Oktober 7, 2022

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CODA

CODA - Filmplakat
© 2022 AppleTV+

Der Termin der 94th Annual Academy Awards rückt immer näher (27. März 2022) und es wird Zeit, mal einen Blick auf die diesjährigen Nominierten zu werfen.

War die Mutter aller Verleihungsshows bislang immer bekannt dafür, Art und Creativity im Kino zu küren, landen neuerdings (befeuert durch die Lockdowns der Pandemie) auch immer häufiger Streaming-Werke auf den Vorauswahl-Listen. Und die sind inzwischen so dermaßen gut, dass sie – wie im aktuellen Beispiel – den Meisterwerken des big screens in nichts mehr nachstehen.

An den Gedanken, dass jede Firma über Nacht mit einem eigenen „+-Dienst“ ums Eck kommt, den man dann abonnieren darf, um sich ein bestimmtes Werk zu Gemüte führen zu können, gewöhnt man sich zwangsweise ja auch immer mehr. Also zückt eure Geldbeutel und holt euch ein neues iDevice (dann gibt‘s immer noch 1 Jahr gratis AppleTV+ oben drauf) oder abonniert den Dienst von Apple, denn dort findet man CODA, einen Film, der u.a. für den Oscar des „Best Picture“ vorgeschlagen wurde – also die Höchstauszeichnung.

Dass man dafür bekanntlich einiges leisten muss, ist ja nichts neues – und der Geniestreich beginnt schon bei der Auswahl des Titels: CODA steht als offizielle Abkürzung für „child of deaf adults“, also Kind von gehörlosen Eltern, was uns direkt zum Thema des Films führt … und gilt gleichermaßen als musikalischer Begriff eines „Schwanzes“ am Ende eines Songs, was man quasi als „Konsequenz einer vorangegangenen Handlung“ interpretieren kann.

Der Film hat also noch gar nicht angefangen und wir befinden uns direkt schon mal auf einem ordentlichen Niveau. Über Bild- und Farbgebung braucht man glaube ich nichts groß weiter sagen, die befinden sich in „heimischen VoD-Diensten“ meist immer auf 4K UHD-Niveau und sorgen für exzellent gestochen scharfe Bilder und tiefe Schwarz-Werte, die optisch absolut verwöhnen.

Was aber macht den Film nun oscarwürdig?

Erinnert ihr euch an Mad Max: Fury Road und dass der damals so abgeräumt hat? Einer der Gründe war (unterschwellig oder bewusst), dass sich der damalige Regisseur extrem ehrlich seinem Publikum gegenüber verhalten hat, indem er die Schrottkarossen aus echtem Metall und ehrlicher Hände Arbeit erschaffen hat, um sie im Film dann in Flammen aufgehen zu lassen, statt auf die kostenintensive, aber wesentlich bequemere CGI-Variante zurück zu greifen und sich dabei eher im Sessel zurückzulehnen.

Diese Echtheit finden wir auch in CODA: Alle gehörlosen Darsteller sind im wahren Leben ebenfalls gehörlos und spielen daher nicht etwas, von dem sie real eigentlich gar nichts verstehen. Niemand macht hier jemandem etwas vor, sondern man punktet mit der gleichen Authentizität wie damals Mad Max: Fury Road.

Punkt 2: Die Schreiber des Drehbuchs hatten offensichtlich absolut keine Lust auf einen weiteren Holy-Moly-Sing-Integrations-Kitsch und haben sich deshalb unglaublich weit davon entfernt – zu unser aller Freude. Die Handlung ist so offensiv frisch, kommt ständig mit verschiedenen Coming-of-Age-Elementen ums Eck und trumpft jede Minute mit derartiger Empathie auf, dass es keine halbe Stunde braucht, bis einem flussweise die Tränen aus dem Gesicht schießen.

Unglaublich, wie sehr man hier das Element des „sich in den anderen hineinversetzen“ ausgeschöpft und damit ein tiefes Verständnis entwickelt hat, das der Gesamtaussage von Avatar gleichkommt: Man versteht. Man sieht auf einmal die Welt aus der Sicht des anderen und erkennt die verqueren Verstrickungen, emotionalen Gebinde, selbstbewusstseins-schwierigen Momente und spürt, woran der andere struggled.

Und ja, dabei kommt es nicht zum Kitsch (wozu in meinen Augen auch der überaus gelungene Cast dazu beiträgt), denn die Persönlichkeiten, die CODA uns hier auf die Bildfläche wirft, strahlen alle voller Charme und Darstellungsvermögen und nutzen den Spielraum, den ihnen das Drehbuch bereitstellt.

Auch, wenn man den Film sieht, ohne zu wissen, dass der Oscar-nominiert ist, denkt man sich: er müsste es definitiv sein. Hier hat man tief in die Plot-Trickkiste gegriffen und dabei das größte aller Kunststücke gemeistert: Den Grat zwischen Glaubhaftigkeit und Kitsch niemals zu überschreiten und den Zuschauer dabei nie auf der Strecke zu lassen.

Somit führt das, was uns AppleTV+ vormals oft auf übertriebene Weise eintrichtern wollte, inklusiv zu sein, vielfältig, modern und bunt, nun zu einem Lehrstück, wie das tatsächlich geht, ohne dass man den Beteiligten dabei gerne mal eins hinter die Ohren geben will: Der Plan geht auf.

Dass ganz nebenbei die Gehörlosen nämlich gleich mit im Saal sitzen dürfen, weil das Teil per se stellenweise untertitelt ist (und man ansonsten sowieso die Gesten sieht), eröffnet nämlich als sideeffect gleich noch einem ganz anderen Publikum Tür und Tor: Demjenigen, über das man spricht.

Hätten andere das Werk nicht für den Oscar nominiert, dann hätte ich es getan: Für diesen Titel lohnt es sich definitiv, das Abo mal anzuschmeißen und sich zumindest diesen einen Film in voller Länge zu geben. Eure Augen werden dabei nicht trocken bleiben – versprochen.

.kinoticket-Empfehlung: Strotzt nur so vor Empathie und Einfühlungsvermögen und eröffnet auf wunderbar herzergreifende Weise die Sicht auf eine andere Welt mitsamt der unzähligen Vielfalt an Emotionen und Gefühlen, die damit verbunden sind. Ein Meisterwerk, was Inklusion angeht, ohne auf die bisher immer gezeigten Klischees zurückzugreifen. Oscar-würdig!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 13. August 2021

Original Title: CODA
Length: 112 Min.
Rated: FSK 12

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