Mai 22, 2022

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JGA: Jasmin. Gina. Anna.

JGA - Filmplakat
© 2022 LEONINE Distribution GmbH

Auf die Pressevorführung hab ich verzichtet (kein Bock auf den Schwachsinn), alle Einladungen im Vorfeld ausgeschlagen und mich möglichst weit von dem Titel fern gehalten (so wie ihr vermutlich bislang auch). Der Grund: Vorurteile. Immerhin hab ich knapp 10 Jahre lang auf einer Berghütte auf 1200 Meter gearbeitet und ungefähr gefühlt 200 Junggesellenabschiede pro Jahr hinter mich gebracht und weiß daher, dass diese Veranstaltungen das schlechteste im Menschen zum Vorschein bringen. Das grundlose Besäufnis, das „rechtfertigen“ damit, dass das ja der perfekte Anlass dazu ist, die Kotzerei, der Streit, die Tränen, das Geschrei und je weiter die Nacht voran schreitet (aus der man als Hüttenwirt nicht fliehen kann), desto schlimmer werden die Eigenschaften der noch wachen, betrunkenen Armseligen. Wozu sollte ich mir so etwas jetzt auch noch im Kino ansehen?

Als langjähriger Stammgast der Sneak Previews kam ich dann aber dennoch nicht umhin, mir den Streifen in einem reichlich gefüllten Saal anzusehen und dachte nur: Oh no… – und zwar gefühlt die ersten 10 Minuten lang. Dann begann der Streifen auf einmal, die üblichen Momente des typisch schlechten, deutschen Films abzulegen und mit einer ganz eigenen Art von Humor zu punkten, der im weiteren Verlauf immer mehr Spaß machte und all die Junggesellenabschieds-Filme selbst fast schon ein wenig parodistisch aufs Korn nimmt.

Zum einen muss man sagen: Die Hauptdarstellerinnen machen ihre Sache hervorragend. Sie spielen ihre Rollen top und liefern jede Menge Situationskomik und überzeugende „Dummheit“, die im Verlauf des Films in immer mehr Liebenswürdigkeit umschlägt und der man seine Existenz vergibt.

Punkt 2, der mich wahnsinnig überrascht hat: Man entwickelt eine Art Feinsinn dafür, wann der Zenit überschritten werden könnte und stoppt durch unfassbar guten Schnitt immer wieder an den richtigen Stellen, zum richtigen Zeitpunkt und keine Sekunde zu spät. Das typisch öffentlich-rechtliche Ausschlachten eines vermeintlich guten Gags wird somit nicht Stromberg-like immer wieder wiederholt, sondern man weiß, dass ein Joke nur einmal zündet und findet hier den Grat zwischen unterirdisch und gelungen.

Dass der Film an vielen Stellen vorhersehbar ist, geschenkt. Dass man hier keine tiefgründige Analyse menschlichen Seins erwarten braucht (was meine Feuilleton-Nudeln gerne gehabt hätten): Für mich zumindest logisch, dass da nichts kommt. Dass verschiedene Punkte immer nur angerissen werden und man nach dem alten, platonischen Muster von mittelmäßigen Komödien arbeitet: gewissermaßen logisch und okay. Dafür geht man glaube ich aber auch kaum wissentlich in solch einen Film, um sich dann hinterher aufzuregen, dass hier keine freud‘schen Analysen und tiefgründigen Exerzitien stattgefunden haben, sondern eben einfach nur das, was das Plakat uns anfangs versprochen hat.

Diese Erwartungen werden nämlich in meinen Augen weit übertroffen und genau das ist ein Punkt, der zur Zeit zu wenig Beachtung findet: Unsere Theaterfreunde, die uns kategorisch die Leinwände klauen, haben jüngst so viel „herrliches Material“ vor Augen gesetzt bekommen, dass sie jetzt den Eindruck haben, das wäre immer so und es gäbe keine andere Klientel mehr, die Kinos von innen bestaunen möchten. Also muss alles jetzt anspruchsvoll, schwarz-weiß, öffentlich-rechtlich gefördert und mit viel verbalem Blabla sein und wehe, dem ist mal nicht so. Dann echauffiert man sich lautstark darüber und regt sich auf, dass nicht alle die „bösen Teile“ der Zeitung verbrennen und ausschließlich das Feuilleton und vielleicht noch den Politikteil lesen.

Leute, es gibt auch noch sowas wie „sanfte Unterhaltung“ – quasi das „Teleshopping“-Pendant zur Oper, das man irgendwann einfach mal braucht, um sich zurückzulehnen und das Hirn ganz einfach mal gar nichts machen zu lassen – und dafür eignet sich dieser Film perfekt.

Und: Es kommt auch auf das Saal-Publikum an. Alleine oder mit wenigen Mitstreitern hätte ich genauso Bauchschmerzen, aber wenn viele Menschen im Kino sitzen, entwickelt sich dabei dann eine ganz andere Dynamik, die dem Film zuträglich ist und insgesamt auch bei vielleicht dem ein oder anderen schlechten Witz eine trotz allem wunderbare Stimmung aufkommen lässt – und das ist am Ende doch das Entscheidende, oder?

.kinoticket-Empfehlung: Zielpublikum! Dieser Film liefert mehr, als der Trailer verspricht und hebt sich positiv von seinen bisherigen (amerikanischen) Pendants ab: Man hat den Grat zum schlechten Geschmack gekonnt im Schnitt verhindert und geht fast schon ein wenig sadistisch auf das eigene Genre los. Dafür braucht man aber 10 Minuten lang Toleranz und ein wenig Saalpublikum, dann ist das eine hervorragende Vorstellung und beschert einen Abend lang richtig Spaß.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 24. März 2022

Original Title: JGA: Jasmin. Gina. Anna.
Length: 119 Min.
Rated: FSK 12