Mai 22, 2022

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Niemand ist bei den Kälbern

Niemand ist bei den Kälbern - Filmplakat
© 2022 FILMWELT Verleihagentur

Sabrina Sarabi hat sich mit Prélude dem hochintelligenten Publikum angenommen und eine Ode an die Zerstörung in diesem Segment verfilmt. Nun dreht sie den Spieß um, nur dass dabei nichts mehr zerstört werden muss, sondern bereits alles kaputt ist. Es geht um … die „rückständigen Bauern“.

Ich bin nun schon viele Jahre „Pendler“ zwischen den mittelalterlichen Vorstellungen auf dem Land („Internet? Sowas braucht kein Mensch. Ich hab mein‘ Trekker!“) und dem zivilisierten Fortschritt im urbanen Gefilde – und wurde ländlicherseits dafür bis heute viel geächtet und sozial abgestraft.

Dank BahnCard 100 und dem damit verbundenen „kostenlosen Reisen“ in ganz Deutschland stehe ich persönlich dem regionalen Gedanken mit anderen Ansichten entgegen: Deutschland ist mein Garten, die Welt mein zu Hause. Und Deutschland kann verdammt klein sein, wenn man morgens an der Nordsee den Sonnenaufgang betrachtet, dann irgendwo was frühstücken geht, mittags in Frankfurt am Main in einer Pressevorführung sitzt und abends in München auf dem roten Teppich fotografiert.

Dass es Menschen gibt, die aus dem Dunstkreis ihrer fünf Häuser niemals rauskommen (und eine dementsprechende Weltanschauung haben), ist für Menschen wie mich unvorstellbar – und doch erlebe ich es persönlich auf dem Land immer wieder.

Meine „Ausflucht“? Mal eben schnell nach Berlin, um am Hbf was zu futtern, nen gratis Kaffee bei der Bahn in der DB Lounge zu trinken um dann in Hannover ins Kino zu gehen und abends im Allgäu wieder zu Hause zu sein.

Aber es gibt eben auch Menschen (die mit den KFZ-Fahrzeugen, die ihre vielgepriesene Freiheit loben) … und eben niemals raus kommen, weil die sowas einfach nicht machen. „Hier is doch auch schön.“

Genau dieser Schönheitsgedanke wird auch verschwenderisch im urbanen Sektor geteilt, wenn es darum geht, „aufs Land zu fahren“ oder sogar dort zu wohnen.

Grade momentan in Zeiten der Lockdowns und Einschränkungen entdecken viele ihre Vorliebe für Natur und grün wieder und die Immobilienpreise steigen im ländlichen Raum exorbitant an. Diese träumerische Vorstellung von „uh, geil, Bauernhof, Tiere, Spielen“, die man als Kind in der verblendeten Welt noch hat, zerlegt Niemand ist bei den Kälbern mit geballten Faustschlägen – und führt den Zuschauer dabei sanft an der Hand inmitten des Geschehens.

Gerade die Städtler, mit denen ich in der Vorstellung saß, hatten damit ihre lieben Probleme, weil es das Heile-Welt-Bild extrem zerlegt und ich erstmal Aufklärungsarbeit leisten musste, dass diese verruchte Einstellung und das offensichtlich Armselige tatsächlich existiert.

Und – oh Wunder – die Autorin des Werks, das Sarabi hier verfilmt hat, schreibt tatsächlich über ihre eigenen Erfahrungen und bestätigt damit, dass all dies „wirklich passiert ist“. Genau das ist einer der Gründe, warum ich diesen quasi Dokumentarfilm (wenn man so möchte) immens wichtig und richtig finde: Er räumt auf mit den Klischees vom romantischen Dasein im Urlaubsgebiet und zeigt einfach schonungslos, was sich hinter den Kulissen abspielt, wenn die touristischen Türen geschlossen, die Ski-Lifte zugesperrt und die Sonne untergegangen ist. Und ob das jetzt nun im flachländigen Brandenburg oder im bergigen Allgäu stattfindet, spielt schon fast keine Rolle mehr – die geistige Armut ist in beiden Fällen die gleiche (was aber nicht zwingend heißen muss, dass es überall so ist – es gibt einfach nur auch diese Beispiele, was von den sonnenverwöhnten Urlaubern eben oftmals ausgeblendet wird).

Interessanterweise stürzen sich die ländlichen Kinos gerade auf den Independent-Film („Geil, was mit Kälbern, das müssen wir bringen!“) und ich bin gespannt, welche Gespräche dadurch im echten Leben enstehen, wenn ich dann den ein oder anderen darauf ansprechen kann.

.kinoticket-Empfehlung: Auch wenn’s harte Kost ist: Niemand ist bei den Kälbern wurde inzwischen schon ausgezeichnet – u.a. mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ – und genau das ist er: extrem sehenswert und ungeschönt ehrlich! Mehr davon!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Nachfolgende Szenen kommen zwar keine, aber das ist so ziemlich der coolste Abspann, den ich je gesehen habe.

Kinostart: 20. Januar 2022

Original Title: Niemand ist bei den Kälbern
Length: 116 Min.
Rated: FSK 16