Dezember 3, 2022

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See How They Run

See How They Run - Filmplakat
© 2022 20th Century Studios

Guess, who‘s back… Man fühlt sich sofort an die guten alten Zeiten erinnert, in denen 20th Century Fox noch die Dominanz am Filmmarkt inne und permanent allen anderen gezeigt hat, dass die nur die zweite und dritte Geige spielen. All die Kreativen waren längst im Keller von FOX eingezogen und haben dort einen Erfolgshit nach dem anderen rausgehauen.

Dann kam der Umbau, die Umstrukturierung, die Eindampfung und nun führt ein Teil der Mannschaft unter dem Namen 20th Century Studios seine Arbeit unter dem Dachverband von Disney weiter … und man merkt sofort: Okay, das hier kommt aus der Erfolgsnische. Inzwischen ist es ja woke, nicht mehr so populär zu sein, keine klaren Statements mehr zu vertreten, sich der Allgemeinheit anzupassen und nicht mehr einfach sein Ding zu machen, weil man der Meinung ist, dass das richtig ist, sondern die Großen kuschen immer häufiger unter dem Druck der Allgemeinheit: Nur nicht negativ auffallen, nur nicht ins Visier der alltäglichen Socialisierung treten um womöglich Gefahr zu laufen, negative Publicity zu bekommen, die zwar auf TikTok nur wenige Sekunden dauert, im Netz jedoch in die Äonen der Ewigkeit gemeißelt wird.

Genauso lieblos und unverhältnismäßig fühlt sich auch der Gen-Z-Content an, die die alten Hasen da am laufenden Band raushauen: Irgendwie verlogen, selbstverräterisch und ohne Echtheit.

See How They Run macht diesbezüglich alles erfrischend anders: Man holt sich die Vergangenheit zurück, stellt alles auf Null und tut so, als hätte es die inzwischen unerträglich gewordene Wokeness nie gegeben. Man trifft mit dem Bühnenbild hart ins eigene Visier und holt sich die Talente aus vergangenen Tagen bzw. morpht aktuelle Helden in die Rolle von damals: Hier hat Geschichte das Sagen und nicht mehr political correctness.

Und genau da passiert dann das, was man seinerzeit auf Twitter beobachten kann: Aus einer scheinseriösen Firma wird auf einmal ein Tummelplatz von Humor, Galgenhumor und ungezwungener Leichtigkeit: Man legt nicht mehr jedes verdammte Wort auf die Goldwaage, man fühlt sich nicht permanent von irgendwem wegen irgendwas angepisst und reagiert auch auf dumpfe Anmachen einfach mal mit ironischer Gelassenheit: Ein Grund, warum Elon Musk-Fans Elon Musk-Fans sind: Der Typ vollzieht das in Perfektion und lässt sich einfach nicht von irgendwas runter machen.

Er will einfach seinen Spaß haben und sich nicht hyperängstlich von irgendwelchen Auflagen einer Gesellschaft vorschreiben lassen, wie er zu leben und zu denken hätte. Und ein gewaltiger Anteil Menschheit scheint damit überhaupt nicht klar zu kommen… Euch sei gesagt: Bleibt bitte auch diesem Film fern. Denn hier wird diese freizügige Leichtigkeit einfach gelebt.

Man zieht durch den Kakao, hält unverblümt drauf, schämt sich nicht für provokative Jokes und hämmert mächtig an Unterhaltung und Funfaktor auf die Leinwand, ohne dabei auf Niveau und althergebrachte Traditionen hinsichtlich ethisch-gentlemanlikes Verhalten zu verzichten: Ich glaube, das Wort dafür heißt „Ehrbarkeit“. Genau das verströmt dieser Film in süffisanter Melodie und kratzt dabei an Kunst, Kultur und guter Unterhaltung, holt die Liebhaber der Szene mit ins Boot und schmückt den Laden mit unzähligen Easter Eggs, die das Sehen noch einmal viel aufregender machen.

FOX, wo warst du so lange Zeit? Wir haben dich vermisst! Genau das ist die Form von Kino, wegen der ich mich bis heute als Cineast bezeichne: Ein Liebhaber von guten Geschichten, ein Genießer von „gelungenen Abenden“ mit dem Geruch von Popcorn und dem 50er Jahre Smoke in der Luft.

Drehbuch: Stark. Darsteller: Phänomenal. Und man möchte nicht mit „Sweety Fuckboy Titty Babe“ punkten, sondern mit verbaler Dialogreichhaltigkeit … und woum, schon hat man mich! Hier steckt so viel Echtheit drin, dass es fast schon weh tut … und man zu heulen beginnen möchte, weil man anfängt zu glauben, die Welt wäre wieder in Ordnung.

Und wenn man dann wieder nach draußen tritt, wo alles andere kaputt, die Menschen am Boden, die Existenzen Schrott sind und die Zukunftsaussichten in der Hölle brennen, dann dreht man doch freiwillig wieder um und geht ins Kino zurück, wo alles noch normal und unbeschwert ist: Hello and welcome sweet life. Where have you been all the time?

.kinoticket-Empfehlung: Whoa, what a movie! Die Macher haben einen Planeten gerettet und den katastrophalen Niedergang unserer Rasse mal eben rückgängig gemacht: Es fühlt sich an, als hätte man wieder Freude am Leben und als gäbe es wieder ein Leben, das lebenswert wäre: Nie habe ich so genossen, im Kino zu sitzen und von echten Profis unterhalten zu werden. Thanks 4 that.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abzuwarten, rausgehen erlaubt – hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 27. Oktober 2022

Original Title: See How They Run
Length: 98 Min.
Rated: FSK 12

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