Juni 26, 2022

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One of these Days

One of these Days - Filmplakat
© 2022 Weltkino Filmverleih GmbH

Gleich mal vorweg: Das hier ist eine empfehlenswerte Perle: Wenn ihr also sowieso vor habt, reinzugehen, dann lest gar nicht erst weiter – umschifft alles andere, was diesen Film angeht, und geht einfach rein. Ihr werdet nicht enttäuscht.

Alle anderen, die „nicht so recht wissen“: Dieser Film zündet mal wieder als etwas, das es lange nicht gegeben hat. Die große Transformation der gesellschaftlichen Digitalisierung und der Abkehr vom „auf die Bäume klettern und Mutproben bestehen“ haben wir längst hinter uns – Zeiten wie diese werden dominiert von Challenges und TikTok-Hypes, denen sich ein Großteil der zumeist jungen Menschen anschließen, um im besten Fall ein paar Millionen zu gewinnen und für den Rest ihres Lebens ausgesorgt zu haben.

Ja, alles ist etwas krasser, etwas heftiger, im Peak etwas irrsinniger geworden – und auch wir Europäer haben dem, was wir vor zwei Jahrzehnten noch als „Die Amis sind völlig verrückt“ abgestempelt haben, nichts mehr vernünftigeres entgegenzusetzen. Durch die internationale Globalisierung und dem unkontrollierbar schnellen Hype rund um den gesamten Globus ist eine Aktion, die „heute“ in China gestartet wurde, schon in wenigen Minuten in Amerika und Europa auf dem tagesaktuellen Zeitplan.

Um dieses Phänomen verstehen zu können, ist dieser Film unfassbar förderlich. Hier werden nämlich gleich mehrere Elemente in sich vereint und von unglaublich vielen Seiten beleuchtet: Eine Ode in Sachen „Durchleuchtung einer ganzen Gesellschaftsgeneration“, die nicht nur den amerikanischen Alltag perfekt trifft, sondern eben auch sämtliche Beweggründe, familiären Aspekte, Hilfeschreie, Armuts-Antriebe und alles weitere durchschaut und aufzeigt, welches (gefährliche) Potenzial in diesen oftmals so unüberlegten PR-Aktionen stecken.

Besieht man die PR im Film, könnte man vor Applaus kaum aufhören zu klatschen: Mehr Werbung für eine Sache kann man kaum billiger, besser und reichweitenstärker generieren. So meine Herrschaften, funktioniert Kapitalismus: Hinstellen, zeigen, immer wieder dran vorbei gehen müssen, „anfassen und fühlen, dass es bereits meins ist“ und dann den Druck des im Inneren aufgebauten Wunsches so stark werden zu lassen, dass er die Vernunft überwiegt und man schließlich zum Portemonnaie greift. Dazu kommt das, was einem im Kino als „unbeteiligter Zuschauer“ dann auch selbst erfasst: Das Mitfiebern und die unglaubliche Spannung.

Schaut man auf die Beweggründe der Teilnehmer dieses Experiments, findet sich wohl auch ein Großteil von uns wieder: Wir alle hatten oder haben Situationen, in denen solch ein „Mutmacher“ nicht schlecht wäre … und so manch einer würde sich sicher überlegen, auch da mitzumachen, wenn hierzulande so etwas angeboten würde (oder hat gar schon an solchen Aktionen teilgenommen).

Was der Film eben aber auch aufführt: Es ist keine Lobeshymne an die neuartigen Waffen der Moderne, sondern man sieht auch, welch scharfe Schneiden diese Schwerter mit sich bringen. Dass in diesem System oft der Mensch mit seinen zerbrechlichen Gefühlen als „Nichts“ mehr betrachtet wird, und es allein um die Sache geht, die allesamt heiligen, ohne zu merken, wie man sich kollektiv immer weiter von der Menschlichkeit abkehrt und dem Kapitalismus heiligt, einfach, weil die Spannen der Geldmengen oder des „Reichtums“ so groß geworden sind, dass in einem selbst alle Sicherungen explodieren.

Und man sieht, mit welchen Methoden auch auf Instagram und TikTok gekämpft wird: Letztenendes ist es eben nicht alles ehrlich, aufrichtig, sozial und hilfsbereit, sondern dient einzig und allein der PR der Sache … und wenn die Vorhänge zugehen, verrecken die Leichen im Untergrund still und leise vor sich hin.

Darüber kann dann auch wieder irgendjemand eine Doku drehen und den Fall sensationsheischend aufbauschen … oder es erinnert sich einfach niemand mehr daran und das Universum hat einen Beweis mehr, welche Art Spezies wir Menschen sind.

Basierend auf wahren Begebenheiten ist dieser Film nahezu ein Weckruf, sich mit den neuen Methoden gesellschaftlicher Interaktion zu beschäftigen und die Dinge einmal aus einem völlig anderen Blickwinkel auf sich wirken zu lassen, um in Zukunft seine eigene Kompetenz in Sachen Social Media und Co. ein wenig zu erweitern und zu lernen, wie man damit umgeht.

Denn weg aus unserem Alltag kriegen wir die Dinge leider Gottes eben nicht mehr so einfach.

.kinoticket-Empfehlung: Ein großartiger Film, der den Zeitgeist unserer Generation trifft und ein soziales Experiment kapitalistischer Güte aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchtet: Ein Lehrstück zum Umgang mit social media und PR in unserer Zeit.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Die Darsteller werden nochmals gezeigt, anschließend dürft ihr die Hand gerne von der Sitzlehne nehmen 😉

Kinostart: 19. Mai 2022

Original Title: One of these Days
Length: 121 Min.
Rated: FSK 16