Juli 28, 2021

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Special | Ein besonderes Leben

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© 2021 Netflix

Na dann brechen wir mal Millionen Teenagerherzen und machen uns vor der ganzen Welt unbeliebt 😉

Aber der Reihe nach. Irgendwie kam ich letztens mal dazu, irgendwas Serienmäßiges auf einem meiner VoD-Kanäle anzuklicken, als sich dann herausstellte, dass dies eine Gay-Serie war. Das hat wohl meinen Algorithmus gefreut, der mir seitdem unentwegt einschlägige homosexuelle Filme und Serien auf die Startseite knallt. Ergo hab ich mich einfach mal darauf eingelassen und begonnen, mich durch die Kunst der gleichgeschlechtlichen Liebe hindurchzuwurschteln und möchte euch im Verlauf der Zeit mal so einige (Fehl)-Kunstgriffe davon vorstellen.

Los geht’s mit der Serie Special von Netflix, deren zweite Staffel am 20. Mai 2021 in Deutschland das Licht der Welt erblickt hat und dessen Inhalte auf den wahren Begebenheiten des Hauptdarstellers Ryan O’Connell beruhen, der hierfür auf seine Erfahrungen und sein Buch I’m Special: And Other Lies We Tell Ourselves zurückgreift.

Produziert wird das Ganze von Jim Parsons, den viele als Sheldon Cooper aus der vielgepriesenen Serie The Big Bang Theory kennen und der bekanntlich ja auch der homosexuellen Riege angehört und somit „vom Fach“ ist.

Zusätzlich bewegt sich dieses Machwerk noch in einem sowieso aktuell überall frenetisch abgefeierten Sektor – Inklusion – und will damit umso mehr auf die Zwölf treffen und hier einen Kunst-Angriff landen, der die Welt in Begeisterung versetzen soll.

Das Ergebnis … sieht anders aus.

Im Verlauf meiner cineastischen Karriere hab ich ja auch schon unzählige Gay- & Lesbian-Movies gesehen und grob gesagt kann man meine Begeisterung in genau zwei Titeln festhalten, die es in meinen Augen geschafft haben, ein halbwegs anständiges Bild von Schwulen auf die Leinwand zu bringen: Brokeback Mountain und Call Me By Your Name. Damit hat sich’s dann auch.

Alles, was sonst so im Laufe der Zeit diesbezüglich das Licht der Welt erblickt hat, reichte von schlecht bis mega schlecht und war in meinen Augen so dermaßen entfernt von dem, was ich als „Realität“ bezeichne, dass ich darüber nur Lachen konnte … und oftmals noch nicht mal mehr das.

Klischee. Klischee. Klischee. Genau dieses Gefühl vermittelt Special, wobei von dem zynisch anmutenden Unterton, der dem Buchtitel zu entnehmen ist, in der Serie rein gar nichts mehr anzuspüren ist, sondern man sich eher auf „Yeah cool, wir machen irgendwas mit schwul und behindert“-Niveau herab begibt und damit wahrscheinlich höchstens noch die 13jährigen Pubertiere hinter dem Ofen vorlocken und mittelmäßig unterhalten kann.

Bei mir löste man während der Spielzeit eigentlich eher permanent Fremdscham aus. Genau dieses Problem kenne ich bis weit zurück in meine Jugend, dass man ständig in der Öffentlichkeit dafür kämpfen muss, allen zu erklären, dass Gays eigentlich gar nicht so sind, wie sie im Fernsehen oder auf der Leinwand permanent dargestellt werden. Ja, jedes Klischee hat seine Ursprünge und es gibt auch tatsächlich genügend Persönlichkeiten, die schrill, bunt, durchgeknallt und besonders sind (um hier mal beim Terminus zu bleiben), allerdings fehlt in diesen Fällen in der Regel eine entscheidende Zutat: Würde.

Die erkennt man dem schwulen / lesbischen Milieu auf der Leinwand nämlich so gut wie niemals zu, und da macht leider auch Special keine Ausnahme. Das zieht sich in alle Ecken. Die Charaktere sind zum Teil so dermaßen blind und vollidiotisch, dass man unter keinen Umständen mehr von realistisch sprechen kann (dazu muss erwähnt werden, dass ich das Buch nicht gelesen habe und daher die Umstände nicht kenne und an dieser Stelle nicht sagen kann, inwieweit hier für die Serie geschönt wurde) und artet über Verhaltensweisen, Spinnereien hin zu solch geistreichen Dialogen wie „Wenn ich 85 bin, machst du meine Kacke weg“ aus, was dann in meinen Augen weder fördernd für den inklusiven Gedanken noch zum Verständnis und zu Toleranz für gleichgeschlechtliche Liebe bzw. für besondere Fälle hinführt. Mission verfehlt.

Und dabei gibt es selbst in der deutschen TV-Landschaft inzwischen Persönlichkeiten, die ihre schrillen Interpretationen des Lebens in allen Farben ausleben, ohne dabei ihre Würde aufzugeben (Olivia Jones z.B.) und auch das amerikanische TV bietet mit beispielsweise Ellen DeGeneres Persönlichkeiten, die offen zu ihrer gleichgeschlechtlichen Richtung stehen und somit als echte Vorbilder dienen. Selbst Profi-NFL-Spieler bekennen sich inzwischen öffentlich zu ihrer Homosexualität. Man hätte also Ansätze aufgreifen können, die man in der Serie verarbeitet und auf dessen Boden man sich bewegt, ohne dabei von einem zum nächsten Fettnäpfchen zu schwimmen, hat sich aber gegen diese Strategie entschieden und ist am Ende eben einfach nur peinlich.

Genauso wirr ist der Gedanke, dass nahezu jeder Schönling in dieser Welt auf den Hauptdarsteller trotz seiner offensichtlichen „Zurückgebliebenheit“ abfährt und egal, welcher Sunnyboy in Sahneschnittchenform da auf der Leinwand serviert wird, die haben alle absolut kein Problem damit und stürzen sich nahezu auf den Master-Protagonisten, statt (wie es in Wirklichkeit wahrscheinlich eher wäre) untereinander übereinander herzufallen.

Die Schönheitsideale in der Gay-Community (und wahrscheinlich auch unter den Frauen) sind dermaßen verzerrt und absurd, dass zum Teil top aussehende Typen sich als „fett“ in den Profilen anbiedern, nur weil die Idealmaße um wenige Gramm (Gramm! Nicht Kilogramm!) abweichen. Dann davon auszugehen, dass durch die Bank weg keiner ein Problem damit hat, dass jemand nicht so Helle zu sein scheint und auch nicht besonders geil aussieht (ja, Geschmack ist immer persönlich und subjektiv) und die dann offensichtlich auch nicht zu blicken scheinen, dass hier eine Krankheit vorliegt, ist einfach mega unrealistisch, so nett der Gedanke wäre, dass Besonderheiten tatsächlich keine Rolle mehr spielen – in der Realität sieht es immer noch ganz anders aus.

Nun mag man an dieser Stelle wohl anbringen können, dass es sich hier ja um „Vorbildfunktion“ handeln soll und man „die Leute dazu animieren möchte, es besser zu machen, damit es irgendwann so normal ist wie in der Serie“ – als Argument lass ich das an dieser Stelle nicht zu, denn dafür sieht man viel zu wenige Ambitionen, die diese These unterstreichen würden.

Alles in allem landet man hier eine absolut unglaubwürdige, klischeeüberladene und grausam ausgespielte Version eines Was-auch-immer, das in meinen Augen das Bild, was sowieso viele schon von Schwulen und/oder „besonderen“ Menschen haben, nochmal um einige Latten mieser aussehen lässt.

Schade, denn diese Kombi hätte es dringend mal nötig, in den Medien (und damit auch in den Köpfen) aufgefrischt zu werden, denn tatsächlich befinden wir uns in einem langsamen Umschwung, was das Denken über verschiedene Stereotype angeht. Hierfür ist Special leider ein Negativbeispiel.

.kinoticket-Empfehlung: Der einzige Lichtblick ist, dass in der ersten Staffel die Folgen jeweils schon nach ca. 12-15 Minuten enden und damit das Klischee-beladene Konstrukt nicht allzu lang den Geist der Normalität überanstrengt. Diese Kombination gehört völlig neu beleuchtet und in der Gesellschaft offen und unvoreingenommen diskutiert – und dafür liefert Special viel zu wenige Ansätze, die hier Grund zum Anlass gäben, zukünftig toleranter zu Menschen jenseits der Norm zu sein.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht jeweils nicht abgewartet zu werden, ist aber auch nicht mehr so elendslang, wie man das aus früheren Serien / Filmen kennt. Der geneigte VoD-Viewer skippt diese Dinge doch sowieso schon längst 😏

Heim-Kinostart: 2019 – 2021

Original Title: Special
Length: 12-34 Min. pro Episode
Rated: FSK 12