Oktober 27, 2021

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Cruella

Cruella - Filmplakat
© 2021 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Hier hatte ich ja bereits den Wunsch geäußert, dass man sich bei Disney dazu herablässt, seine Publikationen doch noch durch gewisse Häuser namens „Kino“ gleiten zu lassen in der Hoffnung, dass dem gemeinen Pöbel noch genügend Zeit bliebe, um die Werke dort bestaunen zu können, wo sie tatsächlich hingehören.

Und auf wundersame Weise hat sich auf dem Inhalt des Filmplakats eine kleine, aber gravierende Winzigkeit geändert: „Jetzt im Kino erleben“.

Mein Verhältnis zu Disney ist durch gewisses Gebaren deutlich angeknackst und wer hier schon eine Weile mitliest, kriegt auch immer wieder mit, was genau mich an dem Konzern stört.

Dass in der Zeit von Pandemie, Lockdown, Ausnahmezustand und „alles ist anders, also müssen wir nun andere Wege finden“ hier und da mal ein paar Dinge nicht so laufen, wie man sie eigentlich kennt: Geschenkt. Es sei den Studios auch gegönnt, trotzdem weiterhin Geld zu verdienen und künstlerische Exzesse zu veranstalten, immerhin sind wir als Kundschaft genauso konsumgeil und möchten mit immer neuen Werken visuell verführt werden.

Doch inzwischen störe nicht nur ich mich als Kritiker an dem Gebaren des kalifornischen Konzerns, sondern überall in der Kinowelt werden Stimmen darüber laut, dass der 74,8 Milliarden Dollar schwere Filmgigant mit seinen durchaus fragwürdigen Publikationsmethoden die Film- und Kinobranche und nicht zuletzt sich selbst massiv schadet.

Als Disney zu Beginn der Pandemie den Release seines Streaming-Portals Disney+ verkündete, dachte ich, der Zeitpunkt hätte besser nicht gewählt werden können. Strategisch optimal platziert und reich angefüllt mit jeder Menge sehenswertem und vor allem familienfreundlichen Stuff (dafür stand der Konzern damals mal) entsendete man eine Zusammenstellung verschiedenster Materialien, die die politisch auferlegte Zwangsinhaftierung zu Hause durchaus um ein Vielfaches erträglicher machte.

Dennoch gehört VoD in Sachen Vermarktungsstrategie nicht auf den ersten Platz. Es braucht keine Regisseursikonen wie Christopher Nolan, die uns erst erklären müssten, dass Filme fürs Kino gemacht und demnach auch auf die große Leinwand gehören. Nicht nur das Gefühl vor und nach dem Film ist ein völlig anderes, sondern auch die Wahrnehmung, Optik, Akustik und somit das ganze Empfinden ist ein völlig anderes, das den ersten Eindruck beim primären Sichten eines Streifens maßgeblich beeinflusst.

Diesen Effekt spürt man tatsächlich bereits schon bei den nahezu verschwindend kleinen Unterschieden in der Bildschirmdiagonale von TV-Geräten im heimischen Wohnzimmer, die mal ein solches und mal ein ganz anderes Erleben ein und derselben TV-Show widerspiegeln können, je nachdem, ob man auf einen 17″-Monitor von der anderen Seite des Zimmers starrt, oder eben von der Wucht eines 1,85m großen Flatscreens am Ende des Bettes erschlagen wird.

Um wieviel anders ist dann erst der Unterschied, wenn man Filme wie Cruella nicht auf irgendeinem lieblos verschmierten Tablet, sondern einer tadellos optimierten Leinwand eines Dolby Cinema™ ansieht?

Kino hat auch im Jahr 2021 seine Daseinsberechtigung und lebt von der Exklusivität, die Machwerke weit vor allen anderen exklusiv zu vermarkten und dabei einen unerheblich kleinen Anteil der Einnahmen für sich, die laufenden Kosten, das Personal sowie Wartung und Pflege der Gerätschaften zu investieren.

Genau diese Exklusivität tritt Disney mit Füßen, wenn jetzt – nach den Lockdowns und ohne weitere Gründe – auf einmal einen Tag später die Filme bereits im Streamingportal releast werden. Dieser Medienmogul war bereits schon der Vorläufer, was die zuvor angepeilte Prozentzahl an Ticketeinnahmen anging, die sich das Studio von den Kinos abzweigen wollte und stieß damit über die magische 50%-Hürde. Inzwischen verlangt Disney mit 67% der Einnahmen den Mammutanteil an den Ticketverkäufen und greift damit ungefragt an die sowieso schon schmalen Budgets unzähliger Lichtspielhäuser, um seinen eigenen Reichtum großkotzig zu erweitern.

Wenn die nicht mitspielen, werden sie durch mangelnde Verleih-Verträge erpresst, auf die so manches Haus aber angewiesen ist, wenn es im nationalen und regionalen Wettbewerb mitmischen möchte und somit bleibt vielen Kinos gar nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und die bittere Pille demütig zu schlucken.

Interessant ist auch, dass nicht nur mit ikonischen Marken wie Star Wars Kasse gemacht und viele Häuser zurück ins Verderben gedrängt werden, sondern ausgerechnet die Titel, die schlussendlich in einigen Kinos dann eben doch nicht gezeigt werden, immer aus dem Hause Disney stammen.

Und inzwischen sind das nicht nur kleine Hinterhof-Butzen, bei denen man sich sowieso fragt, wie die so lange bestehen konnten, sondern auch große, internationale Ketten, die dem Druck, der seitens Disney aufgebaut wird, nicht standhalten und auf ihren Websites bekannt geben, dass die neuesten Werke eben nicht gezeigt werden können, da es „Verhandlungsschwierigkeiten“ gab.

Und diese Geldgeilheit macht auch vor dem Endkunden nicht halt. Disney steht bei einem monatlichen Abo-Preis von inzwischen 8,99 € in der guten Mittelschicht. Netflix gibt’s bereits für 7,99 € (was für die meisten niedlichen Displays zu Hause mehr als genügen dürfte) und Amazon Prime rühmt sich mit einem Jahrespreis von 69 € (und all den anderen Annehmlichkeiten, die es on top dazu noch gibt) mit einem Durchschnitt von 5,75 € pro Monat rechnerisch am unteren Ende der Skala – mit einem Filmaufgebot, von dem andere nur träumen.

Wer ein paar Euros sparen möchte (und davon ausgeht, dass er wirklich viel und häufig und konsequent das ganze Jahr über schaut), kann zum Jahresabo greifen, das inzwischen mit 89 € zu buche schlägt und damit (mit wesentlich weniger Angebot) den Konkurrenten Prime Video mit 20 € übertrumpft.

Und nun kommt die eigentliche Frechheit: Nachdem man als Endkunde schon tief in die Tasche gegriffen und den exklusiven Preis bezahlt hat, möchte Disney vom zahlenden Kunden nochmals Geld sehen – und zwar satte 21,99 € – für einen Film!

Zum Vergleich: Im CinemaxX in München kann man sich den selben Film auf einer riesigen Leinwand inklusive Popcorngeruch und Kinofeeling für geschlagene 5,99 € zu Gemüte führen oder, falls man sich da für die Jahresflatrate entscheidet, rein rechnerisch für 0,57 €. Die kostet mit 399,00 € zwar verhältnismäßig viel, lohnt sich aber bereits, wenn man nur 1x pro Woche ins Kino möchte, um sich dort einen Film anzusehen. Und durch diverse Annehmlichkeiten (verkürzte Abholzeit, kostenfreies Platzupgrade und vieles mehr) rechnet sich das Kärtchen dann schon viel viel eher.

Und wenn man die 0,57 € (oder meinetwegen auch die 5,99 €) nun mal dem Preis von Disney gegenüberstellt, dann ist man für ein minderes Filmerlebnis in letzterem Falle einfach mal 30,98 € los – ganz gleich, ob hier die Familie mitschaut (da würde es sich dann lohnen) oder man einfach Single ist und eben auf deutsch gesagt die Arschkarte gezogen hat. Das ist halt einfach mal das fünffache dessen, was man im Kino ausgeben würde.

Und der Witz on top: Wenn man sich tatsächlich geschlagen gibt und den Preis bezahlt, dann gilt der „Premier Access“ nur für den einen Film und ist nicht etwa das Tor zur Vorschau-Exklusivität aller im Voraus angebotenen Titel. Möchte man den aktuell zweiten Film, der im Premier Access erreichbar ist, ebenfalls sichten, werden die 21,99 € erneut fällig.

Disney schöpft also den Mammutanteil der Einnahmen des Kinos ab und releast den Film zeitgleich auf dem Video-on-Demand-Portal, damit die Menschen nicht erst ins Kino gehen (und dort Arbeitsplätze und Existenzen sichern) und dann 90 Tage später erneut zu Hause im Heimkino auf UHD, Blu-ray, DVD oder digital nochmals zugreifen und wiederum Existenzen sichern und somit zu Mehreinnahmen führen. Nein, Disney lässt das Publikum gleich zu Beginn zu Hause und nimmt somit den Kinos neben den Einnahmen nun auch grundsätzlich die Existenzgrundlage und brüstet sich dann in hochgeschwollenen Pressemeldungen mit den „höchsten Einnahmen seit xy“. Und oben drauf erleichtert man damit zusätzlich auch noch das Kreieren von illegalen Raubkopien, weil sich das Abfilmen zu Hause wesentlich einfacher gestalten dürfte als in einem Kino, wo dann doch mal der ein oder andere Mitarbeiter drauf schaut und so etwas mit Strafanzeige verhindert.

Und genau das fuckt mich persönlich so ab, weil man hier zwischen Liebe zum Film, der Leidenschaft des Kinos und dem wirtschaftlichen Nutzen nicht mehr unterscheidet und einem die Leichen und somit die Zukunft einer ganzen Branche scheißegal sind.

Und gerade Cruella ist (wie es übrigens auch Mulan gewesen wäre, der es auch schon nicht ins Kino geschafft hat, obwohl man die Chance seines Lebens bekam und alle Welt nur darauf gewartet hat) ein Film, den man sich zwingend wieder im Kino ansehen sollte. Nach einer großen, erzählerischen Flaute und viel Blödsinn, der den Konzern substanziell wertlos gemacht hatte, ist da nämlich etwas passiert, dass der Kreativität und dem Schaffensgeist wieder frischen Wind verpasst hat. Man hat die Zügel der Kreativen gelockert und sie wieder ihre Arbeit tun lassen und auf einmal kann man als Konsument die Filme wieder richtig innig genießen.

Nachdem 101 Dalmatiner in unserer Kindheit schon in die Kultecke gewandert ist, versucht sich Craig Gillespie nun an dem Prequel der Bösewichtin und zieht hier eine ästhetische Show vom Allerfeinsten hoch, die Puristen und Anbeter von Schönheit, Eleganz, Punk, Düsternis und einer Macke von Schwarz-weiß-Rot in ihren Bann zieht und einfach nicht wieder los lässt.

Dabei kracht im Kino ein Vollrausch an eloquenter Perfektion auf einen hernieder, der dich von Natur aus auf die Knie zwingt und zum Anbeten befehligt. Hier stimmt wirklich alles. Das wüste Ausufern modischer Kunst, die gottgleichen Kamera-Exzesse, die durch den Farbtrubel wandern und irgendwie immer an der perfekten Stelle zu sein scheinen, die anarchischen Klänge orchestraler Ergüsse, die dem Film seine Vollkommenheit liefern und der Story das gewisse Etwas aufkrönen. Man spürt die aufgestaute Geilheit, die sich hier im Erzählerischen auf den Zuschauer ergießt und liefert eine Show, die im Kino zu bestaunen absolute Pflicht ist.

Man braucht nicht erwähnen, dass Disney nach diesem Erfolg bereits an der Fortsetzung schraubt und ich wünsche mir sehnlichst, dass auch hier wieder die Stars so dermaßen ins Schwarze treffen, wie es das Emma-Hauptdarstellerinnen-Gespann in diesem Teil getan hat: Schauspielkunst auf höchster Ebene, die sich majestätisch an die Spitze menschlichen Könnens emporschwingt und dort oben Wundervolles vom Star-Heaven herabregnen lässt.

Warum zur Hölle musste man so einen Reigen an Grandiosität mit einer solch dreckigen Kapitalismus-Keule verunstalten?

Aber bevor ich euch nun die doch noch optimistische Flamme wieder im Dreck ersticke, gibt’s hier lieber noch ein paar interessante Fun-Facts zu dem Film (die leider auch ein wenig spoilern, wer sich den Film ungespoilert ansehen will, sollte also an dieser Stelle aufhören zu lesen!) – viel Spaß!

  • Der Hauptcast trug 277 Kostüme. Allein Cruella durchlief während der Story 47 Kostümwechsel, die Baroness kommt auf stattliche 33, Horace und Jasper auf jeweils 30. Cruellas Autokleid besteht aus 5060 Blütenblättern und insgesamt 393 Meter Organza-Stoff.
  • Im Film gibt es insgesamt 61 namentlich genannte Charaktere sowie 16 Hundedarsteller.
  • Es wurden 96 offizielle Sets mit 130 Bühnenbilder ausgestattet. Der Höhepunkt war die Umgestaltung von 20 Sets innerhalb von 5 Tagen.
  • Cruella beherbergt insgesamt 40.000 Requisiten, die von acht LKWs während des gesamten Drehs bereitgehalten wurden.
  • Die Hunde wurden von einem Juwelier mit maßgeschneiderten Halsbändern ausgestattet.
  • Das Glasieren der Torten für die Galas dauerte insgesamt zwei Wochen. Für den Schwarz-Weiß-Ball wurden nur drei Torten angefertigt, was die Anzahl an möglichen Einstellungen auf drei begrenzte, von denen aber nur zwei benötigt wurden.
  • Für das gesamte Bühnenbild wurden insgesamt über 3500 Meter Stoff verwendet, 256 Meter allein für das Liberty of London-Set.
  • In der Hellman Hall – Viking Gala treten 74 als Cruella verkleidete Darsteller auf. Es wurden 88 Perücken gefertigt, für die insgesamt 200 Dosen weiße Sprühfarbe verbraucht und von denen jede einzelne vier Stunden Fertigungszeit in Anspruch nahm. 80 Kleider, über 400 Schuhe und 2672 Kerzen wurden für diese Szenen verwendet, in denen insgesamt 175 Nebendarsteller auftraten.
  • Für die Papierblumen beschäftigte man ein Team aus 4 Personen insgesamt 5 Wochen lang, um die Blumenpracht von Hand herzustellen.
  • Der Marie Antoinette Ball beherbergt 152 Perücken, 300 Gläser und insgesamt 149 Nebendarsteller.
  • Auf dem Black and White-Ball traten 90 Party-Gäste, Kellner, Wachleute und das Stuntteam auf.
  • Die Pop-Up Fashion Show wird von 250 Nebendarstellern in insgesamt über 500 Schuhen gespielt.

.kinoticket-Empfehlung: Cruella begeistert filmisch auf höchster Ebene und lässt einmal mehr blicken, dass sich im Content-Creator’s Room bei Disney die Karten zum Guten gewendet haben. Dieses Meisterwerk ästhetischer Vollkommenheit ist viel zu schade, um es auf VoD-Portalen zu verheizen und feiert zu Recht seinen Sieg in den deutschen Kinos – wenn auch auf dem Rücken derselben und zu Lasten aller, denn das wirtschaftliche Gebaren von Disney ist himmelschreiend und schädigt die Branche und alle Beteiligten.

Nachspann: ??⚪️ | Erhebt euch nicht zu früh aus eurem Sessel, hier folgen noch ein cooles Musikvideo sowie eine Mid-Credits-Szene, die man nicht verpassen sollte.

Kinostart: 27. Mai 2021
Heim-Kinostart: 28. Mai 2021 (Disney+ Premier Access)
Heim-Kinostart: 27. August 2021 (free to watch)

Original Title: Cruella
Length: 134 Min.
Rated: FSK 6

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