Once Upon A Time In Hollywood - Filmplakat
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Die Nation ist gespalten
Quentin Tarantino bestimmt derzeit das Innenleben vieler Kinos: Selbst die größten Bunker sind nahezu ausverkauft – unter der Woche – Spätvorstellung. Jeder rennt ins Kino und möchte den neuesten Tarantino mit eigenen Augen sehen und bewerten. Und nicht selten rennt die Menschenschar danach mit extrem unterschiedlichen Ansichten wieder an die Frischluft.

Selbst 161 Minuten Laufzeit sind keine Ansage mehr. Längst hat man sich mit den einstigen Ausnahme-Überlängen abgefunden oder Vorstellungen mit Pause erschaffen, die das Ansehen inzwischen soweit erleichtern, dass auch “Normalos” damit kein Problem mehr haben.

Und ich finde faszinierend, wie extrem unterschiedlich die Nationen inzwischen auf sein Machwerk reagieren. Tarantino – der Rebell Hollywoods, dessen ureigene Schärfe und blutiger Instinkt oft als ein Mahnmal gegen die Zivilisiertheit menschlicher Belanglosigkeit in den Himmel ragte und die christlichen Werteansichten durch erhabenes Gequatsche in Frage stellten. Der Mann, dem die Jugend trotzig folgte, um den elterlichen Widersachern eins auszuwischen.

Tarantino hatte Biss, lieferte Schärfe und ein ungekanntes Maß an abenteuerlicher Wut, die dennoch eloquent und niveauvoll, fast schon lasziv immanent durch den Raum schwebte und etwaigen Kritikern die Luft aus den Segeln schoss. Seine Filme waren blutig, sein Markenzeichen war das Gespucke ins Gesicht der adeligen Elite, eine Welt, die den Grenzen trotzte und sie niederschoss, wenn sie nicht so einfach zu übersteigen waren.

Damit schuf Tarantino einen Kosmos, der in sich funktionierte und immer wieder Fans und Hater gleichermaßen produzierte. Ein Mann, den man liebt, oder verachtet. Alles andere wäre kolossal falsch.

Sein aktuelles Werk schafft diesen Umstand in präziser Perfektion: Die Welt dotiert es mit 5 von 5 Sternen – oder hasst und verunglimpft es als “das schlechteste, was er je gemacht hat”. Dazwischen: Nix.

Schlechte Marketingstrategien oder geniale Verarsche
Mir geht das Gehype inzwischen einfach nur noch auf die Nerven. Inzwischen? Eigentlich schon immer. Warum hab ich damals kein Desperate Housewives geschaut, als jeder es frenetisch im Fernsehen verfolgte und sich mit den Zähnen in der Fernbedienung festbiss, damit ja niemand umschalten konnte?

Oder in der Tech-Sparte: Kaum ein Tag vergeht, in dem man sich nicht die Mäuler zerreißt über das, was womöglich kommen könnte: Apples iPhone 15 wird diskutiert, wenn das 9. noch nicht mal Marktreife erlangt hat, Leak hier, Enthüllung dort, dies könnte, womöglich, eventuell, war in der Vergangenheit eigentlich immer nicht ganz schlecht mit seinen Vorhersagen: Wir leben in einer Welt, die sich permanent selbst überholt und niemandem ist dabei aufgefallen, dass eigentlich keiner mehr die Dinge wirklich liebt und benutzt.

Kaum hat man etwas gekauft, muss man sich eigentlich nur damit beschäftigen, was die übernächste Version womöglich eventuell für Neuigkeiten bringen könnte… Leaks – die Medienwelt zerpflückt dieses Phänomen auf der heischenden Suche nach Klicks und verdammtem Geld. Ein Grund, warum ich mit diesem Blog niemals einen Cent verdienen möchte: Ich hasse dieses verfickte Geficke um Kohle, die jede Sehnsucht und jedes Gefühl von Liebe und Kino-Devotion verrät.

Und auch Hollywood ist vor dergleichen nicht gefeit. Man redet kaum über Filme, die aktuell im Kino laufen, zerfetzt sich aber das Maul darüber, wer was womöglich wann wie bringen könnte. Matrix 4? Cool. Lasst sie drehen. Haltet die Fresse. Und geht ins Kino, wenn’s soweit ist.

Bei Tarantino war es nix anderes: Wie die Aasgeier haben sich die Journis auf die Enthüllungen der Stars und falschen Fährten gestürzt, die Quentin im Vorfeld gelegt hat – mit dem bittersüßen Abgesang, dass auf einmal keiner das bekommt, was er vermeintlich versprochen gekriegt hat. Die wundersame Job‘sche Enthüllungsparty, die anschließend tatsächlich Material zum Anfassen liefert und eine große Show drumrum bastelt, ist längst vorbei: Es lebe die Welt der mutmaßlichen Leaks, in der nichts mehr greifbar und echt ist.

Hollywood ist tot – und einer räumt einfach nur in einem großen Rundumschlag auf
Hollywood ist echt. Auch, wenn viele das Gegenteil behaupten. Der neunte Film – sein vorgeblich vorletzter (Obacht: Leak!) – nimmt den Zuschauer zärtlich an die Hand und streift mit ihm quer durch das Hollywood von 1969 – längst vergangenen Zeiten. Ein Abgesang.

Ohne das ganze Gekreische im Vorfeld hätte man hier möglicherweise nun eine Ode an das Zeitliche, einen liebevollen Dekadentanz in nostalgischer Demut an Zeiten, über die heute keiner mehr sprechen darf, bekommen. Es wäre ein Film von bildhafter Größe mit einer Emotionalität, die sich in Kulisse und Bildaufbau, in dem Geist vergangener Äonen erstreckt hätte – und kein “blöder Tarantino“, weil er einfach dafür nicht der richtige Regisseur ist und sein Lebenswerk verrät.

Geht man unter diesem Aspekt ins Kino, fühlt man sich tatsächlich verraten. Drei bittere Stunden Langeweile, nichts passiert, keine Monologe oder Themen, die man erwartungsgemäß in seinen Schinken eigentlich um die Fresse gehauen kriegt, sondern dämliche Langeweile und das mühselige Warten auf 15 Minuten Spaß am Schluss, der irgendwie aus dem Zusammenhang gerissen wirkt und einfach nur da ist – ohne innerhalb eines Plots fügsam zu glänzen.

Vielleicht ist dies aber auch einfach nur die neue Art von Tarantino, der Welt erneut auf die Fresse zu hauen, indem er sich wohlwissend an das Unwiderbringbare majestätisch an den Mainstream ranschmeißt und ihn einmal vergnüglich durchvögelt. Genau das hätte nämlich niemand von ihm erwartet – und es könnte der Beginn des finalen Paukenschlags sein, den sein – seinen Worten nach – letzter und zehnter Film bringen würde.

Seine Wehmut an das frevelhaft-lustvolle Hollywood spürt man aber extrem deutlich. Ja, die ganzen kleinen Binsen mühevoller Detailarbeit erstrahlen in allen Ecken: Man möchte sich auch als Zuschauer einfach in den Boulevard reinwerfen und niemals seinem Sog entkommen: Tarantino hat es verstanden, das klassisch-traditionelle Träumerdasein der Filmfabriken nochmal zu kredenzen und ihren rühmlichen Untergang in tollen Kamerafahrten einzufangen, die den Geist in alle Winde zerstreuen.

Alle anderen Intentionen werden aber maßlos enttäuscht. Und darum liebt und hasst unsere Spezies diesen Film so sehr: Weil er etwas liefert, von dem keiner wusste, was niemand erwartet hat und was einfach anders ist als alles, was dieser Regisseur bislang zu Papier brachte.

.kinoticket-Empfehlung: Ich hätte mir ob des Hypes im Vorfeld etwas völlig anderes erwartet und fühle mich in den Grundfesten des Tarantino-Gedankens inständig verraten: Selten war ein Film in seiner Erzählung und Majestät so lahmarschig und langweilig, desaströs banal und dämlich. Gleichermaßen hat es kaum ein Film je geschafft, das Flair Hollywoods so authentisch wiederzuerschaffen und dem Zuschauer ein Fenster in die Vergangenheit zu liefern, an dem man sich aufhängen kann, um niemals dem vergangenen Sog zu entkommen. Über die schauspielerischen Größen der beiden Hauptis hat sich inzwischen jede andere Rezension gebührend ausgelassen – I’m with that.

Nachspann: Yes – auch hier bitte einmal sitzenbleiben, bitte.

Kinostart: 15. August 2019

Original Title: Once Upon A Time … in Hollywood
Length: 161 Min.
Rated: FSK 16