Februar 3, 2023

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Mehr denn je

Mehr denn je - Filmplakat
© 2022 Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

Zwei Sektions – Sektion 1:

Zuerst – und absolut unabhängig von meiner Kritik – möchte ich mein herzliches Beileid aussprechen, denn meine Befürchtungen sind wahr: „for gaspard“ am Schluss des Films meint tatsächlich Gaspard Ulliel, der nach den Dreharbeiten an den Folgen eines Unfalls erlag und die Premiere des Films nicht mehr miterleben konnte.

Emily Atef erzählt im Presseheft, dass sie das Ende bereits am Anfang gedreht haben und es so unfreiwillig zu einer dramatischen Szene geworden ist, da es Ulliel quasi schon via Vorahnung verabschiedete. Klingt kitschig, lass ich aber einfach so stehen.

Es ist tragisch, jemanden zu verlieren und ich empfinde tiefes Mitleid mit denen, die nun mit diesem Verlust klar kommen müssen.

Aus diesem Grund bitte ich euch auch, meine Kritik nicht auf den Menschen zu beziehen oder es in Verbindung mit der Person zu setzen, sondern rein auf das filmische Werk.

Also: Mein herzliches, aufrichtiges Beileid!

..

Und Sektion 2: Meine Gedanken zu diesem Werk – ehrlich und ungeschönt. Dann immerhin ist das eines der Markenzeichen dieses Blogs: Wenn’s Schrott ist, sag ich das auch.

Mehr denn je zählt zu den Filmen, die mein Inneres zerreißen. Und ich möchte euch auch erklären, wieso.

Die „Filmfronten“ sind zugekleistert mit Filmförderungen, televisionärem Zusammenarbeiten und triefen nur so vor arte-Klischees, das sind per se eigentlich absolut schlechte Anzeichen.

Und ja: Es handelt sich um genau diese Art Film: Der typische Metropol-Urbanizer in seiner woken Bubble, der dem perfekten Mann entspricht, der – allseits top gestylt und trendy niemals schlecht aussieht und von allen gefeiert wird.

Menschen wie mir, die (hoffentlich) ein wenig am Boden geblieben sind, kommt bei solchen Anblicken zumeist das große Kotzen. Ich höre es sinnbildlich vor mir – das würgende „mäh“ auf den Vorschlag, einfach mal was normales zu machen oder bodenständig essen zu gehen. Nein, es muss das angesagte Hipster-Lokal sein, man muss gut aussehen, es geht um das Licht, welches sich in den Haaren spiegelt, die speziell von einer esoterischen Oma mit hinduistischen Wurzeln („Man sagt heute nicht mehr hinduistisch tztztz“) gelegt wurden, statt um einfaches Beisammensein.

Und es geht um eine Krankheit und Tod.

Ja, ein Thema, mit dem sich per se viel zu wenig (ernsthaft) beschäftigt wird und das man, wenn, eher überzogen und cineastisch abhandelt, also eher abstrakt und surreal, statt dass es einen wirklich betreffen könnte. Ausnahme bilden die Filme, die sich speziell auf diese Tränendrüsendrücker-Kolonnen spezialisiert haben – und dazu möchte dieser Film aber irgendwie nicht wirklich zählen.

Tja, er macht in einigen Punkten halt auch alles richtig. Er prangert dieses Gebilde an, was uns da anfangs vorgesetzt wird – und stellt es in Frage. Er spricht darüber, dass es oft einfach besser ist, mal seine Fresse zu halten. Er bezeugt, dass „kranke Menschen keine Beileidsbekundungen hören wollen“ – und ihr dürft nun selbst in Frage stellen, ob meine Einleitung hier gerechtfertigt ist oder nicht.

Und er entflieht diesem ewigen Kreislauf des „Oh Gott, er/sie hat etwas, es gibt doch Medikamente, los ruf nen Arzt, ab ins Krankenhaus, ah alles wieder gut, schön. Käffchen?“ und macht in meinen Augen hier auch wieder etwas richtig: Es geht raus!

Ich sag immer: Die Natur heilt nicht deinen Körper (im Gegenteil, sie macht ihn fertig), aber sehr wohl deinen Geist.

Diesen Umstand krallt sich der Film allerdings für das nächste Klischee: ab nach Norwegen. Hier braucht man quasi arbeitstechnisch einfach nichts mehr tun, außer kurz „Action“ zu rufen und dann einfach die Kamera laufen zu lassen, der Rest erledigt sich von allein. Die Natur. Die Schönheit. Die allseits umgebende Liebe und das nostalgisch schwelgende Etwas von … äh … ja, halt der Inbegriff der Inneneinrichtung eines jeden Hipster-Cafes im tiefen Berlin oder Paris oder Manhattan… egal, hauptsache Holz, hauptsache Pflanzen und hauptsache irgendwie das Gefühl, mit dem höheren Selbst der Natur verbunden zu sein. Inklusive dem 13 € Kaffee.

Funktioniert das?

Bei mir – in Teilen ja. Warum? Ich bin selbst einige Jahre mit Zelt und verstaubten Rucksäcken nachts durch die Wälder gezogen um einen geeigneten Baum zu finden, der den Spanngurt meiner Hängematte aushält und mich nachts vom kalten Boden (und irgendwelchen Krabbelviechern) fern hält. Ich weiß also genau, was gemeint ist, wenn „das erste Mal die Sonne aufgeht und einen die Natur in jeder visuellen und audiovisuellen Spur trifft“.

Ich kenne das Gefühl der positiven Einsamkeit – und liebe es bis heute. Wenn alles still wird und die Natur-„Tonspur“ wieder anfängt zu spielen. Was wir uns heute zum Teil künstlich erhalten (Entspannungs-Apps) einfach in seiner pureness zu genießen und in sich aufzunehmen.

Das geht halt nicht im Stadtpark, oder im Gebälk irgendwo im Loft in der Altstadt von New York.

Klischee also. Klischee, Klischee, KLISCHEE. Dieser Film ist DER Inbegriff des arte-Klischees schlechthin.

Bah, und mittendrin eine extrem fantastisch spielende Vicky Krieps, die ihre Sache sowas von überzeugend darstellt, dass manche Szenen selbst meine Krankheit im Saal triggern und ich extreme Probleme bekomme und ernsthaft überlege, aus gesundheitlichen Gründen den Saal zu verlassen. Wow! Und sie zieht das anfangs extrem gut aus der Hüfte und haut das Ding einfach bis ganz zum Schluss in einer derartigen Professionalität vom Latz – wow!

Ihr Gegenteil? Gaspard. Yo, soll ich jetzt über einen Toten negative Dinge sagen? Nein, ich sag es über seinen Charakter, den er im Film spielt: Widerwärtig. Hässlich. Der Inbegriff des Problems – und damit sinnbildlich der Inbegriff des Problems unserer Gesellschaft: Menschen wie diese, die den Rest dafür verurteilen, was er tut, weil es nicht zu dem Furnier in der eigenen Wohnung passt. Und die damit dann auch irgendwie überfordert sind und sich ändern wollen, es aber dann auch nicht tun. Wer könnte es wagen, wieder bei McCafe zu bestellen? Pfui!

Aber – Zerrissenheit incoming – die „Beziehung“ zwischen ihr und dem norwegischen Gegenpart: SEN-SATION-ELL! Dieser Typ allein – crank! Der trifft es auf so vielen Ebenen einfach. Kaboush. Haut einen Spruch raus, der es halt einfach reißt. Oder haut keinen Spruch raus und IST derjenige, der schweigt, weil er es versteht.

Im Hinblick auf die ein oder andere „unheilbare Krankheit“, die auch ich in mir trage, fühle ich mich an seiner Seite sowas von hm… daheim? Geborgen? Verstanden? Entwickel Sätze wie „Wären doch mehr Arschlöcher auch nur ansatzweise so wie du…“ Was wäre die Welt ein geiler Ort, wenn sich mehr Menschen so verhalten würden, wie er.

Diese „Fuck it“-Art, die er an den Tag legt, ist oft genau das, was Menschen wie sie brauchen, was die Situationen erträglich macht, sie entfernt … besser noch: Was dem Leben einen Inhalt gibt, der alles andere vergessen lässt.

Doch diesen Umstand hebe ich hier in meinem Text stundenlang hervor, der Film aber eher weniger. Ja, er hat seine Szenen, legt darauf aber irgendwie nicht wirklich wert, sondern ist halt einfach so, damit das Drehbuch irgendwie funktioniert.

Merkt ihr’s? Das Teil ist zum Kotzen. Und wunderschön. Das Ding spricht die Menschen an, die diese Gefühle sowieso kennen, triggern die richtigen Momente hervor – und boxen allen anderen ins Gesicht.

Ist es gut, dass es sowas gibt?

Im Sinne der Filmvielfalt sicherlich. Allerdings darf man mit dem Geld der Allgemeinheit gerne besser umgehen und es so anlegen, dass am Ende ein Film raus kommt, der mehr Menschen begeistert – und nicht nur diejenigen, die sowas eigentlich nicht brauchen, weil sie in der Natur sowieso ihre Spots haben und die immer wieder besuchen.

Tja, und nu? Schick ich euch jetzt ins Kino? Zu arte in den Kanal? Oder sag euch: Lasst’s lieber?

Immerhin könnten sich ja mehr Menschen mit dieser Lebensweise anstecken und ich wäre auf meiner Lichtung bald nicht mehr alleine … auch kacke.

Es zerreißt mich.

.kinoticket-Empfehlung: Der Inbegriff aller Klischees, die euch zum „künstlerisch wertvollen arte“ einfallen. Hipster-Logik, dramaturgische Ausflüchte, wie sie im Lehrbuch stehen, technisches Know-How am unteren Level, man verlässt sich einfach auf Norwegen und haut irgend ne blasse Story drumrum, die aber so viel Kernaussagen ankratzt und die richtige Klientel mit voller Wucht trifft – dafür wird der Rest absolut nicht abgeholt. I see a conflict coming…

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hält keine weiteren Überraschungen parat, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 01. Dezember 2022

Original Title: Plus que jamais
Length: 122 Min.
Rated: FSK 12

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