| wenn aus filmen leidenschaft wird

Edison – Ein Leben voller Licht

Edison - Ein Leben voller Licht - Filmplakat
© 2020 Leonine

Hier kommt nun das Beispiel, wie man‘s richtig macht: Wie man die Geschichte der Menschheit so in einen Film verpackt, dass jeder im Kinosaal Spaß daran hat – mit Spannungskurven, Unterhaltungselementen, Wissensschaffung und emotionalen Veränderungen, die einen nicht steif im Stuhl sitzen und ermüdend zuhören lassen, sondern vielmehr auch die „niederen Gelüste“ des Menschen mitbedienen.

Mit Benedict Cumberbatch, Michael Shannon und Nicholas Hoult hat man dazu drei Koryphäen an Land gezogen, die ihre Rolle in dem auch historisch perfekt ausgestalteten Rahmen so überzeugend einnehmen, dass man jeder der Figuren ihre Rolle glaubhaft abkauft. Dieser Film vermittelt ein realistisches Bild, das einen aus dem Trugschluss unwissender Fehlannahmen herausreißt und offenbart, welch kampflustige Unternehmungen dazu geführt haben, dass unser einer heute in einem Meer aus technischen Errungenschaften leben kann.

Meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist hierbei auch die Charakterzeichnung der einzelnen Persönlichkeiten: Es ist eben keine argwöhnische Huldigung einer einzigen Person, ein „in den Himmel loben“ oder künstlerisches Darniederknien, sondern portraitiert einmal mehr interessante Wesenszüge interessanter Persönlichkeiten und nimmt sich dabei enorm viel Zeit und Raum, um das gesellschaftliche und zeitliche Element drumrum mit zu verinnerlichen. Dies sorgt für viel Erkenntnis geschichtlicher und wissenschaftlicher Zusammenhänge, die im Rahmen dieser Geschehnisse mit auf dem Tisch lagen und dabei arbeitet man sehr gut die Persönlichkeit von Edison heraus, den – wie schon bei Marie Curie – viele „nur“ für seine „Erfindung der Glühbirne“ kennen.

Nach diesem Film ist man definitiv gebildeter und kehrt belustigt, unterhalten und darbieterisch gesättigt wieder an die Tagesoberfläche zurück um festzustellen, wohin das alles geführt hat.

Stilelementarisch eine Huldigung ans Kino mit allen Elementen, die zu einem guten Film gehören: Grandiose Darsteller, tolles Set, ein bedeutungsschwangeres Drehbuch und der Tatsache, dass sich der Film zu keinem Zeitpunkt in sich selbst verfitzt.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Nach den Sprüchen am Schluss dürft ihr raus 🙂

Kinostart: 23. Juli 2020

Original Title: The Current War
Length: 103 Min.
Rated: FSK 6


Die schönsten Jahre eines Lebens

Die schönsten Jahre eines Lebens - Filmplakat
© 2020 Wild Bunch

Betrachtet mal einen Augenblick lang das Plakat und fragt euch, wie ihr diesen beiden Persönlichkeiten gegenüber empfinden würdet. Und dann hört auf euer Bauchgefühl und entscheidet, ob ihr damit zum Zielpublikum gehört oder nicht.

Genau dieses gesetztere Alter, die Ruhe und Gelassenheit, das bewusste Stehenbleiben oder „Nicht mehr bewegen“ ist Inhalt dieses Streifens, der sich damit an die Personen richtet, die sich vielmehr in Gedanken und im Kopf bewegen und nicht mehr zwingend körperlich.

Aus dieser gesetzteren Ebene heraus entfacht man dann eine Reise durch die Vergangenheit, die mit vielen Elementen konfrontiert wird, mit denen man sich zu diesem Zeitpunkt durchaus auseinandersetzen muss und lässt hier einen ruhigen, wohligen und „einschläfernden“ Rhythmus erklingen, der keineswegs negativ aufzufassen ist, sondern einen eher sanft in den Schlaf wiegt und zur Ruhe bringt.

Diesbezüglich können auch „Nicht-Angesprochene“ diesen Film für sich nutzen, um einfach wieder mal runter zu kommen und mal für eine kurze Zeit wieder Luft zu holen und durchzuatmen. Der Puls bleibt vehement unten, der Film ist deshalb jedoch nicht langweilig oder -atmig, sondern „schreckt einfach nur keine Hühner im Stall auf, sondern lässt sich Zeit, um den Sonnenuntergang wirklich zu beobachten“.

Für das ältere Publikum, für Romantiker und jene, die genug von der Lautstärke da draußen haben – und für all jene, die einfach mal wieder entspannen und völlig zur Ruhe kommen wollen: Wer schlecht schlafen kann, wird hier wieder auf die Strecke gebracht und innerlich wie äußerlich vollkommen runtergefahren und sanft in etwas Wunderschönes begleitet.

Nachspann: 🔘🔘🔘 | Wartet mit einem wunderbaren Sundowner auf, also geht nicht gleich raus, sondern genießt die Ruhe und Besinnlichkeit.

Kinostart: 2. Juli 2020

Original Title: Les Plus belles années d’une vie
Length: 90 Min.
Rated: FSK 6


Mina und die Traumzauberer

Mina und die Traumzauberer - Filmplakat
© 2020 Splendid Film GmbH

Bei Werken wie diesen bedauere ich manchmal die Vorurteilskraft der Allgemeinheit, die solche Optionen schon beim Hören des Titels müde beiseite wischt in der Annahme, „das ist nix für mich“.

Mina und die Traumzauberer zählt nämlich zu den wertvollen Schätzen einer Filmkultur, die nahezu als ausgestorben gilt, denn in dieser illustren Geschichte kämpft mal niemand gegen das Böse: Die klassische Gut-Böse-Kontroverse ist von dannen und man lässt das Leben im Sinne kindlicher Unschuld erblühen und bringt viel Fantasie, Kreativität und Einfallsreichtum aufs Tableau, so dass auch für Erwachsene das Schauen dieses Films sehr viel wertvolle neue Einblicke schafft und so manche Alteingesessenheit wieder zu beenden weiß.

Natürlich muss man dabei „übers Plakat stolpern“ und die Schritte gehen, bis man endlich im Saal sitzt, aber ich hab‘s nicht bereut und der Rest hatte ebenfalls wahnsinnig viel Spaß dabei.

Diese Form der Unterhaltung gehört durch den Besuch des Films honoriert, denn in diesen kapitalistischen Zeiten voller Mogule, Verschwörungen und dem Vergessen dessen, was einst mal wichtig war, wirkt Mina und die Traumzauberer wie eine Zeitreise, die all diese wertvollen Momente wieder zurückerobert und dem Zuschauer innerhalb eines wunderbaren Plots serviert.

Die Liebe für die Sache, die Hingebung an den Film und das leidenschaftliche Ausarbeiten eines hochwertigen, moralischen Gedankenguts steht hier an erster Stelle: Man hat das Gefühl, nicht bloß ein Kunde oder eine Zahl zu sein, sondern jemand, der auch von der anderen Seite der Leinwand her wieder wertgeschätzt wird.

Dieses unberührte, fröhliche und unschuldige Kreativsein, das dieser Film auf der Leinwand zurück zum Leben erweckt, ist der Allgemeinheit förmlich verloren gegangen. Die Suche nach Superlativen oder Boshaftigkeit spielt endlich mal überhaupt keine Rolle, sondern dieser Titel ist einfach nur wunderschön und erfüllt damit keine quälenden Anforderungen, sondern liefert etwas, dass sonst in der Filmwelt nahezu als ausgestorben galt. Darum nutzt die Chance und schaut ihn euch an, solange er noch zu haben ist.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hat noch ein paar Bilder, aber man braucht nicht bis zum Schluss hocken bleiben, hier folgt dann nichts weiter.

Kinostart: 4. Juni 2020

Original Title: Drømmebyggerne
Length: 78 Min.
Rated: FSK 0


Gretel & Hänsel

Gretel & Hänsel - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Wenn Märchen verfilmt werden, wird’s in heutiger Zeit entweder blutig, skurril, obskur oder anderweitig grausam: Die klassische Grimmsche Erzählung hat längst ausgedient und lockt niemanden mehr hinter dem Sofa vor, um sich auf selbiges zu setzen und sich eine dieser Stories zum Besten zu geben.

Nun wird’s richtig schlimm: Gretel & Hänsel bricht zugunsten von Gleichmacherei sogar noch mit dem Titel – und ja, ich hab tatsächlich rumgefragt und mir von verschiedensten Frauen erzählen lassen, dass es im Alltag tatsächlich immer noch gravierende Situationen gibt, in denen sie sich benachteiligt fühlen und jede von ihnen hat mir bestätigt, dass solch eine Titelumbenennung kein einziges Stück dazu beiträgt, diese Umstände besser zu machen. Manche behaupteten sogar, dass solche Handlungen dem eher im Weg stünden.

Darüber hinaus ist hier auch kein Film im klassischen Sinn entstanden, sondern eher ein perfides Kunstwerk, das keinerlei Anstalten macht, etwas im althergebrachten Style zu erzählen, sondern vielmehr seine Präferenzen auf Formen, Farben, Kameraeinstellungen, Spiele mit Licht und Schatten etc. legt und damit aus der Unterhaltungsindustrie komplett heraus tritt.

Ich würde sagen, dieses Werk könnte man in Dauerschleife in einem Museum ausstellen, und zwar nicht, weil’s altbacken und konservativ ist, sondern weil eine Kunstschau die richtigere Bühne wäre und sich der klassische Kinogänger zuweilen darüber wundern oder ärgern könnte, hier keinen Film zu sehen, sondern tatsächlich ein kreative Schöpfung anderer Art.

Lässt man sich darauf ein, dass das kein Film, sondern tatsächlich „Kunst“ ist, dann erlebt man hier ein großartiges Spiel mit Formen, Symbolen, Farben und Kameraeinstellungen, die aber von Unterhaltung so weit entfernt sind, wie nur irgend möglich.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiterführenden Szenen, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Gretel & Hansel
Length: 87 Min.
Rated: FSK 16


Enkel für Anfänger

Enkel für Anfänger - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Die Deutschlandpremiere ist lange her, der Kinostart liegt nun auch schon ein paar Monate zurück und dank Corona ist es dennoch möglich geworden, den Streifen trotzdem im Kino zu sichten. Überhaupt ist im Moment etwas passiert, von dem ich lange Zeit geträumt habe: Man kann einfach in die Lichtspielhäuser gehen und wird nicht etwa von Langeweile oder Kreativitätslosigkeit umspült, sondern erlebt ein Revival klassischer und moderner Filmvielfalt, dass sich die Balken nur so biegen. Ich möchte fast sagen, es ist eher schöner als vor Krisenzeiten.

Aus diesem Grund hab ich mich natürlich auch der Streifen angenommen, die jetzt wieder ins Kino kommen und die ich durch meine krankheitsbedingte Pause noch nicht rezensieren konnte. Dazu gehört u.a. Enkel für Anfänger, dem ich zuallererst mal das Prädikat „sehenswert“ attestieren möchte – und zwar aus einem Grund: Heiner Lauterbach.

Jap, dieser Kerl ist ein wahnsinnig angenehmer, sympathischer Zeitgenosse, den ich durch einige Faktoren sehr zu schätzen gelernt habe. In Der Fall Collini stiehlt er sogar Hauptdarsteller Elyas M‘Barek die Show und spielt alles und jeden an die Wand.

Vor einiger Zeit stieß ich beim Zappen dann mal in der ARD (yes 🤷🏼) auf den Film Ihr letzter Wille kann mich mal, den ich sowas von angenehm und überragend gut umgesetzt fand, dass ich auf die Suche nach weiteren Titeln mit Lauterbach gegangen bin und meine Meinung ändert sich auch bei Enkel für Anfänger kein bisschen.

Irgendwie schafft er es immer wieder, dem Film einen Charme zu verpassen, der einen im Kinosaal jede Argwohn gegenüber schlecht gemachtem, deutschen Kino vergessen lässt. Natürlich strapaziert man auch hier wieder die Gunst des Zuschauers und packt so ziemlich jedes üble Klischee deutscher Filmkunst in die Kiste, aber: Dieser Film hat definitiv seine Momente, und in allen davon ist Lauterbach ein Thema.

Auch einige Jokes und ulkige Szenen hat man im Drehbuch verankert, die ich ebenfalls gelungen fand und ihr dürft mir nun gern den Alterssenil-Stempel verpassen, wenn ich sage: Ja, man kann ihn sich wirklich ansehen, ohne dabei zu verzweifeln. Vielleicht werd ich aber auch doch bloß älter und krieg‘s nicht mit 😉

Großartige Schauspielkunst von Heiner Lauterbach: Der Mann kann definitiv spielen und ist ein Talent, der in diesem Streifen alles klischeehafte durch seine Anwesenheit und Art wieder raus reißt und dem Zuschauer ein wohliges Umfeld vergnüglicher Unterhaltung bietet. Auch wenn die Zielgruppe definitiv ARD ist: Auch im Kino funktioniert das Ding, wenngleich eine Matinée dafür wohl das beste Umfeld wäre – aber: er funktioniert.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 6. Februar 2020

Original Title: Enkel für Anfänger
Length: 104 Min.
Rated: FSK 6


Narziss und Goldmund

Narziss & Goldmund - Filmplakat
© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Was tun, wenn sich Kino gegen das Urheberrecht wendet und den Wünschen eines Autors vehement widerspricht? Als Kinofan sollte ich diese Einstellung eigentlich begrüßen, als Kunstliebhaber und Wertschätzer ethischer Prinzipien läuft hier aber einiges schief.

Hermann Hesse hat nie ein Geheimnis darum gemacht, dass er niemals wollte, dass seine Werke verfilmt werden und bereits in den 70er Jahren ist man diesem Wunsch schon nicht nachgekommen und hat seine zum Teil als unverfilmbar geltenden Werke auf die Leinwand gebracht.

Ich kann es gewissermaßen nachvollziehen, denn vieles, was ein Autor machen kann, stößt in Bild- und Ausgestaltungsform sehr schnell an Grenzen, denen unsere Realität nun einmal unterworfen ist. Hier wahrlich die richtigen Stilmittel, Ausarbeitungsmethoden und optischen sowie akustischen Umsetzungen zu finden, die exakt den Wünschen des Autors und Urhebers entsprechen, ist nahezu ausgeschlossen. Es ist immer ein Kompromiss, der sehr leicht nach hinten losgehen kann.

Was man jetzt also davon halten kann, dass mit Narziss und Goldmund ein weiteres Hesse-Werk die Leinwand bespielt, darf jeder mit sich selbst ausmachen. Dass es zumindest in deutschen Landen verfilmt wurde und somit aus dem Geburtsland Hesses stammt, mag hier nur ein kleiner Trost sein, die Deutschen können deswegen nicht zwingend besser Kino machen wie bisher.

Unterteilt ist dieser Film mehr oder weniger in zwei Phasen, wobei ich bereits mit der ersten schon gravierende Schwierigkeiten hatte: Irgendwie absolut nicht mein Ding, nicht meine Zeit, nicht meine Umsetzung und die Schauspieler mir persönlich mega unsympathisch.

Danach greift die Boy-Masche, aber auch hier merkt man sehr schnell, dass Authentizität und Realismus nicht die gewünschten Kriterien waren … und zu dem Zeitpunkt hab ich dann auch die Wunschvorstellungen von Hesse abgekoppelt und es als „eigenständigen Film“ betrachtet, der dann durchaus seine sympathischen Momente entwickelt, jedoch mit historischen Lücken und unzähligen Fehlern glänzt – sofern man für so etwas ein Auge hat.

Wer sich daran nicht stört, dem wird optisch viel geboten, auch der historisch-kritisierte Look hat etwas für sich: Man muss eben immer mit dem Deal klar kommen, dass dafür die Echtheit der Zeitgeschichte eingebüßt wird, dann kann man mit dem Rest durchaus seinen Spaß haben.

Man sollte Hesse nicht verfilmen, dann kommt man auch mit diesem Streifen klar: Durch seine eigene Weise entwickelt er im Verlauf durchaus charmante Momente und bietet auf jeden Fall optisch einiges zum Besten. Historische Korrektheit oder glaubwürdige Umsetzungen darf man aber keinesfalls erwarten.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 12. März 2020
Heimkino-Start: 17. September 2020

Original Title: Narziss und Goldmund
Length: 118 Min.
Rated: FSK 12


The Old Guard

The Old Guard - Filmplakat
© 2020 Netflix

Ein Titel, nach dem ich in letzter Zeit tatsächlich öfters gefragt werde – und bevor ihr anfangt zu nerven, gibt’s die Kritik dazu 😀

Meinen Zwiespalt zu Netflix und anderen VoD-Portalen im Vergleich zu Kino kennt ihr: In meinen Augen gibt es NICHTS, dass Kino gleich kommt. Viele Titel erleben überhaupt erst ihre Geburt dadurch, dass man sie tatsächlich auf einer großen Leinwand sieht.

Kürzlich noch habe ich (weil die jetzt auch wieder auf die Leinwände gebracht werden) mit einem über die Der Hobbit-Trilogie gesprochen und er meinte, dass die im Vergleich zu den Herr der Ringe-Teilen extrem langweilig und lahmarschig wären und man nichts verpasst hätte, wenn man die nicht kennt.

Ich hab mir tatsächlich die Mühe gemacht und mir das Ding auf der Leinwand reingezogen und kann seine Aussage damit herrschaftlich dementieren: Genau das ist das Problem mit illegalen Videoportalen, komischen Streaming-Anbietern … und eben auch Netflix: Die Qualität und das gebührende Umfeld für die Entwicklung und Entfaltung einer großartig erzählten Geschichte ist nirgendwo so gegeben wie in einem Kinosaal. Diskussionsfrei.

Ich weiß nämlich, dass dieser jemand sehr gerne Filme streamt und sehr wenig ins Kino geht – und bin immer wieder überrascht, wie schlecht man manche Werke dann einschätzt, wenn sie auf einem 22 Zoll-Monitor geschaut werden.

Nun kam Netflix aber mit einer ziemlich ausgefuchsten Idee daher: Die haben unfassbar viel Geld gesammelt und ziemlich wenig Mitspracherecht dazu gebündelt, sondern den Leuten die Kohle in die Hand gedrückt und gesagt: Macht mal, wir bringen das dann schon raus. Ergebnis? Unglaublich kreative, neue, frische Luft auf den Displays, weil die ganzen Independent-Fanatiker nun endlich eine Plattform (und die nötigen Mittel) in der Hand hielten, um ihre Geistesblitze Realität werden zu lassen. Und dafür hab ich Netflix tatsächlich geliebt.

Die Medienmogul-Macht Hollywoods schien gebrochen und man konnte sich an immer toll umgesetzten, neuen Machwerken erfreuen, die das konservative Bild des klassischen Films vehement durchbrochen haben und somit eine völlig neue Coolness erschaffen wurde, die auch ich tatsächlich regelmäßig vergöttere.

The Old Guard liefert nun ein komplett anderes Bild. Inzwischen hat man bei Apple TV+ z.B. auch begriffen, dass Inhalte her müssen, die über den Tellerrand solcher Nischenbildungen hinaus gehen und investiert wieder unglaubliche Summen, um hochkarätigen Cast an Land zu ziehen, mit dem man die gewünschten Umsätze generieren kann. Dies tut nun auch Netflix – und ich hatte von Anfang an das Gefühl, man wirbt nicht mehr mit geilen Inhalten, sondern viel mehr mit Charlize Theron – und das meine ich völlig unpersönlich. Ich mag die Frau und habe viele Filme mit ihr sogar in meiner Filmsammlung, jedoch hatte ich beim Sichten von The Old Guard das Gefühl, Netflix opfert seine Genialität zugunsten von „Na, wir haben jetzt ja Prominenz, dann brauchen wir uns nicht mehr anstrengen.“

Und dieser Schuss könnte der Anfang vom Ende sein und einen Krieg auf die Plane rufen, der am Ende wieder Einheitsbrei und Langeweile bedeutet: Niemand braucht ein zweites Hollywood.

Dabei sind die Idee und Ansätze des Drehbuchs nämlich durchaus brauchbar und liefern Hoffnungen auf eine weitere, großartige Geschichte: Die ist aber ziemlich schnell begriffen und bietet für Vielschauer wie meiner einer keine Wow-Momente, die einen tatsächlich vom Hocker hauen, sondern zieht sich halt mehr schlecht als recht durch die Laufzeit, um am Ende – ganz hollywoodlike – auf eben jene Vorahnungen hinauszulaufen, wie man es bereits aus dem klassischen Kino kennt. Und genau das macht mir an dieser Stelle tatsächlich Angst, denn ich hätte mir die Entwicklung genau andersherum gewünscht: Dass Netflix seine Vormachtstellung und Ressourcen nutzt, um im Kino den Wind wieder etwas aufzufrischen und die bislang grandiosen Titel dann auch auf die Big Screens bringt.

Man hat irgendwie das Gefühl, durch die vorhandene Prominenz büßt Netflix das Vorrecht auf Geilheit ein wenig ein und meint, sich nicht mehr richtig anstrengen zu müssen. Idee und Konzept gut, aber so richtig zündet man damit nicht.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Kann man gleich weiter klicken, hier folgt nichts weiter.

Streaming auf Netflix: 10. Juli 2020

Original Title: The Old Guard
Length: 125 Min.
Rated: FSK 16


Marie Curie

Marie Curie - Filmplakat
© 2020 StudioCanal

Mit dem Namen Marie Curie verbindet man eigentlich nur die Entdeckung der Radioaktivität, ansonsten weiß man relativ wenig über diese Frau, zumindest ging’s mir so. Aus diesem Grund schätze ich Movies, die sich näher mit dem Leben bekannter Persönlichkeiten auseinander setzen, so entfällt trockene Recherchearbeit oder mühsames Biografien-Lesen und man kann sich in spielerischer Art und Weise mit Wissenslückensschließung beschäftigen und hat dabei im Optimalfall sogar noch richtig Spaß dabei.

Hier muss ich euch leider enttäuschen: Die „weibliche Variante“ der beiden derzeitigen Entdecker-Biografie-Verfilmungen ging leider deutlich nach hinten los.

Irgendwie hatten die Macher zwar Fakten auf dem Tisch liegen, dabei aber weniger Ahnung vom Filmemachen, denn das Ergebnis fühlt sich extrem trocken, rau und unglaublich nach quälender Schulstunde an. Es ist too much. Man versucht, zwei sich völlig abstoßende Elemente miteinander zu vermischen und möchte vehement nicht einsehen, dass hier kein Mischungsverhältnis stattfinden wird, sondern es dafür noch andere filmische Zutaten bräuchte, um daraus etwas Rundes entstehen zu lassen. Stattdessen hackt man immer zwischen ihrem wissenschaftlichen Durchbruch und dem „restlichen Leben“ Szenen an Szenen, die so keinerlei Verbindung finden und man sich als Zuschauer dabei fühlt, als wäre man in zwei Filmen gleichzeitig, die partout miteinander um die Vorherrschaft der Leinwand kämpfen, statt gemeinsam eine Geschichte zu erzählen.

Und durch die Machart und wenig vergnüglichen Elemente schafft man hier eben hartes Uni-Feeling: Stoff, Stoff, Stoff… und nochmal Stoff, Stoff, Stoff. Dieser Film hat keine übliche Spannungskurve, die den Zuschauer in irgendeiner Weise dazu motivieren würde, mitzugehen oder bei Laune zu halten, sondern das Niveau ist da und bleibt einfach so. Es gibt keine Aufregung, es wird nicht emotional, es sind harte Fakten und gnade dir Gott, du steigst aus und verlässt den Saal. Genau so ungemütlich wird sich das vermutlich für die Masse im Kinosaal anfühlen und deshalb läuft der Titel auch gar nicht überall, was wiederum ein schlechter Schachzug ist.

Normalerweise sollte man genau solche Filme ja eigentlich für Menschen produzieren, die sich üblicherweise nicht für Physik, Geschichte oder Themen in diesen Bereichen interessieren, um hier Aufklärung zu betreiben, Allgemeinwissen zu schaffen und sie möglicherweise so damit anstecken, dass sich ihr Bildungsweg dahingehend ändert und sie später beruflich in diese Richtungen gehen wollen. Inspiration, Anstachelung zu eigenen Höchstleistungen… eben all das, was man von Kino erwartet, findet hier nicht statt.

Marie Curie ist vielmehr ein professorisches, elitäres Stück, das damit auch genau die Fraktion anspricht, die auf solche Filme nicht mehr angewiesen sind, weil die ihnen dann nichts neues mehr zu bieten haben – und damit endet für mich der Streifen förmlich als „Rohrkrepierer“, da die Zielgruppe völlig verfehlt wurde.

Fühlt sich an wie eine nicht enden wollende Schulstunde, in der man mit Stoff bombardiert wird, der keinerlei Spannungskurven aufweist, sondern einfach nur anstrengt: Die elitären Gruppen, die das interessieren könnte, dürften die vermittelnden Inhalte schon längst kennen. Damit hat der Film seinen Bildungsauftrag verfehlt und als „Kino-Unterhaltung“ versagt er völlig.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Radioactive
Length: 110 Min.
Rated: FSK 12


Semper Fi

Semper Fi - Filmplakat
© 2020 Kinostar Filmverleih GmbH

Was soll ich sagen, außer dass ich mich in den Streifen verliebt habe?

Und nein: An Jai Courtney liegt’s nicht. Sondern auch an den anderen Jungs 😀

Spaß, zurück zur professionellen Kritik: Ich finde, Semper Fi geht gerade zu Unrecht in den Kinos unter, vielleicht, weil viele durch das Plakat meinen, es geht hier um irgendeinen amerikanisch-patriotischen Bullshit, der „nur was für Männer ist oder welche, die das mögen“ – und dabei ist der Film eine Perle aus Emotion, Freundschaft, Bruderliebe und füreinander da sein.

Ganz im Ernst? Die Jungs spielen allesamt so klasse miteinander, man spürt förmlich, wie jeder für den anderen einstehen würde und wird damit wunderbar in einen Plot geschmissen, der konsequent kurzweilig bleibt und in allererster Linie einmal mehr wunderbare Unterhaltung bietet: Kino, wie es in meinen Augen besser nicht sein könnte.

Und dabei geht’s hart zur Sache. Hinter den Kulissen hat man viel getan, das weit über Set-Design und Kostümausstattung hinausgeht: Jeder Einzelne hat vor dem Dreh unfassbar viel Kraft und Arbeit in seinen Körper gesteckt – und das zahlt sich durch einen verdammt geilen Streifen aus.

Und auch die Bürofraktion hat beim Drehbuch keine Schnitzer zugelassen: Alles matcht, die Handlungen sind präzise, nachvollziehbar, durchdacht und man wartet auch hier immer wieder mit herrlichen Plot-Twists auf, die das Prädikat „Gute Unterhaltung“ allzeit aufrecht erhalten.

Meine lieben Pressekollegen haben sich anschließend herrlich über das Ende aufgeregt, was mich wieder insgeheim die Hände reiben und vergnüglich grinsen lässt: Auch hier hat man sich nicht lumpen lassen und zeigt, dass es manchmal eben nicht so läuft, wie man das gerne hätte.

Und dass man dafür nicht zwingend nach Amerika muss, sondern so etwas in direkter Nachbarschaft stattfinden kann, davon kann ich 2020 ein Liedchen singen.

Tretet euch in den Arsch, sagt eurer Freundin nicht, wo’s hin geht, kauft die Eintrittskarten, während sie Popcorn holt und dann genießt die fucking Show – ein Film, ganz nach meinem Geschmack, für den ich wahrscheinlich wieder mal viel Geld für die heimische Sammlung liegen lassen werde, wenn’s denn so weit ist. Megaspitzenmäßig!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht nicht abgewartet zu werden, geht lieber zum Ticketschalter und schaut den ganzen Film nochmal 😀

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Semper Fi
Length: 100 Min.
Rated: FSK 12


Unhinged – Außer Kontrolle

Unhinged - Filmplakat
© 2020 Leonine

„Löwenartig“ könnte man Leonine übersetzen, das Label, dass neuerdings öfters auf der Leinwand an Anfängen von Filmen prangt und irgendwie nach der Krise auf einmal geboren und bereits durch die Pubertät durch war. What?

Wer so steinalt ist, wie ich, erinnert sich vielleicht noch an die Tele München Gruppe, das „Regal-DVD“-Label Concorde oder hat schon einmal etwas von Wiedemann & Berg gehört: Gemeinsam mit dem eher bekannten Universum Film hat man nun alles zusammengeschmissen und quasi „aufgeräumt“ und zählt damit zu den größten Medienkonzernbibliotheken innerhalb der Filmwelt Europas, von der wir in Zukunft hoffentlich viele weitere, gute Titel erwarten können.

Einer davon ist soeben gestartet und wartet gleich mit bombastischen Elementen auf: Einem fulminant-starken Russell Crowe, seiner fantastischen Gegenspielerin Caren Pistorius und einem starken Plot, der eigentlich nur eines vermissen lässt: Filmfehler.

Das Ding ist unglaublich gut aufgezogen und startet bereits im Vorspann mit einem grandiosen Soundtrack und einem (endlich mal wieder) wunderschön designten Einstieg, der einen auch im Kopf auf alles vorbereitet und vor Beginn der Erzählung für Rahmenbedingungen sorgt, die hervorragend bis ins Detail ausgearbeitet wurden und viele Fragen von vornherein klären.

Die Einführung der Charaktere und Ausarbeitung ihrer persönlichen Wesenszüge ist genauso bis ins Kleinste durchdacht wie die Welt um alles drumherum: Ich habe tatsächlich konsequent darauf geschaut, da solche Action-Revenge-Filme meistens durch Logiklücken und fehlerhafte Elemente glänzen: Nichts davon ist hier zu finden.

Selbst bis hin zu technischen Details auf den Displays verschiedener Geräte: Auch hier werden IT-affine Nerds nicht durch „Oh, wir brauchen Hacker.. macht mal irgendwas in Grün“ oder solche stupiden „Du telefonierst mit 89% Akku und beim nächsten Herausnehmen des Handys 4 Minuten später im Plot geht auf einmal das Handy aus: Akku leer“-Szenen abgespeist, sondern auch hier wurde sich akkurat an die Wirklichkeit gehalten, was diesen Geschehnissen noch viel mehr Glaubwürdigkeit verleiht als ohnehin schon.

Und dafür, dass man sich auf die Gerard Butler-Ebene begibt und damit auch ein ganz spezielles Publikum ansprechen möchte: Die Szenen sind wahnsinnig gut, wenn Crowe mit seiner Mimik zu dramatischen Höchstleistungen auffährt, die einen rauschend ins Tohuwabohu dieses Filmtages schmettern und dabei immer spüren lassen: Nope, genau das wurde eingangs erklärt, warum dies und das jetzt nicht direkt geschehen kann und und und.

Warum ich eingangs von „Regal-Label“ gesprochen habe? Erwartet kein Marvel-Gegenstück im Blockbuster-Modus, sondern tatsächlich dieses altbewährte, klassische Revenge-Kino, dass man sich als Kind nur allzu gerne nachts im Bett reingezogen hat und von dem man damals restlos begeistert war: Unhinged schafft es, diese Atmosphäre völlig frisch zu beleben und begeistert dabei mit einer unglaublich liebevollen Ausgestaltung um den Hass drumrum.

Definitiv sehenswert!

Dass ihr dafür ins Kino rennen sollt, brauch ich euch an dieser Stelle ja hoffentlich nicht mehr sagen: Es kracht bereits zu Anfang schon richtig nice und der Film begeistert durch die absolute Abwesenheit von Filmfehlern und Logiklücken. Hervorragende Arbeit, toller Soundtrack und ein Russell Crowe mit einer Darstellung, für die er gemacht zu sein scheint.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Liefert weder Anfangs- noch Zwischen oder After-Credits-Szenen: Rausgehen erlaubt.

Kinostart: 16. Juli 2020

Original Title: Unhinged
Length: 90 Min.
Rated: FSK 16