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Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Long Shot - Filmplakat
© 2019 StudioCanal

Seth Rogen steht für mich für Mittelklassehumor, nicht ganz erste Sahne, aber auch nicht permanent unter der Gürtellinie – nur kurz davor.

Damit macht er solides Kino, über das man ablachen kann, sofern keine großartigen Ansprüche vorherrschen oder man etwa meint, hier humoristisch hochwertige Ausführungen gebracht zu kriegen. Ich weiß nicht, wie ich diese Zielgruppe betiteln soll, allerdings scheint es dafür genügend Abnehmer zu geben, ansonsten würde nicht am Fließband solche Ware produziert werden.

Dennoch – bei aller Lästerei – sticht Long Shot ein kleines bisschen unter seinen Filmkollegen hervor: Man gibt sich in einigen Punkten echt Mühe, etwas besonderes zu sein. Genau das ist eine von Rogens Spezialitäten: Er kümmert sich auch um ein kleines bisschen Sinn hinter dem ganzen Blödsinn, so dass im Film immer wieder ernstere Momente entstehen, die einen ansatzweise zum Nachdenken anregen, jedoch stilbewusst immer sofort wieder mit schlechten Witzen eingerissen werden.

Ist okay, ist halt sein Ding.

Desweiteren hat man begonnen, in einer größeren Produktion das Bild der Frau wunderbar herauszuarbeiten und an einem besseren allgemeinen Verständnis für Geschlechterrollen zu arbeiten, die eben andere Selbstverständlichkeiten vorsehen, als das heute immer noch in weiten Teilen der Welt der Fall ist.

Dies kann negativ sein, insofern man meinen möchte, dass ein mittelmäßiger Comedy-Schinken nicht zwingend die beste Bühne für solcherlei Vorhaben ist und damit der Schuss nach hinten losgehen kann, dies kann genauso gut positiv sein, indem eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, von der man sich unbewusst dann doch inspirieren und damit zulässt, dass die kleinen Rädchen der großen Veränderung auch hier willig weitergedreht werden.

Am Ende hatte man eine Menge Unterhaltung, wenig Fremdscham-Momente und einen Kuchen, der zwar wenige – dafür aber prägnante Stückchen zum Rauspicken geliefert hat, die den Film in den oberen Rängen seines Genres platzieren.

Seth Rogen hat seinen eigenen Humor, den muss man mögen und mit ihm klar kommen, dann ist auch der Film wunderbar unterhaltsam und positiv überraschend, was dieses Genre angeht.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht aushalten, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 20. Juni 2019

Original Title: Long Shot
Length: 116 Min.
Rated: FSK 12


Kursk

Kursk - Filmplakat
© 2019 Wild Bunch

Das Jahr 2000 ist irgendwie noch gar nicht so lange her, und dennoch sind schon wieder fast 20 Jahre vergangen, seit sich im Barentssee diese Ereignisse zutrugen.

Kursk ist die Verfilmung des Buches von Journalist Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, das die tragischen Ereignisse dieses Manövers beleuchtet und hintergründig recherchiert hat. Und der Film dazu ist überraschend gut gelungen.

Wenn ich Matthias Schweighöfer lese, dann kriege ich erstmal Angst. Immerhin stehen seine Leistungen für mich nicht unbedingt für seriöses, internationales Schauspiel, sondern er markiert eher den deutschen Blödel-Großmeister, der sich mit seinen Kumpanen zusammengerottet hat und hierzulande abgreift, was andere bislang nicht erobert haben.

Doch Kursk ist keine deutsche Produktion, sondern wurde von Belgien, Frankreich und Norwegen zusammengetragen, was für mich wiederum verwunderlich ist, weshalb dann deutsche Namen wie Schweighöfer oder auch der von mir geliebte August Diehl darin auftauchen.

As said before – die Angst ist unbegründet: Hier markiert man keine Prolls oder lässt den Witzbold raushängen, sondern liefert international seriöses Schauspiel und stellt die Ereignisse nach, die einen – trotz bekanntem Ausgang – dennoch im Film mitfiebern lassen und hier unfassbar viel Sympathie, Mitgefühl und Spannung aufbauen.

Die ganze Erzählung wirkt selbst wie ein kuratiertes Kunstwerk, in der mehr die sensiblen, ethischen Absichten menschlicher Existenz in den Vordergrund gestellt, und nicht – wie erwartet – amerikanischer Patriotismus zelebriert wurde.

Gleichsam ist dieser Film ein Vorzeigebeispiel für junge Generationen, was in Sachen Politik vor ihrer Zeit falsch gelaufen ist und was sie demnächst dann gerne besser machen dürfen, auch wenn dabei die Hoffnung wohl eher Mutter der Gedanken ist als dass irgendwer ernsthaft daran glauben würde, dass sich dadurch etwas ändern ließe.

Zumindest kann am Ende keiner mehr behaupten, er hätte es nicht gewusst. Und ihr könnt mir nicht mehr vorwerfen, ich hätte euch nicht empfohlen, diesen Film unbedingt zu sehen, denn der ist berührend hoch 10 und fordert einige Male die emotionalen Nerven heraus.

Wahre Begebenheiten – erst geschrieben, dann verfilmt und trotz bekanntem Ausgang doch unglaublich packend und spannend erzählt.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht aussitzen, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 11. Juli 2019

Original Title: Kursk
Length: 117 Min.
Rated: FSK 12


Brightburn: Son of Darkness

Brightburn - Filmplakat
© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Lasst euch mal nicht vom Plakat abschrecken, oder von irgendwelchen dummdoofen Bezeichnungen wie „Horror“ oder dergleichen – und habt auch keine Angst, dass es wieder einer der alten, einfallslosen, idiotischen Streifen ist, der so häufig im Kino als „Massenware“ vermarktet wird und allseits als Ausrede für „Aber es gibt doch Horror im Kino“ herhalten muss.

Brightburn ist auf jeden Fall anders. Und zwar richtig geil anders!

Lange habe ich keinen so grenzgenialen Coup mehr in diesem Genre erlebt … und eigentlich gab es bislang ja auch noch überhaupt keinen Film dieser Art, denn Altvisionär James Gunn produziert hier mit einigen anderen Gunns ein visionäres Werk und eröffnet damit ein völlig neues Genre: Superhelden-Horror.

Ihr merkt schon: Es geht zur Sache. Und zwar nicht im Einheitsbrei, sondern völlig neu, völlig kreativ und in einer filmischen Art und Weise, die mir immens zugesagt hat und von der ich definitiv mehr sehen möchte.

Nun ist es wie immer, wenn irgendwas neues am Start ist: Viele Konservative rennen weg und heulen rum, weils nicht ihrem langweiligen Tatort-Schema entspricht und jammern, dass es ja sooooo schlecht sei usw. – und es gibt sogar einige, die vorzeitig rausrennen und es nicht ertragen… das mag aber auch daran liegen, dass „FSK 16“ hier wieder mal sehr gewagt ist und unsereiner in Kindesalterzeiten so etwas wohl viel eher auf dem Index wiedergefunden hätte bzw. wenigstens ein FSK 18 auf dem Label gedruckt gesehen hätte.

Werden wir langsam zu Amerika, was die Freigaben angeht?

Brightburn stellt sich diesen Herausforderungen und liefert dabei noch ein Umfeld voller Charme und einem unvergleichen Humor, der diesem Film das gewisse Etwas verleiht und damit der eigentlich depressiven Horror-Note eine kickige Frische spendiert und hier niemals Langeweile aufkommen lässt.

Im Ernst? Wenn’s so weiter geht, dann bitte viel mehr davon!

Achja: Noch niemals hab ich ein Filmende so gefeiert, wie dieses. Schade um all die Sneak-Vollspacken, die vorzeitig den Saal verlassen mussten … 😉

Großartige Erfindung eines völlig neuen Genres: So viel Filmblut-Frische gab es zuletzt vor meiner Geburt … Der Trailer wird diesem Film kaum gerecht, denn selten gab es so genialen Horror mit Charme, Humor und Einfallsreichtum, wie diesen hier. Unbedingt reingehen!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Muss man nicht zwingend aussitzen, es folgen keine weiteren Überraschungen.

Kinostart: 20. Juni 2019

Original Title: Brightburn
Length: 91 Min.
Rated: FSK 16