Midsommar - Filmplakat
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Er war vor den ersten Screenings heiß erwartet und wird seitdem kontrovers diskutiert: Midsommar – das neue Werk von Ari Aster, Schöpfer von Hereditary, zu dem ich mich im “alten Blog” ja schon geäußert hatte (ja, die Arbeit im Hintergrund läuft weiter und ich werde zu gegebener Zeit dann alle Beiträge direkt online stellen – stay tuned).

Ich finde, bei all den wütenden Ansprachen, die mir da teils zu Ohren gekommen sind, wurde eine wichtige Sache nicht bedacht.

Zu Beginn: Ich bin fast gestorben aus Liebe zu diesem Projekt und mir wurde mal gesagt, als Kritiker müsse man solche Aussagen begründen. Ich will es versuchen.

Ich sehe das Werk nicht als Film, nicht als Erzählung, sondern selbst als ein Kunstwerk. Diese kranke Scheiße kann keine Geschichte sein, die man im Vorbeigehen erzählt oder in Taschenbuchform auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn liest, sondern damit muss man sich auseinandersetzen.

Und genau das habe ich während der Vorstellung und auch danach getan.

Man merkt schon beim Schauen, mit welcher Präzision und technischer Liebe man sich dieses Werk zusammengebastelt hat. Da ist nirgends eine Szene, in der man sich gedacht hat: “Yoah, nehmen wir, ist so, können wir loslegen” und dann einfach mit der Kamera draufgehalten, sondern jede Einstellung, jeder Blickwinkel, die Geometrie, die Bilddetails – alles wurde mit viel Intensität und Liebe ausgewählt und nichts dabei dem Zufall überlassen.

Eben jene Tendenzen hat man ja auch schon an Hereditary erkennen können: Bildabgefucktheit vom Allerfeinsten. Ich hoffe, der Regisseur bleibt sich treu und wirft noch ein paar mehr dieser Kunstwerke auf den Markt, denn für die cineastischen Augen ist dies tatsächlich ein Gaumenschmaus, den man selten in dieser Perfektion vorgesetzt bekommt.

Alles – diese ganz Welt – ist bis aufs kleinste Detail ausgearbeitet, mit Symbolik, Traditionen, Kulten … so etwas überlegt man sich auch nicht einfach im Vorbeigehen oder investiert so viel Arbeit in einen schlechten Film, darum kann dies nur ernstgemeinte Kunst sein – und es ist erstaunlich, wie wenige Menschen dies an dieser Stelle so klar erkennen.

Weiter geht’s mit Farben, Ausgestaltung, Helligkeit: Der Film strotzt geradezu davor und liefert hier an Bildern und “Naturschönheit” genau das Gegenteil des Plots, der an Grausamkeit und psychischer Krankhaftigkeit kaum zu überbieten ist – auch da wieder wunderschön austarierte Gegensätzlichkeiten, die vor Symbolträchtigkeit förmlich schreien. Warum regt man sich auf, statt mit Interpretation zu beginnen? Ein weites Feld metaphysischer Anspielungen, welches den Geist anregt und die Vernunft mit einem zerberstenden Kraftakt herausfordert – was an den unzähligen Kritiken darüber ja schon weithin erkennbar ist: Kunst soll provozieren, muss provozieren – und das tut dieser Film.

Oder springen wir wieder zurück an den Anfang – das Filmplakat. Man hätte es kaum besser ausdrücken können und hat sich selbst hier ein wunderbares Motiv einfallen lassen, welches in Gänze den Zwist zum Ausdruck bringt, dem sich der Film in seiner reichhaltigen Bildgewalt nahezu ekstatisch dahin gibt.

Das Werk wird vermarktet als “Horror” und häkelt bis jetzt an der Freigabe-Anfrage nach 16* … ich persönlich beziehe in so etwas immer gerne den Geist mit ein und fordere daher eine rote 18 und nichts darunter, wenngleich sich der Horror hier auch kaum in den Bildern offenbart, die man direkt vor Augen sieht, sondern vielmehr im Geiste der eigenen Gedanken manifestiert und seine boshaften Zweige darin ausspinnt. Und diese dekonstruktive Gefangennahme der eigenen Gedanken und Fantasie macht vielen wohl derart Angst, dass sie per se ihre Unbeholfenheit auf die “Schlechtheit des Werkes” abwälzen, statt sich verantwortungsvoll damit auseinanderzusetzen.

Ja, ihr wisst, dass ich Stoff liebe, der Menschen an ihre Grenzen führt – und aus genau dem Grund werde ich auch definitiv ein zweites Mal in diesem Film sitzen und ihn in seiner diabolischen Pracht genießen: Ein Werk, das dem Zuschauer viel gibt, dafür aber auch viel verlangt.

*Nachtrag: Soeben erhielt der Film die finale Freigabe von FSK 16 zugeteilt und kommt daher uncut ins Kino. Am 7. Februar 2020 wird er als Blu-ray, DVD und VoD erscheinen. Zusätzlich kommt eine streng limitierte Special Edition heraus, in der erstmals der Director’s Cut mit 25 zusätzlichen Filmminuten enthalten sein wird.

.kinoticket-Empfehlung: Schön zu sehen, wie der Hühnerstall der Massenvernunft durch füchsige Auswüchse komplett aufgerüttelt wird und sich die Massen beginnen, echauffiert zu erheben und gegen dieses Machwerk zu klagen: Die Masken fallen und der Mensch enthüllt sein eigenes Selbst, weil er nicht damit klar kommt, dass Midsommar viel gibt, dafür aber auch viel verlangt. Ein Meisterwerk geistiger Grenzüberschreitung, die nur als Kunstwerk verstanden werden sollte und keinerlei erzählerische Qualitäten aufweisen möchte. – Ansehen (bei hartem Magen) in meinen Augen definitiv Pflicht. Stellt euch dem Martyrium!

Nachspann: Muss man nicht ausharren, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 26. September 2019

Original Title: Midsommar
Length: 147 Min.
Rated: FSK 16