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Die Heinzels – Rückkehr der Heinzelmännchen

Die Heinzels - Rückkehr der Heinzelmännchen - Filmplakat
© 2020 TOBIS Film GmbH

Der Trailer schreckt einen tatsächlich total ab und man denkt sich bloß: Um Himmels Willen … bloß nicht! Aber ich kann euch sagen: Der Film ist gar nicht so doof, wie es auf den ersten Eindruck den Anschein macht.

Zielgruppe? Klar: Kids und Baby-Fraktion. Mit dem ZDF als eine der treibenden Kräfte im Hintergrund natürlich auch an gewissen Werten und Weltanschauungen interessiert, erzählt Die Heinzels – Rückkehr der Heinzelmännchen eine durchaus brauchbare Geschichte, die die Nervigkeit vollkommen im Trailer belässt und im Film sehr viel sympathischer rüberkommt.

Auch wenn mich das Intro überhaupt nicht gepackt hat und ich mich dabei schon innerlich geohrfeigt, worauf ich mich hier eingelassen habe: Der erwartet quälende, quietschig-schrille Kinderklamauk blieb aus.

Tatsächlich stellt sich auch für Erwachsene dieses bislang unerklärte, süchtigmachende Gefühl ein, das man bei so manchen Handy-Games entwickelt, von denen jeder weiß, dass sie bescheuert sind, man aber dennoch nicht mit Spielen aufhören kann, weil einen irgendetwas daran fesselt.

Dieses quietschbunte, schrille Universum, in das man sich gefangen nehmen und im Verlauf der Spielzeit auch gut unterhalten lassen kann, wenn auch Plot-Twists und dergleichen an der üblichen German-Movie-Vorhersagbarkeit sterben: Zum „Kinder parken“ taugt der Film allemal und auch als Begleitperson kotzt man hinterher keine Einhornpisse im Strahl, sondern überlebt die Show.

Dennoch sprech ich hier mal keine „Yes, definitiv anschauen“-Empfehlung aus, sondern muss lernen, mich wieder konkreter zu artikulieren, weil ich mich in den vergangenen Monaten immer wieder mal ein wenig umgehört habe und dabei festgestellt, dass mir so manch einer einen etwas tatsächlich kruden Filmgeschmack andichtet, der so wirklich nicht ist. Aber dazu hört ihr dann in den kommenden Rezensionen wieder mehr 😉

Der Film ist wesentlich sympathischer als der Trailer rüber bringt, dennoch fährt man auf konservativer ZDF-Schiene und bleibt den „alten Werten“ treu. Die werden aber sehr kindgerecht und boshafts-befreit rüber gebracht und ermöglichen so, dass man auch als Erwachsener im Saal nicht sein Leben lassen muss 😉

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 30. Januar 2020

Original Title: Die Heinzels – Rückkehr der Heinzelmännchen
Length: 78 Min.
Rated: FSK 0


Besser Welt als nie

Besser Welt als nie - Filmplakat
© 2020 24 Bilder

In letzter Zeit beginne ich, darüber nachzudenken, was Menschen voneinander unterscheidet. Ganz im Speziellen im Bereich der alltäglichen Lebensgestaltung. Man kennt es: Das alltägliche Nörgeln darüber, dass wieder Montag früh ist, man auf Arbeit muss, müde, man keinen Bock hat und was weiß ich.

Die Frage ist: Warum hast du dann diesen Job? Warum hast du dieses Leben? Warum tust du dir das Tag für Tag wieder an und änderst nicht einfach etwas?

Da kommen dann die nächsten Sprüche: Geht doch nicht einfach so, man kann doch nicht, ich hab doch … ich weiß nicht … – im Allgemeinen alles „Ausreden“, wenn man so möchte, denn das argumentativ „bessere Leben“ scheint einem ja auch nicht zu gefallen. Stichwort: Montagsnörgeleien.

Ist der Mensch also dazu verdammt, zwischen Pest und Cholera zu wählen und am Ende dennoch zu sterben? Ich denke: Nein.

Ich persönlich gehöre nun auch nicht zu denjenigen, die man mit einem konservativ-einheitlichen Leben gleichsetzen kann und stoße sehr oft mit meiner Art des Umherreisens durch die Jahre meines irdischen Daseins auf vehementen Widerstand: Man kann doch nicht … Das geht doch nicht … aber ich tu es und mir macht es Spaß. Ich weiß, dass ich damit weit ab von Norm und Alltag bin und vieles „krass“ ist (und ich einige Dinge auf ihre Art auch „krass“ bezahlen muss), aber die Frage ist immer: Was ist am Ende besser? Wenn du auf deinem Sterbebett liegst und nur noch Gedanken da sind: Ach hätte ich nur? Oder wenn du aufgestanden bist und sagen kannst: Mann, was hab ich alles getan?

Ich hab herausgefunden, dass die Ideen und Wünsche von Menschen tatsächlich vielerorts bereits vorhanden sind und es an etwas ganz anderem scheitert: Dem ersten Schritt. Viele Menschen wüssten genau, worauf sie Bock hätten, was anders laufen müsste, damit ihr Leben ein schöneres wird, ihr Zufriedenheitslevel steigen würde und sie mit einem Lächeln aufstehen würden, weil egal geworden ist, welcher Wochentag nun kommt. Doch diesen Schritt tatsächlich zu gehen, ist für die meisten schier unmöglich.

Besser Welt als nie ist das Werk eines deutschen Kerls (der übrigens in der Nähe meiner Eltern wohnt), der eben diesen Schritt gemacht hat und einfach losgezogen ist um herauszufinden, was ihn glücklicher macht. Auf eine ganz besondere Art und Weise. Und ohne dafür vorher Profi geworden zu sein. Einfach tun.

Die gute Nachricht: Keiner von euch braucht seinen dösenden Untätigkeitsschlaf unterbrechen, den Bequemlichkeitscomfort-Bereich verlassen oder esoterische Ratgeber dafür studieren, sondern ihr müsst nur eines erledigen: Kinoticket lösen. Dann seid ihr schon dabei und könnt die Reise in ein neues Leben in voller Größe mit bewundern. Dennis Kailing schafft es, seinen Zuschauern aufzuzeigen, dass viele Dinge anders, manche aber auch gleich sind und hat sich durch diese Entscheidung zu einem unglaublich wertvollen Vorbild für alle gemacht, indem er aufzeigt, welche Schritte notwendig sind, um eingangs erwähnte Montags-Depressionen zu beenden.

Mein Allzeit-Spruch: „Reisen verändert dich“ gilt auch hier – und komischerweise auch für das Sichten des Films. Das Mitfiebern in jeder Minute gleicht mental eben genau jenem Reisen, weil hier so authentisch und liebevoll erzählt wird, dass es nach kurzer Zeit kaum mehr einen Unterschied macht, ob man tatsächlich dabei oder einfach nur im Kino hockt: Das Empfinden ist fast dasselbe und es reißt einen förmlich aus der Bequemlichkeit heraus.

Die sympathische Art, das Aufsaugen von neuen Impressionen, anderen Menschen, neuen Lebensweisen und Erkennen von Dingen, die uns alle miteinander verbinden, ist das, was Besser Welt als nie zu einem großartigen Werk macht: Eine Chance, viel Inhalt für vergleichsweise kein Geld zu bekommen. Nutzt sie!

Und bevor ihr euch fragt, wo genau das geht: Dieser Link dürfte hilfreich sein 😉

Mitreißend, erstaunlich, weltoffen und großartig gemacht: Ein Film, der ein leuchtendes Beispiel darstellt und offenbart, dass viele Menschen unzählige Chancen an sich vorbeiziehen lassen, ohne sie zu ergreifen. Lasst euch inspirieren und nutzt diese Möglichkeit, den Film im Kino eurer Wahl zu sichten.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Ich bleibe bei so etwas (bzw. generell) gerne sitzen, denn solche Projekte bedeuten einen unfassbaren Aufwand und viel Arbeit … und mehr darüber wird eben oft im Abspann erzählt, auch wenn hier keine weiteren Szenen enthalten sind.

Kinostart: 13. Februar 2020

Original Title: Besser Welt als nie
Length: 116 Min.
Rated: FSK 0


Die Känguru-Chroniken

Die Känguru Chroniken - Filmplakat
© 2020 X Verleih

So, dann oute ich mich mal. Also: Mama, Papa, ich bin schwul … äh … Nein, das andere outen 😀

Ja, viele wissen, dass ich im Jahr 600-700 Kinovorstellungen locker wegstecke und die meisten verbinden das dann mit „Ja, der kennt eh alles.“ Stimmt (fast), hat aber einen entscheidenden Haken: Ich hab nicht mit 2 Jahren angefangen, 700 Kinofilme im Jahr zu schauen.

Vorher war ich also ganz normal (was Kinofilme betrifft) bzw. auch wieder eher unnormal, denn ich bin TV-los und Entertainment-frei aufgewachsen und kenne somit den ganzen Bullshit nicht, den man Kindern heutzutage einpflanzt.

Und ja, ich kannte auch lange Zeit viele Dinge nicht, die man den Menschen nach als Kinokritiker zu kennen hat. Star Wars – ewig nicht gesehen. Harry Potter? Bis heute immer noch nicht alle Teile geschaut (aber Gottseidank laufen die ja immer wieder im Kino). Der Hobbit? Einige sagen mir, ich hätte nichts verpasst, aber auch da hab ich meine Premiere noch vor mir. Game of Thrones? Nicht eine einzige Minute davon gesehen. Man kommt eben zu nichts, wenn man mit 700 Vorstellungen, reisen, fotografieren und ein bisschen Privatleben und Arbeit beschäftigt ist und sowas wie Schlaf will zwischendurch auch mal sein, also entfallen die studentischen Netflix-Serien-Abende dann einfach.

Und im Zuge dessen (und meiner entertainmentfreien Kindheit) fehlen mir auch viele Dinge, die für die meisten ganz normal sind. Kinderserien, berühmte „das hat doch jeder gesehen“-Sachen … und eben – um mal zum Thema zu kommen – auch die berühmten Hörspiele und Bücher der Känguru Chroniken. Yes, ich habe nicht eine Zeile davon je zu Gesicht bekommen und auch keines der hochgelobten und durchaus erfolgreichen Hörbücher jemals gehört.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich über diesen Film erst so spät schreibe: Ich habe recherchiert. Und zwar bei euch.

Im Kino ging’s mir ziemlich elend. Ich wollte nach 10 Minuten einfach aus dem Saal und dachte mir: Komm, lasst’s einfach, brechen wir das Experiment ab. Und das, obwohl ich mich erstaunlicherweise extrem gerne mit politischen Themen auseinandersetze und so manche fragwürdige Provokation durchaus liebe: Die hat in meinen Augen hier überhaupt nicht gezündet.

Ich kann jetzt nichts darüber aussagen, inwieweit man das Matching zwischen Buch und Film herstellen kann (die Bücher sind scheinbar Kurzgeschichten, sowas funktioniert meistens ganz gut) und der Film hat einen Überhang-Plot, indem man all die Dinge nun irgendwie zusammenklamüsert und hofft, dass am Ende etwas halbwegs gares dabei rum kommt.

Ist mittelmäßig gelungen, jedoch ist der Humor im Film absolut nicht meins, sondern einfach nur doof. Es ist unspannend, unwitzig, irgendwie ohne Biss und ich habe mir von vielen sagen lassen, dass sie die schlagfertigen Abtausche zwischen Protagonist und Viech ebenfalls vermissen.

Ganz ehrlich? Ich hab ne öffentliche Umfrage gestartet, und mir hat darin nicht ein einziger gesagt, dass er den Film gut fand. Was bedeutet das?

Aus genau diesem Grund hab ich die Umfrage gestartet: Ich konnte kaum glauben, dass der Erfolg dieser Werke (von dem ich tatsächlich selbst auch gehört hatte, also muss da was dran sein) im Kino so dermaßen abkackt, dass es wirklich niemand gut findet. Man brüstet sich presseseitig natürlich damit, unfassbar viele Besucher ins Kino gelockt zu haben (und jetzt natürlich noch mit einer tollen 3D-Einstellung… woooooow), aber ich stelle mal die wage Behauptung auf: Die Leute kamen, weil sie vom Erfolg der Bücher angelockt wurden und sehen wollten, was im Kino draus wird. Wäre ein zweiter Teil genauso erfolgreich wie dieser?

Selten hab ich mich so gelangweilt, war genervt über die übertrieben ins Klischee gepresste Art und hab darüber nachgegrübelt, was an dem Film nun irgendwie liebenswert sein könnte.

Ich hab auch mit anderen Brainstorming gemacht, um rauszufinden, was man daran evtl. positiv sehen könnte und uns sind folgende Dinge eingefallen:

  • Die Sprache ist authentisch. Man hört Dialekt (teilweise), man hat kein Theater-Sprech, man würde das Gesagte so dem Sprechenden auch abkaufen.
  • Einige Jokes waren nicht ganz schlecht, aber auch nur, wenn man sie aus dem Kontext rauszieht, was ich ja per se immer eher zu verhindern versuche.
  • Wenn man länger drüber nachdenkt und tiefer graben würde, könnte man durchaus etwas Tiefe und Geistreiches entdecken. Wäre das erst ein Film, würde ich sagen: Verkackt, macht’s nochmal oder einfach anders. Dafür gibt’s ja dann wohl die Bücher.

Yo, und sonst so? Andere haben sich auch aus dem Kino gewünscht, fanden es spaßbefreit und waren einfach nur gelangweilt… Also ging’s nicht nur mir so. Und da Kommerz ja meist bedeutet: „Es waren viele drin, also machen wir’s nochmal, weil uns nicht interessiert, warum sie drin waren“, heißt das wohl auch: Es wird einen Folgeteil geben. Dann vielleicht ja mit zwei 3D-Einstellungen… Mir ist’s egal.

Verzichtbar. Nicht witzig. Ohne Biss. Und irgendwie auch ohne Seele. Einfach nur da – und deshalb kann man sich das getrost schenken. Lest lieber die Bücher bzw. hört die Audiobücher und habt dabei dann wenigstens Spaß. Der Kinofilm ist Grütze.

Nachspann: 🔘⚪️🔘 | Wenigstens das lohnt sich: Sitzen bleiben. Uuuuund: Sitzen bleiben. Bis ganz zum Schluss.

Kinostart: 5. März 2020

Original Title: Die Känguru-Chroniken
Length: 93 Min.
Rated: FSK 0


Takeover – Voll Vertauscht

TakeOver - Filmplakat
© 2020 Warner Bros. Ent.

Heiko und Roman Lochmann – vielen auch besser als Die Lochis bekannt – können inzwischen auf eine recht ansehnliche Karriere im medialen Business zurückblicken, die sie sich durch YouTube aufgebaut haben.

Zum Erfolgsrezept gehört auch, dass die beiden einigermaßen gut singen können und damit ihr Zielpublikum (kreischende Teenies im Vorjugend-Alter) sehr wohl erreichen. Nachdem man vor einigen Jahren bereits mit Bruder vor Luder ein klares Kinostatement abgegeben hatte und auf den damaligen „Wir machen jetzt auch Kinofilme“-Hype aufgesprungen war, kommen sie diese Woche mit TakeOver – Voll Vertauscht zurück auf die Leinwand und haben dabei auch einige nennenswerte Elemente im Gepäck.

Ich muss erwähnen, dass hier ganz klar ein sehr spezielles Publikum angesprochen wird und man die deutlichen Anzeichen dieses „YouTube-Lebens“ auch im Film jederzeit spüren kann. Die üblichen Sponsoren, ganz klares Product-Placement, Hinweise und eben alles, womit der Alltag von erfolgreicheren YouTubern gepflastert ist, sind auch im Film allzeit präsent und hinterlassen den ein oder anderen faden Beigeschmack. Aber sei‘s drum.

Und auch die familiäre Bruder-vor-Luder-Botschaft ist diesmal wieder vorne mit dabei, wenngleich der cineastische Einfluss (und damit die geschichtliche Erzählung) viel mehr im Vordergrund steht und man sich jetzt eben mehr aufs Schauspielern und weniger aufs „Geil, ich bin tatsächlich auf der Leinwand“ konzentriert. Natürlich kann man hier keinerlei internationale (oder nationale) Vergleiche heranziehen, mit denen sich der Film messen lassen könnte, sondern das Paralleluniversum, in dem manche YouTuber zu Hause sind, ist auch hier das Maß aller Dinge.

Dennoch kommt die Moral von der Geschicht‘ ziemlich gut ausgearbeitet und sehr unaufgeregt rüber – und das kann ich durchaus begrüßen. Nachdem sich die Kids an ihren „Idolen“ sattgesehen und genügend Bubis und Girlies bewundert haben, driftet man langsam in den emotionaleren Teil und arbeitet für ethische Weltansichten, die es tatsächlich wert sind, genannt und als Weisheit mit auf den Weg gegeben zu werden. Das nimmt dem üblichen „Mein Gott“-Gefühl, welches bei dieser Art Movies oft sehr schnell aufkommt, den Wind aus den Segeln und der übliche emporsteigende Unmut fließt relativ schnell in „Okay, gar nicht so schlecht“ über.

Ja, ich würde jetzt niemandem empfehlen, zwingend da rein zu rennen und sagen: Hallo, ihr verpasst was, wenn ihr das nicht gesehen habt … nein … aber ich sage: Es ist definitiv nicht so schlimm, wie man erwartet, sondern am Ende sogar ein klein wenig herzlich.

Dennoch: Der Einfluss dessen, worin die beiden Jungs aufgewachsen sind, ist überdeutlich zu spüren und auf eine Stufe mit „richtigen Kinofilmen“ sollte man seine Erwartungen hier auch nicht schrauben, dann ist auch dieser Plot durchaus erträglich.

McDonalds, Mercedes und kitschiges Klischeeleben … aber eben auch eine Vermittlung guter Werte und eine Moral, die sich sehen lassen kann. Ich selbst bin bei dieser Generation schon wieder out, aber wer weiß: Vielleicht lässt sich für die Zukunft ja doch noch einiges retten. Kein Meilenstein, aber auch nicht die Enttäuschung, die man erwartet hätte.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Nach der Abblende auf die Endroll braucht man nicht weiter warten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: TakeOver – Voll Vertauscht
Length: 87 Min.
Rated: FSK 0


Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen

Suicide Tourist - Filmplakat
© 2020 DCM Film Distribution GmbH

Der Titel lässt einen erst einmal total sprachlos zurück: Nach Suicide Tourist dauert es eine Weile, bis man seine Worte wiederfindet. Ein Anzeichen dafür, dass dieses Werk tatsächlich absolut gelungen ist und mit erzählerischer Poesie ein Feld durchpflügt, das in vielen Menschen Atemstockungen hervorruft und sehr kontroverse Diskussionen auslöst.

Das Feld ist nicht einfach. Die Art und Weise, mit der Regisseur Jonas Arnby hier seine Gedanken zur Ordnung gebracht und alles in einer fantastisch stimmigen und den Zuschauer tief ins Herz treffenden Story verpackt hat: Großartig! Man spürt, dass sich die vier Jahre intensive Recherche und Arbeit, die hinter diesem Drehbuch stecken, tatsächlich ausgezahlt haben.

Im Kino ist man ja grundsätzlich darauf aus, Stories zu erzählen, die den Zuschauer irgendwie befriedigen und zumindest dafür sorgen, dass keiner sein Geld zurück verlangt. Ich würde sagen: Suicide Tourist geht noch viel viel weiter. Es ist keine Geschichte, sondern irgendwie alles … und gleichzeitig nichts, auf das man die Thesen und Ideen, Gedanken und Emotionen haften könnte. Der Film ist nicht politisch, gleichzeitig aber sehr zielführend bei der Erörterung von Fragen, auf die bis heute keine allumfassenden Antworten gefunden wurden … und möglicherweise auch nie gefunden werden.

Ich persönlich finde das Thema auch schwierig, sich darüber auseinanderzusetzen, wenn man selbst nicht betroffen ist, niemanden kennt, der betroffen wäre bzw. in irgendeiner Weise damit in Berührung käme. In diesem Fall kommt nämlich meist nur blödes Geschwätz aus dem eigenen Mund und sollte dann durch üble Umstände tatsächlich der Fall eintreten, der einen in die Nähe solcher Entscheidungen treibt, ändern sich ganze Weltanschauungen auf einmal binnen Sekunden.

Ich finde, genau dieses Dilemma wurde durch diesen Film herausragend exkludiert, indem man sich fern jeder aggressiven Stimmungsmache aufhält und dem Zuschauer viel mehr einen berauschenden Trip liefert, der einen seelenwohl einlullt und ihn in eine gewisse „Wellness-Trance“ führt, aus der man sich nur sehr schwer wieder erholt.

Der zarte, aber bestimmte Druck wird mit zunehmender Zeit nicht unerträglicher, aber schwerer. Es kommen zu keiner Zeit Hassgefühle hoch, sondern man wird vielmehr in seinen Gedanken begleitet und zu anderen Zielen geführt, ohne dabei jemanden zu enttäuschen. Tod durch Erholung?

Es fällt mir schwer, dieses – durchaus positive – Gefühl irgendwie in Worte zu kleiden, dass dieser Film auslöst. Ich kann euch nur eins sagen: Geht ins Kino und schaut ihn euch dort an: Ihr werdet es auf gar keinen Fall bereuen.

Ein berauschender Trip, der die Seele in ihrem Innersten angreift und dessen bestimmtes Ziel dabei ist, dich nicht zu verletzen: Hochkarätig erzählt, intensiv recherchiert und durchdacht auf einem so soliden Fundament, dass selbst Kritikern wie mir die Spucke weg bleibt, um das zu beschreiben. Durch und durch gelungen – sollte man auf jeden Fall gesehen haben!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiteren Bilder oder Szenen, vielleicht braucht man aber die Zeit, um wieder runter zu kommen … also geht’s easy an.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Selvmordsturisten
Length: 90 Min.
Rated: FSK 12


Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau

Meine Freundin Conni - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch Germany

Was ist das deutlichste Anzeichen, dass die Welt vollkommen verrückt geworden ist?

Wenn der Rebell sich nach Normalität sehnt und sich wünscht, alles wäre wieder beim Alten.

Genau so fühlt es sich an, wenn man gedankenversunken im Kino sitzt und sich Meine Freundin Conni ansieht. Irgendwie ist dann genau das eingetroffen: Alles auf Anfang.

Die Welt ist wieder normal. Alles ist wieder gut. Kinder erleben wieder eine normale, gesunde Welt (und das mein ich nicht im Hinblick auf Konservativismus), in der man lachen, spielen und den alltäglichen Abenteuern nachgehen darf, ohne dabei von irgendjemand verurteilt zu werden.

Kein Massensterben. Keine Tragödien. Kein Hass oder menschenverachtende Missstände.

Einfach nur das ganz normale, heilsame und behutsame Leben eines völlig unmisshandelten Kindesgeists.

Und glaubt mir: Jaaaa, das tut gerade so dermaßen gut, das glaubt ihr gar nicht.

Und dafür wurde auch von den Machern auf alles geachtet. Selbst der Zeichenstil schmiegt sich mit zärtlichen, warmen Farben um deinen Geist und gibt keine verstörenden Signale oder andere aufbrausende Unmöglichkeiten von sich, sondern bewahrt diesen Frieden, ohne dabei das Abenteuer durch altbackene Einstellungen niederzuknüppeln.

Ton- und Geräuschemacher desgleichen: Auch hier haucht man sanfte Klänge, niedliches Miauen und wohlwollende Stimmlagen durch die Soundkanäle, die auf die schönen Merkmale des Lebens hinweisen und unterschwelliges Glück und Zufriedenheit proklamieren, statt Tod und Verderben.

Conni dürfte selbst uns Erwachsenen als Marke im Kindersegment bekannt sein – und es gibt ja inzwischen auch genügend Satiren diesbezüglich und so manch einem mag deshalb vielleicht davor grauen, genau das jetzt auch noch im Kino sichten zu müssen, weil die lieben Kleinen da rein wollen: Ich kann euch beruhigen. Es ist wie eine Zeitreise zurück in eine Ära, in der noch nichts kaputt war.

Lehnt euch zurück, atmet einmal tief aus, schließt eure Augen und sagt ganz leise einmal kurz „Danke“ und dann genießt diese wunderbare Story und den sanften Hauch von vitalem Leben ohne irgend einen Kratzer. Zumindest auf der Leinwand darf ja wenigstens einmal alles einfach nur in Ordnung sein.

Wunderschöne Ambitionen, warmer Zeichenstil, angenehme Tonlagen und herzumschmeichelnde Elemente lassen den Geist zurück in eine Zeit streifen, in der die Welt noch völlig in Ordnung war: Genießen wir dieses Juwel, indem wir ein einziges Mal für etwas mehr als eine Stunde einfach alles da draußen abstellen und uns an der ganz normalen Normalität erfreuen. Daumen hoch!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | (ich schätze, man braucht ihn nicht abwarten, der war bei der Pressevorführung noch nicht ganz final ;-))

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau
Length: 76 Min.
Rated: FSK 0


Brahms: The Boy 2

Brahms: The Boy 2 - Packshot UHD
© 2020 Capelight Pictures

The Boy überraschte uns alle ja mit einer bisher nie gekannten Seltenheit: Der Film wurde mit FSK 12 in die Kinos gebracht und hat Inhalte, die selbst so manchen FSK-18-Horror übertreffen: Grusel, Atmosphäre, bombastische Einlagen und absolutes Frightening.

Die erste Überraschung des Nachfolgers: Diesmal ist der Film dann endlich ab 16 Jahren freigegeben und schließt somit per se die kindliche Fraktion aus, ohne dass diesmal in den Kinofoyers von verantwortlichen Kinobesitzern mit jeder Menge Aushänge dafür gekämpft wird.

Die zweite Überraschung: Für einen zweiten Teil ist auch dieser Film wahnsinnig gut gelungen. Wie schon in Countdown erwähnt, ist Horror niemals so vom Hocker hauend, dass man die Pforten für Filmfestspiele öffnet und hier 98% der Weltbevölkerung auf seine Seite ziehen kann. Die Stärken des ersten Teils hat man aber auch im zweiten Teil wieder ausgespielt und sich wahnsinnig viel Mühe bei der Umsetzung des um die Ecke denkenden Angstgenerators gemacht. Licht, Setausstattung, das „Rumspielen“ mit Eindrücken und Einbildungen beim Zuschauer ist auch hier wieder erstklassig und funktioniert.

Auch die Story bandelt wunderbar an den ersten Teil an und ist somit keine stumpfe Wiederholung, sondern erweckt die Welt wieder zum Leben und führt sie in neuer Weise fort.

Es ist kein Geheimnis, dass ich absoluter Fan des ersten Teils geworden bin und auch diesmal möchte ich sagen: Die Enttäuschung blieb aus und ich würde mich sehr darüber freuen, wenn weitere Filme folgen würden, die daraus gerne eine Filmreihe spinnen dürfen, insofern man dann nicht ins ewige Wiederholen abdriftet.

Wunderbare Fortsetzung einer tollen Idee, technisch nahezu perfekt umgesetzt mit angenehmen Charakteren und funktionierender Gruselstimmung: Diesmal im richtigen Alterssegment für einen gelungenen Kinoabend mit wenig hohen Erwartungen.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 20. Februar 2020

Original Title: Brahms: The Boy II
Length: 87 Min.
Rated: FSK 16


Countdown

Countdown - Filmplakat
© 2020 Universum Film GmbH

Da durch die aktuellen Vorkommnisse nun extrem viele Kinostarts verschoben wurden und die ersten Kinos ihre Pforten bereits wieder geöffnet haben, existiert nun eine kleine „Lücke“, die man mit älteren Filmen wieder füllt, um die Zuschauer zurück ins Kino zu bringen und die Zeit bis zum tatsächlichen „Weiter gehen“ der neuen Blockbuster zu überbrücken.

Glücksfall für mich, denn: Durch meinen krankheitsbedingten Ausfall fehlen sowieso ein paar nennenswerte Streifchen, die ihr in meinem Blog bisher nicht zu Gesicht bekommen habt und auf die ich euch in diesem Zuge gerne noch hinweisen möchte.

Ein Start ist Countdown, den man im klassischen Horror-Genre ansiedeln kann. Horror ist niemals (!) Blockbuster oder derart verblüffend, dass es die Massen ins Kino zieht, sondern dieses Genre atmet quasi durch die Nischenöffnungen und setzt voraus, dass ein ganz bestimmtes Publikum im Saal sitzt, das es befriedigen kann.

Deshalb braucht man bei Horror grundsätzlich niemals hohe Ansprüche geltend machen oder irgendwelche exorbitanten Erwartungen in den Raum werfen und sich danach in Rezensionen maßlos darüber auslassen, wie schlecht und unausgegoren und übel der Plot geworden ist oder oder. Horror ist quasi zum B-/C-Movie verdammt.

Unter diesen Voraussetzungen findet man hier einen Film, der in ganz anderen Dingen nämlich aus seiner „Masse“ heraussticht und mit Elementen überzeugt, die man so aus anderen Horror-Streifen nicht kennt: Mangelnder „Filmdummheit“.

Ihr alle kennt das: Ein Mädchen wird stundenlang gejagt, reißt vor dem Mörder aus, ist endlich im Freien und am Anfang des Films wurde großartig ausgebaut, dass hier ein vollgetanktes, schlüsselsteckendes Boot in der Pier liegt – und das Mädchen rennt…. ins Haus in den Dachboden, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dumm.

Genau vor solchen Dummheiten bleibt man in Countdown verschont: Die Akteure handeln allesamt im Rahmen ihrer Rollen so, wie man es in der Regel auch tun würde. Selbst die vielgepriesene „App“ ist nicht nach Filmstrukturen aufgebaut („Wir brauchen einen Hacker, schnell, grüne Zeichen, dunkle Räume, irgendwie auf der Tastatur rum klappern… perfekt“), sondern auch hier wurde nachgedacht und IT-technischer Background eingewebt, der eben nicht so blöd ist, wie in vielen anderen Filmen.

Gespickt mit ein paar wirklich coolen Charakteren und einer – ja, halbausgereiften – So-La-Story ist das aber ein Film, der definitiv eines ist: keine Enttäuschung.

Wer hier ohne großartige Erwartungen rein geht, kann durchaus einen amüsanten Abend verbringen, ohne dabei enttäuscht zu werden.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Folgt keiner, man darf gerne wieder nach draußen gehen. Bitte Abstand einhalten 🙂

Kinostart: 30. Januar 2020

Original Title: Countdown
Length: 91 Min.
Rated: FSK 16


The Wild Pear Tree

The Wild Pear Tree - Filmplakat
© 2020 Kinostar Filmverleih GmbH

Dieser Film macht vor Beginn bereits mit satten 188 Minuten Laufzeit eine Ansage, die ihn schlagartig ins Milieu des Genrekinos befördert, das sich sein eigenes Publikum aussucht und von einer die Gesellschaft durchstreifenden Befriedigung nichts wissen will.

Und die Zeit, die es vom Besucher abfordert, nimmt sich der Film selbst auch und zelebriert in jeder Szene ganz ruhig sein eigenes Wesen. Der Effekt: Man kann nahezu naturgetreu in die Story eintauchen und spürt das Wesen, dass die Schreiber der Story vorwärts trieb. Man merkt sehr schnell, dass es hier weder um Action, Blödelei oder andere Dinge geht, die man hierzulande normalerweise aus dem türkischen Kinosegment kennt. The Wild Pear Tree säuselt auf einer ganz anderen, melodramatischen Schiene und nimmt sich dabei auch der sanften Züge der Natur an. Untermalt in wunderschönen, warmen Brauntönen zeichnet der Regisseur Nuri Bilge Ceylan hier ein Bild der modernen Türkei und setzt sich mit den modernen Fragen des Seins auseinander.

Der Spirit von intellektueller Philosophie ist stets allgegenwärtig, auch wenn man dabei nicht in für den Zuschauer stets abgehobene, nicht nachvollziehbare Sphären abdriftet, sondern immer wieder am Leben der heutigen, heranwachsenden Generation orientiert bleibt.

Damit generiert man auch für alle anderen eine Aura der Selbstfindung, die sich in immer neuen Pointen widerspiegelt, in die der Film im Verlauf der Zeit vordringt und sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Nach diesem abendfüllenden Werk kann man mit Fug und Recht behaupten, durchsättigt zu sein, denn man tritt mit einer gewissen Schwere den Gang nach Hause an, die jedoch alles andere als negativ ist. Man könnte sagen: The Wild Pear Tree ist eine herausfordernde Aufgabe, die einen während der Durchführung keineswegs alleine lässt, sondern stets umhüllend und liebevoll begleitet und zu einem wunderbaren Ende findet, das in einer gewissen geistigen Befriedigung mündet, die genau diesem Genre gewachsen ist und seine Liebhaber wesentlich mehr erfüllt, als Besucher des Mainstream-Kinos.

Mit 3:08 h ist The Wild Pear Tree ein Film, auf den man sich wirklich einlassen muss und der den ganzen Abend für sich beansprucht. Getaucht in zarte Töne, warme Farben und hochsensible Empfindungen durchstreift man hier die Selbstfindung und orientiert sich dabei an der türkischen Moderne. Ein Film, der Zeit braucht, sein gezielt ausgewähltes Publikum aber auch nicht enttäuscht.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Aufstehen erlaubt, hier folgen keine weiteren Szenen oder Bilder.

Kinostart: 18. Juni 2020

Original Title: Ahlat Ağaci
Length: 188 Min.
Rated: FSK 6


Königin

Königin - Filmplakat
© 2020 SquareOne Entertainment GmbH

Königin ist Dänemarks Oscar®-Beitrag – und das zu Recht. Mit erzählerischer Wucht und dramatischem Volleinschlag dringt man hier tief in die Abgründe von Lust, psychischer Gewalt und Verantwortung vor, getragen von den unsteten Machtverhältnissen, die sich zwischen Menschen unweigerlich immer wieder neu ordnen.

Dabei erlebt man eine aufrüttelnde, packende und tiefgehende Geschichte, die zeitgemäß umgesetzt ist und mit so mancher Einstellung tatsächlich an diverse Grenzen stößt und das Publikum ein wenig herausfordert.

Man lässt hierbei auch viel Spielraum für Interpretationen im Kopf, die zuweilen in mentaler Unzufriedenheit enden. Es ist nicht ganz einfach, den Film durchzustehen, ohne das ein oder andere Mal voller Aufregung in die Sessellehnen zu kneifen, weil es zum Teil unerträglich ist, mit welchen Methoden man hier zurecht kommen muss – und auch das Ende löste bei mir passiv-aggressive Anfälle aus, die jedoch Teil des Plans sind und damit den Film zu einem sehenswerten Event machen. Es wäre ein Fehler, ihn nicht gesehen zu haben!

Da es ein Oscar®-Anwärter ist, sollte man eigentlich nicht mehr dazu sagen müssen, außer: Reingehen! Wäre er schlecht, wäre er niemals in dieser Liga aufgetaucht!

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Wer Zeit zum Nachdenken braucht, darf in die Ruhe einsinken, die der Abspann bereit hält … man wird wunderbar daraus wieder entlassen. Nur als Tipp 😉

Kinostart: 5. Mai 2020 auf VoD

Original Title: Dronningen
Length: 127 Min.
Rated: FSK 16