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Persischstunden

Persischstunden - Filmplakat
© 2020 Alamodefilm

Ich überlege mir, seit ich den Film gesehen habe, wie ich ihn anders hätte nennen können. Ganz ehrlich? Der Titel zieht doch niemanden wirklich ins Kino. Schon gar nicht in Deutschland … und dazu noch ohne irgendwelche Verbindungen zu Persien…

Und dabei wäre es so wichtig, dass möglichst viele Menschen diesen Film sehen. Schaut man sich das Plakat an, mag man ahnen, welche Epoche der deutschen Geschichte hier aufgegriffen wurde (und innerlich bereits wieder stöhnen). Und an dieser Stelle möchte ich sofort einhaken und sagen: Stopp – nein, genau das kommt eben nicht.

Persischstunden überzeugt durch seine völlig andere, kompetente, auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte, die zwingend auf Leinwand gehört und die zu erzählen längst überfällig ist.

Dabei brillieren Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in einer Form, die für mich das deutsche Kino auf ein neues Niveau hebt.

Ganz ehrlich? Ich war besessen, als der Film lief und habe jede einzelne Sekunde in mich aufgesogen. Es ist so dermaßen gut ausgearbeitet und filmisch umgesetzt. Dabei stimmt einfach alles: Die Atmosphäre, das Licht, die Kolorierung, das Ensemble der Darsteller und die Verrücktheit dieser krassen Situation, die im Endeffekt so viel Ehre und Werte zurück in die Öffentlichkeit trägt, dass ich als langeingesessener Kinonarr eine tiefe Verneigung vor diesem Werk tätigen möchte.

Selten hat ein Paukenschlag am Schluss eines Movies so überzeugt und mitgerissen, wie hier. Es ist wirklich ein dringendes Muss, sich ein Kinoticket für diesen Titel zu holen und ihn – solange er noch läuft – in den Lichtspielhäusern zu sehen.

Grandiose, deutsche Schauspielleistung zu einem Thema, bei dem noch längst nicht alles erzählt wurde – ein wichtiges, zeithistorisches Dokument mit einem prägnanten Finale!

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Entlässt euch mit staunendem Mund nach draußen, es folgt nichts mehr.

Kinostart: 24. September 2020

Original Title: Persian Lessons
Length: 127 Min.
Rated: FSK 12

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Gretel & Hänsel

Gretel & Hänsel - Filmplakat
© 2020 Capelight Pictures

Wenn Märchen verfilmt werden, wird’s in heutiger Zeit entweder blutig, skurril, obskur oder anderweitig grausam: Die klassische Grimmsche Erzählung hat längst ausgedient und lockt niemanden mehr hinter dem Sofa vor, um sich auf selbiges zu setzen und sich eine dieser Stories zum Besten zu geben.

Nun wird’s richtig schlimm: Gretel & Hänsel bricht zugunsten von Gleichmacherei sogar noch mit dem Titel – und ja, ich hab tatsächlich rumgefragt und mir von verschiedensten Frauen erzählen lassen, dass es im Alltag tatsächlich immer noch gravierende Situationen gibt, in denen sie sich benachteiligt fühlen und jede von ihnen hat mir bestätigt, dass solch eine Titelumbenennung kein einziges Stück dazu beiträgt, diese Umstände besser zu machen. Manche behaupteten sogar, dass solche Handlungen dem eher im Weg stünden.

Darüber hinaus ist hier auch kein Film im klassischen Sinn entstanden, sondern eher ein perfides Kunstwerk, das keinerlei Anstalten macht, etwas im althergebrachten Style zu erzählen, sondern vielmehr seine Präferenzen auf Formen, Farben, Kameraeinstellungen, Spiele mit Licht und Schatten etc. legt und damit aus der Unterhaltungsindustrie komplett heraus tritt.

Ich würde sagen, dieses Werk könnte man in Dauerschleife in einem Museum ausstellen, und zwar nicht, weil’s altbacken und konservativ ist, sondern weil eine Kunstschau die richtigere Bühne wäre und sich der klassische Kinogänger zuweilen darüber wundern oder ärgern könnte, hier keinen Film zu sehen, sondern tatsächlich ein kreative Schöpfung anderer Art.

Lässt man sich darauf ein, dass das kein Film, sondern tatsächlich „Kunst“ ist, dann erlebt man hier ein großartiges Spiel mit Formen, Symbolen, Farben und Kameraeinstellungen, die aber von Unterhaltung so weit entfernt sind, wie nur irgend möglich.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Hat keine weiterführenden Szenen, rausgehen erlaubt.

Kinostart: 9. Juli 2020

Original Title: Gretel & Hansel
Length: 87 Min.
Rated: FSK 16


Das zweite Leben des Monsieur Alain

Das zweite Leben des Monsieur Alain - Filmplakat
© 2019 NFP marketing & distribution

Hervé Mimran zeugt mit seinem neuesten Kinowerk davon, dass Klischees oft nicht brauchbar sind. Eines davon wäre: „Frankreich kann Komödien“. Können sie, dies hier ist aber keine.

Und oftmals erwische ich viele kleine Gedanken von Leuten, die französische Cover sehen oder irgendwelche Accent-Namen auf den Plakaten entdecken, deren Erwartungen dann immer in Richtung „Das muss lustig sein“ tendieren.

Kein Grund, Das zweite Leben des Monsieur Alain zu verschmähen: Der Typ hat bereits in einigen Werken mitgewirkt, die den César – das französische Pendant zum Oscar – abgegriffen haben, er weiß also was mit seinem Handwerk anzufangen.

Und das spielt man hier professionell aus und landet in einer Riege, die zwar nicht sonderlich komisch, dafür aber umso ergreifender ist und in emotionale Gefilde eintaucht, die in meinen Augen wunderbar austariert und in sich verschlungen sind, so dass einem eine grandiose Reise der Seele im Kinosaal gelingt. Der Zuschauer wird in vielleicht ihm unbekannte Welten gerissen und erlebt einen umschmeichelnden Wandel von Persönlichkeiten, die aus ihrem Alltag gerissen und dazu gezwungen werden, sich neu zu orientieren.

Meine Worte lesen sich selbst schon fast wieder kitschig, aber ich versicher euch, dass hiervon im Film absolut nichts bemerkt wird: Die Story ist voll mit Leben und Seele und sowohl Fabrice Luchini als auch Leïla Bekhti überzeugen voll in ihren Rollen.

Und all das ist keine Fiktion, sondern basiert auf der Autobiografie des Konzernmanagers Christian Streiff und dessen Verarbeitung mit den Erlebnissen.

Wer etwas fürs Herz sucht, ist hier genau richtig. Und nein: Kein Romantic Comedy oder Schnulzenscheiß, sondern oscarwürdige Veredelung von Gefühlen, Emotionen und Erlebnissen, die tief in das Innere der Seele vorgreifen und für mächtig Unruhe sorgen.

Nachspann: 🔘⚪️⚪️ | Hier kommen noch einige Ausschnitte, sitzenbleiben erlaubt.

Kinostart: 22. August 2019

Original Title: Un Homme Pressé
Length: 100 Min.
Rated: FSK 0


Es gilt das gesprochene Wort

Es gilt das gesprochene Wort - Filmplakat
© 2019 X Verleih

Es ist immer wieder herrlich, mitzuerleben, worüber sich Menschen alles so wunderbar echauffieren können, ohne wirklich Ahnung davon zu haben, worüber sie sprechen. Wer was wann wie und warum tut, und wen man alles für seine Handlungen aus dem Nichts heraus zu kritisieren hat, nur weil die allgemeine gesellschaftliche Stimmungslage in Deutschland das gerade so vorschreibt.

Dann sind die schuld, dann ist die Politik schuld, dann sind wieder die schuld, dann wieder die anderen … und irgendwie macht’s alles überhaupt keinen Sinn. Wäre ich Gott und würde über allem stehen und auf die Menschheit als solches hinunterschauen, hätte ich womöglich einen riesigen Spaß dabei oder permanente Kopfschmerzen vom andauernden Facepalmen.

Tatsächlich sind viele der „unlösbaren Probleme und Ängste“, mit denen manch besorgter Bürger umherschweift und sein Leben gerade so vor dem Abgrund zu retten sucht, an der Nase herbeigezaubert und von findigen Journalisten kapitalspendend in Szene gesetzt worden – und würde man sich anhand von ein paar Zahlen und globalen Fakten Überblick über die Lage verschaffen, würde man sehr schnell begreifen, dass es außerhalb vom Bildschirm auch noch fünf andere Seiten gibt: hinten, oben, rechts, links und unten – und begreifen, dass das, was man in Zeitungen oder Online-Magazinen zu lesen bekommt, nur eine von vielen Sichtweisen ist, die niemals alles vollständig offenbaren.

Welche Zeitung schreibt in den Artikel: „Kind tödlich verunglückt auf dem Frankfurter Hauptbahnhof und ich hoffe zu sehr, dass dieser Artikel durch meine reißerische Headline unzählige Klicks generiert und meiner Zeitung möglichst viel Kohle durch Werbeverkäufe einbringt“?

Das wäre schon ein kleines bisschen mehr Wahrheit. Wahrscheinlich geht den „besorgten und absolut geschockten und zutiefst Trauernden“ das Leid anderer dermaßen am Arsch vorbei, weil sie nur denken: „Gott sei Dank, ist nicht mein Kind gewesen, also was solls“ – auch das wäre in vielen Fällen wohl wieder ehrlich.

Nüchtern betrachtet: Ein Jemand (achtet mal drauf, wie die Zeitungen denjenigen bezeichnen und mit welch hypervorsichtigen Mutmaßung man hier auf einmal galant „Terror“, „Anschlag“, „Moschee“ und anderen Müll ins Spiel bringt) hat zwei Menschen vor den Zug gestoßen und wollte dann abhauen, wurde aber geschnappt.

Bewertung? Krank. Und gefasst. Also kümmern sich die Gerichte um ihn. Punkt.

Und jetzt geht der mediale Verbalkrieg los, mit dem wieder „Urängste“ der Bürger geschürt werden, die „Heimat“ (was ist das?) auf einmal gefährdet sehen und die große Rassismus-Einwanderungs-Diversitäts-Gender-Politik-Debatte erbricht sich von neuem über das „dumme Volk“ – ein Jammer!

Ich sehe in mehreren Wochen schon politische Diskussionen im Ersten vor mir, in der über die Zentimeterhöhe von absurden Zäunen an Bahnsteigen diskutiert wird (Es wäre das öffentliche Chaos und würde viel mehr Zerstörung und Wut verursachen, als ohnehin schon im öffentlichen Verkehr besteht) und keiner würde merken, dass wir uns alle damit beschäftigen, dass wir zu „blöd“ sind, um irgendwo nicht eine Kante runterzufallen oder geschubst zu werden, nur weil ein Kranker geistig oder seelisch oder was weiß ich ausgetickt ist und etwas verursacht hat, das in der Tat absolut verurteilungswürdig ist und in höchstem Maße bestraft gehört.

Man kann aber genausogut hingehen und anfangen, metaphysische Analysen zu betreiben und pseudotiefsinnige Fragen stellen wie: „Was hat eine Gesellschaft für einen Wandel hinter sich bringen müssen, damit einzelne Individuen zu solch harten Entscheidungen fähig werden und dann Opfer ihrer selbst werden, um eine so schreckliche Tat auszuführen?“

Oder provokanter: „Gibt es derzeit zu wenig aggressive Videospiele, in der solche Menschen ihren Hass ausleben können?“

Ihr merkt: Es gibt unfassbar viele Seiten und niemand (auch ich nicht) sollte sich anmaßen, in irgendeiner Weise über etwas Bescheid zu wissen.

Nachdem ihr vor lauter Text wahrscheinlich schon alle eingeschlafen seid, kommen wir doch mal zum Film: Es gilt das gesprochene Wort greift nämlich eben jene „Vorbestimmtheit“ von Charakteren auf und verwandelt sie in das komplette Gegenteil. Der Film zeigt. Das, was niemand sehen möchte.

Ausländer müssen kriminell sein. Schmarotzer. Bösewichte, die am Unheil dieser Welt schuld sind. DIE ANDEREN!!! Wahhhh!

Und aus diesem Grund empfehle ich euch: Bleibt dem Film fern. Ihr seht es nämlich nur als moralische Bekehrungsversuche an. Politische Einflussnahme. Meinungsmache. Und genau das stimmt nicht.

Weder in der Realität – noch im Film. Tatsächlich hat mich diese Weichzeichnerei an dem Werk nämlich beides: Einerseits wahrlich begeistert, weil’s endlich mal nicht das Klischee ist, das ich nicht mehr hören möchte, was sich jeder in seinem alltäglichen Medienwahn gleich zurechtspinnt, andererseits extrem gestört, weil es mit der Zeit zu einer schillernden Traumblase wird, die ein dermaßen unrealistisches Licht auf diese Lebensformen und -weisen wirft, das in vielen Fällen eben doch der Realität entbehrt.

Ich würde sagen: Der Film ist der Gegenpart zur verzerrten Wahrnehmung in dieser Dimension – ein utopisches Wunschdenken – und die Realität liegt irgendwo dazwischen. Tatsächlich ist es auch extrem schwer, hier Bewertungen vorzunehmen, denn – wie eingangs erwähnt – der Mensch echauffiert sich so gerne über so vieles. Und hat am Ende doch überhaupt keine Ahnung.

Und dafür bietet Es gilt das gesprochene Wort unfassbar viel Unterredungsmaterial.

Also geht rein.

Und diskutiert danach.

Die Chance darauf habt ihr z.B. bei der Kino-Premiere in Hamburg am heutigen 30. Juli um 19:30 Uhr in den Zeise-Kinos, wo u.a. Regisseur Ilker Çatak, Anne Ratte-Polle, Godehard Giese und Ingo Fliess anwesend sein werden.

Weiter geht’s dann mit der Kinotour durch folgende Städte:

Berlin: 31. Juli 2019 – 20:30 Uhr – Filmtheater am Friedrichshain
Frankfurt / Main: 1. August 2019 – 20:30 Uhr – Cinema
Stuttgart: 2. August 2019 – 20:00 Uhr – Atelier am Bollwerk
Leipzig: 3. August 2019 – 20:00 Uhr – Passage
Potsdam: 4. August 2019 – 12:00 Uhr – Thalia Programmkinos

Bei allen Veranstaltungen sind jeweils Regisseur und diverse der oben genannten Personen vor Ort und stehen euch Rede und Antwort.

Wem das alles nicht passt, der kann sich schon mal das 15. Festival des deutschen Films in Ludwigshafen auf die Fahnen schreiben, dort wird der Film ebenfalls nochmals gezeigt.

Kontrovers anders und in meinen Augen gleichzeitig gut und schlecht: Er behandelt von der Öffentlichkeit geschundene Menschen gänzlich anders, vergeht sich aber an sich selbst und betreibt eine Weichzeichnerei, die meiner Meinung nach wieder destruktiv auf die Situation wirkt und Schönmalerei betreibt, statt die wahre Natur herauszuarbeiten. Das Gefühl der utopischen Wunschträumerei lässt einen irgendwann einfach nicht mehr los.

Nachspann: ⚪️⚪️⚪️ | Braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 01. August 2019

Original Title: Es gilt das gesprochene Wort
Length: 120 Min.
Rated: FSK 12