Dezember 6, 2021

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Squid Game

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© 2021 Netflix

Aktuell erleben wir einen Hype, der sich um eine koreanische Serie dreht, die Netflix im Repertoire hat und die weltweit für Aufsehen sorgt.

Einen zusätzlichen Push erhält das ganze Drama noch dadurch, dass Jeff Bezos als Besitzer der Streaming-Plattform Amazon Prime und damit als größter Konkurrent von Netflix seine Bewunderung bezüglich der Marketingstrategie auf Twitter äußert und er es „kaum erwarten kann, die Serie zu sehen“.

Wenn sich ein kapitalistischer Monopolist wie Bezos so über etwas äußert, muss es wohl gut sein?

Im Zuge der ganzen Aufregung darum hab ich mir mal die Mühe gemacht und mir die Serie tatsächlich reingezogen und möchte sie hier mit den Augen eines Cinema-Addicts beleuchten, denn ich kann den Hype darum nicht ganz nachvollziehen.

Tötungs-Voyeurismus

Jüngst gab es Enthüllungen darüber, dass Facebook scheinbar im Algorithmus die Beiträge bevorzugt, die extreme Emotionen wie Wut oder Hass hervorrufen, weil sich dadurch die Nutzer getriggert fühlen zu reagieren, demnach länger auf den Plattformen verweilen und Facebook ganz lapidar mehr Werbung ausspielen kann und somit mehr Geld verdient.

Das gleiche Prinzip gibt es im Kino auch: Zeig den Menschen irgendwas krasses und sie gehen nochmal in den Film rein und bringen sogar ihre Freunde und Familie auch mit: Am Ende wird immer mehr Geld verdient.

Wundert es nun jemanden, wenn Streaming-Plattformen dieselbe Strategie anwenden, den Kunden etwas „krasses“ zu zeigen, um zu erreichen, dass möglicherweise noch mehr Kunden angelockt werden, Abos abschließen und am Ende Kohle verdient wird?

Genau dieses Prinzip bedient Squid Game in erstklassiger Manier und ich erinnere mich zurück an Schulhof-Zeiten, wo irgendwer mit dem Handy „voll die krassen Videos“ zeigt, die entsprechende Szenen aus Serien wie diesen enthalten.

Dabei ist das Konzept selbst schon viel älter als so manch einer meint. Inzwischen gibt es längst Klassiker wie Battle Royale, Die Todeskandidaten, Game of Death – It’ll blow your Mind, die Die Tribute von Panem-Quadrilogie, Das Belko-Experiment, die Death Race-Quintologie, die Maze Runner-Trilogie, im entfernteren Sinne auch die The Purge-Quintologie, Running Man und andere, um hier nur mal ein paar Beispiele aufzuzählen, die ich dramaturgisch schon besser finde als diese Serie.

Ein hervorragendes Beispiel zum Befeuern des Tötungs-Voyeurismus sind ebenfalls Filmreihen wie Saw (inzwischen 9 Filme) oder all die klassischen Halloween-Produktionen mit Michael Myers (inzwischen 12 Filme, ein dreizehnter angekündigt) oder die ganz klassischen Scream-Filme, die Hostel-Reihe und alles, wo es eben ums Abschlachten von Menschen geht.

Squid Game erhebt auch ein wenig den Anspruch an sich selbst, metaphysische Mehrbedeutung zu enthalten, um „gesellschaftskritisch“ zu sein und „den Menschen zum Nachdenken anzuregen“. Auch hier kenne ich unzählige Beispiele, die das um Galaxien besser hingekriegt haben – die Serie Black Mirror zum Beispiel. Auch mega krasser Content, aber extrem tiefsinnig und kritisch gegenüber unseren täglichen Gewohnheiten.

Warum manch einer auf die Idee kommt, Squid Game mit Parasite zu vergleichen, nur weil koreanische Personen da drin rumlaufen, ist mir absolut schleierhaft. Ich vergleiche auch nicht jeden amerikanischen Film mit einem anderen amerikanischen Film, nur weil Westeuropäer da drin rumlaufen… Daran merkt man schon, wie geistlos manch einer geworden ist. Rein thematisch hat das eine nichts mit dem anderen zu tun.

Wie gut ist Squid Game denn nun wirklich?

Die erste Folge „Red Light, Green Light“ kommt tatsächlich mit einer sensationellen Idee daher, setzt diese auch sehr gut um, erzeugt Spannung, Atmosphäre und wartet auch technisch mit guter Kameraführung und interessanten Bildern auf – ja, da catcht die Serie einen und man lässt sich gerne auf den Rest ein.

Danach folgt für mich aber der allergrößte Mist – und jeder, der die Serie gerne noch ansehen möchte, ohne gespoilert zu werden, sollte an dieser Stelle nicht weiter lesen, sondern erst beim grünen Balken wieder einsetzen.

Anschließend kommt es ja zu dieser unfassbar langweiligen Abstimmung, die mit 201 Personen ins Rennen geht. Na, wie wird das denn wohl ausgehen? Statt dass man hier zwischenrein mal eindeutige Tendenzen zeigt oder sich wenigstens etwas bemüht, Atmosphäre zu erzeugen, wechselt man immer wieder gleichauf – langweiliger hätte man diesen Part kaum lösen können.

Und am Ende? Werden alle nach Hause geschickt! Hier sollte nun der Verstand einsetzen: Es gibt so unzählig viele andere Möglichkeiten, seine Probleme im Leben zu lösen, als dass man sich an dieser Stelle auf so ein Todesspiel einlassen müsste, bei dem sowieso nur einer gewinnen kann. Wer von euch Honks würde schon 1x Lotto spielen, wenn der Einsatz dabei das eigene Leben ist?

Das zerstört für mich den kompletten Grund für die kommenden Folgen, denn das ganze Gejammere um „Oh Gott, wir haben keine Chance, uns gehts ja so schlecht, wir können hier kaum überleben, wir haben keine Wahl“ ist sowas von überflüssig! Ganz ehrlich? Dann wärst du doch einfach draußen geblieben und nicht wiedergekommen… Such dir einen Job, wandere aus, geh dein Leben an, tritt dich selbst in den Arsch, gründe ein Unternehmen, erfinde etwas… Die Serie tut so, als gäbe es absolut keine Alternative zu „Ok, dann muss ich halt wieder freiwillig da rein und mein Leben als Wetteinsatz auf den Tisch legen.“

Was für ein dramaturgischer Schwachsinn, der jede Glaubwürdigkeit der Serie zunichte macht.

Und die Krönung des Ganzen ist dann, dass am Schluss der „großartige“ Twist aufs Papier kommt, indem dir das alles quasi als „Endauflösung“ aufs Brot geschmiert wird, im Sinne von „Es kamen alle freiwillig, keiner wurde dazu gezwungen“.

Ja, richtig. Und genau das ist der Schwachsinn, der Film- und Serienliebhabern wie mir dabei so extrem bitter aufstößt, dass ich in dem Zusammenhang absolut nicht verstehen kann, weshalb alle Welt die Serie nun so feiert.

Genauso strotzt der ganze Strang an Entscheidungen nur so von Filmfehlern und ikonischer Dummheit. Zum Beispiel bei den Murmeln: Jeder da drin weiß, dass man spielt und derjenige, der verliert, wird erschossen. Boum, Leben vorbei.

Wenn also die Aufgabe ist, sich einen Spielpartner zu suchen, was wird dann wohl passieren? => Derjenige, der verliert, wird erschossen.

Ergo schalte ich doch meinen Kopf ein und wähle denjenigen als „Spielkonkurrent“ aus, der mir am Unliebsamsten ist, um ihn in einem simplen Spiel aus dem Game zu kicken und mir die Konkurrenz vom Leib zu schaffen… und nicht etwa meine eigene Frau, was in Folge ja bedeutet, dass entweder ich oder meine Geliebte das Zeitliche segnen werden. Ich würde doch alles daran setzen, uns beide zu retten, statt wie blöd einfach den nächstliebsten Menschen zu wählen und dann … …. …. TROMMELWIRBEL … … …. von den Spielemachern gesagt zu kriegen, dass die gleichen Regeln immer noch gelten und der Verlierer getötet wird. Und am Ende dann die geschockten Gesichter, wenn klar wird, was von vornherein längst klar war. Lächerlich!

Genauso das Geblubber von „Wir werden gemeinsam das Spiel gewinnen“ – es gibt immer nur einen Sieger. Es gibt kein Wir in solchen Spielen, wozu also der ganze Bullshit mit Grüppchen bilden, anfreunden etc.? Das kann einem durch die Phase der Games helfen, am Ende kämpft man dann aber genau gegen die Person, die einem geholfen hat, bis hierhin zu kommen – was für ein grandioses Gefühl.

Ab hier könnt ihr weiterlesen!

Und dass so einen Schwachsinn eine ganze Weltkugel so abfeiert, kann ich absolut nicht verstehen.

Next thing: Untertitel. Netflix stellt beim erstmaligen Starten als Ton vermutlich bei den meisten den koreanischen Originalton ein und liefert dazu nicht die deutschen Untertitel, sondern die Untertitel für Gehörlose und man muss dies manuell erst umstellen.

Nun ging ein Raunen durchs Internet, dass durch die Untertitel die Serie nun verfälscht wird, völlig verzerrt, ganze Inhalte ganz neu dargestellt werden und man so den Konsens völlig aus den Augen verlieren kann.

Serious? Das ist bei ALLEN Untertiteln so, die werden NIEMALS 1:1 so übersetzt, wie es im Original ausgesprochen wird. Das hat verschiedene Gründe.

Zum einen lassen sich manche Dinge nicht einfach 1:1 in eine andere Sprache übersetzen, weil die Wortmeinung oftmals nicht direkt übersetzbar ist bzw. im anderen Land eine andere Bedeutung hat. Dazu kommt, dass die Untertitel in der Zeit, in der das gesprochen wird, auch gelesen werden können müssen, was in vielen Fällen einfach viel zu viel Text wäre und man de facto nicht mitkommen würde und alle 2 Sekunden pausieren, um den Satz zu Ende lesen zu können – ergo wird es einfach „zusammengefasst“, so dass man den groben Inhalt versteht und zeitlich nicht abgehängt wird.

Dazu kommt, dass speziell der Text für Gehörlose zusätzlich nochmal andere Aspekte mit eingreift, weil – wie im Übrigen auch bei den Audiospuren für Blinde – diese Menschen aufgrund ihrer Einschränkungen eine andere Auffassungsgabe haben und somit „verschieden ticken“ und man hier noch ganz andere, unterschwellige Sachen mit transportieren muss, die die Menschen, die im Vollbesitz all ihrer sensitiven Fähigkeiten sind, einfach so auffassen und verarbeiten können.

Auch hier wieder: Gesunder Menschenverstand! Es ist doch dann klar, dass vieles aus dem Zusammenhang gerissen wird, falsch übersetzt, anders verstanden wird, weil eine Übersetzung oft eine „Interpretation“ ist und niemals 1:1 genau das, was der andere eben gesagt hat. Warum wohl gibt es so viele Fans von OV-Filmen und weshalb hat gerade in den letzten Jahren die Anzahl der Filme, die auch in Deutschland auf den Leinwänden in OV gezeigt werden, so immens zugenommen?

Warum also feiert ihr diese Serie so ab? Und habt ihr eine von den Alternativen gesehen, die in meinen Augen so viel besser, schlüssiger und vor allem ohne (oder mit weniger) Plotfehlern daher kommen?

.kinoticket-Empfehlung: Bis auf die erste Folge, die wirklich gut ist, dramaturgischer Schwachsinn erster Güte, der jeder Logik und Vernunft entbehrt und sich damit selbst überflüssig macht. Kann man gesehen haben, um all die Memes und Anspielungen zu verstehen, die momentan durchs Netz kursieren, aber eine Bereicherung ist die Serie auf keinen Fall!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man jeweils nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.

Heim-Kinostart: 17. September 2021

Original Title: 오징어게임
Length: 32-62 Min. pro Episode
Rated: FSK 16