Late Night - Filmplakat
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Nichts ist so, wie es scheint. Kein Medium könnte diese Aussage besser verkörpern als die Scheinindustrie, die seit Jahren dafür sorgt, dass auf den Bildschirmen alles glitzert und glänzt, während es in dem Stall dahinter ganz anders zugeht.

Prominente Beispiele dafür haben wir in den letzten Jahren einige gehabt – respektive die Enthüllung des Schleiers, den man in Form von Displays und Leinwänden gerne darüber legt. Nichts ist spannender, als hinter die Kulissen dessen zu blicken, was alle Welt als “offensichtlich” betrachtet und ein klein wenig zu verstehen, wie diese unglaubliche – und unsteuerbare – Maschinerie funktioniert.

Nehmen wir doch einfach mal Late Night. Ein wunderbares Thema, dem viele keine großartige Aufmerksamkeit mehr schenken und zu dem jeder irgendetwas zu sagen hat. Mein letzter “großer” Late-Night-Talker war Stefan Raab, zu dem Mann würde ich am liebsten mal ein Buch veröffentlichen, um all meine Gedanken und Empfindungen darin niederzuschreiben und sie in pressbare Form zu Papier zu bringen, einfach, damit in meinem Schädel wieder genug Platz ist.

Viele klammern sich hierzulande auch an Harald Schmidt, den ich mehr oder weniger nur noch bei seinem Sky-Absturz erlebt habe und niemals in der Hochblüte seiner Zeit – ich fand die Sidekicks immer doof, was mich in den meisten Fällen zum Umschalten gezwungen hat.

Zudem sind wir auch nicht unbedingt das Land für Late Night, diese Form der Unterhaltung ist in den USA viel präsenter und bestimmt dort in vielen Haushalten das Abendgeschehen bzw. begleitet in ungezwungenerer Weise das Ableben der Tage vieler Einwohner dieses Landes. Weniger Seriösität, mehr Quatsch, viel Humor und einfach “eine gute Zeit” – das ist das Image, in dem sich Late Night gerne präsentiert.

Doch dahinter verbirgt sich ein knallhartes Business. Wer weiß schon, weshalb Raab wirklich gegangen ist? Wer weiß, wieviele Tränen für einen unbeachteten Lacher im TV geflossen sind? Wer kennt schon die genauen Gründe – und vor allem: Wen interessiert’s?

Late Night wird vom Zuschauer wohl in erster Linie mit der herausragenden Emma Thompson in Verbindung gebracht, die man von vielen Shows kennt, als “Vorzeigefrau” auf die Bühne stellt und die natürlich eine unglaubliche Ausstrahlung und Würde vermittelt, die sie im Showbusiness groß gemacht hat. “Das ist der Film mit Emma Thompson” ist ein nicht selten fallender Satz, wenn’s um diesen Titel geht. Und wie heißt der Co-Star?

Selbsttest geglückt?

Ja, es ist eine Frau (schreibt man hier dann: Co-Starin?) und ihr Name lautet? Mindy Kaling.

Diese Dame hat nicht nur die “Nebenrolle” gespielt, sondern auch eine Riege an hochkarätigen Mitspielern zusammengetrommelt, das Ding produziert und: das Drehbuch geschrieben.

Wenn man also so möchte, dann ist es “ihr Film, in dem Emma Thompson nur mitspielt”. Und damit sind wir schon voll im Thema, um das sich Late Night kräuselt: Die Bande der Display-Schutzwälle zerbrechen und einen ungenierten Blick hinter die Kulissen zu werfen, die mehr oder weniger alles zeigen, außer das, was unsereiner auswendig aus den TV-Formaten kennt.

Dazu addiert man dann eine herausragende Schauspielgröße wie Emma Thompson, stellt sie an die Seite von Mindy Kaling und genießt das Ensemble der aufeinandertreffenden Welten. Dass derartige Ideen und Situationen nicht einfach an den Haaren herbeigezogen, sondern vielmehr aus der Wirklichkeit gegriffen sind, hat die Welt durch den #metoo-Skandal gravierend erlebt: Da ist das Kartenhaus in sich zusammengebrochen und der Schleier wurde zu Ungunsten einiger Herrschaften prächtig gelüftet.

Natürlich ist und bleibt Thompson weiterhin das Hauptaugenmerk, wenn’s um Gründe dafür geht, die einen ins Kino treiben sollen – und auch auf den Leinwänden wird dieser Film niemanden groß vom Hocker reißen, dafür wurden Drehbuch & Co. gar nicht ausgelegt.

Es ist ein Film, der von Herzen kommt, der ein “Freiwilliges Mitmachprojekt” der Schauspieler*innen sein soll und den man sich deshalb gerne in seiner ureigensten Form – als “Late Night”-Unterhaltung – zu Gemüte führen darf.

Das aber bitte dann auf der großen Leinwand – und nicht im heimischen Schlafzimmer.

.kinoticket-Empfehlung: Ein ungetrübter Blick hinter ein knallhartes Business, mit herausragenden Schauspielgrößen und viel Gefühl und emotionaler Wärme. Sehenswert!

Nachspann: Muss man nicht zwingend aussitzen, hier folgt keine Zugabe.

Kinostart: 29. August 2019

Original Title: Late Night
Length: 102 Min.
Rated: FSK 0