Dezember 5, 2021

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Die Rettung der uns bekannten Welt

Die Rettung der uns bekannten Welt - Filmplakat
© 2021 Warner Bros. Ent.

Was soll man über einen Film sagen, den ein Mann gemacht hat, dessen Karriere als Synchronsprecher für Pornofilme begann? Til Schweiger arbeitete sich von ganz unten über Lindenstraße, Manta, Manta, Der bewegte Mann hin zu Knockin‘ on Heavens Door nach oben und schuf mit dem 2014 produzierten Honig im Kopf den sechsterfolgreichsten Film Deutschlands mit über 7,1 Mio. Zuschauern. Da kann doch eigentlich gar nicht so viel falsch sein, oder?

Seit Keinohrhasen hat er mit dem negativen Image zu kämpfen, dass er in seinen Filmen spezielle Rollen integriert, die explizit seinen Kindern zugedacht sind, denen man (berechtigtes?) mangelndes Schauspielvermögen nachsagt. Werke wie Connie & Co. bestätigen diese Vermutungen überdeutlich.

Wenn man im Kino nach den Besucherzahlen für Die Rettung der uns bekannten Welt nachfragt, bekommt man mehr oder weniger ein permanentes „Da geht eigentlich kaum einer rein“, was ich jetzt mal als das Til Schweiger-Phänomen bezeichen möchte.

Sein (von ihm selbst) hoch gepriesener Tatort Tschiller: Off Duty war im Kino ein Flop und auch im TV mit vergleichsweise low-leveligen Einschaltquoten bestückt. Schweiger selbst gab damals der ARD die Schuld, man hätte das Ding nicht im Sommerloch platzieren und parallel zur Fußball-WM zeigen dürfen.

Genau dieses „Mimimi“ von ihm stößt mittlerweile vielen Menschen auf. Schweiger lanciert sich damit selbst zum Affen der Nation und reißt mit seinem Arsch die Arbeit seiner Hände wieder ein. Schon seit Jahren kommt von ihm kein einziger Titel mehr, der so überragend gut ist, dass er es inhaltlich mit einer Fußball-WM aufnehmen könnte – oder der die Menschen so begeistert, dass sie Marvel und Konsorten dafür gerne links liegen lassen.

Was macht Schweiger stattdessen? Bessere Arbeiten? In sich gehen, neu Denken, sich neu ausrichten und einfach geileres Zeug produzieren?

Mitnichten. Seitdem er (in meinen Augen berechtigte) Kritik zu seinen Filmen von der Presse entgegen geweht kriegt, mimöst er auch hier konsequent und lädt selbige einfach nicht mehr zu Pressevorführungen ein, getreu dem Motto: „Ihr macht es ja doch wieder bloß runter, also dürft ihr es einfach nicht sehen.“

Tja, Til, dieses Verhalten kennen wir alle irgendwoher … nämlich aus dem Kindergarten von bockigen, kleinen, unbeliebten Mistkindern, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben will.

Und weißt du noch etwas? Wir – die böse Presse – sehen deine Filme dennoch und können trotzdem über sie herziehen, auch ohne, dass du die Chance ergreifst und uns bei Pressevorführungen Honig ins Maul schmieren kannst.

Diese Rechnung geht nach hinten los … und zwar nicht nur bei der Presse, sondern inzwischen eben auch beim Publikum, das allein bei dem Namen Til Schweiger im Trailer schon laut aufstöhnt und noch nicht mal mehr wissen will, wie der Film heißt, in den sie definitiv nicht reingehen werden.

Schon bei Tschiller: Off Duty hast du den Fehler gemacht und der Presse keine Vorabeinblicke gewährt, was schlicht und ergreifend zur Folge hatte, dass die Großen nicht über dich berichtet haben, was nichterstaunenswerterweise dann zu massiv wenig Publikum geführt hat, da keiner wusste, dass es diesen Film gibt. Sollte es vielleicht u.a. mit daran gelegen haben, dass die Zuschauerzahlen (die wiederum Werbung für die TV-Ausstrahlung sind) so niedrig waren?

Eigentlich dürfte jedes Kindergartenkind begreifen, dass man sich mit diesem Kleinkindverhalten keine Freunde macht … und genau dieses Trara (es gab wieder keine Pressevorführung!) sorgt dafür, dass eben wieder niemand über dich berichtet bzw. die Leute nicht in Scharen in deinen Film strömen.

Ganz ehrlich? Du bist bescheuert, wenn du so handelst – denn Die Rettung der uns bekannten Welt zählt zu deinen Meisterwerken, mit denen du der ganzen meckernden Pressemeute eine saftige Gesichtsklatsche erteilen hättest können, denn dieser Film … ist leider … verdammt gut!

Das liegt nicht zwingend nur an dir, aber an vielem, was du gemacht hast – zum Beispiel den sensationellen Emilio Sakraya als Hauptdarsteller zu involvieren. Dieser Junge spielt diese Krankheit einfach sensationell gut! Er beleuchtet optimal jeden Winkel, jeden emotionalen Ausbruch, gleich in welche Richtung und legt eine sensationelle Performance aufs Parkett, die – nächster Punkt, den du absolut richtig gemacht hast – du nicht selbst durch die vorher oft gesehene, übertrieben narzisstische Selbstdarstellung kaputt gemacht hast. Nein, deine eigene Rolle ist perfekt angelegt, das Film-Alter-Ego steht dir und macht dich wirklich sympathisch und selbst die (natürlich, wie hätte es anders sein können) Rolle deiner Tochter ist bestens platziert und ruft keine Fremdscham, Facepalm-Momente oder irgendwie Aggressionen hervor, was in den vorherigen Stücken bei dir eigentlich pausenlos der Fall war.

Ja, es gibt sie durchaus, die Momente, wo man sich denkt: Echt jetzt? Aber angesichts der insgesamten Durchgeknalltheit des Krankheitsbildes und der dazugehörigen Umgebung passen die dann wiederum doch ganz gut ins große Ganze und geben ein in sich geschlossenes, vollständiges Bild ab, von dem sogar der Vorsitzende der DGBS, Priv.-Doz. Dr. med. Harald Scherk sagt, dass „alle Ängste, Sorgen und Schwierigkeiten der Betroffenen aus der wirklichen Welt im Film aufgegriffen werden.“

Und noch ein Zitat möchte ich aufgreifen, das es in meinen Augen perfekt auf den Punkt bringt:

„Paul durchlebt eine Achterbahnfahrt wie viele von uns auf die jeweils individuell unterschiedliche Art und Weise. Paul erhält vergleichsweise schnell und umfassend Unterstützung – dies wünsche ich mir für alle Betroffenen. Der Schlüssel dazu ist das Wissen und der Austausch über bipolare Störungen. Ich wünsche mir, dass der Film dazu beitragen kann, dass wir endlich offen darüber sprechen und gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Es ist wichtig, insbesondere die bipolaren Störungen bei Jugendlichen zu thematisieren. Diese werden noch zu häufig verkannt.
Nadja Stehlin, Betroffenen-Vertreterin und I. stellvertretende Vorsitzende der DGBS

Und du, Til, hast den Film dazu gemacht, der einmal mehr ein massentaugliches, unterhaltsames, zutiefst emotionales Erlebnis bereit hält und etwas in Augenschein nimmt, an das sich die meisten ohne „Geleitschutz“ niemals heranwagen würden … wozu dann dieser Trotz, der Welt nicht davon zu erzählen, dass es diesen Film gibt – und damit dafür zu sorgen, dass die Kinosäle voll werden und nicht leer bleiben, so, wie, wenn sich vereinzelte Pressevertreter dann den Film alleine im kleinsten Saal eines Kinos besehen?

Das was du hier geschaffen hast, ist beim besten Willen extremst sehenswert und zählt für mich zu einer der größten Überraschungen im Kino, die das Jahr 2021 bislang hervor gebracht hat – Chapeau! Und das sage ich über den Mann, der den in meinen Augen schlechtesten Film ever gedreht hat – Hot Dog.

Also – um es nochmal klar und deutlich zu betonen: Schaut euch zwingend diesen Film an, solange es nur irgend möglich ist (und bei den bisherigen Zuschauerzahlen kann die Chance dazu extrem schell vorbei sein)! Es ist der mit Abstand beste Film, der in meinen Augen sogar das inhaltliche Potenzial inne hat, Honig im Kopf in Sachen Erfolg zu schlagen.

Das liegt nämlich auch noch an etwas anderem: Diese melodramatischen Momente, das „Mimimi“, das keiner mehr hören will, existiert im Film einfach nicht. Man entwickelt keine Aggressionen, man wird nicht emotional geschleudert, sondern liebevoll durch schwierige Komponenten durchbugsiert und hat zu keinem Moment das Gefühl, auf jemanden sauer sein zu müssen. Ganz im Gegenteil: Der Film glänzt durch eine ungekannte Bodenständigkeit und lebt mehr oder weniger allein durch den manisch-depressiven Antrieb des herausragenden Emilio Sakraya.

Schade, dass man dazu keine Fortsetzung produzieren muss. Für mich hätte das Ding durchaus noch viel länger gehen können.

.kinoticket-Empfehlung: Die positivste Überraschung diesen Jahres, die sich durch das unmögliche PR-Versagen von Schweigers Mannschaft indirekt selbst zerstört – schade eigentlich: Selten habe ich etwas Sehenswerteres auf der Leinwand gehabt! Bodenständig, sympathisch und mit einem sensationell herausragenden Emilio Sakraya.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht zwingend aussitzen, hier folgen keine weiteren Szenen mehr. Die Web-Adresse am Ende des Films ist jedoch Anlaufstelle für Betroffene – hier dürft ihr sicher schnell das Handy zücken und sie abfotografieren. Denke, da drücken dann viele Kinoinhaber ein Auge zu.

Kinostart: 11. November 2021

Original Title: Die Rettung der uns bekannten Welt
Length: 136 Min.
Rated: FSK 12