Oktober 7, 2022

.kinoticket-blog.de

| highest standard in cinema addiction |

Das Mädchen mit den goldenen Händen

Das Mädchen mit den goldenen Händen - Filmplakat
© 2022 Wild Bunch Germany

Ihr kennt das Wörtchen „Ostalgie“? Die verträumten Blicke auf die „gute alte Zeit“ einer gestorbenen DDR, die sich im Nachhinein alles schön malen und so tun, als hätte es da niemals Probleme gegeben?

Es gab seit jeher ein Medium, das die Vorkommnisse und den Wandel dokumentarisch festgehalten und für die Nachwelt konserviert hat: Film. Und bezüglich des Themas „Ost-West“ gibt es inzwischen einiges, was sich Interessierte zu Gemüte führen können:

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Die Kinder sind tot
Wahrheit oder Pflicht
Jena Paradies
Schultze gets the Blues
Heidi M.
Karger
Netto
Der rote Kakadu
Sonnenallee
Go Trabi Go I + II
NVA
Goodbye Lenin!
Das Leben der Anderen
In den Gängen
Gundermann
Stilles Land
Als wir träumten
Adam und Evelyn

Und in diese (unvollständige) Reihe durchaus höchst sehenswerter Filme reiht sich nun ein weiterer ein: Das Mädchen mit den goldenen Händen. Regie geführt hat eine Frau (Katharina Marie Schubert), was für mich gleichsam bedeutet, dass hier nicht mit stumpfen Hacken auf irgendwas eingedroschen wird, sondern man viel feinfühliger und sensitiv an den Graben zwischen Ost und West geht und eine Story erzählt, die im Kleinen widerspiegelt, was im Großen passiert ist.

Interessant: Bereits auf dem Vorhof bei den Pressevorführungen gereichte es zu multiplen Diskussionen zwischen Menschen mit Herkunft Ost / Herkunft West, die den Film jeweils völlig unterschiedlich aufnahmen und interpretiert haben. Ich selbst bin gebürtiges Ostkind, das in allen Teilen Deutschlands aufgewachsen ist und inzwischen nach der Devise lebt: Niemals länger als drei Wochen an ein und dem selben Fleck bleiben. Die BahnCard 100 mit ihrer Reisefreiheit gehört schon lange zum Inventar in meinem Geldbeutel und die dazu notwendige Einstellung der Weltoffenheit zu all den wunderschönen Regionen dieses Landes ebenso.

Ich finde es spannend, wie man morgens in Berlin über München lästert und abends in München dem urbayerischen Dialekt zuhört, der über die Hauptstadt herzieht. Oder die Herzlichkeit des Nordens, der einen liebevoll in seine Arme nimmt, wenn man als Reisender durch seine Gegend zieht (und womöglich noch eine Kamera um den Hals hat). Jede Region hat ihre Eigenheiten, überall sind die Menschen von einem anderen Schlag und es ist schwer, das miteinander zu vergleichen, obwohl wir doch alle aus einem Land kommen.

Die Probleme, die seit dem Mauerfall eigentlich der Vergangenheit angehören sollten, sind also anderer Natur: Politisch oder kapitalistisch verursacht, durch Einstellungen und den Umgang miteinander in diesen Gebieten – aber auch durch viel Missverständnisse und schlichtweg Unwissen.

Und hier empfinde ich Das Mädchen mit den goldenen Händen als einen wunderbaren Film, der sich an einer Familie orientiert, die im Kleinen widerspiegelt, welche Schwierigkeiten eine ganze (Ost)Nation durchmachen musste: Die komplexe Struktur eines schier unlösbaren Konstrukts runtergebrochen auf drei kleine Menschen mit ihren Verzweigungen in eine vielschichtige emotionale Welt.

Dabei hat man so wunderbar detailliert und originell gearbeitet, das selbst ich (der damals eigentlich viel zu jung war, um das alles richtig aufzufassen) der Meinung bin, dieser Film transportiert tatsächlich das Problem in den Köpfen vieler Menschen korrekt auf die Leinwand. Die huldvolle Liebe an „das Eigene“, das Nicht-Loslassen-können, die Leere, der Ausverkauf einer Republik, die kapitalistische Zerstörung emotionaler Bindungen, die innere Leere, das verzweifelte Verharren an eigenen Sehnsüchten, das nicht wahrhaben Wollen, das Ausgestoßen fühlen, der Drang in eine bessere Zukunft, der Wunsch nach Frieden, die Sehnsucht nach Respekt, sich anerkannt fühlen wollen, mangelnde Liebe, Traurigkeit und tiefe Einsamkeit, Knüpfen neuer Freundschaften, hinter sich lassen … es gibt so viele Dinge, die dieser Streifen so unglaublich wertvoll anpackt und dramaturgisch korrekt auf die Bildfläche bringt, dass ich (ich glaube, ihr merkt das ein bisschen) zutiefst beeindruckt bin.

.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film zählt als Lehrstück über die immer noch non-intakten Ost-West-Beziehungen und dient gleichermaßen als emotionale Inventur einer ganzen Nation: Selten habe ich die seelischen Konflikte im Inneren der einzelnen Menschen so wahrheitsgetreu dargestellt gesehen: Definitiv anschauen.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 17. Februar 2022

Original Title: Das Mädchen mit den goldenen Händen
Length: 107 Min.
Rated: FSK 12

Das solltest du nicht verpassen

Jagdsaison - Filmplakat
2 min read
Nope - Filmplakat
3 min read