Eine größere Welt - Filmplakat
© 2020 MFA+ FilmDistribution

Ich weiß, viele von euch kennen dieses Gefühl nicht, also versuch ich‘s mal zu beschreiben. Was Stadt ist, wisst ihr. Was Gebäude, Autos, Geräusche, Menschen, Ansammlungen, alltäglicher Lärm ist.

Irgendwann ist das alles vorbei, je mehr man auf dem Land wohnt. Es wird Abend, es wird Nacht, die Menschen gehen schlafen und außerhalb der Großstadt erobert dann die Natur ein Stück ihrer selbst zurück. Es wird ruhig, Bäume rascheln etwas lauter, der Wind wird hörbar, Pfützen beginnen zu singen, die Regentropfen plätschern über die Baumwipfel auf dem Weg nach unten und lassen immer wieder das zärtliche „Pitsch Platsch“ auf jedem der Blätter ihres Weges erklingen.

Dann kommt die Ruhe. Die Einsamkeit. Das Alleinsein und Eins sein mit sich selbst. Die Gedanken. Nirgendwo steht das „erlösende eigene Auto“, dass einen schnell wieder binnen Minuten zurück in die Zivilisation bringt. Nirgendwo ist der sogleich wieder angekuppelte Stecker zum „Supermarkt“ um die Ecke, nirgendwo ist Zivilisation.

Nur du und die Natur.

Ich habe diese Erfahrungen oft gemacht in den Jahren, die ich draußen gelebt habe – ganz bewusst. Ich wollte mich von den Menschen abnabeln, zu mir selbst finden, mein eigenes Szenario zwischen der Erde und meinem Körper erschaffen – und es ist mir in vielerlei Hinsicht auch gelungen.

Warum ich das alles erzähle? Eine größere Welt ist eine großartige Errungenschaft, die eben jene Erfahrungen gefühlvoll einsammelt und den Menschen näher bringt, ohne dass die dafür in den Outdoorshop rennen und sich für die Wildnis rüsten müssen. Der „Übergang“ zwischen menschlicher Hektik und heilsamer Natur ist fließend und kommt völlig ohne Schmerz oder seelisches Leid aus. Der Zuschauer wird eingesammelt und liebevoll auf dem Weg dahin begleitet und ganz behutsam in eine Welt geführt, nach der ich mich – heute – wieder extrem sehne.

Das Motto des Films – diese „größere Welt“ – zu entdecken, ist für viele sprachlich ein unüberwindbares Hindernis, da der Mensch per se dazu erzogen wird, ihm unbekanntes vorerst zu verdammen und nicht über den Schatten seiner selbst zu springen.

Worum es hier geht, mag auf den ersten Blick ebenfalls mystisch und verborgen erscheinen, entfaltet aber im Laufe seiner Zeit eine faszinierende Anziehungskraft, die deshalb so stark ist, weil es eben kein esoterischer Humbug, sondern vielmehr eine von Authentizität untermalte Interpretation einer wahren Geschichte ist, die inzwischen – man höre und staune – sogar wissenschaftlich untermauert ist und als eine der Grundlagen für neurologische Forschung gilt.

Die Hauptdarstellerin im echten Leben begleitete die Entstehung des Films allzeit beratend und es war den Machern ein großes Bedürfnis, im Einklang mit ihren Empfindungen und Erlebnissen zu sein, denn “zum ersten Mal war nicht ich es, die das Thema wählte, sondern das Thema mich“ – so die Regisseurin Fabienne Berthaud.

Dieses Fundament an Glaubwürdigkeit spürt man im Film überdeutlich. Es gibt durchaus Elemente, die fürs Kino gemacht und als unterhaltsames Gimmick eingebaut werden mussten, die Gedanken dahinter, das Entdecken, die Reise durch die Horizonte menschlichen Denkens entfacht aber solch ein energiegeladenes Ereignis, das im Verlaufe der Zeit tatsächlich Früchte zu tragen beginnt und den Zuschauer mit einer total fremden Lebens- und Verhaltensweise konfrontiert.

Genau das macht es in meinen Augen im Kino gerade spannend: Keine unliebsamen Wege, kein zeitraubendes Rausreißen aus alten Gewohnheiten, gepaart mit Ausreden, warum dies und das nicht geht, sondern die irre moderne Chance, eine ganze Errungenschaft eines Lebens in nur 100 Minuten zu konsumieren und an den Ergebnissen teilzuhaben.

Und spätestens, wenn die Trommeln einsetzen und sich die Fülle akustischer Eloquenz durch die Luft ausbreitet, spätestens dann seid ihr froh, ein Kino als Ort gewählt zu haben, an dem ihr diesen Film zum ersten Mal seht. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes einfach unbeschreiblich!

Eine wahre Errungenschaft, die die Reise aus der westlichen Welt hinein in seelischen Frieden und innere Neuentdeckung antritt, ohne dabei über die üblichen Steine esoterischer Unglaubwürdigkeit zu stolpern. Die wahren Begebenheiten dieses Films dienen noch heute als Grundlagen neurologischer Forschungen.

Nachspann: 🔘🔘⚪️ | Zeigt Bilder der „echten“ Corine und weitere sehenswerte Einblicke in die Echtheit des Films. Sitzenbleiben lohnt sich also.

Kinostart: 09. Juli 2020

Original Title: Un Monde Plus Grand
Length: 100 Min.
Rated: FSK 12