist zwar nicht enttäuscht, dass man den Titel gesehen hat, aber definitiv verstört, warum das jetzt nun alles gedreht wurde.

Hier kommen dann wieder meine kapitalismuskritischen Augenblicke ins Spiel: Es ist natürlich eine Huldigung an das „schöne Österreich“ und wie geil hier alles aussieht und wie toll man – auch als Ami – hier doch Filme drehen kann und Kohle in die Regionen bringen.

Unter diesem Gesichtspunkt könnte man durchaus ein wenig Aggressionen aufbauen, denn das offensive Bewerben dieser Region ist allzeit gegenwärtig und war mir stellenweise fast schon ein wenig zu viel – aber ich kann das als jemand, der in solch einer Gegend lebt und wohnt, kaum objektiv einschätzen, vielleicht geht es anderen an dieser Stelle ja anders.

Wenn man das Gros der Filme von Will Ferrell kennt, kann man relativ gut abschätzen, was hier geliefert wird: Es ist nicht dumm-lustig, sondern hat ein gewisses Niveau, plätschert aber mit einer gewissen Orientierungslosigkeit dahin und darum betören eher die landschaftlichen Augenblicke und Naturphänomene. Als ein Film, der offensichtlich eine ganz andere Intention hegt, ist dies natürlich suboptimal und sorgt für gewisse Verwirrung beim Verlassen des Saals.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Es folgen noch einige Outtakes, danach ist Schluss.

Kinostart: 20. August 2020

Original Title: Downhill
Length: 87 Min.
Rated: FSK 6


Follow Me

Follow Me - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Am gestrigen Tag startete Follow Me in den deutschen Kinos und ich empfehle allen Freunden von unterhaltsamen Filmen, die einen einigermaßen gehärteten Magen vorweisen können, ein Kinoticket dafür zu ergattern: Es lohnt sich – aus mehreren Gründen.

Der geneigte Fan von ambitioniertem Slasher-Blood-Gore-Horror-Grusel-Schocking-Kino ist inzwischen ja schon pornös abgestumpft und kriegt immer mehr Futter, das einen Trieb im menschlichen Geist füttert, der ihn sich für nichts mehr begeistern lässt, außer noch mehr Blut, noch verstümmeltere Leichen, noch mehr Brutalität … und das artet dann so aus wie es z.B. Mit der SAW-Reihe passiert ist: Teil 1 mit gefühlvollen Einlagen, nachvollziehbaren Gründen und einem wahnsinnig einträglichen Twist und ab Teil 2 dann mit Vollrausch in immer sinnlosere Brutalität und „Action“, der auch ich als Fan des ersten Teils keine Genugtuung mehr abgewinnen konnte.

Nicht so bei Follow Me. Inzwischen kennen wir ja einige durchtriebene Hirnficks, die auch in der Filmgeschichte ihre Spuren hinterlassen haben und als „Merkmal“ gelten, das jeder kennt, Hostel zum Beispiel. Hier waren mir aber immer die Story und die erwarteten Gewalt-Elemente zu hart voneinander getrennt. Genau diesen Punkt haben die Macher von Follow Me in meinen Augen sehr viel besser gelöst, indem sie die Grenzen zwischen Fiktion und Realität derart verschwimmen und die Erzählung von gemächlicher Normalität langsam in andere Dimensionen gleiten, es sich dabei aber dennoch nicht nehmen lassen, den Film in einem gewaltigen Twist enden zu lassen.

Diese fast schon absolut alltägliche Realität, die so viele Menschen inzwischen durch ihre Sucht nach Social Media kennen, ist hier so unglaublich präsent und wahrheitsgetreu nachgebildet, dass der Sprung hin zu „Ist doch nur ein Film“ tatsächlich sehr schnell verschwimmt.

Und auch in punkto „Na, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben“ zieht man hier völlig neue Saiten auf: Inzwischen sind wir ja viele Aktionen und „Forderungen“ aus solchen Gewaltexzessen gewöhnt. Auch hier erlebt man als Zuschauer eine erfreulich neue Interpretation des Genres, die sich in Richtungen entwickelt, die ich ehrlich gesagt nicht gedacht hätte.

Und wer jetzt ganz genau hin schaut, der entdeckt sogar noch liebevolle Kleinigkeiten (wie z.B. Die 30-Minuten-Regel), was wiederum aufzeigt, mit welchem Kopf das Kreativteam hier rangegangen ist.

Es wirkt fast so, als hätten sich die Jungs und Mädels hingesetzt und geschaut, was bisher alles so auf den Markt kam und daraus dann endlich ein funktionierendes Gestell gebastelt, welches den Zuschauern ungeniert serviert werden kann und auf voller Länge überzeugend rüberkommt.

Insofern: Alles richtig gemacht, Escape Room war schon der Bringer, Follow Me ist es genauso und ich hoffe, dass wir aus dieser Ecke in Zukunft noch einiges mehr sehen dürfen.

Überzeugt auf allen Ebenen: Tolle Story, teils bekannte Elemente völlig neu interpretiert und in sich schlüssig und völlig im Reinen: Großartig umgesetzt und bis zum Schluss spannend – mit einem wunderbaren Finale. Reingehen!

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hier wird gewissermaßen ein gewichtiger Punkt der Auflösung präsentiert, also unbedingt sitzen bleiben.

Kinostart: 20. August 2020

Original Title: No Escape
Length: 92 Min.
Rated: FSK 16


I Still Believe

© 2020 StudioCanal

Und kaum, dass man für Religion ein paar positive Worte übrig hatte, kommen wir auch schon wieder zu den Schattenseiten dieses Daseins: Christliches Gedankengut und Handlungsweisen.

Um mal eins klarzustellen: Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen ihre Religion ausüben und für sich in Anspruch nehmen, es als Hilfe, Stütze, Lebensinhalt oder was weiß ich hernehmen, so lange damit andere nicht gefährdet oder beeinflusst werden und es in einem ethischen und moralisch vertretbaren Rahmen vonstatten geht … und der ist höchst eng bemessen.

I Still Believe legt sich als Werk vollständig in diese christliche Wiege und macht auch keinen Hehl darum, was für Außenstehende dazu führt, dass man sich nicht zwingend dem Glauben zugewandt sieht, sondern eher argwöhnische Gefühle hegt, weil man als „Normalo“ eben nicht versteht, warum gewisse Handlungen oder Einstellungen so vollzogen werden.

Das schreckt in erster Linie halt erstmal ab, was – im Sinne der Christlichkeit – ja eigentlich genau das Gegenteil dessen ist, das man erreichen möchte, und schürt weiter das Unbehagen, das ich im Verlauf meiner Lebenskarriere mit diesem „Glauben“ gemacht habe.

Und diese Momente waren bereits im Trailer zu sehen und haben mir schon von vornherein gezeigt: Du kriegst wieder etwas zum Verreißen.

Und dann erschien John Debney auf der Bildfläche und mein Verriss liegt auf einmal im Grab…

Ja, ich hatte Gänsehaut, fast schon unfreiwillig. Der Plot ist so arg, kitschig, vorhersehbar, triefend, natüüüüüüürlich müssen sie, und natüüüüüüüürlich hat er usw. – es ist von Anfang an logisch, was passieren wird, es ist vorhersehbar und erzählerisch lahmarschig, aber die Musik ist dermaßen gut inszeniert, dass ich hier leider keinen Verriss bringen kann.

Auch die Schauspieler – K. J. Apa in allen Ehren – dringen nicht in der Form zu mir durch, wie sie sollten, sondern wirken gekünstelt und unecht, eben genau die Erfahrungen, die ich kirchlicherseits kenne und von denen ich seitdem möglichst viel Abstand nehme. Dieses „erbärmliche Lächeln“, der „unerschütterliche Glaube“, das weltfremde, irrationale Schönreden von Katastrophen, das Sich-selbst-belügen, dass in diesen Kreisen so herrlich dramatisch präsent ist, durchzieht auch diesen Film.

Und John Debney, einer der großen Soundtrack-Majestäten, der genau weiß, was er zu tun hat und der dieses Werk auf eine kultivierte Ebene hievt, von der man eigentlich nur träumen kann … und Gänsehaut kriegt. Immer wieder.

Also geht rein, zieht euch die Musik durchs Gemüt … und vergesst dabei den Plot.

Soundtrack und Score sind erhaben, Erzählung, Glaube und Plot unterste Würde – und beides gemeinsam keine Ahnung… ruft Gänsehaut hervor und gruselt gleichermaßen. Geht trotzdem rein.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Wer in einen musikalischen Film geht, sollte auch immer bis zum Schluss sitzen bleiben, Szenen folgen jedoch keine weiter.

Kinostart: 13. August 2020

Original Title: I Still Believe
Length: 115 Min.
Rated: FSK 6


972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York

972 Breakdowns - Filmplakat
© 2020 LeavingHomeFunktion

In unseren Tagen, in denen die Regierung das Füße vor die Tür setzen mit allen Mitteln beschränkt, erleben Reisedokumentationen eine erfrischend wohltuende Konjunktur, denn die Welt entdecken und erkunden, in die Sphären des Unglaublichen abzutauchen und fremde Welten zu entdecken ist zum Luxusgut mutiert und zur Zeit wohl nur einigen wenigen vorbehalten.

Äußere Umstände und Gegebenheiten tun ihr übriges, um das Reisen momentan so unangenehm wie nur irgend möglich zu gestalten… und deshalb kommt ein Film wie 972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York genau richtig, um die Lust an der Ferne neu zu beleben und den Travelsüchtigen wenigstens etwas Linderung zu verschaffen.

Ein internationaler Trupp hat sich zusammengefunden und eine Reise angetreten, startend mit dem Städtchen Halle (Saale), in der dieser Film am 19. August 2020 um 21:00 Uhr im WUK Theater Quartier seine Weltpremiere feiern wird.

Anschließend geht‘s dann auf bundesweite Kinotour und ihr habt die Möglichkeit, ohne Geld, ohne Möglichkeiten, ohne Wissen und ohne vorherige Vorbereitung auf einen spektakulären Trip mitzukommen, der – getrieben von der Energie dieser Gruppe – einmal mehr aufzeigt, wie optionsgeladen unser ganzer Planet eigentlich ist.

Dass dies – wie so viele meist befürchten – kein Trip in die Hölle ist, der das sofortige Ende aller Existenz bedeutet, sondern man unterwegs tatsächlich erst zu einem anständigen Menschen werden kann, wird in diesem liebevoll ausdesignten Werk sehr amüsant und eindringlich aufgezeigt.

972 Breakdowns bedeutet übersetzt eben auch 972 Unfälle/Pannen, was gleichermaßen heißt, dass solche Trips nicht mit der „All You Can Eat and never see what’s goin on outside“-Atmosphäre vergleichbar ist, die die meisten Hotelsunnyboys kennen, sondern zeugt davon, dass Inspiration, Kreativität, Spontaneität und Einfallsreichtum gefragt ist: Alles Elemente, von denen man auch in einem konservativen Alltag sehr gut Gebrauch machen kann.

Und damit ist dieser Film nicht nur unglaublich inspirierend, lebensfreudig, abwechslungsreich und kurzweilig, sondern auch eine Ode an unseren Planeten und die Vielfalt und Liebe der Menschen, die man anderenorts auf diesem Erdball treffen kann.

Update: Die Kinotour-Termine könnt ihr bequem via Facebook in euren Alltag einpflegen, alles nähere dazu findet ihr hier: https://www.facebook.com/pg/972Breakdowns/events/

Definitiv mitnehmen: Tragt euch die Kinotouren (https://www.leavinghomefunktion.com/tourplan/) in den Kalender ein und besucht dort das Event, diese Reise ist definitiv sehenswert, unglaublich unterhaltsam und macht selbst als Zuschauer fast genauso viel Spaß wie mit dabei gewesen zu sein. Eine Ode an die Ferne.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Hier mündet das Finale, und außerdem bleibt man in diesem Genre immer bis ganz zum Schluss sitzen!

Kinostart: 3. September 2020

Original Title: 972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York
Length: 110 Min.
Rated: FSK 0


Exil

Exil - Filmplakat
© 2020 Alamodefilm

Exil ist ein schöner, kleiner, unscheinbarer Reigen, hinter dem sehr viel mehr steckt, als es anfänglich den Eindruck macht. Der Zuschauer sollte sich nicht von der Simplizität des Posters oder dem kurzen Titel täuschen lassen.

Nach typischer – ich möchte sagen – arte-Manier startet man die Charaktereinführung und wirft immer mehr Fragen in den Raum, die sich irgendwann im Dunst der Ahnungslosigkeit verzweigen und sowohl bei den Protagonisten, als auch beim Publikum immer mehr “Hä”-Momente entstehen lassen.

Regisseur Visar Morina steigt währenddessen immer tiefer in das undurchschaubare Geflecht menschlicher Gedanken und hinterlässt dabei überall kleine Hinweise und Momente, die beim aufmerksamen Zuschauer interessante Fragen aufwerfen sollten.

Für mich trifft er direkt ins Schwarze und erhebt quasi eine filmisch-analytische Studie über gedankliches Versagen und die Irrwege, in die uns manches Mal voreilige Schlüsse leiten.

Etwas gestört hat mich dabei, dass man sich an zu vielen Stellen einfach zu viel Zeit lässt und die Szenen derart auskostet, dass nach ungefähr der Hälfte des Films bei mir manchmal der Wunsch aufkam, “die Werbung vorzuspulen” um endlich den Film weiter sehen zu können. Hier hätten ein paar mehr Schnitte dem Gesamteindruck und der “Schnittigkeit” des Films gut getan. Dafür hat man an anderer Stelle tatsächlich herausragend gut gearbeitet und auf viele kleine, unwichtige (aber professionelle) Details in der Continuity geachtet, die wiederum zeigen, dass sich die Filmemacher das Projekt wirklich zu Herzen genommen haben und nicht einfach nur abliefern wollten.

Die Auflösung ist tiefgründig, auch wenn sie meines Erachtens geistige Eigenleistung und einiges an Zeit erfordert. Im Kino steht man zunächst mit einem “Ja, und jetzt?”-Gedanken auf und weiß erstmal nicht wirklich was mit sich anzufangen.

Im Nachgang ergibt sich dann aber sehr vieles – ein Film, für den man einfach ein wenig Zeit braucht und der nicht im Vorbeigehen angesehen werden sollte. Genehmigt euch doch hinterher noch ein Glas Wein und diskutiert die Sache aus?

Ich hätte an vielen Stellen zusätzlich nochmal die Schere angesetzt, da einige Szenen tatsächlich gefühlt viel zu lange ausgemalt wurden, bevor es im Plot weitergeht, die Aussage und das durchdachte und bis ins kleinste Detail durchgeplante Plotwunder entpuppt sich am Schluss aber als echter Geistesbrocken mit einigen überraschenden Twists.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Beinhaltet keine weiteren Szenen mehr, vorzeitiges Saalverlassen wird diesmal also auch nicht abgestraft.

Kinostart: 20. August 2020

Original Title: Exil
Length: 121 Min.
Rated: FSK 12


Der Göttliche Andere

Der goettliche Andere - Filmplakat
© 2020 Warner Bros. Ent.

Wenn es um Religion geht, findet man hier oft die Wurzel allen emotionalen Übels der Menschheit: In der Geschichte wurden Kriege geführt wegen Göttern, an die die einen glauben und anderen Göttern, an die die anderen glauben und bis heute schlagen sich die Menschen gegenseitig das Fleisch von den Knochen, nur weil ihre Ansichten in punkto Glaube unterschiedlich sind.

Es gibt wenig Dinge, bei denen Emotionen so hochkochen und bei denen so viele Individuen definitiv eine Meinung haben. Bei manchen ist es die tiefe, seelische Hingabe und Liebe, weil ihnen die Religion und ihre spirituellen Wesen in dunklen Zeiten im Leben zur Seite standen und dabei geholfen haben, selbst mit sich klar zu kommen, bei anderen ist es Hass und Verachtung, weil ihnen die Kirche schändliches angetan und sie ihrer Seelen beraubt hat und ihre Würde mit Füßen getreten … jeder hat so seine Gründe, warum dafür oder warum dagegen.

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, dass ich den konventionellen Glaubensrichtungen auch sehr kritisch gegenüber stehe und von Religion wenig wissen möchte, weil mir das, was die Menschen im Laufe der Jahrtausende daraus gemacht haben, widerstrebt. Ganz zu schweigen von den ganzen fanatischen Sektierern, die brandgefährlich andere Leben in Gefahr bringen und ihren Gegnern und Geflüchteten das Dasein zur Hölle.

Es ist also nicht verwunderlich, dass – wenn das Thema Religion auf die Leinwand kommt – ebenfalls die Gemüter hochkochen und ich feiere es immer ein wenig, wenn bei einem Movie z.B. die alteingesessenen Herrschaften der katholischen Kirche auf einmal in ihren knarzenden Stühlen hochkochen und munter drauf losprusten, wie man sich so etwas wohl erlauben könne.

Gleichermaßen ist das Thema Religion im Kino damit Zündfeuer für komödiantischen Stoff allererster Wahl, auch wenn man dabei dann sehr behutsam vorgehen muss, damit es wirklich lustig bleibt.

Der Göttliche Andere ist wieder so ein Titel, bei dem ich beim Trailer zwar ein wenig meine Zweifel hatte, denn die dort vorgestellte Idee ist cool, es kam allerdings nicht durch, ob die einen ganzen Film über genügend Standhaftigkeit vorweisen könnte, um ihn auch vollständig tragen zu können.

Grundsätzlich: Geht mit diesen niedrigen Erwartungen rein, dann kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Der Typ ist wesentlich sympathischer, als es am Anfang den Eindruck macht, das Potpourri an Humoreinlagen kann sich definitiv sehen lassen, und auch, wenn man sich hier etwas zu häufig an den immer gleichen Running Gags bedient, schafft man es trotzdem, ein gewisses Niveau zu halten und den Zuschauer damit zu unterhalten.

Der größte Pluspunkt in meinen Augen ist, dass das Werk sich zu keiner Sekunde selbst ernst nimmt und damit endlich wieder mal eine völlig eigene Realität erschafft, der man liebend gerne das Attribut „ist nur ein Film“ zuschreiben kann, innerhalb derer dann aber wieder alles nach selbst aufgestellten Regeln funktioniert.

Das erzeugt eine Aura von Authentizität und Glaubwürdigkeit und hinterlässt beim Zuschauer am Schluss tatsächlich ein aufgehobenes, freudiges Gefühl von Glück und Zufriedenheit. Und wenn das das Thema Religion zustande bringt, dann ist der Kauf eines Kinotickets damit doch schon längst gerechtfertigt, oder etwa nicht? 😉

Spaßig, unterhaltsam, mit sich selbst im Reinen und zu keiner Zeit sich selbst zu ernst nehmend: Dieser Film erzeugt eine muntere, lustige Stimmung und darf (mit niedrigen Erwartungen beginnend) gerne als blühende Nachmittags-/Abendunterhaltung hergenommen werden.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, es folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 13. August 2020

Original Title: Der Göttliche Andere
Length: 91 Min.
Rated: FSK 6


The Secret – Das Geheimnis

The Secret - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Es mag viele geben, die das Buch von Rhonda Byrne nicht kennen – oder einen weiten Bogen drumherum machen, weil es ihrer Meinung nach „zu esoterisch“ ist. Ich kannte damals einen Milliardär (der inzwischen leider verstorben ist), der zu mir gesagt hat:

„Benni, ich verdiene im Jahr ein paar Milliarden. Und wenn ich aus diesem Buch noch wichtige Dinge lernen kann, dann kannst du das auch.“

Er war mein Mentor und hat mir vieles beigebracht, für das ich heute immer noch tagtäglich dankbar bin. Ich habe mir damals das Buch gekauft, es gelesen und studiert, ich habe den Film dazu gekauft, ihn vielfach gesehen und studiert, ich habe die esoterischen Elemente ausgeblendet und wirklich versucht, die Botschaft zu ergreifen und sie zu meiner Lebensmaxime gemacht.

Und ich stoße bis heute immer wieder auf Menschen, die wie angestochen reagieren, sobald man in diese Richtung etwas erzählt.

Nun kommt ein Film, der auf jenem Buch basiert, aber eben nicht mehr die Inhalte transportiert, sondern quasi ein „Beispielfilm“ ist, dessen Protagonisten nach dem Wissen aus dem Buch von Rhonda Byrne handeln.

Ja, ich hatte tierisch Schiss, dass das ein erneuter Versuch wird, der die Leute immens abschreckt. Und ich habe ihn bereits mit anderen im Kino gesehen und die waren positiv überrascht – was mich wiederum positiv überrascht hat, denn dann scheint genau das das Bindeglied zu sein, was damals zwischen der „Weltferne“ und dieser tiefen Wahrheit, die dahintersteckt, gefehlt hat.

Eine Bitte hätte ich trotzdem noch: Betrachtet es nicht als erzählerischen Geschichtenfilm, der euch unterhalten möchte, dazu sind auch hier mögliche Punkte vorhanden, die man lautstark kritisieren könnte, sondern versucht wirklich, euch ein wenig an der Einstellung des Typen entlang zu hangeln und zu ergreifen, worauf es ihm ankommt. Genau das ist das Geschenk an euch, das euch dieser Film erneut mit auf den Weg geben möchte – und das jeder für sich selbst so in sein Leben einbauen kann, wie er oder sie das möchte.

Positiv überrascht, wie gefühlvoll und sensibel hier die Inhalte präsentiert werden und dem Zuschauer auf sanfte Weise eine untrügliche Wahrheit näher gebracht wird. Dabei ist nichts sektiererisch oder esoterisch, sondern eingepflanzt in eine wunderbare Story, die sehr einfühlsam und ruhig ihre Inhalte vermittelt.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 6. August 2020

Original Title: The Secret: Dare to Dream
Length: 103 Min.
Rated: FSK 12


Max und die Wilde 7

Max und die Wilde 7 - Filmplakat
© 2020 Leonine

Ihr wollte wieder mal ein leuchtendes Beispiel dafür, wie sehr Deutschland im Filmemachen abkackt? Hier wäre eins.

Die Medienmacher in diesem Land sind teilweise solche eingebildeten, weltfremden, stockkonservativen Hirne, die der Meinung sind, sie wären die größten Hechte überhaupt und alle Welt würde sich mit Liebe auf ihre Kredenzien stürzen. Wer ist schon Amerika? Was ist schon Hollywood? Wir in den Öffentlich-Rechtlichen, wir hier in Deutschland, ohne die ganzen Anglizismen und den ganzen modernen Bullshit sind doch die Obergeilsten.

Wenn das so wäre, dann frage ich mich: Warum hören wir nicht schon seit Jahren auf den Academy Awards von den Amis Entschuldigungen über Entschuldigungen dafür, dass sie leider schon wieder unsere deutschen Filme auszeichnen müssen, weil die eigenen uns gegenüber so dermaßen schlecht sind? Warum hören wir keine Sätze wie „And the Oscar for Best Picture goes to … from Germany! Again!“?

Ist es womöglich deshalb, weil wir hier in der deutschsprachigen Union selten ernsthaft etwas auf die Reihe kriegen?

Ist es womöglich deshalb, weil wir … einfach nur … schlecht sind? 🤷🏼

Wer einen kleinen Vergleich dafür machen möchte, darf sich gerne mal auf YouTube kurze Ausschnitte aus der „hochgepriesenen Vorabendserie“ Vorstadtweiber ansehen und herausfinden, welchen Stellenwert die zu ihrem amerikanischen Pendant Desperate Housewives hat. Wie gesagt: Trailer reichen. Man braucht gar nicht in diese tiefe Schwere einer der Folgen abtauchen. Dann wäre es so deutlich, dass es einem so weh tut, dass man am liebsten sterben möchte!

Genau das zeigt mehr als deutlich auf, wie schwachmatig sich die Herrschaften hier abfeiern und dabei überhaupt nicht realisieren, dass auf der Straße ganz andere Töne und Vorlieben herrschen als in den deutschen Produktionsschmieden. Und nur, weil man sich in der ARD mit eigenen Preisen selbst auszeichnet, bedeutet das noch lange nicht, dass die Mache deshalb an ein göttliches Wunder grenzt.

Auch schauspieltechnisch haben wir nicht wirklich was aufzuweisen. Test? Zählt – ohne Nachzudenken – 10 erfolgreiche Schauspieler+innen auf. Naaa? Wer kommt euch alles in den Sinn?

Da hätten wir … in der deutschsprachigen Region auch nicht sonderlich viel Können vorzuweisen. Nix, was aktuell auf der Leinwand zu sehen ist, die oder den man vorbehaltlos bewundern könnte … mit Ausnahme von Heiner Lauterbach. Und auch die Jugend wirft nix könnerisches auf den Tisch, dem man alltäglich huldigen könnte. Es sind immer die gleichen Fratzen, die immer den selben, öffentlich-rechtlichen Bullshit von sich geben. Selbst neue Gesichter wie Tim Oliver Schultz, die sich durch den Club der Roten Bänder hochgearbeitet haben, werden nun immer mehr in so tiefdeutsche Muster gepresst, in denen sie sich auch nicht mehr beweisen könnten.

Und dann kommt sowas wie das hier: Da ist selbst das Kind geistig irgendwie auf einem Blödheitslevel angelangt, wo man sich fragt: Ähm… was ist nur los mit euch allen?

Ja, Kids können geile Filme machen. Ich feiere so manchen Streifen ab, der wirklich cool ist und von dem ich mir tatsächlich wünschen würde, dass ihn auch mehr Erwachsene schauen würden, aber das hier? Geh einfach nach Hause!

Sollen wir an der Stelle auch noch ernsthaft über Vorhersehbarkeit oder irgendwelche anderen filmischen Ansprüche reden, für die das Werk ebenfalls beste Negativbeispiele liefert? Okay, dann nicht.

Na dann … ähm … freuen wir uns alle darauf, dass Uschi Glas – wie im Trailer bereits zu sehen gewesen ist – nun endlich YouTube entdeckt hat und damit glaubt, in der Moderne angekommen zu sein. GEIL ihr deutschen Möchtegerne, ihr seid soooo modern und geil und sooooooooo ach was sag ich, hier, nehmt den Oscar einfach gleich!

Und ab!

Ähhhhhhm: Nein! Einfach nein!

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Soll ich‘s spannend machen und einfach nicht verraten, was kommt?

Kinostart: 6. August 2020

Original Title: Max und die Wilde 7
Length: 87 Min.
Rated: FSK 0


The Witch Next Door

The Witch Next Door - Filmplakat
© 2020 Koch Films

Der Film ist noch nicht mal richtig angelaufen, und man liest schon überall so verstörend schlechte Kritiken, die dieser Titel in meinen Augen gar nicht wirklich verdient hat. Warum?

The Witch Next Door schreit vom Namen her schon unglaublich nach standardisiertem Genrehorror und liefert auch nicht mehr, jedoch auch nicht weniger. Man startet sogar relativ gelungen und baut Atmosphäre und gruselige Stimmung auf.

Ja, eingefleischte Horror-Liebhaber kennen inzwischen jeden erdenklichen Trick, auf den man im Laufe der Jahre hunderte Male reingefallen ist, die einfach nicht mehr zünden und man strengt sich jetzt auch nicht sonderlich an, neuartige Jumpscares zu erschaffen oder den Zuschauer durch irgendeine vertrackte Plot-Situation zu begeistern. Stattdessen erschafft man ein Konstrukt, das – nicht zwingend auf eine Hexe ausgerichtet – tatsächlich unglaubliches Potenzial aufbaut und dem Film das Werkzeug mit in die Wiege legt, aus dem etwas richtig Scharfes hätte werden können.

Koch Films ist jetzt auch nicht unbedingt als Blockbuster-Kassenschlager-Label bekannt, sondern kümmerte sich seit jeher um genreorientiertes Nischenkino, und genau da würde ich The Witch Next Door auch verorten.

Die Charaktereinführung gestaltet sich an einigen Stellen zwar etwas holprig, aber man findet dennoch genügend Zeit, die längst in Vergessenheit geratenen Szenen zum Schmunzeln neu zu entdecken und versucht offensichtlich nicht, eine Glaubwürdigkeit oder nahen Bezug zur Realität herzustellen, also verlange ich als Kinozuschauer das dem Film dann auch nicht ab, sondern füge mich den Gegebenheiten, die der Film mitbringt.

Was mich daran viel mehr gestört hat, war das Ende. Ich meine jetzt nicht den Schlusstakt, sondern, was man aus dem anfänglich eigentlich super gelungenen Aufbau dann gemacht hat: Es ist hart zu spüren, dass das Potenzial hier völlig verschenkt wurde und man von einem professionellen Aufbau und Anfang eher in Richtung „ambitioniertes Fanprojekt“ abdriftet, bei dem nicht mehr ganz so klar wird, wo die Reise nun eigentlich hin gehen soll.

Und genau dieses Phänomen kennt man zur Genüge aus vergangenen Klassikern, die ebenfalls nicht viel Augenmerk auf ordentliche Erzählstränge oder korrekte Continuity gesetzt haben, sondern bei denen es vielmehr um „berauschende Effekte“ ging, die man mit extrem wenig Budget irgendwie realisieren musste.

Und da steckt hier schon etwas mehr Geld drin – und selbst bei einigen Kleinigkeiten wurde sehr detailliert nachgedacht (Stichwort: Zieh die Schuhe aus, bevor du die Treppe hochschleichst z.B.), was mich ehrlich gesagt eher positiv überrascht denn enttäuscht hat.

Deshalb kann ich den Verdruss vieler Sneaker nicht nachvollziehen: Gerade für das unbetuchte Sneak Preview-Volk ist das doch die perfekte Abendunterhaltung, bei der dumme Sprüche auch gern mal im Saal verbal oder durch Grunzen oder Stöhnen kommentiert werden können, was dann aus diversen Plot-Unzulänglichkeiten doch wieder einen gelungenen Kinobesuch für alle macht.

Und man sollte niemals vergessen, dass der Anspruch, den wir inzwischen aufgebaut haben, nicht allgegenwärtig und konstant vorhanden ist, sondern vielleicht so manch einer eben genau diese Sparte von Zuschauern erreichen wollte, die sich mit Freuden auf diese Form von Movies stürzen und sie endlich mal wieder auf der Leinwand und nicht nur im VHS-Rekorder zu sehen bekommen.

Und noch etwas: Wenn wir solchen Projekten keinen Aufwind mehr schenken, wird es Filmemachern immer schwerer fallen, neue Streifen zu realisieren, denn aus genau solchen Titeln, die eben nicht mit Marvels The Avengers konkurrieren können, erwachsen die neuen Talente, die uns in 10-20 Jahren dann die Megablockbuster liefern können. Jeder fängt mal klein an … und dafür war diese Show hier doch schon ganz ordentlich, oder etwa nicht?

Starker Aufbau mit Stimmung, brauchbaren Effekten und einem tollen Set, jedoch verschenkt man zum Ende hin das Potenzial und lässt den eigentlich guten Auftakt in fan-ambitioniertem Wirrwarr enden, das am Schluss nicht mehr richtig überzeugt.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, hier folgt dann bloß der ausgeschriebene Titel nochmal.

Kinostart: 13. August 2020

Original Title: The Wretched
Length: 95 Min.
Rated: FSK 16