Dezember 6, 2021

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Es ist nur eine Phase, Hase

Es ist nur eine Phase, Hase - Filmplakat
© 2021 Majestic Filmverleih

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch haben 2018 ein Buch geschrieben, dessem Inhalt Florian Gallenberger nun eine filmische Adaption verpasst hat. Etwas als Vorlage zu haben, was auf dem Literaturmarkt schon einmal gezündet hat, ist von Vorteil, aber bewiesenermaßen kein Garant dafür, dass der Film dann auch funktioniert: Zu oft sind Buchverfilmungen in den Sand gesetzt worden und haben die Fans der Werke nur allzuhäufig bitter enttäuscht.

Nun gibt es ja den wunderbaren Spruch: „Die deutsche Filmindustrie beweist permanent, dass ‚Made in Germany‘ kein Garant für echte Qualität ist“ und umso erstaunlicher ist, dass Gallenberger mit Es ist nur eine Phase, Hase diese These nun eindeutig widerlegt.

Bevor die Kritiker nun anfangen, aufzuheulen und befürchten, dass ich hier Lobeshymnen vom Himmel regnen lasse, gehen wir erstmal die Negativpunkte an: ARD Degeto.

Die Herrschaften der Öffentlich-Rechtlichen haben nicht zum ersten Mal offenbart, dass sie in einer ganz eigenen Blase leben und ihre verkorksten Einstellungen und Ansichten zu dem haben, wie das Leben „da draußen“ abläuft und wie die perfekte, deutsche Familie aussieht.

So produzieren sie ihre Streifen, ihre Serien und feiern sich in ihrer Überheblichkeit und scheinbarer Unangreifbarkeit dann der Reihe nach selbst ab, ohne zu merken, dass „auf der Straße“ ganz andere Zustände herrschen und sie uns den ganzen lieben langen Tag eigentlich nur Bullshit erzählen, den wir dann glauben sollen.

Aber wir sind im 21. Jahrhundert, haben Internet, (zumindest in diesem Land) Informationsfreiheit und können uns eigenständig ein Bild von unserem Umfeld machen und feststellen, wie was wo warum und überhaupt.

Also sehe ich das mal nicht als Manko an, sondern nutze es einfach nur als gegebenen Fakt, um die Sache richtig einzuordnen.

Da spielen dann alle Faktoren mit rein, die einem in diesem Streifen bitter aufstoßen können: Die übertrieben perfekt zusammengestellte Patchwork-Familie, die klischeebehafteten Charaktere und ARD-optimierten Casts, das gönnerhafte „Theaterdeutsch“, was von einigen übernommen wird, das gekünstelte Aufregen oder dass in jedem TV-Auftritt dann wundersamerweise eine Aushängeschild-Sendung als „Beispiel“ hergenommen wird, weil man sich zu fein dafür ist, eine fiktive Show zu erschaffen, die nicht für den sendereigenen Inhalt werben würde.

Abgesehen davon bleibt dann noch: Der Plot und die emotionale Tiefe. Und hier? Whoa!

Meine Vorfreude begrenzte sich tatsächlich auf Christoph Maria Herbst, der zwar auch schon einige filmische Kröten in den Sand gesetzt hat, den ich seit Stromberg aber tatsächlich regelrecht feiere und ein Film mit ihm, der dann laut Trailer auch noch lustig sein soll – her damit!

Was da dann aber geliefert wurde (und hier darf sich die Buchvorlage tatsächlich rühmen) ist eine mit Humor vollgeknallte Analyse deutscher Trägheit, die selbstanalytisch, -kritisch und wunderbar ehrlich ist. Und das streichelt mein verletztes Plot-Herz und dringt hier in Gefilde vor, die ich deutschem Kino in diesem tragweitereichem Ausmaß tatsächlich nicht mehr zugetraut hätte: Chapeau, auch dafür, dass man hier die Erwartungen, die der Trailer schürt, nochmal um Längen übertroffen hat.

So schafft es dieser ARD-Bubble-Film am Ende doch, im Kinosaal zu überzeugen und jede Menge Lacher und (bittere) Erkenntnisse zu generieren, die einem das Leben durchaus etwas erleichtern können, insofern man sich gerade in Reichweite einer Midlife-Crisis befindet.

.kinoticket-Empfehlung: Hinkt durch die verschrobenen Ansichten der ARD, die uns immer wieder erzählen will, wie die Welt angeblich aussieht und offensichtlich damit peinliche Momente am laufenden Band erzeugt, punktet aber durch eine unglaublich gute Buchvorlage und arbeitet diese hervorragend aus: Hohe Gagdichte, ein unfassbar authentischer Christoph Maria Herbst und hochgradige Ehrlichkeit sich selbst und seinen Schwächen gegenüber werten diesen Film massiv auf!

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Anfänglich sind noch ein paar Szenen zu sehen, nach dem Übergang auf die Blackroll dürft ihr dann aber gerne verschwinden, hier folgt dann nichts weiter.

Kinostart: 14. Oktober 2021

Original Title: Es ist nur eine Phase, Hase
Length: 105 Min.
Rated: FSK 12