Oktober 7, 2022

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Noch einmal, June

Noch einmal, June - Filmplakat
© 2022 Happy Entertainment

Irgendwie hab ich das Gefühl, die meisten Deutschen haben ein klitzekleines Problem mit ihrer eigenen Kultur. „Was für Kultur?“ mag sich da zurecht der ein oder andere fragen? Dass man pöbelnd und besoffen durch die Hotelmeilen in Mallorca taumelt auf dem Weg zur Sonnenliege, um bereits am Vorabend sein Handtuch dort zu platzieren?

Oder die stumpfen, hirnbefreiten Grunzlaute der Querdenker-Bevölkerung, die lauthals nach dem Erhalt deutscher Kultur schreien und dabei nicht einen einzigen, grammatikalisch korrekten Satz in ihrer eigenen Sprache zustande kriegen, während sie sich in ihre immer komplexer werdenden Lügen verstricken?

Wir haben ja mittlerweile einen selbsternannten Heiligen der Krankheitsbilder-Filmographie: Til Schweiger. Der hat 2014 mit Honig im Kopf ja einen relativ (für deutsche Verhältnisse) gut gemachten Film geliefert, der jedoch international so extrem floppte, dass er selbst in einem Interview zugab, dass dies der „größte Flop seines Lebens gewesen sei“ (gesprochen wurde hier über Head Full of Honey – dem amerikanischen Remake des deutschen Films von ihm selbst und höchstpersönlich fürs US-Publikum inszeniert).

Und inzwischen sind auch genügend negative Kritiken zum Original in den Weiten des Internets zu finden … der Deutsche feiert sich eben nicht einfach selbst („Yeeeeaaaaah, this is America! Our Flag! Yeah!“), sondern ist selbst da hyperkritisch und kann sich selbst nicht ab … packt es aber auch nicht, mal den Arsch in die Hand zu nehmen, ein paar Scheinchen auf den Tisch zu blättern und es der international bekannten Filmschmiede gleich zu tun.

Nein, man verlagert sein „Können“ eben ins Eliten-Universum und feiert sich dann in exklusiven Kreisen einfach selbst unter höchster Aufmerksamkeit, dass ja kein realistischer Gedanke mit in den Raum darf … immerhin würde man dann sofort erkennen, dass auch hier wieder nur Bullshit auf dem Schirm läuft, wegen dem man gerade eben wieder den Boden mit billigem Champagner flutet.

In anderen Ländern läuft sowas anders. Amerika? Ein bisschen Patriotismus, ein paar amerikanische Flaggen, hier und da bisschen US-Army und ein paar Veteranen und schon ist das Ding ein Kassenknüller – der Ami feiert sich einfach selbst. Scheißegal, wie schlecht der Film ist.

Und so hat jedes Land irgendwo seine klischeebehafteten Macken: Der Türke flachst immer bisschen megaübertrieben rum, der Franzose kommt mit Comedy und Romantik, der Schwede und Norwege haut beständig irgendwelche Krimis raus, die durch Grautöne und düstere, einsame Szenen geprägt sind und der Australier? Den kennen wir irgendwie noch nicht so gut.

June Again, wie das Teil im Original heißt, erzählt nämlich auch die Story einer Demenzerkrankten, allerdings wird hier eben nicht auf die melodramatische Leier gesetzt, und auch keine miesen Dialoge oder nuschelnden Teilnehmer integriert … sondern man setzt es ganz nach australischem Kultur-Ideal um und liefert etwas authentisches, das … nicht deutsch ist.

Und boum, schon feiern die Deutschen es. „Da hätte sich unser großer Til Schweiger mal eine große Scheibe abschneiden können bei seinem Honig im Kopf– so wird das richtig gemacht!“ und ähnliche Sätze hallten nach der Vorstellung durch den Saal, als dieser Film in der Sneak Preview der Öffentlichkeit zum ersten Mal vorgeführt wurde.

Selbst meine urkomischen Pressekritiker deutscher Natur fanden dieses Werk extrem gut … und ich stelle hiermit eben die These auf: …., weil es kein deutsches Werk ist und wir per se etwas für fremde Kulturen übrig haben, solange sie in Filmen stattfindet.

Tatsächlich spielt Noni Hazlehurst ihre Rolle hervorragend und auch das Bild der Demenz wird hier im Film wesentlich besser portraitiert, ohne dabei auf Unterhaltung und den Hang zur Lebensfreude zu verzichten. Viele slapstick-pointierten Momente und mit französischem Humor angehauchten Szenen finden hier ihren Platz und bilden ein authentisches Erlebnis ab, das sich die ältere Generation als Zielgruppe ausgesucht hat, aber eben auch jüngeres Publikum nicht enttäuscht.

Zu Recht darf man also behaupten:

.kinoticket-Empfehlung: Lieber Til Schweiger: so hättest du es besser machen können.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 17. Februar 2022

Original Title: June Again
Length: 99 Min.
Rated: FSK 6

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